Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»
Die Woche, 30. Dezember 1887-5. Januar 1888
Die amtlichen Neujahrsempfänge, wie sie in Berlin, Paris, Pest usw. üblich sind, haben einigermaßen zur Beruhigung der Gemüter über die allgemeine Lage beigetragen. Es wurden fast durchgehend Reden gehalten, welche der Hoffnung auf Erhaltung des Friedens mehr oder weniger zuversichtlichen Ausdruck gaben, und wenn man die gegenwärtigen Zustände auch keineswegs als sehr erfreuliche bezeichnet, so legt man doch Nachdruck darauf, daß die Zeiten noch durchaus nicht so ernst geworden, daß die Lösung der obwaltenden Verwicklungen nur noch durch einen Krieg möglich sei. Freilich liegt in derartigen Bemerkungen nur ein schwacher Trost, und angesichts der in jeder Beziehung auffallenden und ungewöhnlichen militärischen Vorgänge in Rußland bleibt es unmöglich, sich aller Besorgnisse über die Zukunft zu entschlagen. Als die wichtigste der politischen Neujahrsreden gilt diejenige, mit welcher Ministerpräsident v. Tisza die Glückwünsche seiner Partei erwiderte. Wie jedes Jahr hatten sich die Mitglieder der liberalen Partei auch heuer bei Tisza eingefunden, um ihm zu gratulieren, und auf eine herzliche Ansprache des Grafen Bela Bänffy entgegnete der Ministerpräsident zunächst, indem er den Herren seinen Dank aussprach, er habe das Bewußtsein, daß die Fahne des Liberalismus in seinem Vaterlande immer werde hochgehalten werden. Der Fortschritt im Lande könne nicht geleugnet werden, und der ungarische Staat kräftige sich von Jahr zu Jahr. Auch die Regelung der Finanzen werde gelingen, falls die Weltlage nicht gestört werde. «Aber», fügte Herr v. Tisza hinzu, und damit kam er auf die äußere Politik zu sprechen, «die Bedingung ist eine solche, für welche niemand gutstehen kann. Ich meinerseits schließe mich nicht jenen an - und dies sage ich ganz aufrichtig —, welche die Gefahr eines Krieges als vor uns stehend betrachten. Ich hoffe auch heute noch, daß wir dieser Gefahr entgehen werden... Ich halte es nicht für gerechtfertigt, im Tone der Pessimisten zu sprechen, würde es aber, wenn ich auch das Bessere hoffe, wieder für einen Fehler halten, den Optimismus zu verbreiten, denn der Optimismus lähmt oft die Widerstandskraft, die wir, ich will hoffen, daß nicht — aber möglicherweise dennoch nötig haben werden». Man sieht, Tiszas Ausdrucksweise ist so vorsichtig wie möglich. An der Wiener Börse erregte seine Rede anfangs geradezu Schrecken, da das Telegraphen-Korrespondenzbureau an der bedeutsamsten Stelle: «Ich meinerseits schließe mich nicht jenen an ....», das Wörtchen «nicht» ausgelassen hatte, und die Kurse erfuhren heftige Rückgänge. Als die Richtigstellung erfolgt war, erholten sich die Papiere wieder.
Als ein friedliches Zeichen wird auch die wiederholte Bemerkung Kaiser Wilhelms beim Empfange der deutschen Generale gedeutet, daß die Hauptaufmerksamkeit derselben heuer die Kaisermanöver in Anspruch nehmen würden. Allein auch in dieser Äußerung liegt keine Versicherung, welche alle Gefahr zu beseitigen vermöchte. Und so geht Europa einer Zeit entgegen, die unsicher und dunkel ist, und Rußland wird andere Beweise seiner Friedensliebe geben müssen als bisher, ehe sich seine Nachbarn wieder etwas sorgloser ihren inneren Angelegenheiten hingeben können.
Der deutsche «Reichsanzeiger» veröffentlichte die gefälschten Aktenstücke, welche dem Zaren übergeben wurden, um die deutsche Politik der Unehrlichkeit zu überführen. Es sind dies angebliche Briefe des Fürsten Ferdinand von Bulgarien an die Gräfin von Flandern, von denen sich herausgestellt, daß sie in Wahrheit niemals von dem Fürsten geschrieben wurden, und denen unter anderem ein gefälschtes Schreiben des deutschen Botschafters in Wien beilag, in welchem dem Fürsten die offiziöse Unterstützung des Deutschen Reiches zugesagt war.
Das fünfzigjährige Priesterjubiläum, das Papst Leo XIII. am 31. Dezember feierte, verlief in glänzender Weise, und von allen Teilen der Erde waren Abordnungen mit Geschenken nach Rom gezogen, um dem Oberhaupte der Christenheit zu huldigen. Die meisten europäischen Monarchen waren durch außerordentliche Gesandte vertreten. Einen Mißton btachte in das Fest nur das unerquickliche Verhältnis des Papstes zu Italien, und Leo XIII. glaubte es sich nicht versagen zu sollen, das italienische Königreich in einer Rede anzugreifen. Der Bürgermeister von Rom, Herzog von Torlonia, wurde seines Amtes von der Regierung enisetzt, weil er ohne Auftrag dem Papste die Glückwünsche der Stadtgemeinde hatte übermitteln lassen.
In Serbien ist ein Ministerwechsel eingetreten. Nachdem Ristic infolge eines Konflikts mit der radikalen Partei seine Entlassung genommen, bildete der König ein neues Ministerium mit Sava Gruitsch als Ministerpräsidenten und Kriegsminister und Oberst Franassovic als Minister des Äußern. Die neue Regierung hat ganz die österreichfreundliche Politik Milans angenommen.
Wenige Tage nach Neujahr starb in Ungarn der Präsident des Oberhauses und Judex cutiae Baron Paul Sennyey, seinerzeit als Führer der Konservativen der «schwarze Baron» genannt. Sennyey war lange ein erklärter Gegner Tiszas, als aktiver Politiker hat er indessen in dem letzten Jahre keine hervorragende Rolle mehr gespielt.
Noch möge des Jubiläums gedacht sein, welches die «Times» zu Neujahr feierte: am 1. Januar waren es hundert Jahre, daß sie zum erstenmal unter ihrem gegenwärtigen Titel erschien, und mit nicht unberechtigtem Stolze konnte das Cityblatt, die größte und einflußreichste Zeitung Englands und der ganzen Welt, auf die hundert Jahre zurückblicken, während deren sie der öffentlichen Meinung gedient.