58. Der Goethetag in Weimar
Bericht über die 14. Mitgliederversammlung der Deutschen Goethe-Gesellschaft
Die diesjährige Goethe-Versammlung fand am 4. Juni in Gegenwart des Großherzogs, des Erbgroßherzogs und der Erbgroßherzogin und einer stattlichen Menschenmenge statt. Von hervorragenden und bekannten Freunden seien hervorgehoben, aus Berlin: Die Professoren Erich Schmidt und Carl Frenzel, Buchhändler Wilhelm Hertz, Bankier Meier-Cohn, Reichstagsabgeordneter Alexander Meyer, Ernst von Wildenbruch, als Vertreter der «Rundschau» Dr. Paetow, ferner Dr. Osborn und andere. Aus Frankfurt a.M. waren erschienen: Professor Veit Valentin und der Bildhauer Rumpf. Die Universität Jena war durch den Kurator Eggeling und Professor Michels vertreten. Aus Freiburg i. Br. war Friedrich Kluge erschienen. Von bedeutenden auswärtigen Bühnenkünstlern bemerkten wir außer Lewinsky, den ewig jungen Carl Sonntag und Edward von Darmstadt. Geheimer Hofrat Dr. Karl Ruland eröffnete die Versammlung mit einem. Hinweis auf die unter Bernhard Suphans und Erich Schmidts Redaktion zu Weihnachten erscheinende Festschrift der Goethe-Gesellschaft, an der die Herren Dr. Karl Schüddekopf (Weimar) und Dr. Walzel (Bern) augenblicklich arbeiten. Sie wird behandeln Goethes Verhältnis zu den Romantikern und namentlich durch Herausgabe bisher unbekannter oder wenig beachteter Briefe der beiden Schlegel, Arnims, Zacharias Werners und anderer ein besonderes Interesse gewinnen. Ferner bemerkte der Vorsitzende, daß vor kurzem wieder eine neue Übersetzung vom ersten Teile des Goetheschen Faust ins Englische aus der Feder eines Mr. E. Webb erschienen und in mehreren Exemplaren für Mitglieder der Gesellschaft ausgelegt sei (Verlag von Longmans Green & Co, 39 Paternoster Row, London). Sodann wies Ruland auf eine neue, am heutigen Tage zum ersten Male der Öffentlichkeit enthüllte Goethe-Büste aus dem Atelier des wohlbekannten Bildhauers Rumpf in Frankfurt a.M. hin, die aus dem lebendigen Grün der Blattpflanzen hinter der Rednerbühne verheißungsvoll herabgrüßte. Das von den Anwesenden mit Recht bewunderte Werk stellt den jungen Goethe dat, etwa in der Zeit, als er nach Weimar kam (1775).
Darauf bestieg Professor Dr. von Wilamowitz-Möllendorf von der Berliner Universität die Rednerbühne und hielt einen formvollendeten, von tiefstem Nachdenken zeugenden Vortrag über Goethes «Pandora». Dieses letzte Zeugnis von Goethes streng-klassischem Stil, so begann der Redner, sei ja schon vielfach Gegenstand eingehender Forschung gewesen; aber populär habe es nie werden können. Die meisten der Leser ständen wohl noch heute auf dem Standpunkte der Frau von Stein, die geäußert habe, daß nur einige Teile genießbar seien. Goethe gab das auch in liebenswürdiger Weise zu. Allein wir müssen, auch wenn wir an dem unserer Sprache fremden, ihr aufgezwungenen antiken Rhythmus Anstoß nehmen, doch den Versuch nicht aufgeben, dem Kerne der Dichtung immer mehr beizukommen. Ob Goethe sich im Epimetheus selbst geschildert, ob Frau von Levetzows Tochter und Minna Herzlieb sich in den Töchtern des Epimetheus widerspiegeln, wie behauptet ist, das sei zwar psychologisch von Wert, indessen zum Verständnis des künstlerischen Organismus ganz nebensächlich. Bei der nun folgenden Inhaltsangabe weist Redner auf manches Rätsel hin, das unlösbar scheine, wie die Herkunft des Sohnes Prometheus’, Phileros, der das Symbol hat des Triebes zum Höheren, zur Liebe. Das Liebesverhältnis zwischen Phileros und Epimeleia, auf dessen Ausführung Pamino und Pamina nicht ohne Einfluß geblieben zu sein schienen, habe Goethe glücklich aus dem Symbolischen heraus in das rein menschliche übergeführt. Das Schema der Fortsetzung des Gedichtes helfe wenig zur Klärung dieses Verhältnisses; jedenfalls habe Pandora mit dem Ölzweig erscheinen sollen, dem Symbol des Friedens, sie selbst als Vertreterin der Schönheit. Kunst und Wissenschaft, vertreten durch Phileros und Epimeleia, seien als die Vermittler zwischen Himmel und Erde anzusehen. Prometheus, versöhnt, wird den Ölkranz tragen und sich seiner Gebilde freuen; und Elpores Erscheinung am Ende weckt Mut und Hoffnung. Nach dem ersten Schritt zur menschlichen Kultur durch das Feuer scheine der Weg für Kunst und Wissenschaft geebnet. Aber Pandoras Lade sei dunkel, unverständlich. Könnte denn den Menschen Kunst und Wissenschaft plötzlich vom Himmel in den Schoß fallen? Das sei ein Goethe ganz fremder Gedanke; denn der Mensch könne sich nur durch eigene Arbeit emporringen. Um in diese durch die Lektüre aufsteigenden Empfindungen Ordnung und Klarheit zu bringen, müsse man einmal die objektive Vorlage des Dichters, den mythologischen Niederschlag der Fabel betrachten, zweitens aber die Zeitverhältnisse und die Gemütsstimmung ins Auge fassen, die den Dichter bei seinem Werke beeinflußt hätten. Goethe kannte wahrscheinlich die Überlieferung des Hesiod, wenn er auch von ihm abweicht. Wohl auch nicht unbekannt war ihm die Fabel des Plato (Protagoras) vom Feuerraub des Prometheus, wodurch der Mensch existenzfähig wird, wenn er zunächst auch noch roh bleibt. Aidos und Dike als Göttinnen werden herabgesandt, die Scheu und das Gefühl für Gerechtigkeit. Die Schule Platos war gerichtet auf Eros, das heißt das Sehnen der Menschen nach der Unendlichkeit, die Wiederkehr der Pandora rege die Menschen zur Arbeit an, das sei der Hauptgedanke. Andererseits müsse man sich vergegenwärtigen, wie es in Weimar und in Goethes Seele nach dem Tilsiter Frieden (1807) aussah. Anna Amalia war tot, ihr galt die Verherrlichung des Vorspieles: «Zur Eröffnung des Weimarischen Theaters am 19. September 1807.» Tiefe Gedanken beschäftigten den Dichter am 19. November in Jena, worüber die Tagebücher Auskunft geben; er studierte damals alte Philosophie, auch für ihn erblühte der Ölbaum im Garten des Prometheus. Pandora weist auf die Güter hin, die unverlierbar sind: Freiheit und Ideale. Über einem zerstrümmerten Staate hatte Plato seine Akademie gegründet; über die Trümmer des deutschen Reiches führte die Lade Pandoras herauf. Wer aber ist nun Pandora? Epimetheus hat sie besessen; er muß sie daher gekannt haben. Sie ist die Schönheit in tausend Gebilden und die Offenbarung der Form, um den Inhalt zu veredeln. ’Iδ'εα ist die beste Erklärung dessen, was Form heißt; man denke an Schillers «Ideale», und die Verbindung von Phileros und Epimeleia bekundet die Reife der Menschheit für Kunst und Wissenschaft. Hat unser Volk, zu dessen Charaktereigentümlichkeiten ja auch das Formlose, Ungebundene gehört, diese Mahnung wohl verstanden? Was noch nicht erreicht sei, das müsse künftiger Geschlechter Tätigkeit hervorbringen, auf dem Altar der Schönheit müsse das Feuer der Titanenkinder erhalten werden.
Im Vorhergehenden war es nur möglich, eine ganz kurze Skizze vom Inhalt des bedeutenden Vortrages zu geben, der im nächsten Bande des Goethe-Jahrbuches erscheinen wird.
Aus den Verhandlungen, die sich an den Festvortrag anschlossen, sei zunächst erwähnt der überaus witzige Kassenbericht des Schatzmeisters der Gesellschaft, Kommerzienrat Dr. Moritz. Redner hob hervor, daß es auch im abgelaufenen Jahre der Gesellschaft leider nicht gegönnt gewesen sei, die Lücken, die der natürliche Lauf der Dinge und mancherlei persönliche Verhältnisse in den Mitgliederbestand gerissen, voll zu ergänzen. Der entsprechenden Mitgliederzahl des Jahres 1896 gegenüber sei im abgelaufenen Geschäftsjahr 1897 ein Ausfall von etwa 4o Mitgliedern zu verzeichnen. Indessen sei bei der Gediegenheit der jedes Jahr neben dem Jahrbuch erscheinenden Schriften, die doch nur anregend wirken könnten, ein erneuter Aufschwung zu erhoffen. Am 31. Dezember 1897 bestand die Gesellschaft aus 2635 Mitgliedern. Die Einnahmen und Ausgaben der Gesellschaft haben gegen das Vorjahr keine wesentlichen Änderungen erfahren. - Dagegen hat die Einrichtung des Gebäudes für das Archiv den Anlaß zu außerordentlichen Aufwendungen gegeben (20000 M.), die jedoch ohne Inanspruchnahme des Reservefonds von rund 66 ooo M. bis auf einen kleinen Rest durch die gewöhnlichen Einnahmen gedeckt sind. Der Bericht war, wie gesagt, von allerlei köstlichen Blumen entzückenden Humors durchsetzt. Eine insbesondere liebevolle Teilnahme erwies der Redner den weiblichen Mitgliedern, die früher 23, jetzt aber nur 15 vom Hundert aller Mitglieder ausmachen. Stürmische Heiterkeit erregte unter anderem die Darlegung der Gründe, die manche bisherige Mitglieder in letzter Zeit zum Austritt aus der Gesellschaft bewogen haben. Daß der Druck, der auf der «notleidenden Landwirtschaft» liegen soll, auch den Bestand der Mitglieder hat mindern können, das hätte sich vor dem Verlesen eines authentischen Schreibens aus diesen Kreisen durch den Herrn Schatzmeister wohl niemand träumen lassen. Redner schloß mit einem witzig auf sich angewendeten Worte Goethes von einer «kalten Musik, die erst fünf Stunden nach dem Anhören Herz und Gemüt zu erfassen vermöge». Er hoffe, daß seine Auseinandersetzungen eine ähnliche Wirkung auf die Zuhörer ausüben werden. Lauter Beifall folgte dem köstlichen Intermezzo des geistvollen Redners.
Darauf teilte Geheimer Hofrat Dr. B. Supban mit, daß nicht nur die Bibliothek, die sich jetzt auf mehr als 41x00 Bände belaufe, in erfreulichem Wachstum begriffen sei, sondern daß namentlich die Sammlung von Handschriften in letzter Zeit ganz bedeutende Zuwendungen von hohem Werte erfahren habe. So seien am 3. Juni vom Sohne des verstorbenen Dichters Viktor von Scheffel die Originalmanuskripte vom «Trompeter von Säckingen», von «Ekkehard», «Gaudeamus», «Juniperus», von den «Bergpsalmen» (z.T. mit Illustrationen), alles «wundervoll gefaßt», dem Großherzog übergeben worden. Die Frau Erbgroßherzogin habe wertvolle und umfangreiche Originalhandschriften der einstigen Mitarbeiter am «Tübingen-Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände», das vom Bruder des Dichters Hauff redigiert wurde, dem Goethe-Schiller-Archiv zum Geschenk gemacht. Weiter führte Dr. Suphan aus, wie wenig berechtigt die gelegentlich erhobenen Klagen über den zu trägen Fortschritt im Drucke der Ausgabe zu Goethes Werken seien. Er müsse demgegenüber einmal laut und öffentlich erklären, daß redlich gearbeitet werde, daß aber der Natur der Sache nach manches nur langsam weiterrücken könne, und führt an einigen des Humots nicht entbehrenden Beispielen aus, wie oft die Kräfte der Mitarbeiter durch Beantwortung unzähliger Anfragen aller Art auf die Probe gestellt würden. Sodann machte Dr. Suphan unter Hinweis auf einen im letzten Heft der «Deutschen Rundschau» erschienenen lesenswerten Aufsatz Herman Grimms über «Die Zukunft des Weimarischen Goethe-SchillerArchivs» die Mitteilung, daß demnächst eine neue Arbeit, ein monumentales Goethe-Schiller-Wörterbuch in Angriff genommen werden solle. Vorarbeiten seien bereits vorhanden, wie ein Programm von Otto Hoffmann in Steglitz über Herders Sprachschatz usw. Gelehrte ersten Ranges hätten ihre Mitwirkung in Aussicht gestellt, allein das ganze deutsche Volk könne sich an der Mitarbeit beteiligen. Viel Heiterkeit erregte eine von Dr. Suphan angefertigte Riesenmusterpostkarte mit dem auf der offenen Seite aufgezeichneten Schema zur Ausfüllung von Materialien zum Wörterbuche. Zum Schlusse stattete Geheimer Hofrat.Dr. Ruland, der Direktor des hiesigen Museums, Bericht über das Goethe-Nationalmuseum ab, in dem gleichfalls die Arbeit nicht stocke. Vor einiger Zeit habe Professor Dr. Furtwängler in München die von Goethe gesammelten geschnittenen Steine einer genauen Durchsicht unterzogen, infolge dieser Untersuchung müsse mancher bisher bestehende Irrtum berichtigt werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung würden demnächst durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Von dem Museum neuerdings zugegangenen Geschenken sei in erster Linie die Büste des alten Goethe aus dem Atelier des Professor Eberlein in Berlin hervorzuheben, die, ein Geschenk des Großherzogs, künftig im Gartenzimmer des Goethe-Hauses aufbewahrt werden soll. Ferner seien zu erwähnen eine Büste der Herzogin Anna Amalia aus Fürstenburger Potzellan, eine Zuschrift Goethes an den Grafen Gneisenau vom ı2. Juli 1829. Mit dem Wunsche, die freundliche Gesinnung aller Freunde und Gönner der Gesellschaft möge auch in Zukunft dem Museum erhalten bleiben, schloß Dr. Ruland seine Ausführungen.
Darauf folgte eine mehrstündige Pause, die zum Teil zur Besichtigung der Sammlung verwendet wurde, und am Nachmittag fand das Festessen statt, das durch verschiedene geistvolle Tischreden gewürzt, in behaglichster Stimmung verzehrt wurde. Besonders witzig, ja geradezu von zündendem Humor war der Trinkspruch Alexander Meyers auf die Damen, worin der Redner in liebenswürdiger, schalkhafter Art seinen persönlichen Gewinn zum Ausdruck brachte, den er dem Festvortrage am Morgen entnommen habe. Am Abend fand Joseph Lewinsky mit dem Vortrage Schillerscher und Goethescher Balladen im gefüllten Hoftheater dankbaren Beifall. Nach dem Theater gab es Rout bei der Frau Erbgroßherzogin; allein viele der Gäste wachten dem kommenden Morgen in der bekannten Osteria beim Hoftheater unter Gesang und heiterer Unterhaltung entgegen.