Gedanken Zu Dem Handschriftlichen Nachlasse Goethes

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Genies, daß es in großen Zügen den Plan der Kulturentwickelung entwirft, dessen Ausbau in den Einzelheiten der nachfolgenden Generation obliegt. Es müssen oft lange Zeiträume vergehen, ehe die Welt auf Umwegen zum vollen Verständnisse dessen gelangt, was ein Einzelner auf der Höhe seiner Geisteskultur geschaffen. Und immer, wenn ein Same, den ein führender Genius der Bildung eingepflanzt hat, reif ist, als Frucht bei der Nachwelt aufzugehn, dann kehrt die letztere zu jenem Führer zurück, um sich wieder einmal mit ihm auseinanderzusetzen.

Als solche Auseinandersetzungen sind die zahlreichen Kundgebungen aufzufassen, die fortwährend aus allen Teilen des gebildeten Europas in bezug auf Goethe zutage treten. Man fühlt immer besser, daß man von Goethe um so mehr zu lernen hat, je weiter man es selbst in der Bildung gebracht hat. Der Zweig der Kultur, der dies in den letzten Jahrzehnten am anschaulichsten bewiesen hat, ist wohl die Naturwissenschaft. Zahlreiche Forscher, die zu irgendeiner Wahrheit gelangt waren, fühlten förmlich ihr Gewissen erleichtert, wenn sie einen Anhaltspunkt dafür fanden, daß Goethe über die von ihnen aufgeworfene Frage eine der ihrigen ähnliche Ansicht gehabt. Das Kapitel «Goethe und die Naturwissenschaft» ist seit langem auf der Tagesordnung und bliebe es ohne Zweifel auch dann noch für unabsehbare Zeiten, wenn nicht der außerordentliche Umstand eingetreten wäre, daß die Publikationen des Goethe-Archives unsere Kenntnisse in diesem Felde nun wesentlich bereichern. Da dieses letztere aber in hohem Maße der Fall ist, so wird die Erörterung der einschlägigen Fragen in der nächsten Zeit überhaupt in ein neues Stadium treten.

Der Verfasser dieser Zeilen hat bereits vor einiger Zeit die verehrten Leser der Goethe-Chronik auf die zu erwartende Bereicherung unserer Goethe-Kenntnisse nach dieser Richtung hin aufmerksam gemacht. Seine vor einigen Monaten im Goethe-Archive wieder aufgenommenen Studien haben ihn nun nicht nur in dieser Überzeugung bestärkt, sondern seine Erfahrungen auf diesem Gebiete um manches wertvolle Stück vermehrt. Die hohe Besitzerin der Goethe-Schätze, die Frau Großherzogin Sophie von Sachsen, hat ihm nun gnädigst gestattet, im Einvernehmen mit dem Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, Prof. Suphan, die Ergebnisse seiner Forschung zur vorläufigen Orientierung des Publikums zu verwerten, welcher Umstand denn auch diesen Aufsatz möglich macht.

Die Maxime, auf welche sich die gegenwärtige Naturwissenschaft besonders viel zugute tut, ist die, daß sie alle ihre Resultate auf dem Wege der Beobachtung gewinnen will. Nichts soll als wahr gelten, was nicht der Erfahrung, der Empirie seinen Ursprung verdankt. Es ist hier nicht der Ort, auf die umfassende Prüfung der Richtigkeit des damit gekennzeichneten Standpunktes einzugehen. Auf eines aber müssen wir die Aufmerksamkeit unserer Leser lenken, weil es für die Beurteilung der naturwissenschaftlichen Denkweise Goethes von grundsätzlicher Wichtigkeit ist. Wir meinen die präzise Beantwortung der Frage: was ist denn eigentlich Beobachtung? Was ist Erfahrung? — Wenn ich irgendeinen Satz der Wissenschaft als Erfahrungsresultat hinstelle, so habe ich doch damit nicht ein objektives Kennzeichen dieses Satzes, sondern einzig und allein die Art und Weise angegeben, auf die der Forscher zu demselben gekommen ist. Ich habe nichts über die Sache selbst, sondern nur etwas über das Verhältnis des beobachtenden Menschen zu den Dingen bestimmt. Wer mir die strenge Einhaltung des Grundsatzes der Erfahrung anempfiehlt, der sagt mir nichts weiter, als wie ich mich verhalten soll, um zu richtigen Ergebnissen zu gelangen. Die Natur dieser Ergebnisse selbst muß er völlig unbestimmt lassen. Denn in seiner Forderung liegt es ja, daß ich mir eben von den Dingen selbst über diese ihre Natur Aufschluß hole, daß ich mein Auffassungsvermögen frei der Einwirkung der Welt öffne und die Objekte an mich herankommen lasse. Dann sollen sie selbst mir das enthüllen, was an ihnen für mich erkennbar ist.

Es wird diesem Grundsatze sofort widersprochen, wenn man, ausgehend von der Forderung strenger Erfahrungswissenschaft, behauptet: weil die Welt nur durch Erfahrung erkennbar ist, deshalb muß sie diese oder jene Eigenschaften haben. Wer durch das Prinzip der Erfahrung sich zum Materialismus, Atomismus und so weiter drängen läßt, der überschreitet die Grenzen, die er sich selbst gezogen hat.

Zu denjenigen Forschern nun, die sich streng innerhalb dieser Grenzen gehalten haben, gehört Goethe. Wie kommt es nun aber, daß seine Anschauungen doch gerade von denjenigen oft erheblich abweichen, die wir bei den sogenannten reinen Empirikern finden? Die letzteren verwerfen ja den Standpunkt des Idealismus, und dieser ist doch der Goethes. Verträgt sich denn die Forderung der Erfahrung überhaupt mit dem Idealismus? Wir antworten: ja, wenn der Empiriker nicht bloß mit den Sinnen des Körpers, sondern auch mit denen des Geistes zu beobachten versteht. So wie das Auge Farben und Formen, wie das Ohr Töne, so liefert der Geist Ideen als Resultate der Erfahrung.

Dies ist ein Widerspruch, vernehmen wir von Seite der Empiriker. Ideen können nie Gegenstand der Erfahrung sein, denn sie sind nicht in der Außenwelt, sondern nur zz uns, in unserer Seele enthalten. So sagen die Vertreter der Erfahrung, ohne zu merken, daß sie damit eine ungeheure Inkonsequenz begehen. Was berechtigt mich zu sagen: nur das gehört den Dingen der Außenwelt an, was mit den äußeren Sinnesorganen wahrzunehmen ist? Die Objekte können sich mir doch nimmermehr ihrem ganzen Inhalte nach enthüllen, wenn ich ihnen vorschreibe, sie dürfen keine anderen Eigenschaften haben als solche, die mich meine physischen Organe erkennen lassen. Das Prinzip der Erfahrung verlangt, daß ich alles, was an mir ist, den Objekten entgegenhalte, um allseitig ihr Wesen zu erforschen. Das sinnliche Auffassungsvermögen ist aber nur eine Seite im Wesen des Menschen. Und Goethe kann denjenigen nicht als wahren Forscher gelten lassen, der sich von vornherein dazu verdammt, von den Dingen nur die Hälfte kennenzulernen, weil.er behauptet, nur die Hälfte seines Wesens liefere ihm die Wahrheit. Nur in der Entfaltung aller unserer Erkenntniskräfte erschließt sich uns nach Goethes Ansicht das Wesen der Dinge, soweit es uns überhaupt erkennbar ist.

Wer in einseitiger Weise bloß dem Denken, der Entwickelung unseres Begriffsvermögens sich hingibt, dessen wissenschaftliche Ansichten sind leer, inhaltlos, sie tragen den Charakter des Überflüssigen, weil sie gerade das Gebiet, in dessen Rätsel sie uns einführen sollen, fliehen; wer nur den Sinnen vertraut, nichts sucht, als das, was sie ihm liefern, der krankt an geistiger Blindheit; er tastet an den Objekten herum, ohne den Faden zu kennen, der ihn ins Innere führt, wo sich ihm die scheinbare Regellosigkeit als gesetzliche Ordnung enthüllt. Der echte wissenschaftliche Geist gibt sich für Goethe darinnen kund, daß er zwischen sinnlicher Wahrnehmung und denkender Überlegung fortwährend abwechselt. Wie Einatmen und Ausatmen das Leben unterhalten, so unterhält das Hin- und Herbewegen des Geistes zwischen Ausbreitung über die Masse der Sinnenwelt und Zusammenziehung auf die gesetzmäßigen Quellen dieser Mannigfaltigkeit die sachgemäße Forschung. Ja, aller wissenschaftliche Betrieb wird Goethe zuletzt nur als solche lebensvolle Tätigkeit des Menschen verständlich. Theorien, Hypothesen sind an sich tot; sie gewinnen nur Leben, wenn sie den Geist wie Systole und Diastole beherrschen.1 Nicht um die Resultate ist es Goethe zu tun, sondern darum, durch die lebendige Kraft des Geistes der schaffenden Natur näherzukommen. Das können die nicht erreichen, die sich mit fertigem, totem Wissen begnügen, sondern nur jene, die schöpferisch in sich dies tote Material lebendig werden lassen, und so in sich das hervorbringen, was außer ihnen die Natur werden läßt. Nicht was der Mensch aus der Welt zusammenzulesen vermag, ist für Goethe das Höchste, sondern wie er sich damit abfindet, um seinen Geist mit lebenswahrem Weltinhalt zu füllen.

Wem es nicht gelingt, die Dinge in der Weise auf sich wirken zu lassen, daß die Welt in seinem Innern so lebendig, so tätig und durch und durch wirksam ist wie die Welt außer uns, wo kein Teil ist, an dem nicht unzählige Kräfte angreifen, der hat im Sinne Goethes dem Grundsatze der Erfahrung nicht genug getan.

Was an der Welt ruhend, geworden, erstarrt erscheint, ist leerer Schein, ist nur das oberflächliche Ergebnis ewigen Werdens und Wirkens. Aber jene scheinbare Ruhe ist der Gegenstand der Sinne, dieses Werden und Wirken offenbart sich in der Idee.2 Und so ist die Idee Erfahrungsergebnis. Sie enthüllt sich freilich nur dem, der sich nicht mit der oberflächlichen Erfahrung befriedigt. Goethe hatte über die Resultate seiner wissenschaftlichen Forschung nie eine andere Ansicht als die, daß er auf dem Wege der Beobachtung zu ihnen gelangt ist. Aber von dem Augenblicke an, wo er durch Schiller gedrängt wurde, doch über den Charakter seiner Erfahrungen nachzudenken, wurde ihm immer klarer, daß sein ganzes Streben nur ein Suchen nach Ideen ist, als den höchsten Formen, in denen sich die Wirklichkeit ausspricht.3 Diese Überzeugung drängte sich uns immer mehr und mehr auf, da wir uns an der Hand von Goethes hinterlassenen Papieren den Weg anschaulich zu machen suchten, den dieser Genius auf wissenschaftlichem Gebiete genommen hat. Da bleibt keine Beobachtung einzeln stehen; stets werden weitere verwandte an sie angereiht, um über das «Was» zum «Wie», über das Einzelne hinaus zum Ganzen zu kommen, um von der Kenntnisnahme zur Anschauung aufzusteigen. Die Erfahrungen interessieren Goethe nie unmittelbar, wie sie an sich sind, sondern immer als Frage an die Natur. Wer sich in diese Notizen vertieft, der sieht überall hinter der einzelnen Aufzeichnung eine Idee walten, die sich im Geiste Goethes aus dem Unbestimmten immer ins Bestimmtere herausarbeitet.

Wer so auf dem Papiere die Zeichen verfolgt, die deutlich genug aussprechen, wie in Goethe durch stetigen Verkehr mit der Welt Ideen werden, dem ist auch begreiflich, was es heißt: Idealismus ist mit Erfahrungswissenschaft durchaus vereinbar. Denn der Idealismus ist eben nichts anderes als die ganze Erfahrung, die Summe alles dessen, was von den Dingen kennenzulernen uns möglich ist, während das, was die Empiriker gewöhnlich zum Gegenstande ihrer Wissenschaft machen, nur die halbe Erfahrung ist, die Summanden ohne die Summe. Francis Bacon, der bekannte englische Philosoph, sagte einmal, die wissenschaftliche Forschung sei eine Additionsaufgabe; aber er hat es nicht weiter gebracht als bis zu einer Anleitung, wie man die einzelnen Posten aufstellt; wie man die Summe findet, blieb ihm verborgen, weil er die Sinne für die einzigen Vermittler der Erfahrung hielt und nicht wußte, daß die Vernunft den gleichen Anspruch auf diesen Titel hat. Goethe hat die letztere denn auch in ihre Rechte eingesetzt und damit eine hohe Sendung erfüllt. Die Sinne sind wunderbare Boten der Außenwelt, wenn der Geist die Kundgebungen ihrer ideellen Bedeutung nach versteht, die sie ihm bringen; aber ihre Schriftzüge sind wertlos, wenn wir bloß hinstarren auf das, was wir lesen sollten. Wer behauptet: es gäbe nichts zu lesen, dem werden alle jene, die bei Goethe in die Schule gegangen sind, antworten: suche den Grund nicht in den Dingen dieser Welt, sondern in dir.



  1. Prof. Suphan macht mich während der Ausarbeitung dieses Aufsatzes auf eine Stelle in Biedermann, Goethes Gespräche, VII, 5. 122, aufmerksam, die einen wichtigen Beleg für meine obigen Ausführungen liefert: «So entgegnete er (Goethe) Herrn Vogel auf seine Behauptung, die Theorie müsse immer der Praxis vorangehen, mit Nachdruck, daß sie immer mit der Praxis zusammengehe: «denn es ist den Menschen unmöglich, körperlose Seelen zu schaffen.» ↩

  2. Zum ersten Male wurde die hiermit gekennzeichnete und durch Goethes Nachlaß für dessen wissenschaftliche Tätigkeit in voller Beleuchtung erscheinende Eigenart des größten deutschen Dichters von K. J. Schröer zum ästhetischen Prinzipe in der Gesamt-Auffassung desselben gemacht. (Siehe Goethes «Faust» I und II mit Einleitung und fortlaufender Erklärung und Dramen, Kürschners «Deutsche National-Literatur», 6. bis 11. Band.) ↩

  3. Wir finden hier auf ‘das theoretisch-wissenschaftliche Gebiet jene Anschauung übertragen, die Goethe im Sittlichen zu seiner hohen Auffassung der Liebe, als selbstloser Hingabe an das Objekt, führte. (Siehe Schröer, Goethe und die Liebe, und dessen Einleitung zum 3. Bande von Goethes Dramen, in Kürschners ‹Deutsche National-Literatur›.) ↩

German original of Thoughts on Goethe's Literary Estate · ← Previous · Next →