119. Woldemar von Biedermann
Woldemar von Biedermann, der am 5. März seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat, ist in weiten Kreisen durch seine Beiträge zur Goetheliteratur bekannt. Seit dreißig Jahren veröffentlicht er Studien über Goethe, gibt Werke, Briefe und Gespräche desselben heraus und widmet sich deren Auslegung. Aber Biedermann ist nicht nur Forscher; er ist auch eine interessante Persönlichkeit. Wer mit ihm einmal eine Stunde geplaudert hat, wird diese in guter Erinnerung behalten. Die Leidenschaftlichkeit, mit welcher der alte Herr über Dinge spricht, an denen er Anteil nimmt, verrät, daß er sich das Herz jung erhalten hat. Es steckt noch etwas in ihm von jener Begeisterung, mit der er vor fünfzig Jahren von der Liebe und den Frauen schwärmerische Lieder gesungen hat. Unter dem Pseudonym Ottomar Föhrau sind 1847 Gedichte von ihm erschienen, die er «eine Sängerjugend» nannte. Auch.an die Gestalt Goethes trat er als Dichter heran, bevor er den Spürsinn des Forschers auf sie wendete. Ein Schauspiel «Doktor Goethe in Weimar» ist sein erstes Goethewerk. Ihm folgte allerdings schon nach einem Jahre (1865) die erste wissenschaftliche Leistung «Goethe und Leipzig». Biedermann ist nicht Berufsgelehrter. Achtunddreißig Jahre lang war er sächsischer Staatsbeamter. Den Philologen sind seine zahlreichen Arbeiten nicht wissenschaftlich genug. Aber sie sind unentbehrlich für jeden, der Goethes Leben und Tätigkeit genauer kennenlernen will. Der Hempelschen und Weimarischen Goetheausgabe hat er als Mitherausgeber durch seine vielseitigen Kenntnisse gute Dienste geleistet. Ein geradezu monumentales Werk ist seine vor einigen Jahren erschienene Sammlung von «Goethes Gesprächen».