56. Unzeitgemässes zur Gymnasialreform

Es ist jetzt viel von Gymnasialreform die Rede. Wenn man die Berichte über Verhandlungen liest, die über diese Sache geführt werden, bekommt man einen sonderbaren Eindruck. Es wird über alles mögliche gesprochen, über die Hauptsache aber wenig. Ob ein paar Stunden für den lateinischen und griechischen Unterricht mehr oder weniger angesetzt werden sollen oder nicht, ob der deutsche Aufsatz in dieser oder jener Weise gepflegt werden soll: darüber gibt es endlose Debatten. Und doch sind diese Dinge die gleichgültigsten der Welt. Der Hauptmangel unseres Gymnasiums ist mit Händen zu greifen. Es tut ganz und gar nichts dazu, seine Zöglinge bis zu dem Punkte zu bringen, an dem sie imstande sind, das moderne Geistesleben zu begreifen.

Oder ist es nicht richtig, daß der absolvierte Gymnasiast von heute ratlos gegenübersteht der eigentlichen Grundlage unserer Welt- und Lebensauffassung, den modernen naturwissenschaftlichen Ideen? Was Sokrates, was Plato gelehrt, was Cäsar geschrieben hat, ist kein lebendiger Bestandteil unseres Geisteslebens. Was Darwin geoffenbart, was die moderne Physiologie, Physik, Biologie enthüllen, sollte es werden.

Es fällt mir nicht ein, den Bildungswert der Griechen und Römer zu unterschätzen. Doch bin ich der Ansicht, daß das Vergangene nur dann für die Bildung unserer Zeit den rechten Wert erhält, wenn es aus dem Gesichtswinkel der Gegenwart gesehen wird. Wer den Inhalt unserer Zeitbildung nicht kennt, kann auch zu Sokrates und Plato nur in ein schiefes Verhältnis kommen.

Mit dem Geiste der Gegenwart müßte alles Lehren auf dem Gymnasium erfüllt sein. Menschen, die von diesem Geiste durchdrungen sind, sollten allein Lehrer sein. Man sage nicht, daß es gleichgültig sei, ob der Lehrer des Griechischen oder Lateinischen von moderner Naturwissenschaft etwas versteht oder nicht. Im Geistesleben hängt alles zusammen. Tausend Einzelheiten wird ein moderner Geist anders lehren als ein in der klassischen Philologie eingerosteter, der nichts kennt als sein «Fach».

Unabsehbare Konsequenzen für unser ganzes Geistesleben hätte es, wenn unsere Gymnasiasten im Sinne der naturwissenschaftlichen Weltauffassung unserer Zeit erzogen würden. Unser gesamtes öffentliches Leben müßte eine andere Gestalt annehmen. Zahlreiche Diskussionen über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft, von Glauben und Wissen usw. würden uns erspart bleiben. Es würden nicht mehr Dinge vorgebracht werden können, die vom Standpunkte des modernen Denkens längst abgetan sind.

Man wende nicht ein: die Ansichten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung seien zum größten Teile noch Hypothesen, die erst noch der Prüfung bedürfen. Ihnen gegenüber sei jeder Zweifel berechtigt. Ich müßte erwidern: das gilt jeder Ansicht gegenüber, der alten nicht minder als der neuen. Aber wir haben nicht die Aufgabe, unserer heranwachsenden Generation Überzeugungen zu überliefern. Wir sollen sie dazu bringen, ihre eigene Urteilskraft, ihr eigenes Auffassungsvermögen zu gebrauchen. Sie soll lernen, mit offenen Augen in die Welt zu sehen.

Ob wir an der Wahrheit dessen, was wir der Jugend überliefern, zweifeln oder nicht: darauf kommt es nicht an. Unsere Überzeugungen gelten nur für uns. Wir bringen sie der Jugend bei, um ihr zu sagen: so sehen wir die Welt an; seht zu, wie sie sich euch darstellt. Fähigkeiten sollen wir wecken, nicht Überzeugungen überliefern.

Nicht an unsere «Wahrheiten» soll die Jugend glauben, sondern an unsere Persönlichkeit. Daß wir Suchende sind, sollen die Heranwachsenden bemerken. Und auf die Wege der Suchenden sollen wir sie bringen. Wie wir mit den Dingen uns abfinden, sagen wir unsern Nachkommen und überlassen es ihnen, wie ihnen dasselbe gelingt.

Nicht vorenthalten dürfen wir den Gymnasiasten deshalb den Inhalt dessen, was wir als Ersatz der von uns überwundenen religiösen Vorstellungen gewonnen haben. Sie sollen nicht mit Empfindungen heranwachsen, die dem modernen Denken widersprechen.

Viele werden das von mir Gesagte für die Ausgeburt der Phantasie eines Menschen halten, der so sehr eingenommen ist von den Ideen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, daß er gar nicht bemerkt, wie sehr er damit die entgegengesetzten Empfindungen anderer übersieht. Darauf kommt es nicht an. Jene anderen betonen ihre Forderungen. Wir wollen dasselbe mit den unsrigen tun. Kein katholischer Bischof wird sich scheuen, die Schule in seinem Sinne zurück zu reformieren; wir wollen auch ohne Rücksicht unsere Meinung sagen über den Weg, der dahin führen muß, wo wir die Welt haben wollen. Mäßigung stumpft die Waffen.

German original of Untimely Aspects of Grammar School Reform · ← Previous