Karl Jentsch - Sozialauslese
Leipzig 1898
Unter diesem Titel hat soeben Karl Jentsch ein Buch veröffentlicht. Die Anwendung der naturwissenschaftlichen Denkweise unserer Zeit auf den Entwickelungsgang der Menschheit führt zu diesem Begriff. Wie in der übrigen Natur diejenigen Formen sich erhalten, die sich im Kampfe ums Dasein als die stärkeren erweisen, so ist das auch in der geschichtlichen Entwickelung des Menschen der Fall. Durch Anwendung dieses Begriffes gelangt man zur Überwindung aller Zweckursachen. In der Natur werden heute wohl nur zurückgebliebene Geister an Zweckursachen glauben. In den Anschauungen über menschliche Entwickelung aber scheint diese Vorstellung weniger leicht zu vertilgen zu sein. Das zeigt sich am klarsten bei dem Autor des genannten Buches. Während andere, wie zum Beispiel Huxley, Alexander Tille und so weiter, den Fortgang der Menschheit ganz analog dem übrigen Naturwirken im Sinne des Darwinismus auffassen, glaubt Jentsch nicht ohne die Annahme einer zweckmäßigen Einrichtung der geschichtlichen Tatsachen auszukommen. Man muß aber festhalten: Wer eine zweckmäßige Einrichtung in der Natur oder Menschenwelt annimmt, muß auch an einen weisen Schöpfer dieser Einrichtung glauben. Und wer dies tut, fällt zurück in alte theologische Vorurteile, die durch die darwinistische Weltauffassung überwunden sein sollten. Aber es wird noch lange dauern, bis die Reste der alten theologischen Vorstellungen aus den Köpfen der Menschen verschwunden sein werden. In dieser oder jener Form werden sie immer noch spuken.