Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 28. Juni-4. Juli 1888

Die beiden Thronreden Kaiser Wilhelms II. wurden in ganz Europa in der denkbar günstigsten Weise aufgenommen, auch in Rußland und sogar in — Frankreich. Sieht man von einigen russischen Zeitungsstimmen ab, die durch die scharfe Betonung der Zusammengehörigkeit Deutschlands und Österreich-Ungarns verstimmt sind, so ist deutlich wahrzunehmen, daß im Zarenreiche der neue Herrscher in der sympathischsten Weise begrüßt wird. Die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Zar, die in der Mitte des Juli stattfindet, wird gewiß zur Befestigung jener Beziehungen beitragen, die der Kaiser in seiner Thronrede als ein besonderes Herzensbedürfnis bezeichnete.

Puttkamer hat am 2. Juli in dem Unterstaatssekretär von Herrfurth einen Nachfolger bekommen. Der neue Minister des Innern steht keiner der parlamentarischen Parteien nahe, sondern ist ein im Verwaltungsdienste erfahrener Beamter. Diese Ernennung zeigt, über welche Summe von politischer Einsicht der neue Kaiser verfügt. In Deutschland scheint sich die Erkenntnis davon immer mehr Bahn zu brechen. Die deutschen Bundesfürsten sollen die außerordentlichen Eindrücke, die sie von dem männlichen Ernste und dem großen politischen Takt Wilhelms II. empfangen, besonders betont haben, und Fürst Bismarck konnte nach den übereinstimmenden Mitteilungen der deutschen Zeitungen einigen preußischen Pairs gegenüber die Hingebung des Herrschers, dessen Willensfestigkeit und Ruhe nicht genug betonen.

Die Nationalliberalen haben beschlossen, das Kartell mit den Konservativen nicht mehr zu erneuern.

Die österreichisch-ungarischen Delegationen haben ihre Sitzungen am 28, Juni geschlossen. Die Delegierten haben in richtiger Erkenntnis der zweifelhaften europäischen Lage sämtliche Forderungen der Heeresverwaltung bewilligt, freilich nicht, ohne dabei zu betonen, daß dieselben nunmehr jene Höhe erreicht hätten, über die hinaus nicht mehr gegangen werden könne; man habe an die Leistungsfähigkeit der Steuerträger die äußersten Anforderungen gestellt. Ein Blick auf die Delegationsverhandlungen ergibt, insoweit die Orientpolitik Österreichs in Frage kommt, ein erfreuliches Bild. Die Zustimmung unseres Auswärtigen Amtes zu der Lage der Dinge in Bulgarien, das Betonen der Ansprüche Griechenlands auf seine freie Entwicklung sind ein Zeugnis dafür, daß Österreich weiß, was den Balkanvölkern frommt.

Am 1. Juli hielt Graf Apponyi vor seinen Wählern eine Rede, in der er auseinandersetzte, welche Beweggründe die Delegationen geleitet haben, als sie den hohen Erfordernissen der gemeinsamen Regierung ihre Zustimmung erteilten: «Wir wollen den Frieden und sind der festen Überzeugung, daß die Entschlossenheit den Frieden sichern, Schwanken aber zum Krieg führen wird.»

Im Deutschen Verein in Prag hielt Prof. Knoll eine Rede über die politische Lage. Er tadelte das Verhalten der Deutschen im letzten Sessionsabschnitte in mehrfacher Weise; besonders wandte er sich gegen die Wiener Pseudo-Demokraten und die Antisemiten.

Der Botschafter in London, Graf Karolyi, trat mit 20. Juni in den bleibenden Ruhestand.

Papst Leo XIII. hat am 28. v. M. eine Enzyklika erlassen, in der er die von den Modernen vertretene Freiheitsidee entschieden verdammt und einen im Sinne der Kirche gehaltenen «wahren Freiheitsbegriff» konstruiert, der seiner scholastischen Sophistik alle Ehre macht, dem modernen Bewußtsein aber einmal entschieden fremd ist.

Prinz Ferdinand von Bulgarien hat das Urteil an Popow bestätigt und denselben nachher begnadigt. Auf diese Weise hat er den beiden gegnerischen Parteien im Ministerium Genüge getan und eine schwierige Frage in einer Weise gelöst, wie sie sich dem Lande am günstigsten erweist. Einige Freunde Popows wurden wegen Demonstrationen verhaftet.

Das Ministerium Salisbury hat den Ansturm der Opposition glücklich bestanden. Morleys Tadelsvotum wurde vom Hause mit 366 gegen 273 Stimmen zurückgewiesen.

In Frankreich ist das Ministerium Floquet in einer Klemme. Es kann den Opportunisten gegenüber in der Kammer nicht aufkommen. Das Abgeordnetenhaus akzeptierte gegen das Ministerium den Antrag, daß die Budget-Kommission nur bei Anwesenheit von 17 Mitgliedern beschlußfähig sei. Die zweite Schlappe bildete die Wahl der Budget-Kommission selbst, in der die Opportunisten mit 20, die Anhänger der Regierung mit 13 Mitgliedern vertreten sind. Außerdem ist Rouvier, der Finanzminister Gambettas, einer der hervorragendsten Führer der Opportunisten, zum Präsidenten der Kommission ernannt worden. Flourens interpellierte am 3. wegen der Affäre in Carcassonne, wo der Maire sich den Anordnungen der Justiz widersetzte und die Regierung kompromittiert sein soll; das Kabinett erhielt aber ein Vertrauensvotum.

In den Vereinigten Staaten sind nun Cleveland von den Demokraten und Harrison von den Replubikanern endgültig als Kandidaten für die Präsidentschaft aufgestellt.

German original of Essays from “Deutsche Wochenschrift” · ← Previous · Next →