42. J. M. Bösch «Das Menschliche Mitgefühl»

Ein Beitrag zur Grundlegung der wissenschaftlichen Ethik

Die Behauptung rationalistischer Ethiker, daß nur eine solche Handlung als wahrhaft moralisch gelten kann, deren Triebkräfte nicht von dem Egoismus des Individuums bedingt sind, hat durch die Ausführungen neuerer Psychologen, die alle menschlichen Betätigungen letzten Endes auf egoistische Motive zurückführen, einen schwerwiegenden Widerspruch erfahren. Auch die scheinbar selbstlosen Handlungen sollen nach dieser letzteren Ansicht ihren Grund in selbstischen Gefühlen haben. Die psychologische Konstitution des Individuums soll bei dem Träger sogenannter selbstloser Taten eine solche sein, daß sich sein Selbstgefühl gehoben findet, wenn es seiner Mitwelt Opfer bringt. Dieser Strömung gegenüber sucht der Verfasser dieser Schrift die Existenz und das Wesen des menschlichen Mitgefühls festzustellen und den Nachweis zu erbringen, daß in dem letzteren der Grund unegoistischer Handlungen liegt. Ausgehend von den Untersuchungen Herbert Spencers zeigt er, wie das fremde Gefühl in unserem eigenen Ich auflebt, wenn wir einen bestimmten Gefühlsausdruck (Schrei - Zittern usw.) am Nebenmenschen wahrnehmen, weil wir wissen, daß dieser entsprechende Ausdruck auch bei uns mit dem in anderen lebenden Gefühle auftritt. Ferner — und darinnen über Spencer hinausgehend - findet der Verfasser, daß auch direkt die Wahrnehmung eines fremden Gefühlsausdruckes das entsprechende Gefühl in uns miterwecken kann, ohne daß erst die Vorstellung des von uns selber vollzogenen Gefühlsausdruckes vermittelnd dazwischentritt. Von diesen Tatsachen ausgehend, gelangt der Verfasser zu ethischen Grundbegriffen, die den Forderungen des ethischen Altruismus ebenso gerecht werden, wie den Feststellungen der Psychologie. Denn «obwohl die Handlungen des Wohlwollenden so gut wie diejenigen des rücksichtslosesten Egoisten stets durch sein eigenes Wohl und Wehe bestimmt» sind, so ist doch die Handlungsweise des Wohlwollenden nicht so durchaus wie diejenige des Egoisten auf das höchstmögliche eigene zukünftige Glück berechnet. Wir haben es, um kurz zu sein, mit einer sehr lesenswerten, ernsten Ansprüchen in jeder Hinsicht entsprechenden Schrift zu tun.

German original of J. M. Bösch “Human Compassion” · ← Previous · Next →