C. A. Friedrich - Die Weltanschauung Eines Modernen Christen

Leipzig 1897

Menschen, die mit ihren Empfindungen, mit ihrem Gemütsleben hinter den Erkenntnissen zurückbleiben, die ihnen die fortschreitende Wissenschaft und Erfahrung aufdrängen, wird es immer geben. Was sich des Herzens bemächtigt hat, das ist durch vernünftige Einsicht nicht so leicht zu widerlegen. Alles, was über den Kampf zwischen Glauben und Wissen gesagt wird, läßt sich zuletzt auf den Gegensatz zurückführen, der besteht zwischen den traditionellen Mächten, die sich im Gemüte eingenistet haben, und den Ideen und Begriffen, denen sich die Vernunft nicht verschließen kann. Starke Naturen werden diesen Kampf nicht empfinden. Sie bleiben entweder den gewohnheitsmäßigen Vorstellungen, die sie von den Vätern ererbt haben, treu und lehnen alle neuen Einsichten ab, oder sie segeln mit voller Kraft in das Neue hinein und reißen ihr Herz los von dem Hergebrachten.. Schwache Naturen dagegen schwanken zwischen Altem und Neuem unsicher hin und her. Von jenem können sie nicht lassen; dieses können sie nicht von sich weisen. Sie sind es dann, welche die Versöhnung von Glauben und Wissen, von Religion und Erkenntnis, zum Gegenstande ihrer Betrachtung machen. Eine starke Natur war der österreichische Erzbischof, der einst gesagt hat: «Die Kirche kennt keinen Fortschritt.» Eine starke Natur ist Ernst Haeckel, der einfach den Inhalt der modernen Natureinsicht an die Stelle der alten Religion setzt. Eine schwache Persönlichkeit dagegen ist der Verfasser der obengenannten Schrift. Er hat die höchste Achtung vor der modernen Erkenntnis. Er möchte, daß diese Erkenntnis so fruchtbar als möglich wirke. Aber alles, was er über die modernen Anschauungen sagt, ist von christlichreligiösen Empfindungen miteingegeben. Christliches Fühlen und modernes Denken sucht er miteinander zu versöhnen. Der Wunsch ist bei ihm der Vater des Gedankens. Er wünscht, daß dem modernen Wissen die weiteste Verbreitung werde, und er wünscht auch, daß die Menschen christlich fühlen, Seine Vorstellungen formen sich nach seinen Wünschen. Er liefert den «Beweis», daß der Mensch um so christlicher werden wird, je moderner er wird. Für denjenigen, der die modernen Einsichten bereits in sein Fühlen, in sein Herz aufgenommen hat, sind Friedrichs «Beweise» durchaus keine Beweise. Er braucht auch solche Beweise nicht. Denn ihm ist klar, daß sich mit der modernen Weltanschauung vollkommen leben läßt, wenn man sich nur in sie eingelebt hat. Alle Wärme der Empfindung, allen Enthusiasmus bringt er den Vorstellungen dieser Weltanschauung entgegen, wie sie unsere Vorfahren den christlichen Ideen entgegengebracht haben. Aber der Verfasser des Buches «Weltanschauung eines modernen Christen» hat für die alten Vorstellungen Wärme des Herzens, für die modernen Anschauungen Kälte des Verstandes. Vergebens sucht er aus den neuen Einsichten deshalb die Gefühle herauszuptessen, die sich aus der christlichen Theologie ergeben haben. Durch eine strenge, sympathische Gesinnung, die aus dem Buche spricht, wird es manchem interessant sein, der sich mit den Fragen zu beschäftigen geneigt ist, die der Verfasser zu beantworten sucht. Allerdings wird für viele diese neuere Art von Pietismus und Gefühlsduselei auch langweilig sein. Der Psychologe wird das Buch berücksichtigen müssen. Der Verfasser ist als Typus für eine große Anzahl von Menschen zu betrachten. Sie streben alle nach einer Aussöhnung zweier geistiger Gebiete, die nicht auf die Dauer nebeneinander bestehen können, zwischen denen es nur einen Waffenstillstand, aber keinen Friedensschluß geben kann.

German original of C. A. Friedrich - The Worldview of a Modern Christian · ← Previous · Next →