Soul Economy: Body, Soul and Spirit in Waldorf Education

GA 303 — 23 December 1921, Dornach

Erster Vortrag

Vor Beginn des pädagogischen Kurses richtete Rudolf Steiner an die Teilnehmer, die im «weißen Saal» des ersten Goetheanum versammelt waren, folgende Worte:

«Meine sehr verehrten Anwesenden, gestatten Sie, bevor ich beginne mit meinen Auseinandersetzungen, eine administrative Sache vorzubringen. Der Kursus war ursprünglich nur für einen intimen Kreis veranlagt, und nun hat er einen so zahlreichen Besuch erfahren, daß ja vorauszusehen ist, daß wir den Kurs nicht in entsprechender Weise absolvieren können, wenn wir hier in diesem Saal so gedrängt sitzen. Das würde unmöglich sein; Sie würden das schon bemerken, wenn Sie eben da sein müßten während des Vortrags und während der Übersetzung. Deshalb muß ich mich dazu entschließen, den Kursus zweimal zu halten, und zwar das erstemal jeden Tag um 10 Uhr, und dann für diejenigen Herrschaften vor allen Dingen, welche an der Übersetzung teilnehmen wollen, weil das ja technisch sich nicht anders machen läßt, um 11 Uhr dann. Ich werde also den ersten Vortrag jeden Tag pünktlich um 10 Uhr beginnen, und die Wiederholung dann um 11 Uhr. Ich bitte, vielleicht die Sache so einzuteilen, daß alle die verehrten Anwesenden, welche aus England, Holland, Skandinavien da sind, eben an dem zweiten Vortrag teilnehmen, und die anderen an dem ersten.»

Das erste Wort, das ich ausspreche, soll ein Wort der herzlichen Freude und der innigen Befriedigung sein über Ihren Besuch, meine Damen und Herren. Derjenige, welcher für die Bewegung, welche von dem Goetheanum hier ihren Ausgangspunkt nehmen möchte, am intensivsten enthusiasmiert ist, der muß gegenüber einem Interesse, das sich in einer so außerordentlichen Weise durch Ihren Besuch zeigt, eben tiefst erfreut und innigst befriedigt sein. Und aus dieser Freude und dieser Befriedigung heraus gestatten Sie mir, daß ich Sie hier heute im Beginne dieses einleitenden Vortrages in der herzlichsten Weise begrüße.

Insbesondere darf ich Frau Professor Mackenzie begrüßen, deren Bemühungen es gelungen ist, diesen Kursus zu inaugurieren, und der ich deswegen im Namen der anthroposophischen Bewegung ganz besonderen Dank schulde. Aber Sie alle begrüße ich auf das herzlichste aus dem ganzen Geist und dem Sinn unserer Bewegung heraus. Und, meine Damen und Herren, es ist ja hier so, daß nicht nur eine einzelne Persönlichkeit Sie begrüßt, sondern daß Sie vor allen Dingen hier der Bau, das Goetheanum selber begrüßt.

Es ist mir durchaus begreiflich, daß der eine oder der andere von Ihnen an diesem Goetheanum als Bau, als Kunstwerk, manches auszusetzen haben wird. Allein, alles dasjenige, was in dieser Weise in die Welt tritt, unterliegt selbstverständlich der Kritik, und jeder Widerspruch, der aus guter Meinung heraus kommt, wird insbesondere mir selbst durchaus willkommen sein. Aber dennoch begrüßt Sie dieses Goetheanum, dessen Form und dessen künstlerische Ausgestaltung Sie ja darauf hinweisen wird, daß es sich hier nicht allein darum handelt, ein einzelnes Gebiet der menschlichen Lebenspraxis zu inaugurieren, auch nicht etwa in einseitiger Weise bloß das erzieherische Unterrichtsgebiet. Der ganze Geist dieses Baues und das Dasein dieses Baues kann Ihnen anzeigen, daß es sich hier um eine aus dem Geist unserer Zeit heraus gedachte und heraus gewollte Bewegung für unsere ganze Zivilisation handelt. Und insoferne Erziehung und Unterricht wesentliche Teile der menschlichen Zivilisation sind, müssen insbesondere auch Erziehung und Unterricht von hier aus ihre besondere Pflege finden.

Die intimen Beziehungen zwischen dem anthroposophischen Wollen und den Erziehungs- und Unterrichtsfragen werden uns ja in den nächsten Tagen in ausführlicher Weise vor die Seele treten können. Heute aber gestatten Sie mir, daß ich zu dem herzlichsten Gruße, den ich Ihnen darbringe, etwas hinzufüge, was gewissermaßen auf dem Boden einer ja auch gesellschaftlichen Bewegung sich in gewissem Sinne selbst versteht.

Sie sind gewissermaßen hierhergekommen, um sich zu informieren, wie es steht mit den Bewegungen, die vom Goetheanum in Dornach ausgehen. Indem ich Sie in herzlicher Weise in diesem Goetheanum als willkommene Gäste begrüße, fühle ich mich aber verpflichtet, wie das ja sonst auch im gesellschaftlichen Verkehre der Menschen durchaus in ähnlichem Falle Pflicht ist, Ihnen vor allen Dingen die Bewegung, die von hier aus ihren Ausgangspunkt findet, einmal vorzustellen.

Dasjenige, was mit dieser anthroposophischen Bewegung schon seit ihrem Anfang vor zwanzig Jahren gewollt worden ist, das kommt eigentlich erst jetzt langsam zur Offenbarung. Im Grunde genommen — Sie werden das aus den folgenden Vorträgen ersehen — war diese Bewegung von vorneherein als dasjenige gedacht, als was sie heute im zustimmenden Sinne, und vor allen Dingen auch im ablehnenden Sinne, von der Welt genommen wird. Heute erst beginnt man von dieser anthroposophischen Bewegung so zu sprechen, wie sie ursprünglich gedacht war. Allein diese anthroposophische Bewegung hat die verschiedensten Phasen durchgemacht, und an diesen Phasen werde ich Ihnen am leichtesten diese Bewegung zunächst einmal rein äußerlich vorstellen können.

Zunächst wurde die anthroposophische Bewegung von dem kleinen Kreise, der sich zu ihr bekannte, wie eine Art im engeren Sinne religiöser Weltanschauung genommen. Menschen, die sich wenig bekümmerten um wissenschaftliche Fundierung, die sich wenig bekümmerten um künstlerische Ausgestaltungen und um die Konsequenzen der anthroposophischen Lebenspraxis für das gesamte soziale Leben, solche Menschen kamen zunächst an diese anthroposophische Bewegung heran. Menschen, die vor allen Dingen sich unbefriedigt fühlten innerhalb der gegenwärtigen traditionell religiösen Bekenntnisse, Menschen, die dasjenige suchten, was aus den tiefsten menschlichen Sehnsuchten heraus kommt in bezug auf die großen Fragen der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes, Menschen, die sich in bezug auf diese Fragen von den traditionellen Vorstellungen vorhandener Religionsbekenntnisse tief unbefriedigt fühlten, kamen an diese Bewegung heran, und sie nahmen zunächst diese Bewegung auf mit ihrem Gefühl, mit ihrer Empfindung.

Für mich selbst war es oftmals erstaunlich, zu sehen, wie dasjenige, was ich über Anthroposophie auszusprechen hatte, eigentlich in bezug auf seine Fundierung auch von den Anhängern durchaus nicht durchschaut worden ist, wie aber dieser anthroposophischen Bewegung aus schlichten und elementaren menschlichen Empfindungen Sympathie und Anhängerschaft entgegengebracht worden ist. Aus dem, was von Anfang an im Grunde genommen eine wissenschaftliche Orientierung hatte, hörten diese ersten Anhänger dasjenige heraus, was zu ihren Herzen sprach, was zu ihrem unmittelbaren Gefühle, zu ihrer Empfindung sprach. Und man kann sagen, es war dieses die ruhigste Zeit — obwohl Ruhe nach dieser Richtung nicht immer erwünscht ist —, es war dieses die ruhigste Zeit der anthroposophischen Bewegung.

Weil dies so war, konnte diese anthroposophische Bewegung in ihrer ersten Phase durchaus zunächst aufgenommen werden und mitgehen — rein äußerlich allerdings, in bezug auf das bloß administrative Mitgehen — mit derjenigen Bewegung, die Sie vielleicht kennen als die Bewegung der Theosophischen Gesellschaft.

Menschen, welche in der geschilderten Art aus ihrem schlichten Herzen heraus nach den Fragen des Ewigen in der menschlichen Natur suchen, sie finden zuletzt, wenn sie manches Wesentliche und Fundamentale eben übersehen, gleichmäßig ihre Befriedigung in der theosophischen Bewegung und in der anthroposophischen Bewegung. Allein die theosophische Bewegung war von vorneherein nach einer gewissen bloß theoretischen Seite hin orientiert. Die theosophische Bewegung will eine Lehre sein, wie sie sich in Worten ausspricht, welche eine Kosmologie, eine Philosophie und eine Religion umfaßt, und insofern man die Kosmologie, Philosophie und Religion durch Worte verkündigen kann, will sich die theosophische Bewegung ausleben. Menschen, die in bezug auf die übrigen Verhältnisse des Lebens eigentlich in ihrer Lebenslage zufrieden sind und nur etwas anderes über die Fragen des Ewigen hören wollen, als die traditionellen Religionsbekenntnisse liefern können, solche Menschen finden in gleicher Weise oftmals ihre Befriedigung in der einen und in der anderen Bewegung. Und erst als sich zeigte, trotzdem es damals wenig bemerkt worden ist, daß Anthroposophie etwas sein will, was nicht bloß theoretisch sich ergehen will über Kosmologie, Philosophie und Religion, sondern was gemäß den Forderungen des gegenwärtigen Zeitgeistes in die wirkliche Lebenspraxis auf allen Gebieten einzugreifen hat, da stellte sich allmählich durch innere Gründe die Unmöglichkeit heraus, daß anthroposophische Bewegung weiter zusammen wirke mit der theosophischen Bewegung. Denn heute - auch das wird sich uns in den weiteren Vorträgen zeigen — artet jede Art von Bewegung, die sich auf diese drei Gebiete, auf Kosmologie, auf Philosophie und Religion in einem mehr theoretischen Sinne beschränkt, es artet jede solche Bewegung in ein zuletzt unerträgliches Dogmengezänke aus. Und ein Dogmengezänke, das sich im Grunde genommen in Nichtigkeiten bewegte, war es, was dann äußerlich die Abtrennung der anthroposophischen Bewegung von der theosophischen bewirkte.

Es ist selbstverständlich für jeden vernünftigen, mit der Bildung der abendländischen Welt ausgerüsteten Menschen, dasjenige, was dazumal als Dogmen auftrat innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, als die Anthroposophische Gesellschaft von ihr abgetrennt wurde, es ist ein solches Dogmengezänke über die Präponderanz indischer Weltanschauung oder abendländischer Weltanschauung, eine Diskussion, die so geführt wird, wie sie damals geführt wurde, und vor allen Dingen der Dogmenstreit über einen Inderknaben als zukünftigen Christus, etwas, was nicht ernst zu nehmen ist, was durchaus keinen seriösen Charakter tragen kann, sondern im Grunde genommen auf Nichtigkeiten hinausläuft.

Anthroposophische Bewegung aber ist ihren ursprünglichen Anlagen nach nicht dazu angetan, in theoretischen Streitigkeiten sich zu erschöpfen, sondern sie will unmittelbar in das Leben eintreten, sie will im Leben wirken. Und daher ergab sich die innerliche Trennung von der Theosophischen Gesellschaft, als die Notwendigkeit auftrat, aus den Grundbedingungen anthroposophischer Bewegung heraus allmählich zu künstlerischer, zu sozialer, zu wissenschaftlicher und vor allen Dingen auch zu pädagogischer Wirksamkeit überzugehen. Nicht gleich trat das hervor; aber im Grunde genommen war alles dasjenige, was innerhalb der anthroposophischen Bewegung nach dem Jahre 1912 geschehen ist, nur Dokument dafür, daß diese Bewegung sich ihre selbständige Stellung in der Welt als eine lebenspraktische Bewegung erringen mußte.

Das erste wichtige Aperçu, das sich mir ergab für eine Unmöglichkeit eines innerlichen Zusammengehens mit einer bloßen theosophischen Bewegung, das war mir 1907 vor Augen getreten, als von der Theosophischen Gesellschaft ein Kongreß in München veranstaltet worden ist. Die Dinge festzustellen, die zum Programm dieses Kongresses gehörten, das oblag ja dazumal mir und meinen Freunden von der Deutschen Sektion der theosophischen Bewegung. Wir fügten den traditionellen Programmen, die innerhalb der theosophischen Bewegung figurierten, ein eine Vorstellung eines Mysterienspieles von Edouard Schuré: «Das heilige Drama von Eleusis». Damit vollzogen wir den Übergang von einer bloßen theoretisch-religiösen Bewegung zu einer umfassenderen Weltbewegung, die auch das Künstlerische als einen notwendigen Faktor in sich aufnehmen muß.

Wir hatten, das stellte sich sehr bald heraus, insofern wir auf anthroposophischem Boden standen, die Aufführung des Dramas von Eleusis als etwas Künstlerisches genommen. Von den Persönlichkeiten, welche innerhalb der Bewegung nur die Befriedigung religiöser Gefühle, die manchmal sehr egoistisch sein können, suchten, wurde auch dasjenige, was als ein erster künstlerischer Versuch auftrat, nur im Sinne einer Vorlage für theoretische Interpretation genommen. Man fragte sich daher: Was bedeutet die eine Persönlichkeit des Dramas? Was bedeutet die andere Persönlichkeit? Und man brachte das ganze Drama, man war froh, wenn man das konnte, zuletzt auf eine Art bloßer Terminologie.

Nun, eine Bewegung, die sich in so einseitiger Weise entwickelt, daß sie nicht die volle Lebenspraxis in sich aufnehmen kann, und die sich auf das charakterisierte Gebiet erstreckt, muß notwendigerweise durch sich selbst eine sektiererische Bewegung werden, muß eine Sektenbewegung werden. Anthroposophische Bewegung war vom Anfange an eben nicht dazu veranlagt, eine Sektenbewegung zu werden, denn in ihren Anlagen liegt alles, was zum Gegenteil einer Sektenbewegung führen muß. In ihrer Anlage liegt alles dasjenige, was diese Bewegung zu einer ganz allgemeinen menschlich lebenspraktischen machen muß. Und im Grunde genommen war es das Herausarbeiten aus dem Sektiererischen, was nun mit der zweiten Phase der anthroposophischen Bewegung eintrat, die ich das Hineinarbeiten in das Künstlerische nennen möchte.

Allmählich kam es dann dazu, daß bei einer größeren Anzahl der nun hinzukommenden Anhänger das Bedürfnis entstand, dasjenige, was nur gedacht wird als Philosophie, als Kosmologie, als religiöser Inhalt, auch vor der unmittelbaren Anschauung zu haben. Das kann aber nur, wenn es letztlich befriedigend auftreten soll, in künstlerischer Weise geschehen. Und so trat denn an mich die Notwendigkeit heran, in meinen Mysteriendramen auf künstlerische Weise, zunächst dichterisch, dasjenige zum Ausdrucke zu bringen, was man eigentlich innerhalb solcher Bewegungen bis dahin nur theoretisch zu hören gewöhnt war.

Diese Mysteriendramen dürfen nicht abstrakt theoretisch interpretiert werden. Sie gelten der unmittelbaren künstlerischen Anschauung. Und um diese unmittelbare künstlerische Anschauung unter unseren Anthroposophen zu pflegen, wurden diese Mysterien vom Jahre 1910 bis zum Jahr 1913 in München in der Umrahmung von gewöhnlichen Theatern aufgeführt. Aus alldem heraus entstand dann das Bedürfnis, der anthroposophischen Bewegung ein eigenes Haus zu bauen. Und die verschiedenen Verhältnisse, die es dann untunlich erscheinen ließen, dieses Haus in München aufzuführen, brachten uns zuletzt hier herauf auf den Dornacher Hügel, wo dieses Goetheanum erstand, um allmählich eine der anthroposophischen Bewegung entsprechende Stätte zu werden.

Aber gerade dabei zeigte sich, wie diese anthroposophische Bewegung ihrer ganzen Anlage nach als etwas Allgemein-Menschliches aufgefaßt und gewollt werden muß. Was wäre geschehen, wenn irgendeine andere, theoretische religiöse Bewegung genötigt gewesen wäre, sich ein eigenes Haus zu bauen? Diese Bewegung, das kann man ja in einem solchen Falle leider nicht umgehen, hätte selbstverständlich zunächst Gelder gesammelt bei ihren Freunden, dann hätte man sich an einen Baumeister gewandt, der im antiken oder im Renaissance-, im gotischen oder im Barockstil oder in einem ähnlichen Baustil, der eben traditionell gewesen wäre, einen Bau ausgeführt hätte.

Dies erschien mir in dem Augenblicke, als die anthroposophische Bewegung so glücklich war, zu einem eigenen Haus zu kommen, eine völlige Unmöglichkeit. Denn dasjenige, was innerlich organisch lebensvoll ist, setzt sich niemals aus zwei heterogenen oder aus mehreren heterogenen Stücken zusammen. Was hätte das Wort, das aus anthroposophischem Geiste heraus gesprochen worden wäre, in einem Barock-, in einem antiken oder einem Renaissancebau mit den Formen zu tun gehabt, welche einen dann ringsherum umgeben hätten? Eine theoretische Bewegung ist eben nur imstande, sich durch Ideen, durch Abstraktionen auszusprechen. Eine lebensvolle Bewegung wirkt in alle Zweige des Lebens mit ihren charakteristischen Impulsen hinein. Und was Anthroposophie als Lebens-, Seelen- und Geistespraxis ist, das erfordert, daß die Form, die einem bei der Umhüllung entgegentritt, daß das Malerische, das einem von der Wand entgegenleuchtet, daß die Säulen, die einem entgegentreten, daß alle diese Formen und Farben dieselbe Sprache sprechen, welche theoretisch in Ideen, in abstrakten Gedanken gesprochen wird. Jede solche lebensfähige Bewegung, die in der Welt auftrat, war in dieser Weise umfassend. Die antike Baukunst steht nicht als etwas der antiken Kultur Fremdes gegenüber. Sie ist herausgewachsen aus demjenigen, was im übrigen Theorie und Lebenspraxis war. Ebenso die Renaissance, und ganz besonders zum Beispiel die Gotik, auch das Barock.

Sollte die Anthroposophie nicht etwas Sektiererisches, etwas 'Theoretisches bleiben, so mußte sie zu ihrem eigenen Bau-, zu ihrem eigenen Kunststil kommen. Diesen Bau-, diesen Kunststil, ich sagte es schon, man kann ihn heute noch ungenügend finden oder vielleicht sogar paradox, aber die Tatsache besteht, daß Anthroposophie ihrer ganzen Veranlagung nach nicht anders konnte, als sich ihre eigene, für sie charakteristische Umhüllung schaffen. Lassen Sie mich einen Vergleich gebrauchen, der scheinbar trivial ist, der aber das Wesentliche ausspricht. Nehmen Sie eine Nuß. Sie haben den Kern der Nuß, Sie haben die Schale. Es ist unmöglich, daß bei dem organischen Gebilde der Nuß die Schale aus anderen Kräften hervorgehe als der Kern. Dieselben Kräfte, die den Kern bilden, sie bilden auch die Schale, denn Schale und Kern sind ein Ganzes. So aber wäre es gewesen, wenn von einem fremden Baustile das anthroposophische Wollen eingehüllt worden wäre. Es wäre, wie wenn die Nuß in einer ihr fremden Schale auftreten würde. Dasjenige, was naturhaft ist, und das ist anthroposophische Anschauungsweise, das bringt Kern und Schale hervor, und beides spricht das gleiche aus. So mußte es hier geschehen. So mußte unmittelbar, nicht in eine Symbolik, nicht in eine Allegorie, sondern in unmittelbares künstlerisches Schaffen das anthroposophische Wollen einfließen. Wenn hier in Gedanken gesprochen wird, so sollen diese Gedanken keinen anderen Stil haben als dasjenige, was als Bau- und Kunststil am Goetheanum vorhanden ist. So wuchs wie von selbst anthroposophische Bewegung in künstlerische Bestrebungen hinein.

Es war dies nicht ganz leicht, denn ganz stark machen sich die sektiererischen Tendenzen gerade heute geltend, gerade bei dem nach religiösen Aufschlüssen verlangenden Menschenherzen. Jene innere Freiheit und Offenheit der Seele, die es als selbstverständlich findet, den Übergang zu suchen von demjenigen, was der Seelenorganismus als. religiöse Befriedigung anstrebt, zur äußeren, auch künstlerischen Offenbarung des Geistigen und Seelischen, diese Gesinnung ist vielleicht gerade bei denen wenig zu finden, die in ganz aufrichtiger und inniger Weise in der charakterisierten Art ihre Seelenbefriedigung suchen. Aber anthroposophische Bewegung richtet sich nicht nach den Sympathien und Antipathien dieser oder jener Menschen, sondern anthroposophische Bewegung kann sich nur nach dem richten, was in ihren eigenen Anlagen liegt, die aber allerdings innig zusammenhängen mit den Bedürfnissen und Sehnsuchten des Zeitgeistes, wie wir wohl auch in den nächsten Tagen näher sehen werden.

Und so waren wir daran, in dasjenige praktische Gebiet Anthroposophie hineinzuführen, das uns zunächst zugänglich war. Ich habe in der Zeit, in der wir uns also in die Kunst hineinarbeiteten, manchmal innerhalb des Kreises der Anhänger der anthroposophischen Bewegung ein paradoxes Wort ausgesprochen. Ich habe gesagt: Anthroposophie will auf allen Gebieten in das praktische Leben hinein. — Man läßt uns heute zunächst nicht in die Welt hinein mit der Lebenspraxis, sondern nur in diejenigen Gebiete, die die Welt bedeuten, auf die Bühne oder höchstens in die Kunst, obwohl man da auch viele Türen zuschließt. Aber ich sagte: Am liebsten würde ich aus anthroposophischem Geiste heraus Banken gründen. - Das mag paradox geklungen haben; es sollte nur in seiner paradoxen Art andeuten, wie mir Anthroposophie als das erschien, was nicht nur theoretische oder einseitig religiöse sektiererische Bewegung sein soll, sondern was in alle Gebiete des Lebens befruchtend hineinwirken soll und nach meiner Überzeugung auch kann.

Damit wären wir an diejenige Zeit herangekommen, welche aus dem allgemeinen katastrophalen Menschenchaos heraus ganz besondere Bedürfnisse für die gegenwärtige Menschheit zeitigte, wir waren herangelangt bis zu der furchtbaren Kriegskatastrophe. 1913, im September, hatten wir den Grundstein zu diesem Bau gelegt. 1914 waren wir mit seinem Anfange beschäftigt, als die Kriegskatastrophe über die Menschheit hereinbrach. In diesem Zusammenhange will ich nur sagen, daß in der Zeit, in der Europa in nationale Aspirationen gespalten war, die wenig und immer weniger Berührungspunkte miteinander hatten, daß es uns in dieser Zeit hier in Dornach gelungen ist, immerdar während des ganzen Kriegsverlaufes eine Stätte zu haben, in der sich Persönlichkeiten aller Nationalitäten begegnen konnten und in ausgiebigem Maße auch wirklich zum Zusammenwirken in Frieden und im Geiste sich zusammenfanden. Das war etwas, was von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit tiefer Befriedigung erfüllen konnte, daß hier im Goetheanum eine Stätte war, wo, während die Nationen sich sonst zerfleischten und verbluteten, sich Angehörige aus allen europäischen Nationen zu friedwärtigem geistigem Zusammenarbeiten fanden. Damit habe ich Ihnen die zweite Phase unserer anthroposophischen Bewegung charakterisiert.

Während der Kriegsdauer war ja das äußere Wirken der anthroposophischen Bewegung vielfach gelähmt. So viel innerhalb ihrer geleistet werden konnte, wurde aber versucht. Ganz abgesehen aber von diesen äußeren Vorgängen konnte man durch die ganze Kriegsdauer hindurch sehen, wie innerhalb weiter Menschheitskreise das Bedürfnis nach solchen Erkenntnissen wuchs, wie sie nach meiner Überzeugung durch die Anthroposophie gegeben werden können. Und man kann sagen, nachdem die Kriegskatastrophe zunächst 1918 einen äußerlichen Abschluß gefunden hatte, war in einem unbegrenzten Maße das Interesse für eine solche Bewegung, wie sie die anthroposophische sein will, gewachsen. Dann aber, als der Herbst 1918 hereinbrach und das Frühjahr 1919, da kamen zunächst eine Anzahl von Freunden aus Deutschland zu mir, speziell aus Stuttgart, und die Aspirationen dieser Freunde leiteten eigentlich die dritte Phase unserer anthroposophischen Bewegung ein. Denn aus diesen Aspirationen heraus war die anthroposophische Bewegung genötigt, gewissermaßen ihre Impulse nun auch in das soziale Leben der Menschheit im weitesten Umfange hineinzustrahlen.

Ein anderes Gebiet als Deutschland und speziell Süddeutschland, Württemberg, war ja der anthroposophischen Bewegung in diesem Zeitraume nicht zugänglich. Aber man wollte innerhalb desjenigen Gebietes wirken, innerhalb dessen sich eben wirken ließ. Und dieses Wirken hatte selbstverständlich in der Zeit seines Auftretens auf sozialem Gebiete eine gewisse Farbnuance angenommen von dem, was gerade in Süddeutschland das damals Maßgebliche war. Und dieses Maßgebliche war eigentlich das soziale Chaos. Man kann schon sagen, ein . unbeschreibliches Elend auch in physisch-materieller Beziehung lastete dazumal über Mitteleuropa. Aber selbst dieses unermeßlich große physisch-materielle Elend war eigentlich für den, der solche Dinge unbefangen zu beobachten vermag, klein gegenüber der seelischen Not. Diese seelische Not hatte ja auch die Menschheit gerade in bezug auf das soziale Wollen in eine Art von Chaos auf diesem Gebiete geworfen. Man fühlte, in bezug auf das soziale Leben war die Menschheit vor die allerursprünglichsten Fragen der Menschheitsentwickelung überhaupt gestellt. Die Fragen, die einst Rousseau aufgeworfen hat, die Fragen, welche dann eine äußere Gestaltung in der Französischen Revolution erfahren haben, sie rührten nicht so stark an die ursprünglichsten, elementarsten menschlichen Sehnsuchten und Bedürfnisse, wie die Fragen, die eigentlich im Jahre 1919 auf den Gebieten da waren, auf denen wir gerade zu wirken hatten.

Alles, was seit Jahrhunderten den sozialen Organismus, wie er sich aus den verschiedenen Völkerschaften heraus gebildet hat, konstituierte, das kam in Frage. Und aus dieser Stimmung heraus entstand sowohl mein kurzer «Aufruf» über die Dreigliederung des sozialen Organismus «an das deutsche Volk und an die Kulturwelt», wie auch mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft», und aus dieser Stimmung heraus entstand dann alles dasjenige, was zunächst innerhalb Süddeutschlands an Behandlung der sozialen Frage unternommen worden ist. Damals war es im Grunde genommen notwendig, aber ungeheuer schwierig, an die Elementarsehnsuchten der menschlichen Herzen zu rühren. Die Menschen mußten aus physischem und seelischem Elend heraus abstrakt nach einem Größten suchen, und nach der Verfassung der Zeit waren sie unfähig dazu. Und gar mancher sagte mir am Schlusse dieser oder jener Rede, die ich gehalten habe: Das mag alles schön sein, aber es beschäftigt sich ja damit, wie es in der Zukunft unter den Menschen ausschauen soll; wir sind so oft dem Tode gegenübergestanden in den letzten Jahren, daß uns das Denken über die Zukunft gleichgültig geworden ist. Warum sollten wir jetzt mehr Interesse der Zukunft entgegenbringen, als wir ihr entgegenbringen durften, als die Kanonen auf unsere Leiber gerichtet waren! - So ungefähr charakterisierte man immer wiederum die durch das Elend und die Not gegebene Interesselosigkeit gegenüber dem Notwendigsten in der Menschheitsentwickelung.

Aus dem, was dazumal meiner Freunde Herzen und Seelen bewegte, entstand dann, ich möchte es nennen ein Spezialgebiet sozialen Wirkens, indem man sich sagte: Für die Zukunft kann man vielleicht nur in der wirksamen Weise vorarbeiten, wenn man sich an die Jugend, wenn man sich an die Kindheit der Menschheit wendet. — Und unser Freund Emil Molt in Stuttgart, der selbst Fabrikant und Unternehmer ist, trat in den Dienst gerade eines solchen Wollens. Er begründete zunächst mit den Kindern seiner Waldorf-Astoria-Fabrik die Waldorfschule in Stuttgart, und mir wurde zunächst die pädagogisch-didaktische Durchführung des Waldorfschul-Planes übertragen.

Man hatte in der Zeit, die der Kriegskatastrophe vorangegangen ist, viel erlebt an allerlei Erziehungs- und pädagogischen Versuchen. Hier handelte es sich nicht um die Begründung von Landerziehungsheimen, nicht um die Begründung irgendwelcher, aus Partialwünschen hervorgehender Sonderschulbestrebungen, hier handelte es sich um etwas, was im ganzen Rahmen des sozialen Menschheitsstrebens gelegen ist. Wir werden ja über all diese Grundlagen einer Waldorfschul-Pädagogik in den nächsten Tagen zu sprechen haben. Hier will ich nur so viel andeuten, daß Anthroposophie, wie sonst, so auch hier genötigt war, mit der Realität, mit der vollen Realität zu rechnen. Wir konnten nicht irgendwo in der schönen freien Waldnatur draußen ein Landerziehungsheim gründen, wo man alles dasjenige machen kann, was einem gefällt; wir hatten ganz bestimmte reale Verhältnisse zunächst. Wir hatten die Kinder einer Kleinstadt, mußten eine Schule in der Kleinstadt begründen, waren angewiesen darauf, dasjenige, was durch diese Schule auch vielleicht mit den sozial höchsten Zielen geleistet werden sollte, aus rein pädagogisch-didaktischer Fundierung heraus zu leisten. Wir konnten uns weder Lokalität noch Schüler aussuchen etwa nach Ständen oder Klassen. Wir hatten fest gegebene Verhältnisse und waren angewiesen darauf, dasjenige, was wir tun konnten, aus dem Geiste heraus zu tun. So entstand als eine ganz notwendige Konsequenz der anthroposophischen Bewegung ihr Wirken auf pädagogisch-didaktischem Gebiete, das uns ja.in den nächsten Tagen ganz besonders beschäftigen soll.

Die Waldorfschule in Stuttgart, die nun längst nicht mehr das ist, was sie im Anfang war, nämlich eine Schulanstalt für die Kinder der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, diese Waldorfschule ist schnell eine Schule für alle Stände geworden, und von überallher strebt man heute schon darnach, die Kinder in diese Waldorfschule zu bringen. Von hundertvierzig Kindern, mit denen wir die Schule begründet haben, ist sie jetzt angewachsen zu sechshundert Kindern, und die Anmeldungen stellen sich jedesmal in erhöhter Zahl ein. Wir haben in den letzten Tagen den Grundstein zu einem Neubau für diese Schule legen müssen und hoffen, daß wir sie trotz aller Schwierigkeiten, die heute gerade einem solchen Wirken gegenüberstehen, immerhin doch zu gewissen Entfaltungsmöglichkeiten bringen können.

Aber betonen muß ich, daß das Wesentliche dieser Schule in dem Pädagogisch-Didaktischen liegt, in der Anpassung dieses Pädagogisch-Didaktischen an die gegebenen realen Verhältnisse des Lebens, in dem Sich-Halten an die unmittelbare Lebenspraxis. Wenn man sich die Klasse auswählen kann, aus der man die Schüler nimmt, wenn man sich die Lokalität der Schule auswählen kann, so ist es eben ein leichtes, damit eine eingebildete oder vielleicht auch eine wirkliche Schulreform durchzuführen; es stellt aber eben Aufgaben, welche wiederum zusammenhängen mit den Urimpulsen alles Menschlichen, wenn aus rein pädagogisch-didaktischer Fundierung eine solche Schule gegründet und weitergeführt werden soll.

Damit aber war während der dritten Phase unserer anthroposophischen Bewegung diese Bewegung ausgedehnt worden auf das soziale und das pädagogische Gebiet. Und wegen dieses letzteren sind Sie ja hierher gekommen, und dieses pädagogische Gebiet wird uns in den nächsten Tagen ganz besonders zu beschäftigen haben. Es ist tatsächlich erst der Anfang gemacht worden damit, in der äußeren Wirklichkeit auszubauen, was der anthroposophischen Bewegung durch ihre Anlagen von allem Anfange an als ihr Fundament gegeben war.

Zu dem, was dann hinzugekommen ist, gehört, daß eine große Anzahl von Menschen in den letzten Jahren mit wissenschaftlicher Bildung und mit wissenschaftlichen Aspirationen sich gefunden haben, welche einsahen, daß die anthroposophische Bewegung auch das unmittelbar wissenschaftliche Leben der Neuzeit befruchten kann. Mediziner fanden sich, welche durchdrungen waren davon, daß die an die äußere Beobachtung und an das äußere Experiment allein sich haltende Naturwissenschaft den gesunden und kranken menschlichen Organismus nicht in seiner Totalität zu begreifen vermag. Ärzte fanden sich, welche die zu überwindenden Grenzen der heute geltenden Medizin in dieser Art tief empfanden, vor allen Dingen die Kluft tief empfanden, welche heute für die anerkannte Medizin besteht zwischen der Pathologie und Therapie. Pathologie und Therapie stehen heute wie unvermittelt nebeneinander. Anthroposophie, die ihre Erkenntnisse nicht nur durch das äußere Experiment, durch die Beobachtung und den kombinierenden Verstand sucht, sondern mit denjenigen Mitteln, die ich in den nächsten Tagen charakterisieren werde, sie betrachtet den Menschen nach Leib, Seele und Geist, und faßt den Geist in seiner Lebendigkeit, nicht in seiner Abstraktion als eine Summe von Gedanken, wie das in der neueren Zeit üblich geworden ist. Damit aber konnte Anthroposophie den Aspirationen gerade solcher Menschen entgegenkommen, die zum Beispiel aus der Medizin heraus eine Befruchtung ihres Gebietes heute dringend suchen. Und so kam es, daß ich zwei Lehrkurse für akademische Mediziner und praktizierende Ärzte hier in Dornach zu halten hatte über dasjenige, was Anthroposophie für Pathologie und Therapie zu leisten imstande ist. Sowohl hier in Dornach, in Arlesheim drüben, wie auch in Stuttgart, sind medizinisch-therapeutische Institute entstanden, welche mit eigenen Heilmitteln arbeiten, welche vor allen Dingen das praktisch fruchtbar zu machen versuchen, was aus Anthroposophie für die Menschenheilung, für Menschengesundheit und Krankheit kommen kann.

Und auch von anderer Seite haben die einzelnen Wissenschaften die Befruchtung gesucht durch die Anthroposophie. Physikalische, astronomische Kurse mußten gehalten werden. Nach den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten hin mußte von der Anthroposophie heraus das geleistet werden, was eben aus einer wirklichen Geist-Erkenntnis für die heutige Wissenschaft geleistet werden kann.

Diese dritte Phase der anthroposophischen Bewegung charakterisiert sich gerade dadurch, daß man da, wo man streng wissenschaftliche Fundierung fordert, allmählich, wenn das auch heute noch vielfach angefochten ist, dennoch findet, daß diejenige Geisteswissenschaft, wie sie hier gepflegt wird, jeder wissenschaftlichen Forderung nach Fundierung genügen kann, daß die Anthroposophie, die hier gemeint ist, mit voller Strenge und im vollen Einklange mit jedem wissenschaftlichen Ernste arbeiten kann. Indem dieses immer mehr und mehr wird eingesehen werden, wird man verstehen, was in der anthroposophischen Bewegung eigentlich von vornherein vor zwanzig Jahren wenigstens veranlagt war.

Daß die verschiedensten Gebiete befruchtet werden können durch Anthroposophie, es zeigt sich ja auch dadurch, daß wir in der Lage waren, in unserer Eurythmie eine besondere Bewegungskunst zu begründen, eine Kunst, welche sich des Menschen selber als ihres Ausdrucksmittels, als ihres Instrumentes bedient, und welche gerade dadurch zu ihren besonderen Wirkungen zu kommen sucht. — So versuchen wir auch auf anderen Gebieten, ich werde davon noch zu reden haben im Laufe der nächsten Tage, zum Beispiel auf dem Gebiete der Rezitations- und Deklamationskunst eine Befruchtung herbeizuführen durch dasjenige, was genannt werden darf nicht anthroposophische Theorie, sondern anthroposophisches Leben.

Und so ist vielleicht doch diese letzte Phase der anthroposophischen Bewegung mit ihrem pädagogischen, medizinischen, ihrem künstlerischen Einschlage dasjenige, was am meisten für Anthroposophie charakteristisch ist. Anhänger hat die Anthroposophie gefunden; Gegner, wütende Gegner hat sie gefunden; aber sie ist einmal in der Gegenwart in dasjenige Stadium ihres Wirkens eingetreten, das sie eigentlich suchen muß. Und so war es für mich befriedigend, daß es während meines Aufenthaltes in Kristiania vom 23. November bis zum 4. Dezember dieses Jahres möglich war, das anthroposophische Leben zur Sprache zu bringen innerhalb pädagogischer Gesellschaften, innerhalb staatsökonomischer Gesellschaften, innerhalb der Studentenschaft Norwegens und auch innerhalb weitester Kreise, solcher Kreise, die durchaus gewillt sind, nicht bloß eine Theorie, ein religiöses Sektiererisches entgegenzunehmen, sondern schon dasjenige, was aus dem unmittelbaren Geist unserer Zeit als eine große Menschheitsforderung heute innerhalb der Welt sich offenbaren will.

Diese drei Phasen hat die anthroposophische Bewegung in ihrer Entwickelung aufzuweisen. Indem ich sie kurz vor Ihnen skizzierte, meine Damen und Herren, habe ich vielleicht in einer ausführlicheren Weise zunächst nur den Namen genannt für die anthroposophische Bewegung. Allein das ist es ja, was ich wollte. Ich wollte Ihnen diese anthroposophische Bewegung heute zunächst einleitungsweise vorstellen, das heißt, vor Ihnen ihren Namen nennen, und ich werde mir erlauben, auf unser eigentliches Thema von morgen ab vor Ihnen einzutreten. Diese anthroposophische Bewegung als solche, insbesondere aber mit ihren pädagogisch-didaktischen Konsequenzen, sie ist es, welche Ihnen aus tiefbefriedigter Seele über Ihren Besuch heute den ersten Gruß entgegenbringen wollte.

German original of The Three Phases of the Anthroposophic Movement · Next →