99. Friedrich Nietzsche Und Das «Berliner Tageblatt»
In Weimar ist gegenwärtig Friedrich Nietzsche untergebracht. Kein Wunder, daß in dieser «gebildeten» Stadt ein wackerer Bürger das Bedürfnis fühlt, sich in die Lehre des Philosophen zu vertiefen. Er möchte wissen, in welcher Reihenfolge er dessen Schriften lesen solle. Was tut er? Er wendet sich an das « Berliner Tageblatt». Dieses gibt ihm in der Nr. vom 28. Januar 1900 folgende Auskunft: «Sie fragen, in welcher Reihenfolge Sie die philosophischen Schriften Friedrich Nietzsches lesen sollen, um in das Verständnis dieses nicht eben leicht verständlichen führenden Geistes einzudringen. Wir raten, mit der Biographie Nietzsches von Frau Elisabeth Förster-Nietzsche zu beginnen, da sein tragischer Lebensgang der beste Schlüssel für seine Gedankenwelt ist. Sodann lesen Sie einige der «Unzeitgemäßen Betrachtungen» (über Schopenhauer, vom Nutzen und Nachteil der Historie, von der Entstehung der Tragödie, über Richard Wagner); und im Anschluß daran die beiden sich ergänzenden großen Studien: Genealogie der Moral und Jenseits von Gut und Böse. Nach diesen systematischen Arbeiten des gesunden Friedrich Nietzsche mögen Sie sich den Aphorismenbänden des erkrankenden und kranken Philosophen zuwenden, etwa in der Reihenfolge: Morgenröte, Menschliches-Allzumenschliches, Fröhliche Wissenschaft, Antichrist und erst zuletzt seine großartigste Schöpfung «Also sprach Zarathustra, deren Verständnis die genaue Vertrautheit mit der geistigen Struktur des Mannes voraussetzt. Haben Sie diesen mühevollen, aber gewiß mit reichem geistigen Gewinn lohnenden Weg zurückgelegt, so lassen Sie alle empfangenen Eindrücke ausklingen in der Lektüre seiner «Gesammelten Gedichte.»
iese Zeilen sind symptomatisch für die bodenlose Unwissenheit und Unbildung, mit der die Macher unserer Zeitungen ausgestattet sind, und zugleich für den grenzenlosen Leichtsinn, der ihnen in der Auffassung ihres Berufes zukommt. Für jeden, der die Augen offen hat, ist das natürlich eine so bekannte Tatsache, wie die, daß jeden Morgen die Sonne aufgeht. Es scheint aber doch, daß es noch zahlreiche naive Menschen gibt, die es für möglich halten, sich in einer solch wichtigen Frage, wie die obige ist, an die Oberflächlichkeit der Zeitungsmacher zu wenden. Der Herr, der obige Notiz verfaßt hat, redet wie jemand, der etwas von Nietzsche versteht. Er weiß nicht das geringste von ihm. Denn er weiß gar nicht einmal, in welcher Reihenfolge Nietzsche seine Bücher geschrieben hat. Der Wissenbedürftige in Weimar soll erst: einige unzeitgemäße Betrachtungen lesen und dann die großen Studien: Genealogie der Moral und Jenseits von Gut und Böse, weil in diesen systematischen Schriften noch der gesunde Nietzsche spricht; dann sollen daran kommen die Aphorismenbände des kranken Nietzsche: Morgenröte, Menschliches-Allzumenschliches usw. Nun ist «Menschliches-Allzumenschliches» im Jahre 1878, Morgenröte 1881, «Genealogie der Moral» aber 1887 und «Jenseits von Gut und Böse» 1888 erschienen. Die im letzten Jahr vor der Erkrankung erschienenen Werke hält der Gelehrte des « Berliner Tageblatts» für die früheren; die 1878, also 6 Jahre nach dem Beginne von Nietzsches Schriftstellerlaufbahn, erschienene Aphorismensammlung «Menschliches-Allzumenschliches» hält er für ein Werk des schon kranken Nietzsche. Armer Fragesteller in Weimar! Du bist am Ende naiv genug, dich an deinen antwortenden Zeitungsmacher zu halten. Frage ihn doch einmal, wie du Mathematik studieren sollst? Er wird dir antworten: Erst mußt du Integralrechnung, dann Differentialrechnung lernen, dann dich an die Trigonometrie machen, dann wirst du genügend vorbereitet sein, das Einmaleins zu lernen. So sieht es in den Köpfen der Zeitungsmacher aus!!