Über das Verhältnis Thomas Seebecks zu Goethes Farbenlehre
Aus dem soeben erschienenen Buche: «Erinnerungen an Moritz Seebeck» von Kuno Fischer (Heidelberg 1886) möchten wir einige Punkte anführen, die ein klares Licht auf das Verhalten werfen, das der ausgezeichnete Physiker Thomas Seebeck (der Vater Moritz’) der Farbenlehre Goethes gegenüber beobachtete. Nur ein paar Worte mögen vorausgehen. Seebeck, dem wir die epochemachende Entdeckung der entoptischen Farben verdanken, wurde von Goethe als ein begeisterter Anhänger seiner Farbenlehre angesehen. Die beiden verkehrten besonders 1802 bis 1810 viel in Jena, wo sie gemeinschaftlich Versuche auf dem Gebiete dieser Wissenschaft anstellten. Im Jahre 1818 wurde Seebeck zum Mitgliede der Berliner Akademie berufen. Dem scheinen nicht geringe Hindernisse im Wege gestanden zu sein. So berichtet Zelter nach Seebecks Tode an Goethe: «wie der Minister Arbeit gehabt, den bedeutenden Mann in die Akademie zu schaffen, der doch der berufenen Farbenlehre ergeben gewesen, sich aber nachher im Amte selber, wo nicht als Abgefallener, doch gemäßigt erwiesen habe, weil er sich in der Mathematik nicht stark gefunden» (siehe Fischer, S. 11). Als Abgefallenen betrachtete ihn denn auch Goethe nach der Berufung. Er hatte ihm Unrecht getan. Seebeck war bis zu seinem Tode treu geblieben, wie eben Fischer in seinem Buche nachweist. Seite 19 sagt derselbe: «Was Seebecks Verhalten zur Farbenlehre betrifft, so hat Goethe dasselbe nicht richtig beurteilt. Auch als Akademiker hat Seebeck seine Ansicht weder geändert noch verheimlicht. Wir hören darüber das vollwichtige Zeugnis der akademischen Gedächtnisrede: «Gemeinsames Interesse an den Farbenerscheinungen veranlaßte, daß er und Goethe öfters Versuche zusammen anstellten, wobei zwar im einzelnen manche Abweichungen zur Sprache kamen, in den Hauptbeziehungen jedoch Übereinstimmung der Ansichten von dem Wesen der Farbe stattfand... In der Farbenlehre stand er auf Goethes Seite und behauptete, wie dieser, die Einfachheit des weißen Lichts.» Seite 13 ff. zitiert Fischer den Brief, den Moritz Seebeck bei dem Tode seines Vaters (20. Dezember 1831) an Goethe richtete. Darin heißt es: «Ew. Exzellenz Schriften jedes Inhalts kamen nicht von seinem (Seebecks) Tische, sie waren seine liebste Lektüre; oft sprach er es aus: «Unter allen lebenden Naturforschern ist Goethe der größte, der einzige, der weiß, worauf es ankommt.» Wir möchten gerade in dem Verhältnis Seebecks zu Goethes Farbenlehre den Beweis erblicken, daß von einem Verlassen der tiefen Auffassung Goethes bei dem gar nicht mehr die Rede sein kann, der wirklich so in sie eingedrungen ist, daß er den Punkt gefunden hat, auf den alles ankommt.