Waldorf Education and Anthroposophy II
GA 304a — 28 March 1923, Stuttgart
Ansprache zur pädagogischen Eurythmie-Aufführung
Sehr verehrte Anwesende!
Zu dem Künstlerischen, das wir Ihnen durch die schon gegebenen Vorstellungen in Bezug auf Eurythmie darbieten wollten, wird heute die pädagogisch-didaktische Seite der Eurythmie kommen.
Wir haben in dem Lehrplan der Waldorfschule organisch eingefügt diese Eurythmie. Und ich musste öfters sagen, wenn ich die Aufgabe hatte, diese Eurythmie als einen obligatorischen Lehrgegenstand in dem Lehrplan der Waldorfschule zu rechtfertigen, dass in dieser Eurythmie zu sehen ist nach dieser Seite hin eine Art beseelten und durchgeistigten Turnens. Ich betone ausdrücklich, dass damit nicht irgendetwas Abträgliches gegen das Turnen vorgebracht werden soll, dass es lediglich der Mangel eines Turnsaales war, der uns verhindert hat, in der rechten Weise das Turnen neben der Eurythmie in den Lehrplan einzufügen. Jetzt, wo wir einen Turnsaal haben, fügen wir durchaus in sachgemäßer Weise das Turnen in den Lehrplan der Schule obligatorisch ein.
Ich stehe durchaus nicht auf dem Standpunkt, auf den einmal ein sehr berühmter Physiologe der Gegenwart sich gestellt hat, als er eine solche Einleitung, wie ich sie sonst vor eurythmischen Vorstellungen halte, gehört hatte. Ich hatte gesagt in meiner Einleitung, Eurythmie sollte als durchseeltes und durchgeistigtes Turnen neben das mehr körperliche Turnen hingestellt werden und dem Turnen soll durchaus sein Recht widerfahren. Dieser berühmte Physiologe kam dann an mich heran und sagte: Sie erklären, dass das Turnen so, wie es heute betrieben wird, eine gewisse Berechtigung hätte. Ich aber sage Ihnen, dass das Turnen eine Barbarei ist. Vielleicht haben Sie einen gewissen Rest von Berechtigung, der sich darin äußern könnte, dass man auch in die Gestaltung des Turnens eingreifen müsse, da das Turnen der materialistischen Weltanschauung zum Opfer gefallen ist.
Aber das ist eine ganz andere Frage. Es handelt sich darum, dass das Turnen ja mehr, auch wenn es sachgemäß ist, zu tun hat mit denjenigen Bewegungen, mit denjenigen Anstrengungen des menschlichen Organismus, durch die sich der menschliche Körper in die Gleichgewichtslage der Welt gegenüber hineinstellt. Man hat es zu tun mit dem Suchen der Beziehung des menschlichen Zirkulations- und Bewegungssystems zum Raum und seiner inneren Formung, seiner inneren Dynamik. Die Anpassung der inneren Dynamik, des Bewegungs- und Zirkulationssystems an die des Weltraumsystems ist dasjenige, was im Turnen in Betracht kommt. Findet man sowohl in den Freiübungen wie in den Geräteübungen die richtige Hineinorientierung des Menschen in die Weltdynamik, die zu gleicher Zeit seine Dynamik ist- der Mensch steht ja im Makrokosmos als Mikrokosmos drinnen -, dann wird das Turnen seine berechtigte Gestalt gerade auch im Unterricht annehmen können.
Die Eurythmie als Kindererzichungsmittel ist aber noch etwas anderes, etwas, was sich - als in geradliniger Fortsetzung dessen, was im Turnen geschieht - mehr nach dem Inneren des menschlichen Organismus von selbst ergibt. In der Eurythmie hat man es mehr zu tun mit jener qualitativen inneren Dynamik, die sich mehr abspielt zwischen Atmungs- und Zirkulationssystem. Der Mensch ist, indem er sich leiblich in der Eurythmie betätigt, mehr daraufhin orientiert, dasjenige, was sich abspielt zwischen Atmung und Zirkulation, in die Bewegung des menschlichen Organismus überzuführen. Dadurch bekommt der Mensch gerade durch die Eurythmie ein inniges leiblich-seelisches Verhältnis zu sich selber - und er bekommt ein Erlebnis von der inneren Harmonie des ganzen menschlichen Wesens. [Ein solches Erlebnis von der inneren Harmonie des ganzen menschlichen Wesens wirkt wiederum festigend auf den ganzen Menschen zurück.
Während beim gewöhnlichen Turnen mehr das Leibliche betätigt ist, dieses allerdings dann in das Seelisch-Geistige sehr stark hineinwirkt, ist in der Eurythmie der ganze Mensch nach Leib, Seele und Geist betätigt — das ist] das Wesentliche dieses beseelten, durchgeistigten Turnens. Überall fließt das Geistig-Seelische in das Physisch-Leibliche beim eurythmischen Bewegen über. Und dadurch wiederum, weil ja diese Eurythmie eigentlich eine ebenso gesetzmäßige Äußerung des ganzen Menschen ist wie Sprache und Gesang diejenige eines Teiles der menschlichen Organisation, dadurch wirkt tatsächlich auf das Kind das Eurythmisieren, das Hineinkommen in das Eurythmisieren mit einer Selbstverständlichkeit, wie auf das kleinere Kind mit einer Selbstverständlichkeit das Hineinströmenlassen der organischen Kräfte in die Sprache wirkt.
Und man kann eben die Erfahrung machen, dass Kinder, indem sie im richtigen Lebensalter zur Eurythmie herangeführt werden, sich selber in der eurythmischen Betätigung geradeso selbstverständlich drinnen fühlen wie das ganz kleine Kind in der Erregung des Lautlichen und des lautlich zu Gestaltenden in der Sprache. Dadurch erweitert man im Wesentlichen das ganze Menschliche, ich möchte sagen das «Menschlichste im Menschen, und das berechtigt dazu — weil aller Unterricht und alle Erziehung ein Ergreifen des Menschen durch den Menschen selber sein muss -, das berechtigt dazu, die Eurythmie, die zunächst innerhalb der anthroposophischen Bewegung ausgebildet worden ist als eine Kunst, dies auch in der Form des durchseelten, durchgeistigten Turnens im Unterricht zu verwenden. Sie wirkt ja auch auf den ganzen Menschen zurück.
Das ist ja allerdings heute noch für eine äußerliche Betrachtung schwer einzusehen. Aber derjenige, der hineinschauen kann in die menschliche Natur, der namentlich durch solches Hineinschauen beobachten kann, wie sich organisch hineingliedert dasjenige, was das Kind in sich ausbildet durch den Unterricht im Eurythmischen, durch die Erziehung im Eurythmischen - dem sich angliedert diejenige im Musikalischen und Plastischen -, wer da sieht, wie sich das im Kinde heranbildet, der merkt auch, wie es wiederum zurückwirkt auf den ganzen Menschen im Kinde. Die Erkenntnisfähigkeit sieht man unter der Einwirkung der eurythmischen Übungen in der Schule beweglicher werden, empfänglicher werden. Und man wird schen, dass man - in der Erziehung muss ja so und soviel, ich möchte sagen aus dem Unterbewussten herausgeholt werden -, man wird sehen, wie die ganze Vorstellungswelt des Kindes plastischer wird und von Interesse mehr erfüllt als sonst. Das Kind entwickelt ein beweglicheres, mehr zu den Dingen in Liebe sich hinwendendes Vorstellungsleben. Sodass man im Eurythmischen die Möglichkeit hat, auf das Vorstellungsleben so zu wirken, dass die Vorstellungen so werden, dass das Kind einzugehen vermag auf dasjenige, was man ihm im Unterrichte gerade beizubringen hat.
Auf der anderen Seite wirkt das eurythmische Üben sehr stark auf den Willen zurück und zwar auf die intimsten Eigenschaften des menschlichen Willens. Man kann zwar mit Worten lügen - und das bloße Sprechen bietet zwar viele Anhaltspunkte, um die Kinder über das Lügen hinwegzubringen —, man kann aber das Eurythmische in der richtigen Weise gerade bei einem solchen kindlichen Schaden wie dem Lügen benützen. Dann macht sich das stark geltend, dass man, wenn man die Worte ausströmen lässt in die körperlichen Bewegungen, dass man eurythmisch - sichtbar sprechend - nicht lügen kann. Es hört auf die Möglichkeit zu lügen, wenn man das Gefühl bekommt, was alles dabei ist, wenn man die Seelenäußerung offenbar werden lassen muss durch das, was in den ganzen Leib hineingeht. Daher wird man sehen, dass diese Eigenschaft des menschlichen Willens, die ethisch von so großer Bedeutung ist, die Wahrhaftigkeit, sich besonders heranbilden kann aus dem richtigen eurythmischen Üben.
Und so kann man sagen: Die Eurythmie ist ein aus der Seele herausgeholtes Turnen für das Kind, aber sie gibt der Seele wiederum unendlich viel zurück. Das ist das Wirkliche und Wesentliche, das wird schon einmal machen, dass man die Eurythmie als etwas ganz Selbstverständliches im Unterricht und in der Erziehung ansehen wird. Derjenige, der in die Dinge hineinguckt, ist ganz beruhigt, dass das so ist. Die Dinge gehen ja nicht schnell. Man kommt nur langsam über Vorurteile hinweg. Man sagt: Da sind ein paar Narren! - Nun ja, so ging cs immer. Es war ja auch eine kleine Gesellschaft, da war ja auch so ein Narr, der wollte, dass die Sonne im Mittelpunkt stehe und die Planeten mit der Erde sich um sie drehen - auf so ein narrisches Ding kann man ja nicht eingehen. Aber man hat dann etwa im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts gefunden, dass sich doch eine ziemlich große Gesellschaft in dieses närrische Ding hineingefunden hat, hineingefunden hat in dasjenige, was Kopernikus gewollt hat. Warum sollte man nicht auch warten können, bis sich das hineinstellt in die Welt, was sich nicht so leicht beweisen lässt [wie] das kopernikanische Weltensystem. So wird Eurythmie auf die Erkenntnisfähigkeit und Willensfähigkeit in der Richtung nach Beweglichkeit, Interessefähigkeit und Wahrhaftigkeit zurückwirken und auf das Gemüt, das zwischen der Erkenntnisfähigkeit und Willensfähigkeit liegt. Es kommt so unendlich viel darauf an, dass der Mensch sich eurythmisierend als Ganzes ergreift, dass er nicht den Leib auf der einen Seite und die Seele, den Geist auf der anderen Seite hat.
Da kann man lange fragen: Welche Beziehung ist zwischen Leib und Seele? Es ist so unendlich komisch, wie da oft gefragt wird. Man will oft theoretisch konstruieren, wie das eine im anderen wirkt. Wenn man es erlebt - und erlebt wird es in Eurythmie -, dann nimmt die Frage einen ganz anderen Charakter an. Dann fragt man: Wie wirkt dasjenige, was Leib-und-Seeleneinheit ist, einseitig als Seelisches und einseitig als Leibliches? Die Fragestellung wird sich ganz anders gestalten, wenn die Dinge durchgreifend eingesehen werden. Hier ist nichts Theoretisches, nichts Theoretisierendes: Alles ist praktisch und wirklichkeitsgemäß. Und das ist dasjenige, was dem, was hier geschieht, entgegensteht, dass man sagt: Die Anthroposophie will etwas sein in Wolkenkuckucksheim. Im Gegenteil: Anthroposophie will hineingreifen ins unmittelbar praktische Leben. Gerade die Materie versteht man nicht im heutigen Leben, weil man den Geist in der Materie nicht mehr wahrnehmen kann. Das ist aber das, was nur im Tun wirklich erfasst werden kann. Daher kann man schon sehen, was eigentlich aus dem Kinde dieses Eurythmische macht.
Und so kann man sagen, dass durch dieses Ergreifen der inneren Harmonie zwischen dem oberen - dem mehr geistigen - und dem unteren, mehr leiblichen Mensch, wie das Kind praktisch wollend erfasst im Eurythmisieren, wie dadurch namentlich Willensinitiative geschaffen wird. Und das ist etwas, was wir heute vor allen Dingen heranziehen müssen. Wer die Seelengeschichte der Gegenwart beobachten kann, weiß, dass es an Willensinitiative fehlt. Die brauchen wir als etwas, was dem sozialen Leben eingefügt werden muss. Und die Kunst, zur Willensinitiative zu führen, die ist es, die wir vor allen Dingen in der Erziehungspraxis nötig haben. Das, was ich mit ein paar Worten andeuten wollte, werden Sie in der eurythmischen Betätigung von Waldorfschulkindern selber anschauen können. Und ich hoffe, dass womöglich in alle Gemüter dasjenige, was sich nun hier vor Ihnen in kindlicher Lust, in kindlicher Freude, in kindlicher Munterkeit abspielt, eine Bestätigung sein kann dessen, was ich eben vor Sie mit Worten hingestellt habe.