Ein Freier Blick In Die Gegenwart
Es war im Beginne dieses Jahrhunderts, als inmitten des deutschen Volkes ein mächtiges Geistesstreben entstand und durch die Kraft des menschlichen Denkens in die tiefsten Geheimnisse des Weltenbaues einzudringen suchte. Es bildete sich eine ursprüngliche Wissenschaft heraus, die sich von jeder praktischen Betätigung emanzipierte und in den höchsten Sphären des Idealismus schwebend nur die Bedürfnisse des Geistes befriedigen wollte. Es war der tiefernste, von sittlichem Hochsinn durchtränkte deutsche Zug, der dieses Streben beseelte,
Wenn wir die deutsche Poesie aus jener Zeit ins Auge fassen, so müssen wir sagen, auch sie ist erfüllt von jenem Zaubersaft, der den deutschen Denkern aus dem Streben nach der innigsten Verbrüderung mit dem Weltgeiste erquoll. Das Forschen wie das künstlerische Schaffen, beide hatten in dieser Hinsicht einen religiösen Zug, weil sie die erste Grundbedingung der Religion erfüllten, den Menschen hinwegzuheben aus dem Alltäglichen und Gewöhnlichen in eine höhere, rein geistige Region.
Es war ein Brechen mit alten Traditionen, aber es war ein Brechen anderer Art als das fast gleichzeitige der Französischen Revolution. Die Deutschen bäumten sich gegen das Althergebrachte, gegen die überlebten Formen der Religion, Kunst und Wissenschaft auf, weil sich eine neue Welt in ihrem Innern erschloß, weil das Echte, die innere Wahrheit, den Schein verdrängte. Bei den Franzosen war es denn doch nichts anderes als der klügelnde Verstand, die Leerheit der Aufklärer, denen das Alte nicht genügte, und gerade deshalb schlägt die Liberalität der Franzosen so leicht in Frivolität um. Diese Kulturhöhe, auf der die Deutschen einst standen, erscheint uns heute nur mehr als ein Gewesenes, wir Jüngern blicken mit Wehmut auf jene bessere Zeit zurück; scheint uns ja doch fast nichts anderes als die wenig tröstliche Aufgabe geblieben zu sein, die Totengräber und Denkmalsetzer jener großen Geister zu sein, die die gewaltige Epoche herbeiführten.
Was bringen wir zustande, was sich mit jenen Leistungen auch nur im entferntesten messen könnte? Die Kraft, Ursprüngliches zu schaffen, scheint längst dahingeschwunden zu sein und unsere ganze Kunst darin zu bestehen, Biographien unserer großen Ahnen und Kommentare ihrer Werke zu schaffen. Wo ist die deutsche Kraft, die einst Lessing, Schiller, Goethe, Fichte, Schelling, Hegel, Jean Paul zeugte?
Es könnte fast scheinen, als ob der mächtige germanische Riese inmitten Europas schliefe. Aber bei schärferem Zusehen weicht das düstere Bild einem noch immer höchst erfreulichen, und wir gewinnen die Überzeugung, daß wir doch auch an der Gegenwart durchaus nicht zu verzweifeln brauchen, sondern in vieler Hinsicht ihrer froh sein können.
Wenn wir das Geistesleben Europas ins Auge fassen, so gleicht es einem System von Fäden, die vielfach verschlungen sind, wir mögen aber welchen immer dieser Fäden verfolgen, so kommen wir doch a#ch bezte nach Deutschland als dem Kreuzungspunkte, in dem sich alle treffen. Das wissenschaftliche, künstlerische und wirtschaftlich-soziale Leben Europas ist ein Zusammenhang von Kräften, die sämtlich in Deutschland ihr Zentrum haben.
Wenn wir die Wahrheit dieses Satzes erweisen wollen, so brauchen wir uns bloß an zweierlei Interessen zu halten, das eine beherrscht das wissenschaftliche, das andere das wirtschaftlich-soziale Streben der Gegenwart.
Mit dem ersten Punkte meinen wir den Darwinismus, die naturwissenschaftliche Lehre, daß alle jetzt lebenden Tierformen nur Abkömmlinge einiger oder einer einzigen Grundform sind, die sich im Laufe sehr langer Zeiträume vervollkommnet hat, und daß der Mensch nur die vollkommenste, entwickeltste Tierform ist, daß seine Ahnen nirgends anders zu suchen sind als da, wo auch die der andern Säugetiere zu finden sind. Diese Lehre ist englischen Ursprungs. Aber so, wie sie aus dem Haupte des Engländers Darwin um die Mitte unseres Jahrhunderts hervorging, war sie eine verschwommene, in sich unklare Ansicht; es waren weder die sittlichen Konsequenzen ‘gezogen, noch war der notwendige allseitige wissenschaftliche Ausbau vorhanden. In der Mitte war eine Anzahl von Beobachtungen, Erfahrungen und zweifellosen Wahrheiten, Anfang und Ende war aber vollständig in Nebel gehüllt.
Da bemächtigten sich am Anfange der sechziger Jahre deutsche Gelehrte dieser Ansicht; wie ein Blitz schlug deutscher Tiefsinn, deutsche Gründlichkeit und tiefer sittlicher Ernst in das verworrene Gewebe ein. Das Ganze wurde bis in seine letzten Konsequenzen mit Einsetzung aller Kraft des Geistes durchgedacht und durchgeführt, und unter der Pflege deutscher Forscher entstand bald ein wissenschaftlicher Bau, festgefügt und begründet in allen seinen Teilen. Was der Engländer Darwin angedeutet, hat der Deutsche Haeckel in wunderbarer, monumentaler Weise vollendet. Was letzterer geschaffen, ist ein vollendetes Gebäude des Geistes, bis in alle Details mit bewunderungswertem Scharfsinn ausgeführt. In England hatte man ein geheimnisvolles Dokument der Natur gefunden, es war aber ein dichter Schleier darüber, da kam ein Deutscher und riß den Schleier hinweg, und jetzt erst wußte die Welt, was auf dem geheimnisvollen Schriftstück gestanden. Aber dabei blieb es nicht. Der sittliche Hochsinn der Deutschen mußte auch die notwendigen Konsequenzen der neuen Lehre in bezug auf die Moral und das öffentliche Leben erwägen. Und zahlreich sind die Schriften deutscher Forscher, die mit mehr oder weniger Glück entweder die Harmonie des Darwinismus mit einer reinen Moral oder die Gefährdung der letzteren durch den ersteren zeigen wollen. Man erinnerte sich hierbei auch an den Glanzpunkt der deutschen Kultur, an den deutschen Idealismus und an den größten Vertreter desselben: an Goethe. Man hatte das Bedürfnis, die Ideen dieses großen Genius mit den neuen Lehren in Einklang zu bringen. Und es ist nicht gering anzuschlagen, daß der Deutsche so durchdrungen ist von jener idealen Welt, daß ihm jede Disharmonie neuer Anschauungen mit dieser Welt peinlich ist. Das Streben der deutschen Gelehrten, die Resultate der modernen Weltanschauung mit dem Goetheanismus in Einklang zu bringen, ist die Reaktion des deutschen Gewissens auf die wissenschaftliche Moderichtung, der Wille des Deutschen, daß nur Ideales im Leben Eingang finden darf, endlich der Glaube, daß der Idealismus wahr sein muß.
Eine spezifisch deutsche Erscheinung ist es, daß sich der Pessimismus in seiner tiefsten Gestalt als eine Folge des Darwinismus einstellt. Nicht gering ist die Zahl der innigen, durchaus guten und hochbegabten Seelen, die die neue Lehre zur Verzweiflung an Welt und Leben bringt. Man muß ein so tiefes Gemüt haben, wie es der Deutsche hat, man muß so ferne jeder Art von Frivolität und Leichtsinn sein, wie er, man muß sein Streben nach dem Göttlichen besitzen, und man wird bei vollem Durchdenken der Nichtigkeit des Menschen und seines Geschlechtes, wie sie folgt, wenn man den Darwinismus in seinem vollen Umfange gelten läßt, dem Pessimismus nicht leicht entkommen. Es erregt das eine Gedankenreihe, die sich wohl noch lange fortsetzen ließe, indes, soviel haben wir gesehen: die gewaltigste Kraft, welche die wissenschaftliche Welt heute bewegt, weist uns nach Deutschland. Der Westen hat ein Problem aufgeworfen, Deutschland sucht es zu lösen. Und wenn einst Erlösung kommen sollte aus dem Banne der ungeheuren Einseitigkeit der modernen Weltansicht, sie kann nur aus Deutschland kommen. Die Kraft des deutschen Geistes wird es sein, die zeigen wird, was am Darwinismus wahr ist, und welche zugleich zeigen wird, daß er über ein gewisses Maß hinaus angewendet innerlich unwahr, flach und seicht ist; sie wird ihn überwinden, indem sie sein Machtgebiet beschränken, indem sie ihn verstehen wird.
Die zweite Erscheinung, auf die wir hinweisen wollen, ist das Streben der europäischen Völker, jene Form des Staates zu finden, in dem die sittliche Würde und die Freiheit jedes einzelnen Staatsbürgers am vollsten zur Geltung kommt. Wieder war es der Westen, Frankreich und England, wo sich dieses Streben zuerst geltend machte. Es sollte an Stelle von Willkür Vernunftnotwendigkeit, von Vorrecht Gleichberechtigung, von Unfreiheit Freiheit treten. Aber es ist wohl nicht zu gewagt, wenn man behauptet, die ersten wirklich lebensfähigen Keime, an die Stelle des Staates, in dem Zufall und subjektive Willkür herrschen, jenen zu setzen, in dem die Vernunft die oberste Regentschaft führt, werden soeben in Deutschland gelegt. Der Staat hat dafür zu sorgen, daß das Glück des Einzelnen nicht von Zufall oder Willkür abhängt, sondern daß das nach den Grundsätzen der Vernunft aufgebaute Ganze die Wohlfahrt des Individuums soweit sichert, daß letzteres in physischer und geistiger Richtung sich frei entwickeln kann. Nicht der Staat kann die Menschen frei machen, das kann nur die Erziehung; wohl aber hat der Staat dafür zu sorgen, daß jeder den Boden findet, auf dem seine Freiheit gedeihen kann. Daß zu einer Entwickelung in dieser Hinsicht von den Stufen des Thrones, den einst Friedrich der Große eingenommen, heute das Losungswort gegeben, daß in Deutschland die Führung des Staates einem Manne obliegt, der tief durchdrungen ist von jener Mission des Staates, wird die Geschichte einst als eines der größten ihrer politischen Fakten verzeichnen.
Und nun noch eines: Es gibt Deutsche, die an der großen Arbeit, die das deutsche Volk heute in sozialer Beziehung vollbringt, nicht teilzunehmen berufen sind. Wir sprechen hier ja zu einer großen Zahl solcher Deutscher. Aber wir möchten es nicht als ein Unglück bezeichnen, daß es so ist. Denn vielleicht fällt heute gerade dsesen Deutschen nicht der unbedeutendste Teil der gemeinsamen Kulturarbeit unseres Volkes zu. Wir akzeptieren mit ungeheuchelter Resignation die heutigen Verhältnisse und machen den Umstand geltend, daß es im hohen Grade wünschenswert ist, daß es so ist. Man darf nicht vergessen, daß über den großen wirtschaftlichen Problemen der Gegenwart dem deutschen Volke im Reiche heute vielfach der ideale Schwung für höhere geistige Angelegenheiten abhanden gekommen ist; man darf nicht außer acht lassen, daß selbst die deutsche Jugend, einst die bewährte Hüterin des deutschen Idealismus, den letzteren über sozialreformatorischen Gedanken vergißt, und wir werden einsehen, daß das deutsche Wesen in seiner schönsten Entfaltung gerade bei solchen Deutschen eine Zufluchtsstätte braucht, die außerhalb des deutschen Vaterlandes leben.
Hiermit eröffnet sich eine schöne Perspektive für diese letzteren deutschen Volksstämme. Wir wissen ein Volk, das es von jeher mit diesem Grundsatze gehalten hat, das deshalb allen deutschen Stämmen ebenbürtig — sehr vielen um sehr vieles voraus ist in Kultur und Bildung: die Sachsen in Siebenbürgen! Möge dieses Journal dazu beitragen, daß diese Kultur und Bildung noch immerfort wachse, möge es ihm gelingen, in dem angedeuteten Sinne zu einem deutschen Volke in einem nichtdeutschen Lande zu sprechen.