Faculty Meetings with Rudolf Steiner I

GA 300a — 1 January 1920, Stuttgart

Sechste Konferenz

Steiner war vom 18. Dezember bis zum 4. Januar 1920 ununterbrochen in Stuttgart. Neben den drei Konferenzen fanden zwei große Kurse (GA 320 und GA 299) statt sowie öffentliche und Mitgliedervorträge, dazu Beratungen darüber, was später der «Kommende Tag» werden sollte.

Für alle war es eine intensive Zeit. Die Lehrer entschlossen sich kurzerhand, die Ferien um eine Woche zu verlängern, und berichteten das den Eltern. Sie vergaßen dabei, den Schulverwalter Stockmeyer zu informieren. Als dieser zu angegebener Zeit am 13. Januar zur Schule ging, war die Schule still und leer.

Der Krankenstand bei den Lehrern war in diesen Anfangsmonaten erheblich. Trotz des Enthusiasmus war eine gewisse Erschöpfung eingetreten.

Themen: Hausaufgaben. Über das Lesen und Vorlesen. Menschenkundliches. Geschichte für das 7. und 8. Schuljahr. Fragen zur Einrichtung des 9. Schuljahres.

Bemerkungen: Am 26. und 27. Dezember, mitten im ersten naturwissenschaftlichen Kurs, hatte Steiner diejenigen Kinder kommen lassen, die den Lehrern am meisten Schwierigkeiten bereiteten. In dieser Konferenz wurden die Ergebnisse besprochen. Steiner sah keine großen Probleme, kein Kind wurde aus seiner Klasse herausgenommen, keines zurück- oder hinaufversetzt. Das Wichtigste sei doch, dass man sich für die Kinder interessiere und dass man den Mut habe, den Unterricht unerschrocken weiterzuführen.

Zum 9. Schuljahr gab es noch keinen Lehrplan; er sollte aus den Ergebnissen des 8. Schuljahresentwickelt werden.

Vorsitz: Rudolf Steiner.

RUDOLF STEINER: [Heute würden wir vor allem die] Besprechung [haben] über die vorgeladenen Sorgenkinder.

[Bei dem] M. H. [ist es notwendig, dass man ihn] möglichst oft vornimmt.

Die E. S. [wird] viel gefragt werden müssen.

[Einigen Kindern in der] 4. Klasse [kann man besondere] Übungen [geben, zum Beispiel] dem E. E. einen Spruch wie: «Im Lernen erwirbt der Mensch sich Lebenskraft.» Dies können Sie ihn immer morgens im Lauf der ersten Stunde sagen lassen.

[Für] den R. M.: «Ich will achtgeben auf mich im Sprechen und Denken.»

[Für] die A. S.: «Ich will achtgeben auf mich im Sprechen und Handeln.»

[In der] 5. Klasse [ist] der A. H., [den sollte man] Verschmitztes zeichnen lassen, [zum Beispiel eine] Linie, die sich verschlingt und sich selber wiederfindet. [Er könnte auch] eurythmische Formen zeichnen. Aufsagen [sollte er]: «Lernen, aufmerksam sein, Fleiß entwickeln, es sei mir ins Herz geschrieben.»

Die E. E. [in der] 7. Klasse [müsste man] zwingen, recht genau und langsam zu folgen. Genau und in langsamer Folge soll sie hören, was man ihr vorbringt. [Das soll ein] anderes Tempo [haben] als ihr eigenes sprunghaftes Denken. [Einen] Satz mit ihr zusammen denken: «Ich [will] mit dir denken.» Nur [dabei] doppelt so langsam denken, wie sie selbst [es tut].

Der O. W. [in der] 8. Klasse [ist] schläfrig, [ein] seelischer Regenwurm. Die Schläfrigkeit kommt daher, dass die Menschen an den Dingen vorbeigehen und sich nicht darum kümmern. [Er] soll niemand schaden durch Allotria [und soll] niemandes Aufmerksamkeit stören.

[Bei] Denkträgheit, [wie] in der 3. Klasse, [kann man zum Beispiel einen Satz wie] «Der Baum grünt» umkehren lassen in «Es grünt der Baum» und so weiter, [sodass sie] rasch den Gedanken umkehren [müssen].

[Der] Gesamteindruck [ist: Sie sollen] trotz aller Hindernisse den unerschrockenen Mut haben, den Unterricht zu führen.

[Die in diesem Jahr noch verbliebene] Zeit ist kurz, und es ist noch vieles zu tun.

Es wird noch einmal vom Hort gesprochen. Die Klassenlehrer führten den Nachmittagshort abwechselnd, jeder einen Tag in der Woche.

RUDOLF STEINER: Es muss vermieden werden, dass die Kinder Vergleiche ziehen zwischen den Lehrern.

[Man sollte] achtgeben auf äußere physische Symmetrie [und] Asymmetrie bei Kindern und aufsuchen, was dem seelisch parallel geht. [Dazu muss man die] Eigentümlichkeiten der Kinder gut kennen.

[Es gibt die Erscheinung der] Flammensymmerrie, [das] Aufeinanderwirken der gleichgestimmten Schwingungen. Ellicot bemerkte solche Dinge zuerst [und] hat darüber gearbeitet. Was der Lehrer denkt, wirkt auf die Schüler, wenn der Lehrer wirklich dabei ist. Die Hauptsache ist, dass man sich für jeden Schüler interessiert.

HERTHA KOEGEL fragt nach der Bewältigung des Lehrstoffes und nach Hausaufgaben.

RUDOLF STEINER: Hausaufgaben sollten als freie Aufgaben gegeben werden, nicht [als] Pflichthausaufgaben: «Wer’s machen will!»

Frage nach einem Lesebuch.

RUDOLF STEINER: Beim Lesen müssen nicht [immer] alle Kinder mitlesen. [Man kann] ein Lesestück mitbringen und es herumgebend lesen lassen, ohne dass die anderen mitlesen. Aber es sollte möglichst wenig gelesen [werden], was nicht sicher gut verstanden wird. Es wird noch zu viel von den Lehrern vorgelesen. [Man dürfte] nichts vorlesen, das man nicht bis ins einzelne Wort hinein kennt durch genaue Vorbereitung.

Es wird eine Frage gestellt nach dem Modellierunterricht.

RUDOLF STEINER: [Man könnte eine] Säule von [einer] bestimmten Seite [her] als Vorlage [nehmen, aber man darf] bei einem [solchen] Motiv die Kinder nicht zum sklavischen Nachahmen verleiten. [Die Kinder] zwingen zum Beobachten, [aber] sie das [Motiv] abändern lassen!

WALTER JOHANNES STEIN: Wie weit soll ich die Geschichte weiterführen, ehe ich zu etwas anderem übergehe? [Ich bin in der] 7. [Klasse mit der römischen Geschichte] bis zum Ende der Königszeit [und] in der 8. bis zu den Punischen Kriegen [gekommen].

RUDOLF STEINER: Mit großem Schwung bis zum Christentum [kommen und] dann zwei Monate Deutsch nehmen; Goethe und Schiller in der 8. Klasse.

Rudolf Steiner erzählt die Anekdote: [Ein Kind wird gefragt, wer] Goethe und Schiller [seien. - «Ach, das sind die] zwei Gipsfiguren, [die bei uns auf dem Klavier stehen].»

In der 8. [Klasse sollte] im Deutschen anderes [durchgenommen werden] wie in der 7.

Die Lehrer [sollten] Aufsätze schreiben für die [Zeitschrift] «Soziale Zukunft», Beiträge aus ihrer pädagogischen Erfahrung [und] insbesondere Charakteristiken von Kindergemütern.

Vor Dittes, nach rückwärts, ist die pädagogische Literatur etwas wert. [Da] fängt sie an, etwas menschlicher zu werden.

KARL STOCKMEYER [vermutlich]: [Soll im nächsten Schuljahr eine] 9. Klasse [eingerichtet werden]?

RUDOLF STEINER: [Eine] 9. Klasse [wäre] sehr erwünscht. [Da ist dann] kein Schulgesetz mehr [da, und wir können] ganz spontan anfangen. Die 9. Klasse wird [dann] spontan geschaffen werden aus dem, was [das] Resultat der 8. Klasse ist.

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