Faculty Meetings with Rudolf Steiner I

GA 300a — 25 September 1919, Stuttgart

Zweite Konferenz

Rudolf Steiner kam am 24. September aus Dresden zurück nach Stuttgart und besuchte am nächsten Morgen die Schüler bei der Arbeit in den acht Klassen. Zehn Tage war in beengten Räumlichkeiten unterrichtet worden; für Lehrer und Schüler war alles neu: der Ort, der Unterricht und der Tagesablauf. Die Klassen hatten im Durchschnitt 32 Schüler.

Am 30. September reiste Rudolf Steiner zusammen mit Marie Steiner weiter nach Dornach.

Themen [der 2. und 3, Konferenz]: Temperamente berücksichtigen zur Bewältigung großer Klassen. Professionelle Verschwiegenheit der Lehrer. Nachhilfestunden. Der Geschichtsunterricht. Zur Geologie. Die Morgensprüche. Der Grundriss für den freien christlichen Religionsunterricht. Über die Evolution der menschlichen Gestalt. Über Elternabende.

Bemerkungen: Die Lehrer überhäuften Steiner mit Fragen und Alltagssorgen des Unterrichts. Es war schwierig für sie, das Können und vor allem das Nichtkönnen der Kinder richtig einzuschätzen. Daher kam es zu vielen pädagogischen Fragen, die die Unerfahrenheit der Kollegen zeigen.

Zwischen den pädagogischen Fragen und Sorgen kam es schon in dieser Konferenz zu einem Dialog der eigenen Art, indem die Kollegen Steiner gleichsam herausforderten, mit Fragen zur Geologie, Astronomie, Geschichte und Botanik. Steiner zeigte sich als überragender Kenner aller angeschlagenen Themen, ein Beispiel freier republikanischer Unterredungen.

Zum Schluss lenkte Steiner das Gespräch zurück zum Tagesgeschäft und bat die Lehrer, sich nicht von «Ungezogenheit und dergleichen» abschrecken zu lassen. «Sie dürfen nicht die Vorstellung haben, dass sie Engel in die Schule kriegen.» Wie sich zeigen sollte, waren das prophetische Worte.

Auch wenn Steiner nicht in Stuttgart war, hielten die Lehrer Konferenzen ab, um den Schulalltag zu ordnen. In unveröffentlichten Notizen von Stockmeyer wird festgehalten, dass der versetzte Hauptunterricht nicht im ursprünglichen Maße durchgeführt werden musste; es waren dank zweier Reservezimmer doch genügend Räumlichkeiten vorhanden. In diesen Notizen wird auch festgehalten, dass die Fachstunden von 60 auf 50 Minuten heruntergesetzt wurden. Auch in einer solchen Konferenz war kurzerhand beschlossen worden, den übernächsten Tag schulfrei zu geben, da Steiner die Schule besuchen würde. (Notiz vom 23.09.1919)

Beiden Ausführungen zu den Elternabenden muss bedacht werden, dass die Mehrheit der Eltern zu der Arbeiterschaft der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik gehörte. Es waren mehrheitlich «proletarische» Elternhäuser: Von den 253 eingeschulten Kindern stammten 143 aus den Familien der Belegschaft der Zigarettenfabrik.

Vor seiner Abreise legte Rudolf Steiner den Lehrern ans Herz, immer den Kontakt zu den Schülern zu pflegen, dass «der Lehrer mit den Schülern eine richtige Einheit bildet».

RUDOLF STEINER: Meine lieben Freunde! Heute wird es sich darum handeln, dass Sie die in den letzten zehn Tagen gesammelten Erfahrungen vorbringen und wir das Nötige besprechen.

KARL STOCKMEYER berichtet: Wir haben den Unterricht am 16. September angefangen mit einer kurzen Ansprache an die Schüler durch Herrn Molt, und es zeigte sich dabei gleich, dass der Stundenplan nicht ganz so aufgestellt werden konnte, wie es hier verabredet wurde, weil verschiedene Klassen zusammengelegt wurden. Dann ergab sich noch eine andere Notwendigkeit der Abweichung vom Stundenplan dadurch, dass die [evangelischen und katholischen] Religionslehrer zu den von uns festgesetzten Stunden nicht Zeit haben.

Der eigentliche Klassenunterricht bleibt aber auf den Vormittag gelegt, daran wollte ich nicht rütteln.

Dann hat sich die Notwendigkeit ergeben, in den Unterricht von 8-10 eine kleine Pause von fünf Minuten einzuschieben.

RUDOLF STEINER: Das kann gemacht werden. Aber was in der Zeit geschieht, muss im freien Ermessen des Lehrers stehen.

KARL STOCKMEYER: Es ist versucht worden, ganz ohne Glocke auszukommen. Aber um am Schluss der Pause die Kinder wieder zusammenzurufen, muss doch eine Glocke angebracht werden, die besonders draußen hörbar ist.

Beim Sprachunterricht in den oberen Klassen stellte sich heraus, dass bei einzelnen Kindern noch gar keine Sprachkenntnisse vorhanden sind. Infolgedessen müssen am Anfang statt eineinhalb Stunden nun drei Stunden französischer und [drei Stunden] englischer Unterricht erteilt werden. Auch müsste ein Anfängerkurs gegeben werden und einer für die Fortgeschrittenen.

RUDOLF STEINER: Was unterrichten Sie in der 8. Klasse?

KARL STOCKMEYER: Mathematisches. Da in der 8. Klasse vom Buchstabenrechnen noch nichts gewusst wird, auch das Zinsrechnen noch nicht ausgebildet ist, habe ich mit Zinsrechnung in einer Art repetierender Weise angefangen und das so weit geführt, dass ich jetzt zu Diskont- und Wechselrechnung übergehen will.

Der Unterricht in der 7. und 8. Klasse wurde damals von zwei Klassenlehrern in der Weise gegeben, dass die beiden Lehrer miteinander abwechselten und der eine in beiden Klassen die humanistischen, der andere die realistischen [die naturwissenschaftlichen] Fächer unterrichtete.

RUDOLF STEINER: Sie [die beiden Lehrer der 7. und 8. Klasse] müssen sich eben fortlaufend miteinander verständigen, dass immer, wenn ein Lehrer oder [eine] Lehrerin die Klasse verlässt, ein gewisser Abschluss vorhanden ist. Wenn er dann in die Klasse zurückkommt, muss wiederholt werden.

Ist es Ihnen in den paar Tagen schon gelungen, genau zu wissen, wie viel die Schüler schon können?

KARL STOCKMEYER: Das konnte ich ungefähr schon feststellen.

RUDOLF STEINER: Bei Ihrer beschränkten Schülerzahl ist dies ja wohl möglich gewesen, aber die anderen werden es wohl nicht gekonnt haben. Man kann durchaus daran festhalten, dass Sie vielleicht ungefähr im Mittel acht Tage nehmen zum Wechseln, aber es muss dann speziell so eingerichtet werden, dass ein Kapitel abgeschlossen ist.

RUDOLF TREICHLER: Ich habe gefunden, dass in der 7. Klasse die Geschichtskenntnisse sehr verschieden sind.

RUDOLF STEINER: Sie werden wahrscheinlich in so etwas wie in der Geschichte in jeder Klasse von vorne anfangen müssen, denn eine ordentliche Geschichte wird keiner kennen. Die Kinder werden sich vielleicht das Landläufige angeeignet haben, aber eine ordentliche Geschichte, wie wir sie hier angedeutet haben, werden Sie bei niemand finden. Sie werden sie in jeder Klasse von vorne anfangen müssen.

KARL STOCKMEYER: Wäre es angängig, den sogenannten freien Religionsunterricht zusammen zu haben mit einem evangelischen oder anderen konfessionellen Unterricht? Die Eltern konnten sich nicht entscheiden, ob sie den freien Religionsunterricht allein oder ob sie katholischen oder evangelischen [für ihre Kinder] geben lassen wollten. Sie wollten zum Teil die Möglichkeit haben, dass die Kinder beides mitnehmen. Viele Eltern haben auf den Fragebogen geschrieben: «beides». Viele Eltern wollten eben für die Tanten und Onkel nicht auf den Konfirmationsunterricht verzichten.

RUDOLF STEINER: Da dürfen wir nicht nachgeben; entweder - oder. Wir werden über die Frage später noch extra sprechen.

KARL STOCKMEYER: Wir wollen versuchen, die beiden Religionsstunden auf die gleiche Stunde zu verlegen.

Nun ist noch eine Sache zu besprechen, die durch Herrn Molt schon eine gewisse Entscheidung gefunden hat als rein wirtschaftliche Frage. Wir hatten uns die Frage vorgelegt, ob es angängig wäre, dass die Schüler, die Schulgeld bezahlen, [auch] ihre Bücher bezahlen müssen. [Für die Kinder aus der Waldorf-Astoria-Fabrik haben wir ja Lehrmittelfreiheit.] Es könnte vorkommen, dass Kinder nebeneinander sitzen, das eine hat ein Buch, von dem es weiß: Es muss es wieder abgeben, das andere darf es behalten. Das ist etwas, was die Klassengegensätze betont.

RUDOLF STEINER: In dieser Form kann es nicht gemacht werden, dass die Kinder die Bücher kaufen und behalten. Es kann nur so gemacht werden, dass man für die [Eltern], die das Schulgeld bezahlen, dieses Schulgeld um die Lehrmittelpreise erhöht; es im Übrigen aber so hält wie mit den anderen Kindern. Also die Bücher müssen zurückgegeben werden wie bei den anderen.

KARL STOCKMEYER: Wäre die Lehrmittelfreiheit auch auszudehnen auf Hefte und andere Dinge? Hier in Stuttgart ist das Usus geworden. Weniger erwünscht wäre es, wenn die Kinder Atlanten und Zirkel von der Schule gestellt bekommen. Das müssen wohl die Schüler anschaffen.

RUDOLF STEINER: Es würde natürlich das Beste sein bezüglich der Hefte und Ähnlichem, wenn für jede Klasse ein Vorrat angeschafft würde, und die Kinder gezwungen wären, wenn sie ein Heft ausgeschrieben haben, zum Lehrer zu kommen, um ein neues zu bekommen, damit Rechnung getragen werden könnte dem Umstand, dass das eine Kind mehr Hefte braucht als das andere. Es müsste also ein Vorrat von Heften vorhanden sein, und die Hefte nach Bedarf von dem Lehrer den Kindern gegeben werden.

Für Zirkel und dergleichen, da reißen natürlich auch Unsitten ein, wenn man es bloß in den Willen der Eltern oder der Kinder stellt, was sie sich kaufen oder nicht kaufen sollen. [Diejenigen], die mehr Geld haben, die kaufen dann bessere Sachen. Das ist auch eine Kalamität. Es wäre schon vielleicht nicht schlecht, wenn man es auch da so machen würde, dass das ganze Handwerkzeug der Schule gehört und die Kinder es nur zum Benützen bekommen.

Für den Atlas würde ich etwas anderes vorschlagen: dass eine Art Fonds gestiftet würde für solche Dinge und dass die Atlanten, die während des Jahres gebraucht werden, ebenso behandelt werden wie die anderen Lehrmittel. Dagegen sollte beim Abgang von der Schule jedes Kind einen Atlas bekommen. Das wäre außerdem eine sehr schöne Sache, wenn die Kinder beim Abgang das eine oder andere bekommen würden. Vielleicht könnte man diese Dinge sogar als Prämie für Fleiß geben: ein größeres, schöneres Buch dem, der mehr geleistet hat; ein kleineres dem, der weniger geleistet hat; und dem, der faul war, vielleicht nur eine Landkarte. Das ist etwas, was man tun könnte; es darf nur nicht zu weit führen.

KARL STOCKMEYER: Wie sollen wir es handhaben mit den Büchern für den [konfessionellen] Religionsunterricht? Die Pfarrer sind in Nöten. Sie sagen: Bisher gab es Lehrmittelfreiheit auch für den religiösen Unterricht. Nach der neuen Verfassung wird es, wenigstens voraussichtlich, nicht mehr so sein, weil die Gelder nicht mehr vom Staat oder von der Gemeinde in Anspruch genommen werden können. Dieselbe Frage ist hier bei uns. Herr Molt hat entschieden, dass die Kinder die Bücher für den Religionsunterricht selber anschaffen müssen und dass auch der Unterricht des Religionslehrers selbst bezahlt werden muss. Das müsste geteilt werden unter die Kinder.

RUDOLF STEINER: Ich habe nichts dagegen, dass es so gemacht wird. Ich würde nur meinen, dass wir zunächst für dieses Jahr, damit alles ohne Reibung abläuft, uns erkundigen sollten, wie es andere Schulen machen. In der Zukunft werden wir schon zu einem eigenen Modus kommen, aber in diesem Jahr sollten wir es so machen wie die anderen Schulen. Wir müssen uns nach den öffentlichen Schulen richten. Wenn diese noch nicht verlangen, dass die Religionsbücher bezahlt werden und der Unterricht bezahlt wird, dann müssen wir auch warten, bis die es verlangen.

EMIL MOLT: Das ist heute alles frei.

RUDOLF STEINER: Das würde uns schon viel helfen, wenn wir sagen würden, wir machen es genauso wie die anderen öffentlichen Schulen.

KARL STOCKMEYER: Es wird ein großer Unterschied bestehen zwischen Volks- und höheren Schulen. Wir müssen uns wohl nach den höheren Schulen richten?

RUDOLF Steiner: Nein, die Volksschule kommt für uns in Betracht.

EMIL MOLT: Es ist noch nichts geschehen, wir können noch alles so machen.

RUDOLF STEINER: Ja, ich würde es machen nach dem Usus der Volksschule. Denn die sozialistische Regierung wird zunächst nichts tun, sondern alles beim Alten lassen. Sie wird Gesetze machen, aber alles beim Alten lassen.

KARL STOCKMEYER: Es wurde als eine Notwendigkeit empfunden, doch vielleicht eine Art Klassenbuch zu führen, damit die Klassen- und Fachlehrer besser Fühlung miteinander nehmen können. Es würde in freier Weise darin eingetragen, was gemacht worden ist. Natürlich nicht so, wie es bisher bei Klassenbüchern üblich war, sondern nur so, dass die einzelnen Lehrer sich über die Arbeit der anderen Lehrer ein wenig orientieren können.

RUDOLF STEINER: Ja, schreibt man etwas Ordentliches hinein, so braucht man Zeit. Das ist dann die Zeit, die zu den Allotrias der Kinder führt. In der Zeit, in der man als Lehrer mit den Kindern zusammen ist, sollte man nie irgendetwas anderes machen. Ich meine also, man ist nicht im Klassenzimmer drinnen, wenn man eine Tätigkeit ausübt, die sich nicht auf die Kinder bezieht. Wenn man das Zimmer betritt, ist man mit den Kindern, bis man weggeht, und man sollte ihnen nicht einen Augenblick Veranlassung geben, etwa durch Eintragung ins Klassenbuch oder dergleichen, untereinander zu schwätzen und abgezogen zu werden.

Viel besser ist es, diese Fragen unter sich zu erledigen. Wir setzen ja voraus, dass die Klassenlehrer keine Händel kriegen und sich sehr lieb haben und sich mündlich besprechen. Wer mit einer Klasse zu tun hat, bespricht sich mit den anderen, die auch damit zu tun haben. Und was sich die Einzelnen aufschreiben wollen, das machen sie außerhalb des Unterrichts. Nichts, gar nichts irgendwie machen in den Unterrichtsstunden, was vom unmittelbaren Verkehr mit den Kindern abzieht.

RUDOLF TREICHLER: Vielleicht kann man das in der Pause machen?

RUDOLF STEINER: Wozu ist es denn nötig, immer einzutragen? Erstens muss es eingetragen werden, zweitens muss es der andere lesen. Das ist ein Zeitaufwand, der verloren geht für den Verkehr mit den Schülern.

KARL STOCKMEYER: Wäre auch davon abzusehen, dass man einträgt, welche Schüler fehlen? Sollte man das auch nur im eigenen Tagebuch eintragen?

RUDOLF STEINER: Das ist ja eigentlich auch etwas, was man nicht braucht.

KARL STOCKMEYER: Nur für den Fall, dass ein längeres Fehlen eintritt, müsste man sich erkundigen, was los ist.

RUDOLF Steiner: Das kann bei einer nicht allzu großen Klasse auch mündlich abgemacht werden im Verkehr mit den Schülern. Man kann ja fragen, wer fehlt, und es sich dann eintragen ins eigene Notizbüchelchen. Das ist etwas, was man tun kann. Es wird ja sonst in den Schulen in die Zeugnisse eingetragen, wie viel ein Kind gefehlt hat, aber wir brauchen dafür kein Klassenbuch.

KARL. STOCKMEYER: Es erwies sich als notwendig, weil gerade die Kastanien auf den Bäumen reifen, den Schülern das Klettern auf die Bäume zu verbieten, damit kein Schaden entsteht durch Herunterfallen. Da mussten wir schon manchmal mit Verboten anfangen, aber wir sind uns immer bewusst, dass solche Verbote möglichst beschränkt werden müssen.

RUDOLF STEINER: Es ist sehr notwendig, dass wir uns darüber klar sind, dass wir in die Schule herein nicht lauter Engel bekommen. Das darf uns in keinem Falle hindern, unseren Ideen und unseren Idealen nachzugehen. Diese Dinge dürfen uns nicht dazu führen, auch nur zu sagen: Wir können nicht erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Wir müssen immer klar vor uns haben auf der einen Seite, dass wir das, was in den Intentionen liegt, die wir im Kursus durchgeführt haben und auch sonst, verfolgen. Wie viel wir davon nicht erreichen, ist eine andere Frage; die müssen wir für sich behandeln und von Zeit zu Zeit genau besprechen. Heute ist noch zu kurze Zeit vergangen. Sie werden nur sagen können, wie stark die Rangenhaftigkeit zum Ausbruch gekommen ist.

Aber eines möchte ich Sie doch bitten, dass Sie es recht berücksichtigen. Das wäre das, dass wir als Lehrerschaft selbst - was die anderen machen durch die Kinder, das ist eine Sache für sich -, dass wir als Lehrerschaft versuchen, möglichst nicht unsere Schulangelegenheiten in die Öffentlichkeit hinauszutragen. Ich bin jetzt erst [seit] Stunden wieder da, aber ich habe schon so viel Geschwätz gehört über die Art, wie die Kinder behandelt werden, wer eine Ohrfeige gekriegt hat und so weiter; es geht schon ins Grenzenlose, dieses Geschwätz durch die Leute hindurch, dass es mir schrecklich war. Nicht wahr, wir brauchen uns nicht zu kümmern, wenn es durch alle möglichen unrichtigen Fugen herauskommt. Da sind wir harthäutig dagegen; aber tragen wir nur ja nicht selber dazu bei. Schweigen wir über alles das, was wir handhaben in der Schule. Halten wir uns an eine Art Schulgeheimnis. Reden wir nicht zu den Außenstehenden, außer zu den Eltern, die mit Fragen zu uns kommen, und da wiederum immer nur über die eigenen Kinder, das nicht zu Geschwätzen Veranlassung gegeben wird. Es gibt Leute, die reden aus Sensationslust und mit Wollust über solche Dinge. Das ist Gift für unsere ganze Unternehmung, wenn sie in dieser Weise in Klatsch übergeht. Das ist ja leider besonders in Stuttgart, dass viel in anthroposophischen Kreisen geklatscht wird. Das ist auch, was uns viel schadet, dieser Klatsch, der mir in widerwärtiger Weise schon entgegengetreten ist, und der von uns Lehrern nicht in irgendeiner Weise unterstützt werden darf.

KARL STOCKMEYER: Es sind einzelne Fälle zu besprechen, wo es vielleicht nötig sein wird, Kinder in niederere Klassen zurückzuversetzen. [Oder soll man empfehlen, diesen Kindern Nachhilfestunden geben zu lassen?]

RUDOLF STEINER: Das [Zurückversetzen] ist natürlich bei niedrigeren Klassen schwieriger; bei höheren wird es sich leichter machen lassen. In den ersten zwei Klassen sollte man möglichst nicht zurückversetzen.

Es werden einzelne Fälle besprochen.

RUDOLF STEINER: Nachhilfestunden sind technisch nie zu empfehlen. Nur in den Fällen, wo die Eltern selbst [an uns] herankommen, wenn sie von schlechten Erfolgen hören, kann man ihnen zu Nachhilfestunden raten. Wir selber als Lehrer werden nicht Nachhilfestunden geben. Das tun wir nicht. Da würde es dann noch besser sein, ein Kind herunterzuschieben in eine andere Klasse.

HANNAH Lang bespricht einen Fall, wo es lange dauert, bis der Schüler die Antwort herausbringt; die Antwort wird aber immer erwartet, auch wenn es lange dauert.

RUDOLF STEINER: Ja, cs ist wichtig, dass jedes Kind das herausbringt, das es machen soll.

HERTHA KOEGEL spricht über zwei Kinder in der 4. Klasse, die beschränkt sind.

RUDOLF Steiner: Diese Kinder müssen ganz [nach vorn] in die Nähe des Lehrers gesetzt werden, [unbeschadet des Temperaments], damit sie jeden Augenblick im Auge behalten werden.

[Rabiate Kinder kann man dadurch bei der Stange halten, dass man sie an die Ecken setzt oder ganz vorne oder ganz hinten hin, damit sie weniger Nachbarn haben, keine Vorder- und Hintermänner.]

DR. LUDWIG NOLL: Manchmal sehen Kinder nicht richtig. Eine Augenuntersuchung würde das ergeben. Ich kenne Kinder, die aus dem Grunde zurückgeblieben sind, weil sie weitsichtig waren und man [das] nicht beachtete.

RUDOLF STEINER: Das muss der aufmerksame Lehrer auch sehen, wo bei den Kindern Organfehler vorliegen [wie Kurzsichtigkeit oder Schwerhörigkeit]. Es ist schwierig, auf alles hin ärztliche Untersuchungen anzustellen. Nur wenn der Lehrer es angibt, sollte eine solche stattfinden.

Durch die schulärztlichen Untersuchungen, wie sie an den Schulen üblich sind, kommen wir zu stark in das Sachverständigensystem hinein. Wir wollen jetzt lieber von einem Schularzt absehen, da ja Herr Dr. Noll nicht hier sein wird; das würde etwas anderes sein. Jeder fremde Arzt würde uns Schwierigkeiten bereiten. Der Arzt sollte selbstverständlich der Berater der Lehrer sein, und der Lehrer sich vertrauensvoll an ihn wenden können, wenn er etwas bei seinen Kindern bemerkt.

Bei beschränkten Kindern ist es ja oftmals so, dass plötzlich etwas bei ihnen aufspringt; sie bessern sich oft ganz plötzlich. Ich werde morgen der Schule einen Besuch machen und werde mir dann die einzelnen Kinder, besonders die beschränkten, daraufhin ansehen.

CAROLINE VON HEYDEBRAND: Ich habe Kinder in der [5.] Klasse, die alles wissen, was man ihnen sagt, und noch viel mehr, und andere, aus denen man kein Wort ziehen kann. Es ist sehr schwer, sie miteinander zu unterrichten. Es ist eine sehr große Klasse, und es ist ganz besonders schwierig, die Kinder immer ruhig zu halten; besonders in den Sprachstunden beginnen die Kinder direkt zu toben.

RUDOLF STEINER: Bei dieser Stärke einer Klasse muss man nach und nach immer mehr versuchen, die Klasse als Chor zu behandeln und nicht Einzelne unbeschäftigt zu lassen. Also mehr die ganze Klasse zusammen behandeln. Deshalb haben wir ja die lange Geschichte mit den Temperamenten gemacht.

Das Begabtsein oder Unbegabtsein beruht ja manchmal auf einem rein psychischen Unterschied. Die Kinder bringen oft nur nicht heraus, was sie in sich haben, und es wäre sehr ungerecht, die Kinder, die in dem [richtigen] Alter sind für diese Klasse (zehn- bis elfjährig), nicht mitkommen zu lassen. Es wird ja immer darunter welche geben, die in dem einen oder anderen Fache schwach sind. Es sind das oft Fehler, die dann auf einmal aufhören. Solche Fehler schleppen sich fort durch das kindliche Alter bis zu einem gewissen Schuljahr, und dann, wenn das Pünktlein aufspringt, werfen die Kinder plötzlich die Fehler ab. Daher soll man die Kinder nicht zurücklassen. Gerade diese Schwierigkeit mit den Begabten und Unbegabten, die mi wir überwinden.

Wenn wir allerdings die Überzeugung haben, dass sie das Lehrziel der letzten Klasse nicht erreicht haben, dann müssen wir sie natürlich zurückschieben. Aber, das bitte ich Sie wohl zu unterscheiden, wir werden sie dann nicht als Unbegabte behandeln. Wenn Sie also solche haben, die das Lehrziel der letzten Klasse wirklich nicht erreicht haben, dann schieben Sie sie herunter. Sie müssen dies aber sehr bald tun.

Man sieht an einem Fach aber nie genau, ob das Lehrziel erreicht ist oder nicht; man darf da nie nach einzelnen Fächern gehen. Das Heruntersetzen müsste aber noch im ersten Vierteljahr erfolgen. Die Lehrer müssen die [früheren] Zeugnisse ihrer Schüler natürlich bekommen. Aber ich bitte, immer durchaus streng zu [beachten], dass wir nicht, [um einen Schüler rascher beurteilen zu können, nun] ein [übliches] Stundenplan[system] nehmen. Immer erst ein Kapitel fertig machen. Davon dürfen wir aber nicht abhängig machen das Zurückschieben, wenn es dann auch etwas länger dauert.

Beim Zurückversetzen werden die einzelnen Fälle genau geprüft werden müssen; man kann da nichts generaliter durchführen. Man darf da nichts leichtherzig tun, sondern nur nach strenger Prüfung, und was man wirklich verantworten kann.

KARL STOCKMEYER erwähnt noch einmal die Schularztfrage. Es werden die Namen von drei Stuttgarter Ärzten genannt. Dr. Paul Barchet, Dr. Ernst Steurer, Dr. Heinrich Meng.

RUDOLF STEINER: Man könnte die Sache vielleicht unter die drei Herren verteilen.

Zu der Frage der Zurückversetzung solcher Kinder, [bei denen] das Lehrziel der vorigen Schule nicht erreicht ist, wäre noch zu sagen, dass man selbstverständlich mit den Eltern sprechen muss. Die Eltern müssen einverstanden sein. Man darf natürlich den Eltern nicht sagen, dass ihre Kinder blöde sind, sondern man muss ihnen nur beweisen können, dass sie in der früheren Schule das Lehrziel der letzten Klasse nicht erreicht haben, trotz des Zeugnisses. Das muss beweisbar sein. Es muss aber ein Defekt der [früheren] Schule sein, nicht ein Defekt der Kinder, um die es sich handelt.

RUDOLF TREICHLER: Kann man auch hinaufschieben in eine höhere Klasse? Ich habe [in der 7. Klasse] zwei Kinder, die, wie mir scheint, gut in die 8. Klasse übergehen könnten.

RUDOLF STEINER: Ich würde das am Zeugnis prüfen. Wenn Sie es aber verantworten können, kann es sehr gut gemacht werden.

KARL STOCKMEYER: Es wäre doch wohl in der oberen [7.] Klasse nicht so sehr erwünscht. Wenn die Kinder in der 7. Klasse bleiben, hätten wir sie doch noch zwei Jahre, um auf sie einzuwirken. Das ist doch besser, als wenn wir sie nur ein Jahr haben.

RUDOLF STEINER: Dadurch, dass wir die Kinder hinaufschieben, können wir sie doch auch noch zwei Jahre haben. Wir entlassen sie nicht, sondern behalten sie auch das nächste Jahr nochmals in der 8. Klasse. Wenn sie das Alter in der 7. Klasse schon erreicht haben, nimmt man sie uns ja doch fort. Bei uns wird der Unterricht nicht so pedantisch sein, namentlich nicht in der Behandlung, [so]dass er [doch] jedes Jahr eine große Verschiedenheit aufweist. Und das nächste Jahr, da werden wir doch schon viel «erleuchteter» sein als dieses Jahr, sodass es ganz gut zu machen ist, dass wir Kinder, die wir jetzt in der letzten Klasse haben, auch das nächste Jahr noch in der letzten Klasse haben.

Es ist doch schon so: Dieses erste Jahr wird so ein Probejahr sein, namentlich für die Lehrerschaft. Das liegt mir sehr auf der Seele. Auf die Lehrerschaft kommt alles an! Von Ihnen, liebe Freunde, wird es abhängen, ob die Ideale verwirklicht werden können. Es kommt wirklich darauf an, dass wir selber am meisten lernen.

FRIEDRICH OEHLSCHLEGEL: Ich habe [in der 6. Klasse] ein Kind, das kam aus der 3. Klasse einer Nachhilfeschule und ist wirklich minderbegabt in sehr hohem Maße. Es stört aber den Unterricht nicht, im Gegenteil, es hat sich eigentlich als vorteilhaft erwiesen, [dass es da ist], weil man es gegen andere ausspielen kann. Ich möchte ehrgeizhalber das Kind behalten, um zu sehen, was ich mit ihm fertigbringen kann, aber es könnte sich doch [er]weisen, dass es zurückversetzt werden muss.

RUDOLF STEINER: Wenn das Kind die anderen nicht stört und wenn Sie glauben, doch noch etwas mit ihm erreichen zu können, dann würde ich meinen, dass Sie es in der Klasse behalten müssen. Es ist immer ein Ereignis, wenn wir jetzt umschieben. Lieber behalten! Gewisse Unterschiede können wir sogar benützen; wir haben ja darüber eingehend gesprochen.

RUDOLF TREICHLER: In meiner [7.] Klasse sind die Unterschiede auch sehr groß. Ich kann noch nicht ganz urteilen, weil ich bis jetzt einen Gegenstand erst betrieben habe, Geschichte, und weniger Deutsch und Geografie. Also ich habe noch kein abschließendes Urteil. Die Niveaus sind recht sehr verschieden, aber ein gewisses Niveau ist doch da, woran man appellieren kann.

RUDOLF STEINER: Wenn Sie in der 7. und 8. Klasse nur fertigkriegen, dass die Kinder das Autoritätsgefühl nicht verlieren! Das ist das Allernotwendigste. Das erreicht man aber am besten dadurch, dass man auf [die Art], wie die Kinder sind, in höchst vorsichtiger Weise eingeht und sich doch wiederum gar nichts vergibt. Also nicht bei den Kindern wie ein Pedant erscheinen, nicht wie einer, der Lieblingsmeinungen hat. Man muss den Kindern scheinbar nachgeben, in Wirklichkeit aber gar nichts nachgeben. Gerade in dem 7. und 8. Schuljahr handelt es sich sehr, sehr um die Art der Behandlung. Da darf man sich in keiner Minute etwas vergeben, sodass die Kinder nicht hinausgehen und über den Lehrer spotten. Die Kinder müssen immer ehrgeizig darauf sehen - wenn ich den Ausdruck brauchen darf, er betrifft nicht einen üblen Ehrgeiz -, dass sie ihren Lehrer verteidigen und glücklich sind, dass sie diesen Lehrer haben. Das kann man doch bei den stärksten Rangen entwickeln. Man kann nach und nach das entwickeln, dass die Kinder den Drang haben, ihren Lehrer zu verteidigen, weil das ihr Lehrer ist.

Gegen das Hinaufschieben in eine andere Klasse habe ich also nichts. Das kann sogar auf die andere Klasse wirken, in die die Kinder hineinkommen.

Bei dem Sprachkursus müssen wir selbstverständlich weniger auf Klassen sehen, sondern die Kinder zusammennehmen nach ihrem Können.

KARL STOCKMEYER: [Ich habe in der 8. Klasse] einen Knaben, R. F,, der melancholisch ist und zurückgeblieben, und möchte ihn in die 7. Klasse zurückschieben.

RUDOLF STEINER: Das müsste aber so gemacht werden, dass Sie das Kind dahin bringen, dass es sein eigener Wille ist, zurückversetzt zu werden. Sie müssten so mit ihm sprechen, dass Sie zuletzt seinen Willen dahin dirigieren, dass das Kind selber darum bittet. Nur nicht barsch zurückversetzen.

HERBERT HANN: Ist es richtig, [dass man im Sprachunterricht], selbst in der Klasse, wo die Kinder schon schreiben gelernt haben, zunächst doch [noch] davon Abstand nimmt, das Schriftbild vorzuführen, sodass die Kinder sich zunächst an das Aussprechen gewöhnen?

RUDOLF STEINER: Ja, möglichst spät übergehen zum Schreiben [in den fremden Sprachen], das ist sehr wichtig.

HERBERT HANN: Dann empfand ich als wünschenswert, da die Kinder ja eben erst eingeführt werden und die Sprechübungen, namentlich, wenn sie längere Zeit gemacht werden, eine gewisse Ermüdung erzeugen, den Unterricht zu beleben mit einem Element durch Erzählungen aus der Muttersprache, weil noch keine andere Sprache da ist.

RuDOLF STEINER: Das ist sehr gut. Aber wenn Sie etwas aus der Muttersprache nehmen, müssen Sie doch möglichst sehen, es irgendwie mit der fremden Sprache zu verbinden, die fremde Sprache hineinzukriegen. Stoff schaffen können Sie dadurch, dass Sie so etwas im Unterricht machen. Das ist das Richtige. [Dann auch kleine Gedichte, Lieder der fremden Sprache, kleine Geschichten.]

PAUL BAUMANN [Musiklehrer]: [Ich finde] eineinhalb Stunden Musik und eineinhalb Stunden Eurythmie in der Woche zu wenig.

RUDOLF STEINER [vermutlich]: Da es sich um eine Frage der Verteilung in die Unterrichtsräume handelt, kann erst später das Nötige geschehen.

HERTHA KOEGEL: Bei meinen Kindern [in der 6. Klasse] ist ein groRes Bedürfnis, mehr zu singen. Ich bin unmusikalisch und [kann] nicht mit ihnen singen. Könnte man musikalische Kinder herausnehmen, um ein Liedchen zu singen?

RUDOLF STEINER: Das ist dasjenige, was man tun sollte. Das richtet sich ja vielleicht in der einfachsten Weise ein, indem den Kindern einfach so etwas mit auf den Weg gegeben würde, was Sie frei behandeln können. Dazu brauchen Sie nicht sehr musikalisch zu sein, um die Kinder singen zu lassen. Die Kinder lernen die Lieder im Gesangsunterricht und üben sie, indem sie sie am Anfang oder am Ende der Stunde singen.

PAUL BAUMANN: Ich lasse die Kinder Lieder singen, sie sind aber recht schwerfällig. Das wird sich aber bessern dadurch, dass ich die kalisch Veranlagten, zusammennehmen will zu einer Guten, die mus besonderen Chorstunde, wo schwerere Sachen gesungen werden.

RUDOLF STEINER: Das würde der ganzen Konstitution nicht widersprechen, wenn nach und nach aus den vier oberen Klassen [5.-8.] und aus den vier unteren Klassen [1.-4.] Chöre zusammengestellt würden, vielleicht für Sonntagschöre. Durch so etwas schmiedet man die Kinder mehr zusammen als durch etwas anderes. Aber ja keinen falschen Ehrgeiz begründen; den schließen wir aus der Unterrichtsmethode aus. Der Ehrgeiz darf sich nur auf die Sache beziehen, nicht auf die Persönlichkeit. Die vier oberen Klassen zusammen und die vier unteren Klassen zusammen wäre deshalb gut, weil die Stimmen etwas anders sind. Sonst ist die Sache ja nicht an Klassen gebunden. Im Unterweisen muss man sie als eine Klasse behandeln; da müssen wir auch für die Musik streng einhalten, was wir für die Lebensepochen festgestellt haben. Die Epoche um das neunte Jahr und die Epoche um das zwölfte Jahr müssen wir streng beachten nach der inneren Struktur. Aber für die Chöre, mit denen man eventuell Sonntagsveranstaltungen machen kann, können wir die vier jüngeren und die vier älteren Klassen extra zusammenstellen.

ELISABETH BAUMANN [Eurythmielehrerin]: Es hat sich herausgestellt, dass wir in der Eurythmie sehr langsam vorwärtskommen.

RUDOLF STEINER: Zunächst im Anfang nehmen Sie doch alles sehr stark im Zusammenhang mit der Musik. Die allerersten Anfangsübungen ganz aus dem Musikalischen [heraus entwickeln], das würde besonders gepflegt werden müssen. Ohne das andere zu vernachlässigen, besonders in den späteren Jahrgängen.

[Jetzt wäre noch über den] freien Religionsunterricht [zu sprechen]. [Da] muss man den Kindern sagen: Wer freien Religionsunterricht haben will, muss ihn als solchen wählen, und es müsste dann einfach dieser freie Religionsunterricht als Dritter sein neben den beiden anderen. Ein unklares Miteinandervermischen darf absolut nicht sein. Dagegen können Sie ruhig diejenigen, die freien Religionsunterricht haben sollen, so nehmen, dass Sie sie klassenweise zusammenstellen. Sagen wir, die unteren vier Klassen und die oberen vier Klassen zusammen. Es kann ihn irgendjemand von uns geben. Wie viele sind denn da, die sich auf freien Unterricht einlassen?

KARL STOCKMEYER: Es sind bis jetzt 60; 56 Anthroposophenkinder sind dabei. Die Zahlen werden sich ja [noch] ändern dadurch, dass eben doch manche beides haben wollten.

RUDOLF STEINER: Vermischen tun wir also nicht. Agitieren für diesen Unterricht tun wir auch nicht. Wir kommen nur den Wünschen entgegen. Wir raten mehr, den konfessionellen Unterricht zu nehmen. Die Kinder, die gar keinen Religionsunterricht nehmen sollen, die lässt man, aber immerhin könnte man doch nachforschen nach den Gründen, warum sie keinen haben wollen. Das müsste in jedem einzelnen Falle festgestellt werden. Es lassen sich dann doch vielleicht die einen oder anderen dazu veranlassen, sich zum konfessionellen Unterricht zurückzuwenden oder zu dem anthroposophischen Unterricht zu kommen. Irgendetwas muss man da schon tun. Dass man die Kinder einfach aufwachsen lässt ohne Religionsunterricht, das wollen wir nicht einführen.

KARL STOCKMEYER: Soll der freie Religionsunterricht vom Klassenlehrer gegeben werden?

RUDOLF STEINER: Es kann jemand von uns sein, der es übernimmt. Es muss nicht der betreffende Klassenlehrer sein.

EMIL MOLT: Wenn Pastor Geyer den Unterricht gäbe, könnte sogar die Konfirmation noch gemacht werden. Das trüge sicher zur Beruhigung bei.

RUDOLF STEINER: Gewiss, wenn Herr Pastor Geyer es tun will.

JOHANNES GEYER: Ich würde es sehr gerne tun. Ich bin berechtigt zu konfirmieren.

RUDOLF STEINER: Es ist nicht wünschenswert, dass jemand genommen wird, der unbekannt an uns herankommt. Wir sollten schon innerhalb des Kreises unserer Lehrer bleiben.

Bei sechzig Kindern würden wir ungefähr dreißig zu dreißig zusammennehmen; vielleicht die vier oberen und die vier unteren Klassen zusammen. Ich werde Ihnen dafür noch einen Lehrplan geben. Diesen Unterricht müssen wir sehr sorgfältig machen.

Bei der ersten Abteilung muss alles, was sich auf Reinkarnation und Karma bezieht, wegbleiben. Die müssen erst in der zweiten Gruppe besprochen werden. Aber da müssen sie auftreten. Vom zehnten Jahr ab müssen die Dinge durchgenommen werden. Gerade bei diesem Unterricht ist es außerordentlich notwendig, dass man von Anfang an auf die Selbsttätigkeit der Schüler sein Augenmerk richtet. Gerade nicht theoretisch soll von Reinkarnation und Karma gesprochen werden, aber praktisch.

Eine Art Rückschau auf allerlei Zustände, die da waren vor der Geburt, haben die Kinder noch, wenn sie dem siebenten Jahre nahekommen. Sie erzählen manchmal die kuriosesten Dinge, die bildhafte Dinge sind, von diesen früheren Zuständen; zum Beispiel, das ist nicht vereinzelt, sondern typisch, dass die Kinder kommen und sagen: Ich bin in diese Welt gekommen, das war durch einen Trichter, das hat sich immer weitergezogen. - Sie beschreiben, wie sie in die Welt gekommen sind. Diese Dinge lässt man beschreiben, lässt sie mitarbeiten und pflegt das, sodass es heraufgeholt wird ins Bewusstsein. Das ist sehr gut, nur ist zu vermeiden, dass den Kindern etwas eingeredet wird. Man müsste dasjenige herauskriegen, was sie selber sagen. Das [sollte] man tun. Das gehört zum Lehrplan.

Dieser Unterricht könnte so belebt werden im Sinne des gestrigen öffentlichen Vortrages. Das könnte das Schönste sein, was man macht, ohne dass man zur Weltanschauungsschule wird, wenn man reine Menschenerkenntnis zugrunde legte, und jede Minute die Pädagogik neu belebte. In dieser Richtung ist auch mein Aufsatz gehalten, der in der nächsten Waldorfzeitung steht. Er handelt über «Die pädagogische Grundlage der Waldorfschule». Das, was ich da angedeutet habe, das ist im Wesentlichen eine Art Zusammenfassung für das Publikum alles dessen, was wir im Kursus haben. Das bitte ich als Ideal zu betrachten, was dort stehen wird in dem Waldorfblatt.

Es genügt für jede Abteilung eineinhalb Stunden Religionsunterricht die Woche; zweimal dreiviertel Stunden. Es wäre besonders schön, wenn er sonntags sein könnte, aber das würde sich wohl schlecht machen lassen. Man könnte die Kinder auch an die Wochensprüche gewöhnen bei diesem Unterricht.

Jemand fragt dazwischen: Sind die nicht zu schwer?

RUDOLF STEINER: Es darf niemals für uns etwas geben, was zu schwer ist für die Kinder. Es handelt sich da nicht um das Aufnehmen des Gedankens, sondern wie die Gedanken aufeinander folgen und so weiter. Ich möchte wissen, was für die Kinder schwerer sein könnte als das Vaterunser! Das bildet man sich nur ein, dass das leichter ist als die Wochensprüche im «Seelenkalender». Und das «Credo»! Dass die Leute sich gegen das «Credo» auflehnen, rührt nur davon her, dass es kein Mensch versteht, sonst würden sich die Menschen nicht auflehnen. Das enthält nur dasjenige, was im Grunde selbstverständlich ist, aber die Menschen kommen bis zum siebenundzwanzigsten Jahr nicht so weit, dass sie es verstehen können, und nachher lernen sie nichts mehr vom Leben. Die Verhandlungen über das «Credo» sind kindisch. Es steht nichts darin, was man von sich aus entscheiden kann. - Die Wochensprüche kann man auch mit den Kindern vor der Stunde sprechen.

JOHANNES GEYER: Würde es nicht gut sein, die Kinder eine Art Morgengebet vor der Stunde sprechen zu lassen?

RUDOLF STEINER: Das ist etwas, was gemacht werden könnte. Ich hatte auch schon die Aufmerksamkeit darauf gewendet. Ich werde Ihnen morgen noch etwas darüber sagen; auch wegen eines Gebetes bitten. Se werden wir noch sprechen. Da würde ich nur Sie um eines hen Sie, bei diesen Dingen kommt es wahrhaftig auf Äußerlichkeiten an. Nennen Sie den Spruch niemals «Gebet», sondern «Eröffnungsspruch der Schule». Vermeiden Sie es, dass man aus Lehrermund den Ausdruck «Gebet» hört. Dann haben Sie das Vorurteil, dass es eine änthroposophische Sacheisei, schon für.ein gut Stück überwunden. Das meiste, was bei uns gesündigt wird, wird durch Worte gesündigt. Die Leute gewöhnen sich nicht ab, Worte zu gebrauchen, die uns schädlich sind. Was glauben Sie, was ich hier ausgestanden habe, dass ich den Leuten abgewöhnt habe, zu den «Kernpunkten der sozialen Frage» Broschüre zu sagen. Es ist ein Buch, es schaut nur aus wie eine Broschüre. Es ist ein Buch! Das kriegt man nicht fertig, dass alle Leute sagen «das Buch»; sie sagen «die Broschüre». Es hat eine gewisse Bedeutung. Das Wort ist nicht unnötig. Das sind Dinge, um die es sich wirklich handelt. Anthroposophen sind aber diejenigen Menschen, die sich am wenigsten in etwas fügen. Denen gegenüber kann man gar nichts durchbringen. Die anderen Menschen sind so autoritätsgläubig. Und damit hat das zu tun, was ich gesagt habe: Die Anthroposophen sind störrig, und es kann gar nichts bei ihnen durchgesetzt werden; auch nichts, was berechtigt ist!

CAROLINE VON HEYDEBRAND: [Meine 5.] Klasse brüllt und tobt, besonders in den Sprachstunden. Die [französischen] Sätze empfindet sie als Witze [und so weiter].

RUDOLF STEINER: Das Richtige wäre, auf den Witz einzugehen und aus dem Witz heraus zu lernen. [Auf Witz sollte man immer eingehen, und zwar mit Humor.] Aber die Kinder müssten gehorchen. Sie müssten auf Befehl wieder schweigen. Sie müssten sie mit der Gebärde ruhig kriegen.

Von Anfang bis Ende der Stunde muss man suchen, den Kontakt zu behalten. Wenn es auch ermüdet, es muss unter allen Umständen das Band zwischen Lehrer und Schüler bestehen bleiben. Durch äußere Disziplin ist in solchen Fällen nichts zu regeln, sondern nur dadurch, dass man zunächst eingeht auf die Sache und dann aus der Sache heraus wirkt. Die größte Schwierigkeit ist wohl, dass Sie das feine Stimmchen haben. Sie müssen Ihr Stimmchen ein bisschen schulen. Sie müssen «unten» reden lernen, nicht piepsen beim Schreien. Es wäre schade, wenn Sie nicht Ihre Stimme behandelten, sodass etwas Bass hineinkäme. Also Tiefe muss hineinkommen.

KARL STOCKMEYER: Wer soll den lateinischen Unterricht erteilen?

RUDOLF STEINER: Das ist eine Frage des Lehrerkollegiums. Vorläufig würde ich die Frage so regeln, dass Herr Pastor Geyer und Herr Dr. Stein den Lateinunterricht erteilen. Es ist zu viel für einen.

WALTER JOHANNES STEIN [vermutlich]: Wo soll man anfangen mit der Geschichte?

RUDOLF STEINER: Sie werden fast bei jeder Klasse mit der Geschichte von vorne anfangen müssen. Beschränken Sie einfach den Unterricht nach Bedarf. Wenn Sie zum Beispiel im 8. Schuljahr genötigt sind, von Anfang an anzufangen, dann nehmen Sie eben wenig, aber versuchen doch, ein Gesamtbild zu geben über die ganze Entwicklung der Menschheit, nur kürzer. Also man müsste schon im 8. Schuljahr die ganze Weltgeschichte durchmachen in unserem Sinn.

Das trifft auch zu für die Physik. In der Naturgeschichte wird es sich sehr leicht machen lassen, dass die Kinder das, was sie gelernt haben, benützen und beleben. Es sind nur diejenigen Fächer, die diesem Mangel unterliegen werden, von denen wir gesagt haben, dass sie nach dem zwölften Jahr anfangen, wo die Urteilskraft beginnt. In den beschreibenden Disziplinen wird man manches benützen können, was die Kinder, wenn auch vertrackt, gelernt haben.

CAROLINE VON HEYDEBRAND: In der griechischen Geschichte kann man wohl mehr auf die Kulturgeschichte und [die] Sagen eingehen und das Politische weglassen; die Perserkriege zum Beispiel, wenigstens bei den Kleinen?

RUDOLF STEINER: Die Perserkriege kann man schon so [behandeln], dass man sie kulturgeschichtlich gestaltet. In älteren Zeiten kann man die Kriege noch kulturgeschichtlich behandeln; bis zu unserer Gegenwart sind sie ja immer unerfreulicher geworden. Man kann die Perserkriege schon wie ein Symptom betrachten der kulturgeschichtlichen Züge.

RUDOLF TREICHLER: Aber das Innenpolitische ist doch weniger wichtig?

RUDOLF STEINER: Doch, zum Beispiel, wie das Geld entstanden ist.

RUDOLF TREICHLER: Die Verfassungen sind doch nur kurz zu behandeln.

RUDOLF STEINER: Ja, aber den Geist der Lykurgischen Verfassung muss man schon schildern, zum Beispiel auch den Unterschied zwischen dem Athenertum und dem Spartanertum.

RUDOLF TREICHLER: Aber bei den Römern ist [das Verfassungswesen] so breit dargestellt in den Lehrbüchern.

RUDOLF STEINER: In den Lehrbüchern ist es breit und oftmals sehr falsch behandelt. Der Römer kannte keine Verfassung, aber er wusste auswendig nicht nur die Zwölf-Tafel-Gesetze, [sondern] eine große Anzahl von Rechtsbüchern. Man bekommt eine falsche Vorstellung vom Römertum, wenn man nicht durchnimmt mit den Kindern, dass der Römer ein Rechtsmensch war, und dass das gewusst worden ist. In den Lehrbüchern ist das langweilig dargestellt, aber man muss schon für das Römertum die Vorstellung erwecken, dass jeder Römer ein Rechtsknüppel war und die Gesetze an den Fingern herzählen konnte. Die Zwölf-Tafel-Gesetze sind dort so gelehrt worden wie bei uns das Einmaleins.

KARL STOCKMEYER: Wir haben beschlossen, wöchentlich einmal zusammenzukommen zur Erörterung pädagogischer Fragen, besonders soll alles behandelt werden, was im Seminarkursus behandelt worden ist. Es ist so gedacht, dass der Kontakt zwischen der Lehrerschaft gefördert werden soll. Jeder soll über das, was ihn besonders beschäftigt, der anderen Lehrerschaft vortragen, sodass [das], was der Einzelne sich erarbeitet hat, den anderen zugutekommt.

RUDOLF Steiner: Das kann sehr gut geschehen. Das ist etwas, was mit Freude zu begrüßen wäre. Recht republikanisch müsste es gehalten werden.

JOHANNES GEYER: Wie weit geht man mit der Bestrafung der Kinder?

RUDOLF STEINER: Das ist natürlich ganz individuell. Am besten wäre es ja, wenn man so wenig wie möglich zu bestrafen brauchte. Man kann es vermeiden, Strafen herbeizuführen. Aber unter Umständen kann es auch einmal notwendig sein, dass man selbst ein bisschen prügelt. Aber man soll doch das Ideal befolgen, es zu vermeiden. Eigentlich sollte man die Ansicht haben, dass man die Dinge selber als Lehrer herbeiführt, dass weniger die Zöglinge sie herbeiführen als der Lehrer. Trotzdem gebe ich Ihnen zu, dass Rangen da sind, aber die Rangenhaftigkeit wird durch Strafe nicht besser. Das kann nur dadurch besser werden, dass man allmählich einen anderen Ton in die Klasse hineinkriegt. Dann werden die Rangen nach und nach auch wirklich verwandelt, wenn der Ton in der Klasse ein guter wird. Jedenfalls versuchen Sie, in der Bestrafung nicht zu weit zu gehen.

WALTER JOHANNES STEIN: Um dem Mangel an Lehrmitteln abzuhelfen, möchte ich vorschlagen, eine Organisation ins Leben zu rufen, die es uns möglich macht, zu Lehrmitteln zu kommen ohne zu große Kosten. Man könnte vielleicht die Anthroposophen bitten, uns zur Verfügung zu stellen, was sie selbst an Lehrmitteln haben. Wir sollten alles bekommen, was an anthroposophischen Facharbeiten schon da ist. Dann wäre es notwendig, dass wir Detailarbeiten bekommen. Der Lehrer kann nicht alles einzeln durcharbeiten, was an anthroposophischer Geistesarbeit schon da ist. Wir könnten dies vielleicht beim Kulturrat besprechen.

RUDOLF STEINER: Es ist projektiert gewesen, nach dieser Richtung hin dadurch etwas zu tun, dass man die Lehrer, die in der Gesellschaft sind, einmal als solche organisiert. Diese Sache hat Herr Schenkel in die Hand genommen. Erst hatte sie der Herr Dr. Kändler in Greiz, der hat sie abgegeben. Jetzt hat sie der Herr Schenkel in Tübingen. Es besteht also der Plan, alles, was anthroposophisch vorliegt, in irgendeiner Weise fruchtbar zu machen für den öffentlichen Unterricht oder [für] den Unterricht überhaupt. Vielleicht könnte man anknüpfen an diese bestehende Organisation der Lehrerschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft.

WALTER JOHANNES STEIN: Wir brauchen auch Lebenskunde über die verschiedenen Wirtschaftsgebiete. Da dachte ich, dass in der Waldorfschule der Grund gelegt werden könnte für eine künftige Wirtschaftswissenschaft.

RUDOLF STEINER: Da muss man dann feststellen, wer für die einzelnen Punkte Gewährsmenschen sind. Das sind Leute, die Sinn haben, so etwas zu machen, die aber richtig praktische Fachmänner sind. Also es müssten sich nicht Leute finden, wie sie heute als Referenten angegeben werden, sondern richtig praktische Leute, die aber Sinn für unsere Sache haben. Solche Menschen müssten sich finden. Die müssten die einzelnen Zweige der Lebenskunde zusammenstellen. Ich glaube, wenn man es nur richtig machen würde, könnte nach dieser Richtung viel geleistet werden. Aber Sie haben als Lehrer im ersten Jahr viel zu tun und können sich nicht zersplittern. Das müssten Sie schon durch andere besorgen lassen. Es müsste eine solche Organisation ernsthaft gemacht werden, wie diese Kändlerische ist. Ich weiß nicht, wie weit Schenkel dieser Sache gewachsen ist. Es darf keine Art von Fatzkerei und von Vereinsmeierei hineinkommen, sondern es muss in großem Umfang sachlich gemacht werden. Da müsste man Menschen aufrufen, die im praktischen Leben drinnenstehen.

WALTER JOHANNES STEIN: Herr van Leer hat schon geschrieben, dass er bereit wäre, das Nötige zu tun in dieser Richtung.

RUDOLF STEINER: Ja, der könnte schon helfen nach dieser Richtung.

WALTER JOHANNES STEIN: Er möchte noch Anleitung haben, damit er weiß, wie er die Sache auszugestalten habe.

RUDOLF STEINER: Es könnte da einmal eine Art Plan ausgearbeitet werden, wie das im Wesentlichen zu machen wäre. Herr Schenkel ist wohl nicht über das Theoretische hinausgegangen.

Solche Herren wie Herr van Leer und Herr Molt und auch andere Herren, [die im praktischen Wirtschaftsleben drinstehen, die] wissen, wie sie sich auf solche Fragen zu konzentrieren haben, wenn sie so etwas ausarbeiten. Da würde vielleicht die Lehrerschaft weniger leisten; das wird am besten geleistet werden, wenn man sich direkt an die Fachleute wendet. Das lässt sich vielleicht in Zusammenhang bringen mit den Kulturratsbestrebungen.

WALTER JOHANNES STEIN: Ich habe einen Aufruf verfasst gerade über diese Sache. Aber vielleicht ist es besser, dass Herr Molt das in Angriff nimmt.

RUDOLF STEINER: Ja, das müsste alles noch besprochen werden.

KARL STOCKMEYER: Wie kann man für den geologischen Unterricht einen Zusammenhang herstellen, oder wie kann man ein Bewusstsein davon geben, über den Zusammenhang der wirklichen Geologie mit der Akasha-Chronik?

RUDOLF STEINER: Da wäre es natürlich gut, wenn Sie es so machen würden, dass Sie den Kindern zunächst die Schichtenbildung zum Bewusstsein bringen, [dass Sie] den Kindern einen Begriff beibringen, wie die Alpen entstanden sind. Und [dass Sie dann] den ganzen von den Alpen ausgehenden Komplex behandeln: Pyrenäen, Alpen, Karpaten, Altai [und so weiter], was ja [die] eine Welle ist; [dass Sie] die ganze Welle den Kindern klarmachen. Dann die andere Welle, die von Nordamerika über Südamerika geht. Dann kriegt man [also] heraus diese eine Welle bis zum Altai, [bis zu] den asiatischen Bergen. Das ist eine Welle, die geht von Westen nach Osten. Dann haben wir [im Westen Amerikas] oben die nordamerikanischen und [unten] die südamerikanischen Gebirge. [Das ist die andere Welle, von Nord nach Süd. Die steht auf der ersten senkrecht darauf.)

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Von dieser Schichtung [und Gliederung] gehen wir aus, und da reihen wir dann die Vegetation und die Fauna an. Dann versuchen wir einfach die Westküste von Europa und die Ostküste von Amerika, die Fauna und Flora und die Schichtung zu studieren. Dann gehen wir dazu über, den Begriff davon hervorzurufen, wie der Osten von Amerika [Lücke in der Mitschrift] und bekommen, dass der Atlantische Ozean und der Westen von Europa zusammenhängen, [und] dass das [Becken des Atlantischen Ozeans und die Westküste von Europa] einfach Senkungsland ist. Von diesen Begriffen aus versuchen wir dann auf naturgemäße Weise klarzumachen, dass sich das [im Rhythmus] auf und ab bewegt. Von dem Begriff des Rhythmus gehen wir aus. Wir zeigen, dass die britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen sind. Da kommen wir zurück zu dem Begriff der alten Atlantis, auf geologischem Wege.

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Dann können wir übergehen, indem wir versuchen, in den Kindern die Vorstellung hervorzurufen, wie es anders war, als das [eine] da unten war und das [andere] da oben. Wir gehen davon aus, dass die britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen sind. Das ist einfach geologisch festzustellen an den Schichten. Wir versuchen also, diese Dinge in Zusammenhang zu stellen, aber wir dürfen nicht davor zurückschrecken, bei den Kindern von dem alten atlantischen Land zu sprechen. Wir dürfen das nicht überspringen. Auch im geschichtlichen Zusammenhang können wir daran anknüpfen. Nur werden Sie dann die gewöhnliche Geologie desavouieren müssen. Denn die atlantische Katastrophe muss ja im 7. bis 8. Jahrtausend angesetzt werden.

Die Eiszeit, das ist die atlantische Katastrophe. Die ältere, mittlere und neuere Eiszeit, das ist nichts anderes als das, was vorgeht in Europa, während die Atlantis untersinkt. Das ist gleichzeitig, also im 7., 8. Jahrtausend.

WALTER JOHANNES STEIN: In Pierers Konversationslexikon fand ich die Artikel [über Geologisches]: Geologische Formationen, Basalt, Alluvium und Eiszeit, Darwinismus, Alchemie. Wir möchten gerne wissen, welche Artikel wirklich von Ihnen sind. Es wäre für uns wesentlich, das zu wissen, weil wir dann wissen: Wir können uns an das halten, was dort steht.

RUDOLF STEINER: Diese Artikel sind von mir geschrieben, aber die Redaktion bei dem Zustandekommen des Lexikons war so, dass da zwei Redakteure waren. Es kann unter Umständen etwas hineingepatzt sein; ich kann nicht für die Einzelheiten garantieren. Der Artikel Basalt, Alluvium, Geologische Formationen, Eiszeit, das ist alles von mir. Der Artikel über Darwinismus ist nicht von mir. Der Artikel über Alchemie auch nicht. Nur streng die geologischen und mineralogischen, bis zu einem gewissen Buchstaben. G ist noch von mir; H nicht mehr, weil ich keine Zeit hatte.

WALTER JOHANNES Stein: Der Anschluss ist sehr schwer zu finden hinter der Eiszeit. Man fragt sich: Wie ist da das, was die Wissenschaft sagt, in Parallele zu bringen mit dem, was die Geisteswissenschaft vertritt?

RUDOLF STEINER: Da finden Sie aber in den Zyklen Anhaltspunkte. [Sie haben in der Tertiärzeit] die erste und zweite Säugetierfauna, und Sie brauchen bloß das zu ergänzen, was über den Menschen gilt. Sie können das schon parallelisieren. Die [Tertiär]zeit können Sie gut mit der Atlantis parallelisieren, und die [Sekundär]zeit können Sie parallelisieren im Wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem, was ich schildere als die lemurische Zeit. Da würde also die [Sekundär]zeit hineinkommen. Da haben Sie die älteren Amphibien und Reptilien. Da ist auch der Mensch noch in der äußeren Gestalt nur quallig da in der Substanz; er ist nur amphibienhaft gestaltet. [Siehe Hinweise.]

WALTER JOHANNES Stein: Da ist noch Feueratmung!

RUDOLF STEINER: Aber diese Biester, die atmen ja auch Feuer, der Archäopteryx zum Beispiel.

WALTER JOHANNES STEIN: Also die Tiere, deren Knochen man heute im Museum sieht, die atmeten noch Feuer?

RUDOLF STEINER: Ja, alle die zu den Sauriern gehören, die gehören in das Ende der [Sekundär]zeit. Die im Jura gefundenen, das sind schon die Nachkommen. Ich meine die Saurier, die im Anfang der [Sekundär]zeit da waren. Die Juraformation erstreckt sich weiter fort. Es schiebt sich da alles ineinander. Nichts ist pedantisch zu behandeln. Vor dem tertiären [liegt] das Sekundärzeitalter; da gehört der Jura hinein. Da gehört der Archäopteryx hinein. Aber das würde bei uns schon die zweite Periode werden. Man muss nicht pedantisch das eine dem anderen zuordnen. [Siehe Hinweise.]

WALTER JOHANNES STEIN: Wie ordnet sich ein, was wir über das Erdinnere gelernt haben? Darüber findet man fast nichts in der äußeren Wissenschaft.

RUDOLF Steiner: Das, worüber die äußere geologische Wissenschaft überhaupt handelt, [bezieht sich] ja nur [auf] die allerobersten Schichten. Diese Schichten, die bis zum Mittelpunkt der Erde gehen, die haben ja mit der Geologie nichts zu tun.

HERTHA KOEGEL: Kann man diese Schichten den Kindern beibringen? Man muss doch die oben aufliegenden Schichten erwähnen? RuDoLr STEINER: Ja, möglichst die Schichten angeben. Man kann es nach einer Schichtenkarte machen, aber niemals ohne dass die Kinder etwas wissen von den Gesteinsarten. Die Kinder müssen die Anschauung bekommen, was das für Steine sind. Bei der Erklärung fängt man an von oben herunter, weil man da leichter vermitteln kann, was da durchbricht.

KARL STOCKMEYER: Auch der Satz von der Erhaltung der [Energie] und die Wärmelehre bereiten Schwierigkeiten.

RUDOLF STEINER: Warum gibt es da Schwierigkeiten? Das Bestreben müsste sein, diese Dinge allmählich hinüberzuführen zu dem, was Goethe das Urphänomen nennt, also nur Phänomene zu behandeln. Der Satz von der Erhaltung der Energie dürfte nicht behandelt wer den wie bisher. Er ist ein Postulat, kein Satz. Und zweitens ist hier etwas ganz anderes: Das Spektrum kann man behandeln, das ist das Phänomen; aber der Satz von der Erhaltung der Energie wird als philosophischer Satz behandelt. Etwas anders ist das mechanische Wärmeäquivalent zu behandeln. Das ist das Phänomen. Warum nun nicht streng innerhalb der Phänomenologie stehen bleiben? Zum Beispiel, ich will sagen, man arbeitet [heute] solche Gesetze heraus, die eigentlich Phänomene sind. Da ist es ein Unfug, dass man das «Gesetz» nennt, wie zum Beispiel das Fallgesetz. Das sind Phänomene, das sind keine Gesetze. Und man wird finden, dass man die ganze Physik von sogenannten Gesetzen freihalten kann, sie in Phänomene verwandeln und in sekundäre [und] Urphänomene gruppieren kann. Die ganze Fall-Lehre, zum Beispiel, wenn man anfängt, die sogenannten Gesetze der Atwood’schen Fallmaschine zu beschreiben, so sind das Phänomene und keine Gesetze.

KARL STOCKMEYER: Da müsste man wohl so vorgehen, dass man das Phänomen behandelt bei der Atwood’schen Fallmaschine und was rechnerisch damit zu machen ist, dass eben in neuem Sinne eine rechnerische Beschreibung gemacht wird. Also dürfte man nicht so vorgehen, dass man das Fallgesetz zugrunde legt, zum Beispiel die Konstanz der Beschleunigung - die kriegt man ja heraus -, und daraus das Fallgesetz entwickelt, sondern [dass man] es als Tatsache behandelt.

RUDOLF STEINER: Zeichnen Sie es doch einfach auf, wenn Sie keine Fallmaschine haben. In der ersten Sekunde fällt es so, in der zweiten so, in der dritten so. Da kriegen Sie einfach die Zahlenreihen, und aus denen machen Sie das, was man das Gesetz nennt, was aber nur ein Phänomen ist.

WALTER JOHANNES STEIN: Über die Schwerkraft sollte man also gar nicht reden?

RupoLr STEINER: Das würde ja wunderbar sein, wenn Sie es dahin brächten, sich ganz abzugewöhnen, von der Schwerkraft zu reden. Man kann es dahin bringen, wenn man nur Phänomene vorbringt. Das wäre das Schönste, denn die Schwerkraft ist ja nur eine Phrase.

KARL STOCKMEYER: Gilt das auch von der elektrischen Kraft?

RUDOLF STEINER: Heute können Sie ja über Elektrizität ganz reden, ohne von Kräften zu reden. Sie können streng in Phänomenen drinnen stehen bleiben. Bis zur Ionen- und Elektronentheorie können Sie herunterkommen, ohne von etwas anderem als von Phänomenen zu reden. Das würde pädagogisch ungeheuer wichtig sein, das zu machen.

KARL STOCKMEYER: Es ist sehr schwer, ohne Kräfte auszukommen, wenn man das Maßsystem behandelt, das C-G-S-System, das man zum Beispiel in den oberen Klassen haben muss.

RUDOLF STEINER: Was haben denn die Kräfte damit zu tun? Wenn Sie Rechnungen haben, wo Sie eines mit dem anderen vertauschen können, können Sie es ja haben.

KARL STOcKMEYER: Dann würde man vielleicht für das Wort Kraft etwas anderes setzen müssen.

RUDOLF STEINER: Sobald der Zögling sich klar ist darüber, dass Kraft nichts weiter ist als das Produkt von Masse und Beschleunigung, sobald er keinen metaphysischen Begriff damit verbindet, sie also immer phänomenologisch behandelt, kann man ja von Kraft reden.

WALTER JOHANNES STEIN: Könnten wir etwas Näheres über Planetenbewegung hören? Es ist vieles angedeutet worden, aber es gibt keine klare Vorstellung über die wahre Bewegung der Planeten und der Sonne.

RUDOLF STEINER: Das [wohl auf eine herkömmliche Zeichnung des Sonnensystems weisend] ist etwas, was in das Statuarische gehört. Das ist eigentlich so in Wirklichkeit:

Rudolf Steiner demonstriert an der Zeichnung.

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Jetzt muss man einfach sich vorstellen, das schraubt sich fort. Das andere ist scheinbare Bewegung. Die Schraubenlinie setzt sich im Weltenraum fort. Also nicht, dass sich die [Planeten] um die Sonne bewegen, sondern diese drei: Merkur, Venus, Erde, ziehen der Sonne nach, und diese drei: Mars, Jupiter, Saturn, gehen voraus. Dadurch wird hervorgerufen, wenn also die Erde da steht, das hier ist die Sonne, da zieht die Erde nach. Da sieht man so hin auf die Sonne von hier aus, und das bewirkt, dass es ausschaut, als wenn die Erde herumgehe, während sie nur nachzieht. Die Erde zieht der Sonne nach. Die Steigung ist gleich dem, was man den Deklinationswinkel nennt; wenn Sie den Winkel, den Sie herausbekommen, wenn Sie den Ekliptikwinkel nehmen, den sie einschließt mit dem Äquator, dann kriegen Sie das heraus. Also nicht eine Spirale, sondern eine Schraubenlinie. Es ist nicht eben, sondern räumlich.

WALTER JOHANNES STEIN: Wie steht jetzt die Erdachse in dieser Bewegung?

RUDOLF STEINER: Wenn die Erde hier sein würde, würde die Erdachse eine Tangente sein. Der Winkel ist 23% Grad. Der Winkel, der mit der Schraube eingeschlossen wird, ist derselbe, den Sie herauskriegen, wenn Sie den Nordpol nehmen, und da diese Lemniskate machen als Bahn eines der Sterne in der Nähe des Nordpols. Das müsste ich konstatieren. Da bekommt man eine scheinbare Lemniskate heraus, wenn man diese Linie verlängert. Sie ist nicht vorhanden, weil der Nordpol fix bleibt, der Himmelsnordpol.

WALTER JOHANNES STEIN: 1413 passierte doch eine besondere Konstellation?

RUDOLF STEINER: Ich habe heute darauf hingedeutet. Es ist das so, dass Sie nehmen können etwa 7000 Jahre vor 1413. Da bekommen Sie heraus ein Zusammenfallen der Erdachse, also den kleinsten Winkel. Dann wird er größer, und dann jetzt wiederum kleiner zunächst; dadurch entsteht die Lemniskate. Also zeitweilig ist der Erdwinkel null. Also dann war die atlantische Katastrophe. Da waren nicht diese Jahreszeitenunterschiede. Da war immer Tagundnachtgleiche.

KARL STOCKMEYER: Wie kommt es, dass der Himmelspol, der nichts anderes ist als der Punkt, auf den sich die Erdachse hinrichtet, gleich bleiben soll? Er ändert sich doch im Laufe der Jahre.

RUDOLF STEINER: Das ist eben dadurch bewirkt, dass die Erdachse einen Kegel beschreibt, einen Doppelkegel. Dadurch wird fortwährend seine Bewegung ausgeglichen durch die Bewegung der Erdachse. Wenn Sie die Erdachse immerfort parallel zu sich hätten, dann würde der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben, aber er bleibt, wo er ist. Das geschieht dadurch, dass durch die Bewegung der Erdachse im Doppelkegel aufgehoben wird diese Bewegung, die dadurch herauskommt, dass der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben würde; die wird dadurch aufgehoben.

KARL STOCKMEYER: Ich hatte mich eingestellt auf eine Bewegung der Erdachse, die Sie beschrieben haben. Ich sagte mir, es muss sich am Himmel scheinbar der Punkt, der am Himmel fix bleibt, im Laufe der Jahrhunderte ändern. Das würde sein, glaubte ich, im Sinne der Lemniskate, also nicht etwa ein Kreis am Himmel im platonischen Jahr.

RUDOLF STEINER: Das wird dadurch aufgehoben, dass diese Linie, die Achse der Schraube, nicht eine wirkliche Gerade ist, sondern eine Kurve. Das ist nur annähernd eine Gerade. In Wirklichkeit wird hier auch ein Kreis beschrieben. Man hat es zu tun mit einer Schraube, die eigentlich zu ihrem Gewinde einen Kreis hat.

KARL STOCKMEYER: Wie ist es möglich, das in Zusammenhang zu bringen mit dem Galilei’schen Relativitätsprinzip? Mit der Tatsache, dass wir keine absolute Raumbewegung feststellen können?

RUDOLF STEINER: Was heißt das?

KARL STOCKMEYER: [Dass wir] nicht von der absoluten Bewegung im Raum sprechen können. Wir können nicht sagen: Dieser Körper steht im Raum still, sondern er bewegt sich. Es ist nur relativ. Wir können nur wissen, dass ein Körper sich zum anderen hinbewegt.

RUDOLF STEINER: Dies gilt eigentlich nur, solange man die Untersuchung nicht ausdehnt auf das Innere des betreffenden Körpers. Also, nicht wahr, wenn Sie zwei Menschen haben, die zueinander relativ in Bewegung sind, so können Sie, solange Sie rein mathematisch räumlich untersuchen und den Untersuchungspunkt außerhalb der betreffenden Menschen nehmen - es kann Ihnen gleichgültig sein, was absolut vorgeht -, Sie werden nur die Relativität der Bewegung bekommen. Aber dem Menschen ist es nicht gleichgültig. Zwei Meter zu laufen, ist ein anderes, als drei Meter zu laufen. Das Prinzip gilt also nur für den Beobachter, der außerhalb steht. In dem Augenblick, wo er drinnen steht, wie wir [es tun] als Erdenmenschen - sobald die Untersuchung beginnt, die innere Veränderung einzubeziehen, dann hört die Sache auf. In dem Augenblick, wo wir Untersuchungen so machen, dass wir absolute Veränderungen feststellen in den aufeinanderfolgenden Erdenepochen, hört die Sache auf.

Deshalb betone ich so scharf, dass der Mensch heute ganz anders ist als in der Griechenzeit. Da kann man nicht vom Relativitätsprinzip sprechen. Bei dem Eisenbahnzug auch nicht; beim Schnellzug werden die Wagen mehr abgenützt als beim Bummelzug. Wenn man beim inneren Zustand ankommt, hört das Relativitätsprinzip auf. [Das Relativitätsprinzip Einsteins ist aus unrealem Denken entsprungen. Er fragte, was geschieht], wenn eine Uhr anfängt, fortzufliegen mit der Lichtgeschwindigkeit und wieder zurückkommt; dann geschieht das und das. Nun möchte ich fragen, was mit einer Uhr überhaupt geschehen würde, wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit fortflöge. Das ist doch unreal gedacht. Das ist aus dem Zusammenhang. Es sind bloß die Raumverhältnisse gedacht. Das ist seit Galilei möglich geworden. Galilei selber hat die Sache noch nicht so verzerrt, aber heute ist schon durch diese Überspannung der Relativitätstheorie möglich geworden, dass man solche Sachen vorbringt. KARL STOCKMEYER: Es ist eine Merkwürdigkeit beim Licht, dass man bei der Lichtgeschwindigkeit nicht feststellen kann, in welcher Bewegungsbeziehung man sich zur Lichtquelle befindet.

RUDOLF STEINER: Lorentz’scher «Versuch». Lesen Sie die Sache durch - sie ist interessant, aber theoretisch behandelt, was Lorentz daraus schließt. Es ist nicht nötig, dass Sie es annehmen, dass da bloß Relativitätsunterschiede sind. Da kommt man aus mit der absoluten Mechanik. Sie haben wahrscheinlich nicht alle diese Zwangsvorstellungen berücksichtigt. Es ist kein Unterschied als ein solcher, der hervortreten würde, wenn Sie eine Röhre nehmen würden (Zeichnung) und Sie würden also hier in dieser Röhre eine schr feine Wandung haben, eine elastische Wandung. Und Sie würden oben und unten eine Flüssigkeit haben und dazwischen auch. Da würden sich zwischen diesen zwei Flüssigkeiten dieselben Verhältnisse ergeben, wie sie sich bei Lorentz für das Licht ergeben. Da muss man mit der Zwangsinterpretation auftreten, wenn man diese Dinge so nehmen will.

Sie kennen ja wohl das Prachtstück: Sie bewegen sich in einem Eisenbahnzug zunächst mit der Geschwindigkeit eines Eisenbahnzuges und lassen eine Kanone losschießen, so hören Sie sie einmal in Freiburg, zweimal in Karlsruhe, dreimal in Frankfurt. Wenn Sie sich schneller bewegen, als die Schallbewegung ist, so hören Sie zuerst die drei Schüsse in Frankfurt, nachher erst die zwei Schüsse in Karlsruhe und nachher einen Schuss in Freiburg. Solche Sachen kann man ausspekulieren, aber sie haben keine Realität, weil Sie sich eben nicht schneller bewegen können als die Schallgeschwindigkeit.

WALTER JOHANNES STEIN: Wie könnte man das Astronomische herausarbeiten durch die Spiralbewegung der Pflanzen? Ist eine solche Vorrichtung möglich, dass man das herausbeweisen kann aus der Pflanze?

RUDOLF STEINER: Was brauchen Sie eine Vorrichtung? Die Pflanzen sind doch selbst diese Vorrichtung. Sie haben nur nötig, das Pistill, den Stempel der Mondenbewegung zuzuordnen, und die Narbe der Sonnenbewegung. In dem Augenblick, wo Sie zuordnen das Pistill der Mondenbewegung und die Narbe der Sonnenbewegung, kriegen Sie das Übrige heraus. Dann haben Sie in der Spiralbewegung der Pflanze nachgeahmt das relative Verhältnis zwischen dem, was Sonnenbewegung ist, und dem, was Mondenbewegung ist. Dann können Sie weitergehen. Das ist kompliziert. Sie müssen es konstruieren. Zunächst bewegt sich scheinbar das Pistill nicht. Es bewegt sich innerhalb, in der Spirale. Das müssen Sie umkehren; das ist relativ. Der Stempel gehört in die Stängellinie, die Narbe in die Spiralbewegung. Ich glaube aber - man kann das schwer weiter andeuten -, das können Sie in der Schule nicht brauchen. Das ist eine Sache der weiteren Erkenntnisentwicklung.

KARL STOCKMEYER: Gibt es keine Möglichkeit, diese Spiralbewegung der Sonne und der Erde aus astronomisch bekannten Tatsachen herzuleiten?

RUDOLF STEINER: Warum nicht? Genau wie sie die kopernikanische Lehre heute lehren. Das Ganze beruht auf dem Witz, der gemacht wird, dass von den drei kopernikanischen Gesetzen bloß die beiden ersten gelehrt werden; das dritte wird weggelassen. Fügen Sie das dritte hinzu, dann kommen Sie zu dieser Sache, dass Sie eine einfache Spirale um die Sonne bekommen. Kopernikus hat sie gemacht. Sie brauchen bloß sein drittes Gesetz zu nehmen. Sie brauchen bloß das Buch «De revolutionibus corporum coelestium» wirklich richtig zu nehmen, und brauchen drei Gesetze statt der zwei zu nehmen. Man hat nur die zwei genommen, das stimmt aber nicht mit den Bewegungen, die man sieht. Da fügt man die sogenannten Bessel’schen Korrekturgleichungen ein. Man sieht die Sterne nicht, wie sie von Kopernikus angegeben werden. Da muss man das Fernrohr drehen; da dreht man nach Bessel’schen Gleichungen. Sie brauchen das nur auszuschalten, dann kriegen Sie das Richtige heraus.

Das dürfen Sie aber heute nicht machen, sonst werden Sie ganz vertrackt genannt. Es ist aber kinderleicht, es zu lernen, und das, was heute gelehrt wird, als Humbug zu erklären. Man braucht bloß die Bessel’schen Taggleichungen herauszuwerfen und das dritte kopernikanische Gesetz zu berücksichtigen.

WALTER JOHANNES STEIN: Könnte man das nicht veröffentlichen, dann würden die Leute doch sehen, was sie für Idioten sind!

RUDOLF STEINER: Johannes Schlaf hat damit angefangen, indem er die Punkte am Jupiter konstatiert hat, die stimmen nicht im Verlauf mit dem kopernikanischen System. Die Leute sind über ihn hergefallen und sagten: Das ist ein verrückter Kerl.

Gegen die brutale Gewalt ist eben nichts zu machen. Realisieren Sie die Bestrebungen des Kulturrates, dass es Luft gibt. Die Sachen sind schlimmer, als man denkt. Wenn ein Professor in Tübingen aus dem Warencharakter einen «wahren Charakter» machen kann! Das Publikum will sich nicht dazu entschließen, anzuerkennen, dass unser ganzes Schulsystem korrupt ist. Das ist etwas, was zunächst einmal gang und gäbe werden muss, dass unsere Universitäten weg müssen, dass die höheren Schulen weg müssen. Die müssen ersetzt werden durch etwas ganz anderes. Das ist die eigentliche Grundlage.

Es ist ganz unmöglich, mit den Kerlen etwas zu machen. Ich sprach in der Volkshochschule in Dresden. Ich sprach dann auch in der Schopenhauer-Gesellschaft in Dresden. Da haben nachher die Professoren richtiges Blech geredet. Nicht einen Gedanken konnten sie festhalten. Einer stand auf und sagte, er müsse die Unterschiede angeben, die zwischen der Schopenhauer’schen Philosophie und der Anthroposophie bestehen. Ich sagte, ich fände das unnötig. Anthroposophie verhalte sich zur Philosophie wie die Krone zur Wurzel eines Baumes. Dass zwischen der Wurzel und der Krone ein Unterschied besteht, ist selbstverständlich. Da kann sich einer hinstellen und sagen: Er ist genötigt, den Unterschied zwischen Wurzel und Krone festzustellen, und ich habe doch nichts anderes behauptet. Die Kerle können keinen geraden Gedanken fassen. Die heutige Universitätsphilosophie ist geradezu Unsinn. Es ist ja in vielem, was sie bringt, ein richtiger Kern, aber mit so viel Humbug verknüpft, dass doch Unsinn herauskommt. Die «Wertlehre» von Rickert kennen Sie doch? Das bisschen, was darinnen steckt als guter Kern in der Universitätsphilosophie, Sie finden es angeführt in meinen «Rätseln der Philosophie».

Mit dem «wahren Charakter», das kommt mir gerade so vor wie etwas anderes: Ich habe Leute in der Gesellschaft gefunden, die wussten nicht, was Gewerkschaften sind. Ich habe es oftmals betont: Diese Dinge kommen vor. Wenn man im Kulturrat sachgemäß wirken würde, würde man die Vernunft anstelle dieser schrecklichen Betriebe setzen, dann würde alles besser werden. Dann könnten Sie auch vernünftige Astronomie lehren. Sie können aber der brutalen Macht gegenüber nicht aufkommen. Im Kulturrat könnte das geschehen, was von Anfang an geschehen sollte: dass er sein Programm wirklich aufnehme und dahin arbeite, das ganze Schulwesen in die Hand zu nehmen. Die Waldorfschule ist eingerichtet als Musterbeispiel. Sie kann aber auch nichts machen der brutalen Gewalt gegenüber. Der Kulturrat hätte die Aufgabe, das ganze Unterrichtswesen umzugestalten. Wenn wir zehn Millionen hätten, könnten wir die Waldorfschule ausbauen. Das sind ja nur «kleine Hindernisse», dieses Fehlen von zehn Millionen.

Mir liegt es ungeheuer auf der Seele, dass Sie sich nicht abschrecken lassen durch etwas, was Ihnen als Objektivität entgegentritt durch Ungezogenheit der Kinder und dergleichen. Sie dürfen nicht die Vorstellung haben, dass Sie Engel in die Schule kriegen. [Auch] kann Ihnen viel, viel danebengelingen dadurch, dass Sie das Schulmaterial nicht so haben, wie es sein muss. Trotzdem wollen wir aber streng an dem festhalten, was wir uns vorgesetzt haben, und wollen uns durch nichts abhalten lassen, so gut es geht, es zu erreichen.

Das ist also sehr wichtig, dass Sie praktisch auseinanderhalten das, was möglich ist nach den äußeren Bedingungen, die vorhanden sind, und das, was die Stoßkraft geben soll. Wir dürfen nichts anderes glauben, als dass unsere Ideale verwirklicht werden können. Sie können es auch, es zeigt sich nur nicht gleich.

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