Darwinismus Und Gegenwart

In diesen Tagen wurde in den Zeitungen erzählt, daß den DarwinEnthusiasten, die vor drei bis vier Jahren daran gingen, Sammlungen zu einem Denkmal für den großen Naturforscher einzuleiten, durch einen Zwischenfall schlimm mitgespielt worden ist. Das Denkmal sollte in Darwins Vaterstadt Shrewsbury errichtet werden. Kaum waren die Veranstaltungen zu den Sammlungen gemacht, da erhob sich ein furchtbarer Sturm und watf den Kirchturm von Shrewsbury um. Das war ein Wink Gottes für die Frommen. Es war ihnen geoffenbart worden, daß sie für das Denkmal des großen Ketzers nichts spenden sollen. Dagegen laufen in Hülle und Fülle die Gelder zum Aufbau des Kirchturms ein, der sich zum Werkzeug eines höheren Willens hatte hergeben müssen. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist. Mich interessiert sie als Symptom für den schroffen Gegensatz, der zwischen zwei Weltanschauungen in der Gegenwart besteht, zwischen der christlichen und der auf naturwissenschaftlichen Grundlagen erbauten modernen Denkweise. Mir fiel der Fall Bautz und manches andere dabei wieder ein. Bautz ist jener Theologieprofessor in Münster, der in mündlicher Rede auf der Lehrkanzel und in seinen Schriften die Ansicht vertritt, daß sich Hölle und Fegefeuer im Innern der Erde befinden und mit den Vulkanen und Erdbeben im Zusammenhange stehen. So oft die Dinge dieser Art durch die Presse bekannt werden, kann man an allen Orten die Rufe der Entrüstung unserer Freigeister, Fortschrittler und sonstigen «auf der Höhe der Zeit Stehenden» hören. Am liebsten möchten sie nach der Staatsgewalt rufen und einen Mann, der Ähnliches wie das Angeführte lehrt, von seinem Posten entfernen lassen.

Mir drängt sich, so oft ich den Gegensatz der erwähnten zwei Weltanschauungen gewahr werde, die Frage auf: Mit welchen Waffen wird hüben und drüben gekämpft? Am meisten zu schätzen sind diejenigen Kämpfer, die ihre Waffen am besten schärfen. Und gerade in Hinsicht auf die Zurichtung der Kampfmittel könnten unsere «Modernen» von Männern wie Bautz unendlich viel lernen. Was Bautz auszeichnet, ist der Mut, die Gedanken zu Ende zu denken, die sich mit Notwendigkeit aus seiner Weltanschauung ergeben. Er spricht die letzten Ideen aus, zu denen er kommen muß, wenn er die ersten seines Bekenntnisses angenommen hat. Seine Art ist weitaus wertvoller als die der liberalen Theologen, die den Inhalt der christlichen Lehre so verwässern, daß zur Not sogar der moderne Darwinismus einen Bestandteil des christlichen Bekenntnisses bilden kann. Aber wie sehr man sich auch Mühe geben mag: nie wird es jemandem gelingen, Einklang zu stiften zwischen der christlichen und der naturwissenschaftlich-modernen Weltanschauung. Ohne eine persönliche, weise Führung der Weltgeschicke, die sich in Zeiten der Not durch Fingerzeige wie das Umwerfen des Turmes von Shrewsbury ankündigt, gibt es kein Christentum; ohne die Leugnung einer solchen Führung und die Anerkennung der Wahrheit, daß in dieser unseren Sinnen zugänglichen Welt alle die Ursachen der Ereignisse liegen, gibt es keine moderne Denkweise. Nichts Übernatürliches greift jemals in die Natur ein; alles Geschehene beruht auf den Elementen, die wir mit unseren Sinnen und unserem Denken erreichen: erst wenn diese Einsicht nicht in das Denken allein, sondern in die Tiefe des Empfindungslebens eingedrungen ist, kann von moderner Anschauungsweise gesprochen werden. Aber davon sind unsere «modernen Geister» recht weit entfernt. Mit dem Denken geht es. Der Verstand der Zeitgenossen findet sich allmählich mit dem Darwinismus ab. Aber die Empfindung, das Gefühl, die sind noch durchaus christlich. Das Gemüt vermag aus dem Inhalt der natürlichen Wirklichkeit nicht jene Erhebung zu schöpfen, die es aus den Lehren der Religion zu ziehen imstande ist. Und aus diesem Zwiespalt der «modernen» Geister entspringt die Mutlosigkeit, die sie davor zurückschrecken läßt, die Konsequenzen ihrer Gedankenvoraussetzungen zu ziehen. Wie feige erscheint doch das Gerede: daß die Wissenschaft nicht weit genug ist, um über die letzten Fragen etwas zu sagen gegenüber der Kühnheit, mit der Dr. Bautz seine Ansicht von Hölle und Fegefeuer vertritt! . Wo sind die modernen Geister, die den Mut haben, ihre Ansichten zu Ende zu denken? Und die wenigen, die ihn haben, wie werden sie behandelt! Man denke an die Anfeindungen, die Ernst Haeckel von seinen Fachgenossen erfahren hat, weil er nicht bei der Feststellung einzelner Tatsachen stehenblieb, sondern aus seinen naturwissenschaftlichen Einsichten ein Gebäude moderner Weltansicht aufbaute.

Charakteristisch für die Art, wie sich unsere klugen Freigeister zu Männern verhalten, die den höchsten Fragen wacker an den Leib rücken, sind die Ansichten, die man über Friedrich Nietzsche zu lesen bekommt. Daß sich hier einmal einer in die tiefsten Probleme des Erkennens eingewühlt, daß er nicht innegehalten hat, bis er in die Untergründe des Daseins gedrungen war, daß er Jenseitsglauben und Diesseitsverehrung in unvergleichlich großer Weise einander gegenübergestellt und den Kultus des Diesseits im höchsten Sinne entwickelt hat: was geht das alles unsere «modernen Geister» an. Sie kümmern sich überhaupt nicht um seine Anschauungen, Gedanken, für die er gelebt und gelitten hat, aus denen ihm alle Wollust des Daseins gequollen ist. Nein, sie erfreuen sich bloß an dem Dichter Nietzsche. Ich werde gewiß niemandem die Berechtigung abstreiten, sich an den poetischen Schönheiten der Darstellung Nietzsches zu erheben. Aber nur sich an diese hängen, scheint mir ein bequemes Mittel, diesen Geist groß nennen zu dürfen. Nein, ihn sollte niemand groß nennen, der nicht die tiefgründigen Gedankengänge des «Jenseits von Gut und Böse» in ihrer vollen Bedeutung würdigen kann. Hier ist eine Tiefe der Ideen, die vorher in der geistigen Geschichte der Menschheit noch nie erreicht war. Aber dies ist unseren Modernen gleichgültig. Sie müßten sich, wenn sie auf diese Urdinge eingehen wollten, für oder gegen diese Ideen aussprechen. Dazu ist ihr Denken zu untüchtig oder mutlos. Sie berauschen sich dafür lieber an der Sprache des Zarathustra. Stumpfheit und Lässigkeit des Denkens: das ist vielfach die Signatur unserer «modernen Geister». Sie stehen in dieser Beziehung hinter den Frommen zurück, die kein Darwin-Denkmal wollen, weil der Kirchturm eingestürzt ist. Diese Frommen haben eine geschlossene Weltansicht; die «Modernen» haben meist nur Stückwerk. Dieser Gedanke entsteht immer in mir, wenn ich die beiden Weltanschauungen, Christentum und modernen Naturalismus, aufeinanderstoßen sehe. Mir gefallen da immer meine Gegner besser als diejenigen, deren Meinung sich der meinigen nähert. Am wenigsten aber gefallen mir die vermittelnden Geister: die Theologen, welche Darwin verteidigen, und die Naturlehrer, die sich für das Christentum aussprechen. Man muß verwischen, was für jede dieser Anschauungen das Charakteristische ist, wenn man eine solche Vermittlerrolle spielen will. Gesund ist aber nur das ehrliche und offene Fortschreiten bis zu den wahren Konsequenzen einer Meinung, die man sich gebildet hat. Nur seine ganzen Persönlichkeiten haben das Christentum groß gemacht; nur die ganzen Persönlichkeiten werden auch die moderne Denkungsweise zur Kulturträgerin machen.

German original of Darwinism and the Present · ← Previous · Next →