«Der Star»
Ein Wiener Stück in drei Aufzügen von Hermann Bahr
Aufführung im Lessing-Theater, Berlin
Hermann Bahr ging einst aus, das Königreich der großen, neuen Kunst zu suchen. Und jetzt bringt er Theaterstücke heim, die Blumenthalschen Geist in sich haben. Saul, des Kis Sohn, hat es anders gemacht. Jawohl, der Mann, der vor noch nicht langer Zeit den Mund voll genommen und gesagt hat: «Nur in einem Punkte ist kein Streit, in einem Punkte sind alle einig, die Alten und die Gruppen der Jugend. In einem Punkte ist kein Zweifel: daß der Naturalismus schon wieder vorbei ist und daß die Mühe, die Qual der Jugend ein Neues, Fremdes, Unbekanntes sucht, das noch keiner gefunden hat. Sie schwanken, ob es neuer Idealismus, eine Synthese von Idealismus und Realismus, ob es symbolisch oder sensitiv sein wird. Aber sie wissen, daß es nicht naturalistisch sein kann.» (Bahr, Studien zur Kritik der Moderne. 1894.)
Auf dem Felde der dramatischen Kunst ist sich heute Hermann Bahr klar, wie es sein muß. Nicht naturalistisch, nicht symbolistisch; es muß ganz einfach blumenthalisch sein.
Am 12.November sprach deshalb Hermann Bahr in dieser neuen Weise zu uns. Der «Star» Lona Ladinser hat die Hauptsolle in dem Stücke des Postbeamten Leopold Wisinger gespielt. Das Stück ist jämmerlich durchgefallen. Die Schauspieler ärgern sich natürlich, wenn die Stücke, in denen sie spielen, durchfallen. Deshalb ist am Tage nach der Premiere im Hause der Lona Ladinser ein furchtbares Geschimpfe. Das Dienstmädchen der Lona, die Lona selber, ein Fräulein Zipser — eine ausrangierte Schauspielerin und Gesellschafterin der Lona -, sie alle schimpfen auf das Publikum, auf den Dichter, auf die Kritik. Sie schimpfen alle in witzi‚gen, pointierten Sätzen, so etwa, wie wenn ihnen der Feuilletonist Bahr erst jeden Satz ihres Geschimpfes sorgfältig eingetrichtert hätte. Das ist alles weder Naturalismus noch Symbolismus, sondern eben Blumenthalismus. Zunächst wenigstens ein guter. Dann aber kommt's schlimm. Denn wie sich der durchgefallene Dichter und die Lona ineinander verlieben, wie der Dichter nervös wird und schimpft und poltert, weil seine Geliebte von dem Leben, das sie vorher geführt hat, nicht lassen kann, wie dieses Leben selbst vor den Zuschauern entwickelt wird und wie die beiden sich wieder trennen, weil der Postbeamte doch seine «Grete» dem Theaterstern vorzieht, endlich, wie dieser Stern sich wieder den Brettern, die die Welt bedeuten, mit ganzer Seele hingibt: das alles spielt sich in drei Akten ab, die schlechter Blumenthalismus sind. Ursprünglich soll das Stück sogar vier Akte gehabt haben. Den vierten hat man gestrichen, weil er noch böser als die beiden vorhergehenden sein soll.
Hermann Bahr hat vor ein paar Jahren über die «Einsamen Menschen» das Urteil gefällt: «Und endlich die Einsamen Menschem, in denen er (Gerhart Hauptmann) sein Werk, das ihn erwartete und brauchte, vollbracht und die lange Sehnsucht seiner Leute erlöst hat, indem er mit genialer Bravour die Holzsche Technik theatralisierte: von allem der Menge irgendwie Anstößigen, das ihren Verstand behelligen könnte, reinlich und sauber ausgeputzt, auf die lieben Gewohnheiten teutonischer Parterre eingestellt, Europa auf den Müggelsee reduziert, wie wenn man Maurice Maeterlinck Herrn Kadelburg übergäbe.» Jetzt schreibt Hermann Bahr ein Stück, in dem er zeigt, daß kein Werk ihn erwartete und brauchte, ein Stück, in dem er die lange Sehnsucht seiner Freunde — vorausgesetzt, daß sie nicht blind sind — schmählich enttäuscht, in dem er mit pumper Bravour die Blumenthalsche Technik imitiert, auf alles der Menge Gefällige spekuliert, Europa auf die Witze hinter den Kulissen reduziert, wie wenn man Herrn Kadelburg Herrn Hermann Bahr übergeben hätte.
Diesen «Star», dieses Sammelbecken von Erfahrungen innerhalb der weniger guten Theaterwelt in Bahrsche Feuilletonwitze gekleidet, hat derselbe Mann geschrieben, der einst von sich sagte: «Doch darf ich mich trösten, weil es immerhin ein hübscher Gedanke und schmeichelhaft ist, daß zwischen Wolga und Loire, von der Themse zum Guadalquivir heute nichts empfunden wird, das ich nicht verstehen, teilen und gestalten könnte, und daß die europäische Seele keine Geheimnisse vor mir hat.»
Um seine dramatischen Banalitäten zu rechtfertigen, hat Hermann Bahr jetzt eine eigene Theorie erfunden. Am 22. Oktober hat er in der Wochenschrift «Die Zeit» über das «Weiße Rößl» geschrieben, daß er sich bei der Aufführung «ausgezeichnet unterhalten» habe. Und dann weiter: «Unsere jungen Leute sagen ja freilich, daß sie das Theater verachten. Ich glaube nicht, daß sie recht haben; in allen großen Zeiten ist es das Größte gewesen, immer hat im Theater die Kultur ihre letzten Worte ausgesprochen. Aber gut. Nur sollen sie es dann in Ruhe lassen. Ich mag sagen: ich will ein stiller Gelehrter sein, ich bin mir genug, ich brauche die andern nicht, ich verlange gar nicht, gehört zu werden. Nur darf ich dann nicht reden wollen. Wenn ich reden will, muß ich zuerst ein Redner sein ... Wenn unsere jungen Leute nur erst einmal können, was Blumenthal und Kadelburg kann, dann wird es ihnen das Publikum schon verzeihen, daß sie «Dichter, sind.»
«Der Dichter verhält sich zum Dramatiker, wie sich etwa ein Gelehrter zum Redner verhält. Ein Gelehrter kann die größten Gedanken haben, er muß deswegen noch kein Redner sein. Ein Redner ist, wer die Gewalt hat, durch Worte die Hörer so zu beherrschen, daß sie ihm zustimmen. So ist ein Dramatiker, wer die Mittel des Theaters so kommandiert, daß der Zuschauer das fühlt, was er ihn fühlen läßt.»
Hermann Bahr lebt in Wien. Dort gibt es einen Redner, der es vermag, die Leute durch Worte so zu beherrschen, daß sie ihm zustimmen. Die es tun, haben den Redner deshalb zum Bürgermeister gemacht. Er heißt Lueger. Er hat diejenigen in seiner Gewalt, gegen deren Haupteigenschaft die ältesten Götter selbst vergebens kämpfen. Gelehrte gehet hin und lernet von ihm das Reden, so wie Hermann Bahr von Blumenthal und Kadelburg das Dramenmachen gelernt hat!
Die Aufführung im Lessing-Theater und das Publikum waren brav. Die Darsteller spielten recht gut; das Publikum klatschte Beifall und rief den Autor mehrmals. Dieser verneigte sich dann immer, indem er die rechte Hand in graziösem Schwunge gegen das Herz bewegte. Andere Störungen konnte ich an diesem Abend nicht bemerken.