Faculty Meetings with Rudolf Steiner II

GA 300c — 3 September 1924, Stuttgart

Siebzigste Konferenz

Rudolf Steiner war aus England kommend (Torquay und London) nach Stuttgart gereist, um die weitere Abwicklung des «Kommenden Tages» und die Vertragsabschlüsse durchzuführen. Der Waldorfschulverein pachtete das Schulgelände vom «Kommenden Tag».

Am Vormittag kamen die Ehemaligen aus der 12. Klasse des Vorjahres nach Stuttgart und berichteten Steiner von ihren Erfahrungen im leben.

Am frühen Abend war eine kurze Konferenz, und Steiner fuhr in der Nacht nach Dornach zurück.

Der September überbot an Arbeitsfülle alles Dagewesene. Das ging so bis zur Ansprache am 28. September. Steiner musste den Vortrag nach zwanzig Minuten abbrechen. Es war sein letztes öffentliches Auftreten.

Themen: Lehrer haben in allem, was Unterricht ist, volle Freiheit, aber nicht in dem, was die Verwaltung der Schule betrifft. Erläuterungen zum Geschichtsunterricht der 12. Klasse. Die Zukunft des Abiturs,

Bemerkungen: Die Ehemaligen hatten deutlich gemacht, wie wertvoll ihnen die Schule war. Die jetzige 12. Klasse wollte in diesem Abschlussjahr kein Abitur machen. Es wurde also ein Abiturvorbereitungsjahr als 13. Klasse (die aber nicht so heißen sollte) eingerichtet.

Steiner schloss die Konferenz mit dem Satz: «Ich will Vorträge halten im September oder in der ersten Oktoberwoche, über die moralische Seite der Erziehung und des Unterrichtes.; Es sollte nicht sein.

Es war Rudolf Steiners letzte Anwesenheit im Kreis der Lehrer; es war das letzte Mal, dass er in Stuttgart war, Am 28. September erkrankte er und wirkte fortan vom Krankernlager aus bis zu seinem Tod am 30. März 1925.

Vorsitz: Rudolf Steinen

RUDOLF STEINER: Ich bin zu meinem Leidwesen nur vorübergehend da, möchte aber doch die wichtigen Angelegenheiten besprechen. Ich muss morgen unbedingt in Dornach sein in Angelegenheiten des Goetheanumbaus.

PAUL BAUMANN fragt wegen Hospitationen.

RUDOLF STEINER: Die Lehramtspraktikanten kann man zulassen. Es wird notwendig sein, jeden Fall für sich zu behandeln. [Zu Hermann von Baravalle:] Da handelt es sich jetzt wohl aktuell um die kleine Lehrerin [Erica Smith, die spätere Frau von Baravalle], die Sie mit-gebracht haben, wie mir scheint.

Nicht wahr, über die Vorgänge, die führen sollen zu der Begründung einer Art von Waldorfschule in London, wird Baravalle vielleicht schon berichtet haben. Diese besagte kleine Lehrerin würde man doch müssen hospitieren lassen. Ich habe zwar gesagt, es ist jetzt am Anfang des Schuljahrs ein bisschen schwierig, aber ich hoffe, sie wird sich ruhig verhaken, wenn sie nicht in die Klasse gerade kommt, wo Sie gerade sind. Die lassen wir auch ein bisschen hospitieren.

Wenn man sich auf eine bestimmte Zeit beschränkt, so müsste es auch auf eine bestimmte Anzahl beschränkt sein. Nicht mehr als höchstens drei in einer Klasse. Vielleicht sollte man das so machen, dass man sie nicht verteilt. Es handelt sich darum, dass wir berücksichtigen, dass jeder solcher Besuch doch eine Störung bedeutet. Das sollte man festhalten; nie mehr als höchstens drei Fremde in einer Klasse. Die Essener Lehrer [und] die Ostheimer Hilfsschule sollen einen besseren Moment abwarten, Anfang des Monats.

HERMANN VON BARAVALLE: Hat der einzelne Lehrer das Recht, jemanden, von dem er glaubt, dass es richtig ist, von sich aus in seinem Unterricht hospitieren zu lassen, oder ist es Herrn Doktor vorbehalten?

RUDOLF STEENER: Im Prinzip müsste das Letztere der Fall sein. Im Prinzip haben die Lehrer in allem, was Unterricht ist, volle Freiheit, aber nicht in dem, was die Verwaltung der Schule anbetrifft. Also man kann nicht in beliebiger Weise Hospitanten zulassen. Ich meine nicht, dass der einzelne Lehrer das machen sollte. Auch wenn sich jemand an den Verwaltungsrat wendet, sollte man telefonisch bei [mir in Dornach] anfragen.

Über L. B., ob man sie zur Prüfung anmelden solle oder ob sie selbst es machen solle.

RUDOLF STEINER: Es kann beides geschehen, je nachdem, [wie] Sie wollen.

Jemand sagt: Sie hat sich für die Maturavorbereitung an einer anderen Schule entschieden.

[ Jemand fragt wohl: Kann bei einer Monatsfeier Gymnastik gezeigt werden ?]

RUDOLF STEINER: Gymnastik bei der Monatsfeier, das ist sehr schön. Ich glaube, sie haben [da] alles, bloß nicht das Geld. Das stimmt ja für alle Sachen.

ERICH SCHWEBSCH berichtet über den Wunsch von Frau O., einer Mutter; dass ihr Sohn R, O. in die Parallelklasse kommen möchte, von 2b nach 2a.

RUDOLF STEINER: Wir müssen ihr bedeuten, dass wir das im Allgemeinen nicht tun können, dass wir das nur tun, wenn uns zwingende Gründe vorliegen.

ROBERT KILLIAN: [Einige Eltern in Nürnberg haben gebeten, dass dort pädagogische Vorträge gehalten werden. Es soll dort eine Schule gegründet werden.]

RUDOLF STEINER: [Die Vorträge], das muss man schon machen.

Anfrage eines Herrn Neubert um ein Exemplar des Pädagogischen Kurses.

RUDOLF STEINER: Er kann einen Kurs bekommen.

Jemand bemerkt: [In München sollen öffentliche pädagogische Vorträge veranstaltet werden]: Sommer, Pauli, Burmester.

RUDOLF STEINER: Wie ist die jetzige Haltung in München? Können die sich nicht all irgendeinen Verein wenden, der es veranstaltet?]

Dann wird kein Krakeel gemacht. Die sollten sich an einen pädagogischen Verein wenden. Es ist doch eher schädlich, wenn wieder ein Krakeel kommt.

Jemand berichtet: [In einem kirchlichen Blatt ist eine unzutreffende Notiz über die Jugendfeier erschienen.]

RUDOLF STEINER: Das müsste man berichtigen. [Aber] schaden wird uns das nicht. Wir können es ebenso gut ignorieren. Ich würde nur eine offizielle Erwiderung einschicken.

Jemand fragt: [Wer soll den Kunstunterricht in der 9. Klasse über-nehmen]

RUDOLF STEINER: Herr Uehli könnte es machen.

Wegen des Lehrplans des Lateinischen und Griechischen hat man sich verständigt.

WALTER JOHANNES STEIN fragt wegen des überblickes über die Geschichte in der 12. Klasse. Besonders wegen Indien und Ägypten.

RUDOLF STEINER: Für die menschliche Konfiguration ist der Ätherleib den Indern zugeeignet, nicht für die Zivilisation. Nicht wahr, dabei ist [nur] gedacht an das Urindische, nicht an das spätere Indische. Und das Urindische ist so, dass [damals] der Mensch sehr stark lebte in einer Trennung von physischem Leib und Ätherleib. Sehr stark lebt er in einer Trennung von physischem Leib und Ätherleib. Die notwendige Folge davon ist, dass er sehr intensiv wahrnimmt die Struktur seines physischen Leibes selber und alles dasjenige, was von der Welt lebt im physischen Leibe, sodass seiner Erkenntnis, gerade weil er den Ätherleib besonders [gut] ausgebildet hat, der physische Leib offen daliegt. Seine Erkenntnis beruht auf der Beobachtung des physischen Leibes durch den Ätherleib.

Wenn Sie also dies berücksichtigen, so ist es so: Sehen Sie, der Urinder nimmt die Geheimnisse der Welt wahr in der Spiegelung des menschlichen physischen Leibes und erkennt daher das ganz

Wunderbare des menschlichen physischen Leibes. Er erkennt, wie der ganze menschliche physische Leib eine große Spiegelung [des Gedächtnisses] ist, eine großartige Art von Gedächtnis ist des ganzen Makrokosmos. Darauf baut sich seine Weltanschauung und sein ganzes Leben auf, zum Beispiel so, dass er nicht hat einen [Zusammenhang zwischen seinen beiden Lebenshälften], sodass er einen vollständigen Bruch erlebt in der Mitte seines 'Lebens. Bedenken Sie nur, wenn man in den physischen Leib hineinschaut, man kann es nur so bis in die Mitte der Dreißigerjahre, oder vielmehr bis zum Anfang der Dreißigerjahre, weil nachher der Abbau des physischen Leibes so stark wird, dass er nicht mehr etwas liefert. Daher tritt bei dem Ur-Indier ein mehr oder weniger starkes Vergessen desjenigen ein, was er vor dem dreißigsten Jahr erlebt hat, wenn er älter geworden ist. Es gab dort — nicht einmal so primitiv, wie man sich das vorstellt — ein Register, wo jeder sich erkundigen konnte, wer er früher war, weil er in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens nicht mehr wusste, wer er ist. Es konnte nur amtlich festgestellt werden, wer er ist. Es konnte vorkommen, wenn zwei befreundet waren, zwei Ur-Indier, der eine war zweiunddreißig, der andere achtundzwanzig Jahre, so konnte es sein, dass bei dem Zweiunddreißigjährigen das eintrat, dass er am nächsten Tage den anderen nicht wiedererkannte. Oder, wenn der andere ihn erkannte — das war der eigentliche Fall —, dass er nicht wusste, dass es so ist, sondern dass es erst festgestellt werden musste. Also man wurde zweimal geboren, und der spätere Ausdruck des «Zweimal-Geborenwerdens» beruht [hier noch] auf dem Konkreten des früheren Zweimal-Geborenwerdens.

Der Ägypter hat den astralischen Leib ausgebildet und konnte daher in gewissen Zuständen den Ätherleib besonders gut beobachten. Lind da konnte [er] im Ätherleib vor allen Dingen besonders gut das astrale Gebiet sehen, also Sonne, Mond und Sterne. Aber von der anderen Seite, sodass er diese starke Anschauung über das Leben nach dem Tode hat, und gerade diese Art der Anschauung bekommen hat, die im Totenbuch [ausgedrückt] ist, — Die Perser gehören in dieselbe Reihe wie die Chaldäer.

ERICH SCHWEBSCH fragt wegen Saarbrücken.

RUDOLF STEINER: Es kann gemacht werden. Es kann auch so gemacht werden wie in Mannheim.

Die Leute von Glogau können auch einen [den?] Kurs bekommen.

Wegen der Hochschulkurse.

RUDOLF STEINER: Wir wollen es in der nächsten Vorstandssitzung behandeln. Im Allgemeinen ist nichts einzuwenden. Wir haben vom Vorstand aus autorisiert, die Vorträge zu halten. Alles Übrige ist Tatsachenmitteilung, wenn die Vorträge geeignet sind. Wenn Sie das ausdrücklich bemerken, ist das die Mitteilung einer Tatsache.

[Wohl auf eine Frage zu Horst von Henning.] Dagegen ist nichts einzuwenden.

Oldendorff kann die Fotografien haben.

[Es wird wohl gefragt: Sollen die Eurythmielehrerinnen zum Dramatischen Kurs nach Dornach kommen?"

RUDOLF STEINER: Ich weiß nicht, warum eine Lehrerin der Eurythmie zu diesem Kurs über Sprachgestaltung gehen soll. Der Kurs ist eigentlich gedacht für Komödienspieler, für Schauspieler, und wird auch in diesem Sinne gehalten werden. Eine Räson hat es nur — die einzige Räson wäre die, dass sie dramatische Begabung hat. Die anderen Eurythmielehrerinnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine dramatische Begabung haben.

Bei der Lehrerschaft muss das einen Grund haben für die Schule_ Der Kurs wird gehalten über Sprachgestaltung für die Bühne. Zweiter Teil Regiekunst und Bühnenkunst. Beziehungen der Bühne zum Publikum und zur Kritik. Er wird so gedacht, dass das ideal darin steckt, dass sich aus diesem Kurs unmittelbar ergeben könnte die Bildung einer Schauspielertruppe, die im Sinne dieser Bühnenkunst Wandertruppe würde und herumziehen würde. Es erscheint Haaß-Berkow, Gürnbel-Seiling, Kugelmann, Schauspieler mit ihren Schauspielerinnen; sie haben sich so angemeldet, dass sie zu zweit erscheinen.

Fräulein Röhrle wird nicht viel mit den dramatischen Darstellungen mitmachen. Es bleibt nur Fräulein Lämmert. Sonst könnte jeder sagen, er hat Interesse. [Fräulein Lämmert, Schwebsch, Kolisko, Schubert und Rutz sollten zu diesem Septemberkurs kommen]

Es wird gefragt nach dem Abiturientenexamen.

RUDOLF STEINER: Dieses Jahr rechnen wir nicht auf ein Examen und führen die Waldorfschul-Pädagogik durch. Wir rechnen nicht ad ein Examen. Und wir werden uns bemühen, im nächsten Jahr selber [die Vorbereitung] zu gestalten. Sie haben ja heute die Unterredungen gehört. Aus denen geht doch hervor, wie stark die jungen Menschen an der Waldorfschule hängen. Die jetzige 12. Klasse würde es als recht wenig ihrer Seele gemäß empfinden, [wenn sie dieses Jahr schon das Examen machen sollten]. Wir werden eine Presse auch ekelhaft machen müssen. Die Kinder haben aber doch die Liebe zu den Lehrern und zur Schule, Wir heißen .sie dann [nicht 13. Klasse, sondern] «Vorbereitungsklasse für das Abiturium.».

Ich will Vorträge halten im September oder in der ersten Oktoberwoche, über die moralische Seite der Erziehung und des Unterrichts.

German original of Seventieth Meeting · ← Previous