The Study of Man

GA 293 — 26 August 1919, Stuttgart

Fünfter Vortrag

Wir haben gestern die Wesenheit des Willens besprochen, insofern der Wille in den menschlichen Organismus eingegliedert ist. Wir wollen nun die Beziehungen des Willens zum Menschen, die wir kennengelernt haben, fruchtbar machen für die Anschauung der übrigen Wesenheit des Menschen.

Sie werden bemerkt haben, daß ich bei den bisherigen Besprechungen der menschlichen Wesenheit hauptsächlich Rücksicht genommen habe auf die intellektuelle, auf die Erkenntnistätigkeit auf der einen Seite und auf die Willenstätigkeit auf der anderen Seite. Ich habe Ihnen ja auch gezeigt, wie die Erkenntnistätigkeit im Zusammenhang steht mit dem Nervenwesen des Menschen, wie die Willensstärke im Zusammenhang steht mit der Bluttätigkeit. Sie werden, wenn Sie über die Sache nachdenken, sich fragen: Wie steht es denn nun mit der dritten Seelenfähigkeit, mit der Gefühlstätigkeit? - Die haben wir bisher noch wenig berücksichtigt. Aber gerade indem wir die Gefühlstätigkeit heute mehr ins Auge fassen, wird sich uns auch die Möglichkeit bieten, die anderen beiden Seiten der Menschennatur, die erkennende und die willensmäßige, intensiver zu durchdringen.

Wir müssen uns nur über eines noch klar werden, das ich ja in verschiedenen Zusammenhängen schon erwähnt habe. Man kann nicht die Seelenfähigkeiten so pedantisch nebeneinanderstellen: Denken, Fühlen, Wollen — weil in der ganzen lebendigen Seele die eine Tätigkeit immer in die andere übergeht.

Betrachten Sie einmal auf der einen Seite den Willen. Sie werden sich bewußt sein können, daß Sie nicht zu wollen imstande sind, was Sie nicht durchdringen mit Vorstellung, also mit erkenntnismäßiger Tätigkeit. Versuchen Sie in einer, wenn auch nur oberflächlichen Selbstbesinnung, auf Ihr Wollen sich zu konzentrieren. Sie werden immer finden: in dem Willensakt steckt immer irgendwie Vorstellen drinnen. Sie würden gar nicht Mensch sein, wenn Sie in dem Willensakt nicht Vorstellen drinnen hätten. Sie würden aus einer stumpfen, instinktiven Tätigkeit heraus alles das vollziehen, was aus Ihrem Willen strömt, wenn Sie nicht die Handlung, die aus dem Willen hervorquillt, mit vorstellender Tätigkeit durchdringen würden.

Ebenso nun wie in aller Willensbetätigung das Vorstellen steckt, so steckt in allem Denken der Wille drinnen. Wieder wird Ihnen eine, wenn auch nur recht oberflächliche Betrachtung Ihres eigenen Selbstes die Erkenntnis liefern, daß Sie, indem Sie denken, immer in das Gedankenbilden den Willen hineinströmen lassen. Wie Sie Gedanken selber formen, wie Sie einen Gedanken mit dem anderen verbinden, wie Sie zu Urteil und Schluß übergehen, das alles ist von einer feineren Willenstätigkeit durchströmt.

Daher können wir eigentlich nur sagen: Die Willenstätigkeit ist hauptsächlich Willenstätigkeit und hat in sich die Unterströmung der Denktätigkeit; die Denktätigkeit ist hauptsächlich Denktätigkeit und hat in ihrer Unterströmung Willenstätigkeit. Also ein pedantisches Nebeneinanderstellen ist schon für die Beobachtung der einzelnen Seelenbetätigungen nicht möglich, weil eben die eine in die andere überfließt.

Was Sie für die Seele erkennen können: das Ineinanderfließen der Seelentätigkeiten, das sehen Sie auch ausgeprägt in dem Leib, in dem sich die Seelentätigkeit offenbart. Betrachten Sie zum Beispiel das menschliche Auge. In das Auge hinein, wenn wir es in seiner Ganzheit betrachten, setzen sich fort die Nerven; aber es setzen sich in das Auge auch die Blutbahnen fort. Dadurch, daß sich die Nerven in das menschliche Auge hinein fortsetzen, strömt die Gedanken-, die Erkenntnistätigkeit ins Auge ein; dadurch, daß sich die Blutbahnen ins Auge fortsetzen, strömt die Willensbetätigung in das Auge ein. So ist bis in die Peripherie der Sinnesbetätigungen auch im Leibe Willensgemäßes und Vorstellungs- oder Erkenntnisgemäßes miteinander verbunden. Das ist für alle Sinne so, ist aber auch für alle Bewegungsglieder, die dem Wollen dienen, eben so: in unser Wollen, in unsere Bewegungen geht durch die Nervenbahnen das Erkenntnisgemäße und durch die Blutbahnen das Willensgemäße.

Nun müssen wir aber auch die besondere Art der Erkenntnistätigkeit kennenlernen. Wir haben schon darauf hingewiesen, aber wir müssen uns voll bewußt werden, was in diesem ganzen Komplex von menschlicher Tätigkeit, der nach der Erkenntnis-, der Vorstellungsseite hinneigt, alles liegt. Wir haben schon gesagt: Im Erkennen, im Vorstellen lebt eigentlich Antipathie. So sonderbar es ist, alles, was nach dem Vorstellen hinneigt, ist durchdrungen von Antipathie. Sie werden sich sagen: Ja, wenn ich etwas anschaue, so übe ich in diesem Anschauen doch nicht Antipathie aus! — Doch, Sie üben sie aus! Sie üben Antipathie aus, indem Sie einen Gegenstand ansehen. Würde in Ihrem Auge nur Nerventätigkeit sein, so würde Ihnen jeder Gegenstand, den Sie mit Ihren Augen ansehen, zum Ekel sein, er wäre Ihnen antipathisch. Nur dadurch, daß sich in die Augentätigkeit hinein auch die Willenstätigkeit ergießt, die in Sympathie besteht, dadurch daß sich leiblich in Ihr Auge hineinerstreckt das Blutmäßige, nur dadurch wird für Ihr Bewußtsein die Empfindung der Antipathie im sinnlichen Anschauen ausgelöscht, und es wird durch einen Ausgleich zwischen Sympathie und Antipathie der objektive, gleichgültige Akt des Sehens hervorgerufen. Er wird da hervorgerufen, indem Sympathie und Antipathie sich ins Gleichgewicht stellen und uns dieses Ineinanderspielen von Sympathie und Antipathie gar nicht bewußt wird.

Wenn Sie die Goethesche Farbenlehre, auf die ich in diesem Zusammenhang schon einmal aufmerksam gemacht habe, studieren, namentlich in ihrem physiologisch-didaktischen Teil, dann werden Sie sehen: weil Goethe eingeht auf die tiefere Tätigkeit des Sehens, so kommt dadurch für seine Betrachtung in den Farbennuancen gleich zum Vorschein das Sympathische und das Antipathische. Sie brauchen nur ein wenig hineindringen in die Tätigkeit eines Sinnesorgans, dann finden Sie sogleich das Sympathische und das Antipathische in der Sinnestätigkeit auftauchen. Es rührt eben auch in der Sinnestätigkeit das Antipathische her von dem eigentlichen Erkenntnisteil, von dem Vorstellungsteil, dem Nerventeil, und das Sympathische rührt her von dem eigentlichen Willensteil, von dem Blutteil.

Es gibt einen bedeutungsvollen Unterschied, den ich auch schon in den allgemeinen anthroposophischen Vorträgen öfter hervorgehoben habe, zwischen den Tieren und den Menschen mit Bezug auf die Einrichtung des Auges. Es ist sehr eigentümlich, daß das Tier viel mehr von Bluttätigkeit im Auge hat als der Mensch. Bei gewissen Tieren finden Sie sogar Organe, welche dieser Bluttätigkeit dienen, wie den «Schwertfortsatz» und den «Fächer». Daraus können Sie entnehmen, daß das Tier viel mehr von Bluttätigkeit auch ins Auge hineinsendet - und so ist es auch bei den übrigen Sinnen - als der Mensch. Das heißt, das Tier entwickelt in seinen Sinnen viel mehr Sympathie, instinktive Sympathie mit der Umwelt als der Mensch. Der Mensch hat in Wirklichkeit mehr Antipathie zu der Umwelt als das Tier, aber sie kommt im gewöhnlichen Leben nicht zum Bewußtsein. Sie kommt nur zum Bewußtsein, wenn sich das Anschauen der Umwelt steigert bis zu dem Eindruck, auf den wir mit dem Ekel reagieren. Das ist nur ein gesteigerter Eindruck alles sinnlichen Wahrnehmens: Sie reagieren mit dem Ekel auf den äußeren Eindruck. Wenn Sie an einen Ort gehen, der übel riecht, und Sie empfinden in der Sphäre dieses Übelriechens Ekel, so ist dieses Ekelempfinden nichts anderes als eine Steigerung desjenigen, was bei jeder Sinnestätigkeit stattfindet, nur bleibt die Begleitung der Empfindung durch den Ekel in der gewöhnlichen Sinnesempfindung unter der Bewußtseinsschwelle liegend. Wenn wir Menschen aber nicht mehr Antipathie hätten zu unserer Umgebung als das Tier, so würden wir uns nicht so stark absondern von unserer Umgebung, als wir uns tatsächlich absondern. Das Tier hat viel mehr Sympathie mit der Umgebung, ist daher viel mehr mit der Umgebung zusammengewachsen, und es ist deshalb auch viel mehr angewiesen auf die Abhängigkeit vom Klima, von den Jahreszeiten und so weiter als der Mensch. Weil der Mensch viel mehr Antipathie hat gegen die Umgebung, deshalb ist er eine Persönlichkeit. Der Umstand, daß wir uns durch unsere unter der Schwelle des Bewußtseins liegende Antipathie absondern können von der Umgebung, diese Tatsache bewirkt unser gesondertes Persönlichkeitsbewußtsein.

Damit aber haben wir auf etwas hingewiesen, was zur ganzen Auffassung des Menschen ein sehr Wesentliches beiträgt. Wir haben gesehen, wie in der Erkenntnis- oder Vorstellungstätigkeit zusammenfließen: Denken - Nerventätigkeit, leiblich ausgedrückt; und Wollen Bluttätigkeit, leiblich ausgedrückt.

So aber fließen auch zusammen in der Willensbetätigung vorstellende und eigentliche Willenstätigkeit. Wir entwickeln immer, wenn wir irgend etwas wollen, Sympathie mit dem Gewollten. Aber es würde immer ein ganz instinktives Wollen bleiben, wenn wir uns nicht auch durch eine in die Sympathie des Wollens hineingeschickte Antipathie absondern könnten als Persönlichkeit von der Tat, von dem Gewollten. Nur überwiegt jetzt eben durchaus die Sympathie zu dem Gewollten, und es wird nur ein Ausgleich mit dieser Sympathie dadurch geschaffen, daß wir auch die Antipathie hineinschicken. Dadurch bleibt aber die Sympathie als solche unter der Schwelle des Bewußstseins liegend, es dringt nur etwas von dieser Sympathie ein in das Gewollte. In den ja nicht sehr zahlreichen Handlungen, die wir nicht bloß aus Vernunft vollbringen, sondern die wir in wirklicher Begeisterung, in Hingabe, in Liebe ausführen, da überwiegt die Sympathie so stark im Wollen, daß sie auch hinaufdringt über die Schwelle unseres Bewußtseins und unser Wollen selber uns durchtränkt erscheint von Sympathie, während es uns sonst als ein Objektives verbindet mit der Umwelt, sich uns so offenbart. Geradeso wie uns nur ausnahmsweise, nicht immer, unsere Antipathie mit der Umwelt ins Bewußtsein kommen darf im Erkennen, so darf uns unsere immer vorhandene Sympathie mit der Umwelt nur in Ausnahmefällen, in Fällen der Begeisterung, der hingebenden Liebe, zum Bewußtsein kommen. Sonst würden wir alles instinktiv ausführen. Wir würden uns niemals in das, was objektiv, zum Beispiel im sozialen Leben, die Welt von uns fordert, eingliedern können. Wir müssen gerade das Wollen denkend durchdringen, damit dieses Wollen uns eingliedert in die Gesamtmenschheit und in den Weltenprozeß als solchen.

Sie werden sich das, was dabei geschieht, vielleicht klarmachen können, wenn Sie bedenken, welche Verheerungen es in der menschlichen Seele eigentlich anrichten würde, wenn im gewöhnlichen Leben diese ganze Sache, von der ich jetzt gesprochen habe, bewußt wäre. Wenn diese Sache im gewöhnlichen Leben fortwährend in der menschlichen Seele bewußt wäre, dann wäre dem Menschen ein gut Stück Antipathie bewußt, das bei allen seinen Handlungen begleitend wäre. Das wäre furchtbar! Der Mensch ginge dann durch die Welt und fühlte sich fortwährend in einer Atmosphäre von Antipathie. Das ist weise eingerichtet in der Welt, daß diese Antipathie als eine Kraft zwar notwendig ist zu unserem Handeln, daß wir uns ihrer aber nicht bewußt werden, daß sie unter der Schwelle des Bewußtseins bleibt.

Nun schauen Sie da, ich möchte sagen, in ein merkwürdiges Mysterium der menschlichen Natur hinein, in ein Mysterium, das eigentlich jeder bessere Mensch empfindet, das aber der Erzieher und Unterrichter sich ganz zum Bewußtsein bringen sollte. Wir handeln ja, indem wir zuerst Kinder werden, mehr oder weniger aus bloßer Sympathie. So sonderbar es klingt: aber alles, was das Kind tut und tobt, ist aus Sympathie zu dem Tun und Toben vollbracht. Wenn die Sympathie geboren wird in der Welt, so ist sie starke Liebe, starkes Wollen. Aber sie kann nicht so bleiben, sie muß durchdrungen werden vom Vorstellen, sie muß gewissermaßen fortwährend erhellt werden vom Vorstellen. Das geschieht in umfassender Weise, indem wir eingliedern in unsere bloßen Instinkte die Ideale, die moralischen Ideale. Und jetzt werden Sie besser begreifen können, was eigentlich auf diesem Gebiete die Antipathie bedeutet. Blieben uns die Instinktimpulse, die wir in dem kleinen Kinde bemerken, durch das ganze Leben nur sympathisch, wie sie dem Kinde sympathisch sind, so würden wir uns unter dem Einfluß unserer Instinkte animalisch entwickeln. Diese Instinkte müssen uns antipathisch werden, wir müssen Antipathie in sie hineingießen. Dann, wenn wir Antipathie in sie hineingießen, tun wir das durch unsere moralischen Ideale, denen die Instinkte antipathisch sind und die zunächst für unser Leben zwischen Geburt und Tod Antipathie in die kindliche Sympathie der Instinkte hineinsetzen. Daher ist moralische Entwickelung immer etwas Asketisches. Es muß nur dieses Asketische im richtigen Sinne gefaßt werden. Es ist immer ein Üben in der Bekämpfung des Animalischen.

Das alles soll uns lehren, in wie hohem Grade Wollen nicht nur Wollen in der praktischen Betätigung des Menschen ist, sondern inwiefern Wollen durchaus auch von Vorstellen, von erkennender Tätigkeit durchdrungen ist.

Nun steht zwischen Erkennen, Denken und Wollen mitten drinnen die menschliche Gefühlstätigkeit. Wenn Sie sich das vorstellen, was ich jetzt als Wollen und Denken entwickelt habe, so können Sie sich sagen: Von einer gewissen mittleren Grenze strömt auf der einen Seite alles das aus, was Sympathie ist: Wollen; auf der anderen Seite strömt aus alles, was Antipathie ist: Denken. Aber die Sympathie des Wollens wirkt auch zurück in das Denken hinein, und die Antipathie des Denkens wirkt auch in das Wollen hinein. Und so wird der Mensch ein Ganzes, indem das, was sich auf der einen Seite hauptsächlich entwickelt, auch in die andere Seite hineinwirkt. Zwischendrinnen nun, zwischen Denken und Wollen, liegt das Fühlen, so daß das Fühlen nach der einen Richtung hin verwandt ist mit dem Denken, nach der anderen Richtung hin mit dem Wollen. Wie Sie schon in der ganzen menschlichen Seele nicht streng auseinanderhalten können erkennende oder denkerische Tätigkeit und Willenstätigkeit, so können Sie noch weniger auseinanderhalten im Fühlen das denkerische Element von dem Willenselement. Im Fühlen fließen ganz stark ineinander Willenselemente und Denkelemente.

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Auch hier können Sie wieder durch die bloße Selbstbeobachtung, wenn Sie diese auch nur oberflächlich ausüben, sich von der Richtigkeit des eben Gesagten überzeugen. Schon was ich bis jetzt gesagt habe, führt Sie auf die Anschauung von dieser Richtigkeit, denn ich sagte Ihnen: Das Wollen, das im gewöhnlichen Leben objektiv verläuft, steigert sich bis zur Tätigkeit aus Enthusiasmus, aus Liebe heraus. Da sehen Sie ganz deutlich ein sonst von der Notwendigkeit des äußeren Lebens hervorgebrachtes Wollen durchströmt vom Fühlen. Wenn Sie etwas Enthusiastisches oder Liebevolles tun, so tun Sie das, was aus dem Willen fließt, indem Sie es durchdrungen sein lassen von einem subjektiven Gefühl. Aber auch bei der Sinnestätigkeit können Sie sehen, wenn Sie genauer zusehen — eben durch die Goethesche Farbenlehre -, wie sich in die Sinnestätigkeit hineinmischt das Fühlen. Und wenn sich die Sinnestätigkeit bis zum Ekel steigert oder auf der anderen Seite bis zum Einsaugen des angenehmen Blumenduftes, so haben Sie auch dabei die Gefühlstätigkeit in die Sinnestätigkeit ohne weiteres überfließend.

Aber auch in die Denktätigkeit fließt die Gefühlstätigkeit hinein. Es war einmal ein, äußerlich wenigstens, sehr bemerkenswerter philosophischer Streit — es gab ja in der Geschichte der Weltanschauungen viele philosophische Streitigkeiten - zwischen dem Psychologen Franz Brentano und dem Logiker Sigwart in Heidelberg. Die beiden Herren stritten miteinander über das, was in der Urteilstätigkeit des Menschen liegt. Sigwart meinte: Wenn der Mensch urteilt - sagen wir, er fällt das Urteil: Der Mensch soll gut sein -, so spräche in einem solchen Urteil immer ein Gefühl mit; die Entscheidung trifft das Gefühl. — Brentano meinte: Urteilstätigkeit und Gefühlstätigkeit, die in Gemütsbewegungen bestehen, seien so verschieden, daß die Urteilsfunktion, die Urteilsbetätigung gar nicht begriffen werden könnte, wenn man nur glaube, das Gefühl spiele da hinein. Er meinte, dadurch käme etwas Subjektives in das Urteil hinein, während doch unser Urteil objektiv sein wolle.

Ein solcher Streit zeigt dem Einsichtigen nur, daß weder die Psychologen noch die Logiker auf das gekommen sind, worauf sie kommen sollten — auf das Ineinanderfließen der Seelentätigkeiten. Bedenken Sie, was hier wirklich beobachtet werden muß. Wir haben auf der einen Seite die Urteilsfähigkeit, die natürlich entscheiden muß über etwas ganz Objektives. Daß der Mensch gut sein muß, darf nicht von unserem subjektiven Gefühl abhängen. Also der Inhalt des Urteils muß objektiv sein. Aber wenn wir urteilen, kommt ja noch etwas ganz anderes in Betracht. Die Dinge, die objektiv richtig sind, sind ja deshalb noch nicht bewußt in unserer Seele. Wir müssen sie erst bewußt in unsere Seele hereinbekommen. Und bewußt bekommen wir kein Urteil in unsere Seele herein, ohne daß die Gefühlstätigkeit mitwirkt. Daher müssen wir sagen, Brentano und Sigwart hätten sich dahin einigen müssen, daß sie beide gesagt hätten: Ja, der objektive Inhalt des Urteils steht außerhalb der Gefühlstätigkeit fest; damit aber in der subjektiven Menschenseele die Überzeugung von der Richtigkeit des Urteils zustande komme, muß die Gefühlstätigkeit sich entwickeln.

Sie sehen daraus, wie schwer es ist bei der ungenauen Art der philosophischen Betrachtungen, wie sie gegenwärtig gepflogen werden, überhaupt zu genauen Begriffen zu kommen. Zu solchen genauen Begriffen muß man sich ja erst erheben, und es gibt heute keine andere Erziehung zu genauen Begriffen als die durch Geisteswissenschaft. Die äußere Wissenschaft meint, sie habe genaue Begriffe, und sie ergeht sich sehr hochnäsig über das, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft liefert, weil sie keine Ahnung hat, daß die von dieser Seite gelieferten Begriffe gegenüber den heute gebräuchlichen viel genauer und exakter sind, weil sie aus der Wirklichkeit hergeholt sind, nicht aus dem bloßen Spiel mit den Worten.

Indem Sie so das gefühlsmäßige Element nach der einen Seite verfolgen in dem Erkennenden, in dem Vorstellenden, und auf der anderen Seite in dem Willensgemäßen, werden Sie sich sagen: Das Gefühl steht als die mittlere Seelenbetätigung zwischen Erkennen und Wollen drinnen und strahlt seine Wesenheit nach den beiden Richtungen aus. — Gefühl ist sowohl noch nicht ganz gewordene Erkenntnis, wie noch nicht ganz gewordener Wille, zurückgehaltene Erkenntnis und zurückgehaltener Wille. Daher auch ist das Fühlen zusammengesetzt aus Sympathie und Antipathie, die sich nur verstecken, wie Sie gesehen haben, sowohl im Erkennen wie im Wollen. Beide, Sympathie und Antipathie, sind im Erkennen und Wollen vorhanden, indem leiblich Nerventätigkeit und Bluttätigkeit zusammenwirken, aber sie verstekken sich. Im Fühlen werden sie offenbar.

Wie schauen denn daher die leiblichen Offenbarungen des Fühlens aus? Sie werden ja im menschlichen Leibe überall finden, wie die Blutbahnen mit den Nervenbahnen in irgendeiner Weise sich berühren. Und überall dort, wo Blutbahnen mit Nervenbahnen sich berühren, entsteht eigentlich Gefühl. Nur ist, in den Sinnen zum Beispiel, sowohl der Nerv wie das Blut so verfeinert, daß wir nicht mehr das Gefühl spüren. Von einem leisen Gefühl ist all unser Sehen und Hören durchzogen, aber wir spüren es nicht; wir spüren es um so weniger, als das Sinnesorgan abgegrenzt, abgetrennt ist von dem übrigen Leib. Beim Sehen, bei der Augentätigkeit, spüren wir das gefühlsmäßige Sympathisieren und Antipathisieren fast gar nicht, weil das Auge, in der Knochenrundung eingebettet, fast ganz vom übrigen Organismus abgesondert ist. Und sehr verfeinert sind die Nerven, die sich ins Auge hineinerstrecken und auch die Blutbahnen, die sich ins Auge hineinerstrecken. Es ist das gefühlsmäßige Empfinden im Auge sehr unterdrückt. -— Weniger unterdrückt ist das Gefühlsmäßige beim Sinn des Hörens. Das Hören steht viel mehr als das Schauen mit der Gesamttätigkeit des Organismus in einem organischen Zusammenhang. Indem sich zahlreiche Organe im Ohre befinden, die ganz andersgeartet sind als die Organe des Auges, ist das Ohr in vieler Beziehung ein getreues Abbild desjenigen, was im ganzen Organismus vor sich geht. Daher wird das, was im Ohr als Sinnestätigkeit vor sich geht, sehr stark begleitet von Gefühlstätigkeit. Und hier wird es selbst Menschen, die sich gut auf das verstehen, was gehört wird, schwer, wirklich zur Klarheit zu kommen, was im Gehörten, besonders beim künstlerisch Gehörten, bloßes Erkennen und was Gefühlsmäßiges ist. Darauf beruht eine sehr interessante Erscheinung der neueren Zeit, die auch in die unmittelbare künstlerische Produktion hineingespielt hat.

Sie kennen alle in Richard Wagners «Meistersinger» die Figur des Beckmesser. Was sollte Beckmesser eigentlich darstellen? Er sollte darstellen einen musikalisch Auffassenden, der ganz vergißt, wie auch das gefühlsmäßige Element des ganzen Menschen in das Erkenntnismäßige der Gehörtätigkeit hineinwirkt. Wagner, der seine eigene Auffassung in dem Walter dargestellt hat, war wiederum ganz einseitig davon durchdrungen, daß hauptsächlich das Gefühlsmäßige im Musikalischen leben müsse. Was da im Walter und im Beckmesser aus einer mißverständlichen Auffassung - ich meine: bei beiden mißverständlichen Auffassung — sich gegenübergestellt wird, im Gegensatz zu der richtigen Auffassung, wie Gefühlsmäßiges und Erkenntnismäßiges im musikalischen Hören zusammenwirken, das kam in einer historischen Erscheinung dadurch zum Ausdruck, daß die Wagnersche Kunst bei ihrem Auftreten, namentlich aber bei ihrem Bekanntwerden einen Gegner fand in der Person von Eduard Hanslick in Wien, der alles, was in der Gefühlssphäre aufströmt in der Wagnerschen Kunst, als unmusikalisch ansah. Es gibt vielleicht wenig psychologisch so interessante Schriften auf dem Gebiete des Künstlerischen wie die «Vom Musikalisch-Schönen» von Eduard Hanslick. Darin wird hauptsächlich ausgeführt, daß der kein wahrer Musiker ist, keinen wahren musikalischen Sinn hat, der alles vom Gefühlsmäßigen in der Musik herholen möchte, sondern nur derjenige, der in der objektiven Verbindung von Ton zu Ton den eigentlichen Nerv des Musikalischen sieht, in der alles Gefühlsmäßige entbehrenden Arabeske, die sich zusammenfügt von Ton zu Ton. Mit einer wunderbaren Reinlichkeit wird da die Forderung, daß das höchste Musikalische nur im Tonbilde, in der Tonarabeske bestehen darf, ausgeführt in dem Buche «Vom Musikalisch-Schönen» von Eduard Hansliick, und es wird aller mögliche Spott über das ergossen, was gerade den Nerv des Wagnertums ausmacht als das Schaffen des Tonlichen aus dem Gefühlselemente heraus. Daß überhaupt ein solcher Streit wie der zwischen Hanslick und Wagner auftreten konnte auf dem Gebiete des Musikalischen, das bezeugt eben, daß psychologisch die Ideen über die Seelenbetätigungen in der neueren Zeit durchaus im unklaren waren, sonst hätte gar nicht eine solch einseitige Neigung, wie sie bei Hanslick hervortrat, entstehen können. Durchschaut man aber das Finseitige und gibt man sich dann hin den philosophisch starken Auseinandersetzungen von Hanslick, dann wird man sagen: das Büchelchen «Vom Musikalisch-Schönen» ist ein sehr geistreiches.

Sie sehen daraus, daß bei dem einen Sinne mehr, bei dem anderen weniger von dem ganzen Menschen, der zunächst als Gefühlswesen lebt, in die Peripherie hineindringt, erkenntnismäßig.

Das wird und muß auch Sie gerade zum Behufe pädagogischer Einsicht auf etwas aufmerksam machen, was eine große Verheerung im wissenschaftlichen Denken der Gegenwart anrichtet. Hätten wir hier nicht vorbereitend gesprochen und sprächen wir nicht vorbereitend über das, was Sie hinüberleiten soll zu einer reformatorischen Tätigkeit, so müßten Sie aus den jetzigen vorhandenen Pädagogiken, aus den bestehenden Psychologien und Logiken und aus den Erziehungspraktiken sich das zusammensetzen, was Sie in Ihrer Schultätigkeit ausüben wollen. Sie müßten das, was außen üblich geworden ist, in die Schultätigkeit hineintragen. Nun leidet aber das, was heute üblich geworden ist, von vornherein an einem großen Übelstand schon mit Bezug auf die Psychologie. Sie finden ja in jeder Psychologie zunächst eine sogenannte Sinneslehre. Indem man untersucht, worauf die Sinnestätigkeit beruht, gewinnt man die Sinnestätigkeit des Auges, des Ohres, der Nase und so weiter. Man faßt alles in einer großen Abstraktion «Sinnestätigkeit» zusammen. Das ist ein großer Fehler, ist ein beträchtlicher Irrtum. Denn nehmen Sie nur diejenigen Sinne, die zunächst dem heutigen Physiologen oder Psychologen bekannt sind, so werden Sie, wenn Sie zunächst nur auf das Leibliche sehen, beobachten können, daß eigentlich der Sinn des Auges etwas ganz anderes ist als der Sinn des Ohres. Auge und Ohr sind zwei ganz verschiedene Wesen. Und dann erst die Organisation des Tastsinnes, die überhaupt noch gar nicht erforscht ist, auch nicht in nur so befriedigender Weise, wie es beim Auge und Ohr der Fall ist! Aber bleiben wir beim Auge und Ohr stehen. Sie sind zwei ganz verschiedene Tätigkeiten, so daß die Zusammenfassung des Sehens und Hörens in eine «allgemeine Sinnestätigkeit» eine graue Theorie ist. Man müßte, wollte man richtig hier zu Werke gehen, mit einem konkreten Anschauungsvermögen zunächst überhaupt nur sprechen von der Betätigung des Auges, von der Betätigung des Ohres, von der Betätigung des Geruchsorgans und so weiter. Dann würde man eine so große Verschiedenheit finden, daß einem die Lust verginge, eine allgemeine Sinnesphysiologie, wie sie die heutigen Psychologien haben, aufzustellen.

Man kommt in der Betrachtung der menschlichen Seele nur zu einer Einsicht, wenn man auf dem Gebiete stehenbleibt, das ich zu begrenzen versuchte in meinen Auseinandersetzungen sowohl in «Wahrheit und Wissenschaft» wie in der «Philosophie der Freiheit». Dann kann man von der einheitlichen Seele sprechen, ohne daß man dabei in Abstraktionen verfällt. Denn da steht man auf einem sicheren Boden; da geht man davon aus, daß der Mensch sich in die Welt hineinlebt und nicht die ganze Wirklichkeit hat. Sie können das in «Wahrheit und Wissenschaft» und in der «Philosophie der Freiheit» nachlesen. Der Mensch hat anfangs nicht die ganze Wirklichkeit. Er entwickelt sich erst weiter, und im Weiterentwickeln wird ihm das, was vorher noch nicht Wirklichkeit ist, durch das Ineinandergehen von Denken und Anschauung erst zur wahren Wirklichkeit. Der Mensch erobert sich erst die Wirklichkeit. In dieser Beziehung hat der Kantianismus, der sich in alles eingefressen hat, die furchtbarsten Verheerungen angerichtet. Was tut denn der Kantianismus? Er sagt von vornherein dogmatisch: Die Welt, die uns umgibt, haben wir zunächst anzuschauen, und in uns lebt eigentlich nur das Spiegelbild von dieser Welt. So kommt er zu allen seinen anderen Deduktionen. Kant ist sich nicht im klaren darüber, was in der wahrgenommenen Umgebung des Menschen ist. Denn die Wirklichkeit ist nicht in der Umgebung, ist auch nicht in der Erscheinung, sondern es ist so, daß die Wirklichkeit erst nach und nach auftaucht durch unser Frobern dieser Wirklichkeit, so daß das Letzte, was an uns herantritt, die Wirklichkeit erst ist. Im Grunde genommen wäre das die richtige Wirklichkeit, was der Mensch in dem Augenblicke erschaut, wo er sich nicht mehr aussprechen kann, in jenem Augenblicke nämlich, wo er durch die Pforte des Todes geht.

Es sind sehr viele falsche Elemente eingeflossen in die neuere Geisteskultur, und das wirkt am einschneidensten auf dem Gebiete der Pädagogik. Daher müssen wir bestrebt sein, an die Stelle der falschen Begriffe die richtigen zu setzen. Dann werden wir das, was wir für den Unterricht zu tun haben, auch in der richtigen Weise ausüben können.

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