Faculty Meetings with Rudolf Steiner II
GA 300c — 9 April 1924, Stuttgart
Vierundsechzigste Konferenz
Das fünfte Schuljahr war zu Ende gegangen, die Schüler verabschiedet, In Stuttgart fand eine öffentliche pädagogische Tagung statt, in der die Waldorflehrer Kurse gaben und auch Rudolf Steiner eine Vortragsreihe im Gustav-Siegle-Haus hielt (GA 308, Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens), Die Vorträge wurden von 1700 Teilnehmern verfolgt. Nach dem letzten Vortrag erhob das Publikum sich z.0 einer «nicht enden wollenden Ovation, und immer wieder kam Rudolf Steiner aufs Podium», Es stellte sich heraus, dass dies die letzten öffentlichen Vorträge Steiners in Deutschland waren. Den letzten Vortrag schloss er mit dem Spruch «Dem Stoff sich verschreiben...».
Am 10. April sprach Steiner zu den Schülern der 12. Klasse, der ersten Gruppe, die nach dem zwölften Schuljahr die Schule verließ.
Inmitten dieser Aktivitäten fand am 9. April eine Konferenz statt.
Themen: Unvollkornmenheiten bei den Zeugnissen. Stilfragen bei der Zeugnisgestaltung. Zu spät kommende Schüler. Mangelnde Präsenz der Lehrer am Morgen (Esoterik nicht als «Sündenbock gebrauchen».) Die Klassenverteilung für das sechste Schuljahr. Ein Zusatz-Abiturjahr. Die Freie Hochschule.
Bemerkungen: Steiner nannte ein zusätzliches Schuljahr über der 12. Klasse «die Presse» (davor: «Paukjahr») und stellte die Frage, ob dieses zusätzliche Jahr von den Schülern gewollt werden würde. Steiner wollte die Kollegin Maria RöschI zum Aufbau einer Jugendanthroposophie nach Dornach berufen. Sie sollte durch Felicia Schwebsch ersetzt werden.
RUDOLF STEINER: Die Abiturienten kommen morgen [um zwölf Uhr] [...] [Weitere Termine.]
Zur 12. Klasse sollen auch die in der Klasse beschäftigten Lehrer kommen.
Es ist ein Brief gekommen wegen zweier Zeugnisse, I. und E. S. [II]
RUDOLF STEINER: Ich habe den Eindruck, dass die Stilbehandlung der Zeugnisse eine etwas schlampige geworden ist. Das dürfte nicht sein, Wenn wir solche Zeugnisse ausstellen, wie besprochen worden ist, müssen wir uns Mühe geben, die Dinge so auszusprechen, dass man etwas damit machen kann. Das ist hier nicht der Fall in diesen beiden Zeugnissen. Zu meinem Schrecken habe ich bemerkt, dass da in der einen Rubrik der Name der Schülerin falsch geschrieben ist. Dazu gehört schon eine recht große, eigentlich nicht mehr mögliche Flüchtigkeit. Die beiden Zeugnisse haben mich sehr bedrückt. Es wird fast notwendig sein, diese Zeugnisse umzuschreiben. «Im Ganzen steht er nicht auf der Höhe» ist eine Wendung, die nicht zu gebrauchen ist. Gewiss, es ist schwierig, solche Zeugnisse zu machen, aber wenn wir nicht die Methode finden, müssen wir es ja lassen. Nicht wahr, es ist schwierig. Die Scheußlichkeiten der Noten, die sonst gegeben werden, haben ja das Eigentümliche, dass sie nicht in dieser Weise kritisiert werden können. — Ganz gewiss spielen da irgendwelche Hintergründe, aber ich kann nicht übersehen, dass diese Hintergründe ins Zeugnis hineinspielen. Gerade wenn der Fall vorliegt, dass die Kinder nach Amerika verpflanzt werden sollen, dann muss man, wenn man schon individualisiert, darauf Rücksicht nehmen. Mit diesem Zeugnis weiß ein Amerikaner nichts anzufangen. Wenn diese Kinder in eine amerikanische Schule kommen, wird das so werden, dass sie von Anfang an wie Parias behandelt werden. Jedenfalls müssen wir — es ist ja vielleicht nicht notwendig, den Fall besonders zu untersuchen —, jedenfalls meine ich, dass man die Zeugnisse etwas umschreiben muss. Man bekommt kein Bild von den Kindern [durch die Zeugnisse], und das ist doch die Absicht. Sie werden sehen, dass Sie die Zeugnisse doch [sol umstilisieren, das Sachliche braucht ja nicht verändert zu werden, das will ich gar nicht sagen, aber man müsste den Stil etwas anders wählen. Das Zeugnisschreiben müsste sorgfältiger geschehen, sonst haben diese individualisierten Zeugnisse nicht den Wert, den sie haben sollten.
jemand fragt: [Was kann gegen die Unpünktlichkeit [der Schüler getan werden]?
RUDOLF STEINER: Unpünktlichkeit morgens wirkt schlimm, auf den Unterricht. Wenn ich manchmal früh heraufgekommen bin, da hatte ich auch den Eindruck, als ob die Handhabung des Unterrichtsbeginnes morgens durchaus viel zu wünschen übrig lässt vonseiten der Lehrerschaft. Ich hatte den Eindruck, dass auf dem Korridor irgend-jemand sein sollte, damit die Kinder nicht dort Verstecken spielen und so weiter. Man braucht sich nicht zu wundern, dass die Kinder, wenn sie sich selbst überlassen bleiben, herumtollen. Das hätten wir alle auch getan. Es scheint mir schon etwas dahinterzustecken, was mich anleitet, es nicht für einen Zufall zu halten, dass die paar Male, wo ich dazu kam, überhaupt kein Lehrer zu sehen war.
Jemand bemerkt: [Es wird vor dem Unterrichtsbeginn gemeinsam der Wochenspruch gelesen.]
RUDOLF STEINER: Könnte das Lesen des Spruches nicht so ein-gerichtet werden, dass die Schule nicht darunter leidet? Es ist ein allgemeiner anthroposophischer Usus, dass die Esoterik sogar als eine Art von Sündenbock gebraucht wird. Esoterik ist dazu da, dass man sie nicht sieht. Da sieht man sie aber sehr stark, wenn dadurch zunächst alles drunter und drüber geht, weil die Lehrer sich in der richtigen Weise vorbereiten. Ich war auch [selbst einmal] anwesend, als der Spruch gesprochen worden ist; ich habe auch nicht gefunden, dass der Zulauf zu der esoterischen Vertiefung durch den Spruch so furchtbar groß war. Auch da habe ich sehr viele gesehen, die nicht da waren! Ich muss gestehen, ich glaube, dass das der Fall ist, dass die Lehrer zu spät aufstehen. Denn sehen Sie, der alte Spielhagen, der sagte: «Ich gehe nie von irgendeinem Diner weg, ohne dass ich der Letzte wäre.» [Für die Lehrer wäre der entgegengesetzte Grundsatz richtig], dass man der Erste in der Schule ist. Ich glaube nicht, dass das bei uns der Fall ist. Was haben Sie selbst für eine Ansicht darüber?
Es folgt die Verteilung der Klassen auf die einzelnen Lehre.
RUDOLF STE1NER: Wir beginnen den Unterricht am 30. [April].
[Klassenlehrer]
la Bernhardi, lb Fräulein Hofmann
2a Heydebrand, 2b Tilliss
3a Rutz, 3b Mellinger
4a Düberg, 4b C. Michels
5a Uhland, 5b Killian, 5c—
6a Hahn, 6b Naegelin, 6c Haebler<
7a Geyer, 7b Treichler
8a Boy, 8b Ruhtenberg
9 Strakosch
10 A, B —, 11., 12.
[Die neue Lehrkraft müsste Englisch oder Französisch unterrichten. Dr. Gaben Englisch, Deutsch, Geschichte.]
Religion: Fräulein Hofmann la, lb.
RUDOLF STEINER zur Vorbereitung des Religionsunterrichts: Nicht wahr, fortlaufend muss es ja doch sein.
Es kommt noch eines in Betracht, das ist das Folgende. Es ist eine Sache, die mit allerlei Entwicklungsmöglichkeiten unserer Anthroposophischen Gesellschaft, wie sie sich eben auswirken kann, zusammenhängt. Das ist dies, dass für die nächste Zeit Fräulein Dr. Röschl in Dornach übernehmen sollte eine Art von Aufgabe, die eigentlich notwendig ist, für die weitere pädagogische Arbeit zu lösen. Sie sollte dort Unterricht erteilen an unserer Fortbildungsschule für die Schüler dieser Fortbildungsschule, sodass eine Art von Jugend-Anthroposophie dadurch zustande käme. Also eine Art von Jugend-Anthroposophie. Ich habe ja oftmals davon gesprochen, dass die Anthroposophie, so, wie sie jetzt ist, eigentlich für Erwachsene ist, und dass gearbeitet werden sollte an der Anthroposophie der ersten Jugend. Für die erwachsene Jugend, was man den jungen Menschen nennt, ist Anthroposophie natürlich gut; es handelt sich um diejenige [Anthroposophie], die für die «Flegeljahre und Rüpeljahre» in Betracht kommt. Das würde ausgearbeitet werden müssen im wirklichen Unterricht. Dafür würde ich mit dem Dornacher Vorstand Dr. Röschl zunächst nach Dornach berufen. Nun kann das nur in der Form geschehen, dass Fräulein Dr. Röschl hier beurlaubt wird, weil niemand dort [in der Schweiz] angestellt werden kann, der nicht von dort ist. So würde Fräulein Dr. Röschl von hier das Gehalt beziehen. So ist es nötig, dass für Latein und Griechisch Ersatz geschaffen werden muss. Das ist dasjenige, was ich ihnen zuerst hier auf Wunsch von Dr. Röschl offiziell sagen sollte, sodass also zu sorgen wäre für einen Lehrer der 5. Klasse und für einen Lehrer für Latein und Griechisch. Fräulein Hofmann könnte auch die 11. Klasse im Religionsunterricht übernehmen.
Es wird noch einmal vorn Fall des Schülers R. M. berichtet, ein Brief mit acht Unterschriften wird vorgelesen, den Eltern geschrieben haben.
RUDOLF STEINER: Der Fall ist schwierig zu entscheiden. Das sind ja zunächst nur acht Namen, [aber wenn eine größere Anzahl der Eltern die Suspendierung des R. M. wünschen, wird man kaum darum herumkommen]. So ohne Weiteres die Kinder herauswerfen, ist eine Schwierigkeit, besonders wenn man die Kinder so lange hat wie den R. M. [Er war fünf Jahre hier.] In gewisser Beziehung werfen wir uns damit schon selber hinaus, denn es zeigt, dass wir [mit ihm] nichts haben anfangen können. Nun muss ich sagen: Die Arztrechnung beträgt nur fünfzehn Mark. Das ist ein objektiver Beweis, dass die Sache so schlimm nicht sein kann. Wir müssen sachlich bleiben, und sachlich sehe ich keinen so zwingenden Grund, den Jungen herauszuwerfen.
Es ist so, dass in dieser Klasse die selbstverständliche Autorität nicht da ist. G. B. stört mehr. Donnerstag um halb fünf sollen alle kommen. [Namen.]
Es ist ja so — diese Dinge sind nicht so ganz seriös zu nehmen —, einen ähnlichen Fall habe ich einmal erlebt in einer theoretischen Zeichenstunde, Der Lehrer war über das Zeichenbrett gebeugt und hatte einen sehr kurzen Rock an, und einer der Schüler applizierte ihm ganz gehörig hinten einen auf, schon auf den Körperteil, auf den
man sonst auch schlägt. Und der Lehrer drehte sich um und sagte nur: «Sie haben mich wohl mit einem anderen verwechselt!»
Hat sich nicht ein Mädchen S. gemeldet? Sie ist 17 Jahre alt. Die Mutter meint, sie legt keinen Wert auf das Abiturium.
Ich weiß nicht, ob wir eine Presse [den Abiturvorbereitungskurs nach der 12. Klasse] anfügen oder nicht. Das wäre für das nächste Schuljahr in Betracht zu nehmen. Dann würde es sich darum handeln, dass die Kinder die 12, Klasse mitmachen, Die prinzipielle Frage ist, ob wir die Waldorfschul-Methode bis zuletzt beibehalten und dann eine Presse anfügen. Dann würde es erst für das nächstfolgende Jahr in Betracht kommen. Denn die, die jetzt in die 12. kommen, müssten erst die 12. durchmachen.
Eigentlich kann sie nur in die 11. kommen, da sie Reife nur für Unterprima hat. Ich habe der Mutter gesagt, ich sähe gar kein Hindernis, wenn sie sich entschließen wird, sie erst in die eventuell einzurichtende Presse zu bringen, und wenn sie vorher hier in die 11. eintritt. Die Mutter sagte mir, das sei ihr gleich; sie lege kein Gewicht auf das Abitur. Auf der anderen Seite schien sie aber doch Gewicht darauf zu legen. Falls wir dazu kommen sollten, eine Presse einzurichten, müsste das Mädchen drei Jahre bleiben.
Die Presse wird auch die Schwierigkeit haben, dass die Lehrkräfte nicht ausreichen. Wir können nicht einfach noch eine weitere Klasse einrichten mit den Lehrkräften, die wir haben, Dann werden wir noch eine Anzahl von Lehrkräften haben müssen.
Es wird eine Frage gestellt nach der Freien Hochschule in Dornach.
RUDOLF STEINER: Das kann man sich ja überhaupt nicht so vorstellen zunächst. Das sind Sachen, die durch das Mitteilungsblatt schon erledigt sind. Die Hochschule in Dornach ist nicht so vorzustellen, als ob sie ein Ersatz für andere Hochschulen wäre, sondern nur, dass dort gelernt werden [kann], was die anderen Hochschulen nicht bieten. Das wäre gerade so, als ob man die Leute dazu führen würde, in Dornach Medizin zu studieren. Denken Sie, was das für eine Aufgabe wäre für Wachsmuth, in so vielen Ausgaben zu erscheinen, Es ist nicht so, dass man [die naturwissenschaftliche Sektion] gleich in eine ganze naturwissenschaftliche Fakultät verwandeln würde. Besonders, weil der Vorstand der naturwissenschaftlichen Sektion das jüngste Mitglied [des Vorstandes] ist. Der ohnehin nicht große Dr. Wachsmuth soll das leisten?
Fräulein Dr. Mellinger, meine ich, sollte in der Art beschäftigt werden, dass sie die Hälfte ihrer Zeit in Dornach ist, um die sozialökonomische Sache auszuführen, die dazumal gegeben ist. Es ist wirklich schon so, dass es eine Affenschande ist, dass die Dinge fortwährend gegeben werden und dann liegen bleiben. Der sozialökonomische Kurs liegt da, und nun würde es gut sein, wenn man hier einen Fonds einrichten könnte, aus dem Fräulein Dr. TvIellinger honoriert werden könnte; sodass sie hier Sozialökonomie vortragen könnte ein Vierteljahr im Hochschulkurs, das zweite Vierteljahr dann in Dornach arbeiten könnte.
Die Hochschule in Dornach ist da und muss auch wirklich in Aktion treten, muss etwas tun.
[Zu Fritz von Bothmer] Herr Strauss ist von Ihren Fangarmen umgeben.