Course for Young Doctors
GA 316 — 5 January 1924, Dornach
Vierter Vortrag
Nun, meine lieben Freunde, wir haben in den drei vorhergehenden Stunden eine Skizze zu erarbeiten versucht über eine Art Erkenntnis, wie sie als Grundlage der Arzt gewinnen soll, eine Erkenntnis, die nur so skizziert werden konnte in kurzen Strichen, wie das in der Kürze der Zeit möglich ist. Aber Sie werden gesehen haben, wenn man nun die ausführlichen Darstellungen geben wollte für diese Skizze, so würde das lange Zeit brauchen. Diese Zeit würde selbstverständlich im medizinischen Studium da sein.
Das wirkliche Medizinstudium müßte so eingerichtet sein, daß ein erster Kursus, der aber wenigstens ein Jahr und womöglich noch längere Zeit umfassen würde, für den Studierenden vorliegen müßte, in der dann solche Erkenntnisse als Grundlage des medizinischen Wesens erworben würden. Ich kann Ihnen nicht mehr geben als eine Art Charakteristik, wie das dann werden soll. Und deshalb möchte ich, daß Sie dasjenige, was ich bisher in drei Stunden gegeben habe, als eine Art Kohlezeichnung betrachten für das, was der Arzt sich aneignen muß. Ich möchte das bezeichnen als den exoterischen Teil des Arztwissens. Es müßte dann folgen im medizinischen Studium der esoterische Teil des Arztwissens, von dem wir jetzt sprechen wollen. Dieser esoterische Teil muß auf der Grundlage des exoterischen Teiles aufgebaut werden. Aber Sie müssen es nicht etwa verschmähen, beim medizinischen Studium mit allem Ernst sich zuerst des exoterischen Teiles, soweit man überhaupt etwas davon wissen kann, zu bemächtigen. Das ist in der Gegenwart schwierig. Aber es kann, wie wir in den folgenden Stunden sehen werden, gerade nach dieser Richtung hin durch die Einrichtung der medizinischen Sektion an unserer Dornacher Hochschule sehr viel geleistet werden. Und heute liegt schon die Möglichkeit vor, daß dasjenige, was in einer kurzen Skizze angedeutet ist, durch viele Einzelheiten, die in Zyklen und Schriften von mir vorliegen, ausgebaut werde. Das ist nur zum geringsten Teil bis jetzt geschehen und wird erst eine im Sinne der anthroposophischen Medizin gelegene Erweiterung finden, wenn diese Arbeit, die ich unter Beihilfe von Frau Dr. Wegman vorbereite, in der nächsten Zeit an die Öffentlichkeit treten wird. Dann wird man sehen, wie die Anthroposophie die Anregung geben kann für die Medizin und die medizinischen Studien überhaupt.
Aber Sie müssen sich klar sein, daß das medizinische Studium ein ganz eigenartiges Studium ist, das ganz besondere Voraussetzungen hat, ein Studium, bei dem man durchaus nicht absehen kann von den Ergebnissen der Geisteswissenschaft. Es kann keine Medizin geben, ohne daß die Ergebnisse der Geisteswissenschaft in ihr vorhanden sind. Die uns noch auf diesem Gebiete begegnenden chaotischen Zustände rühren davon her, daß eben eine Studienrichtung und eine Erkenntnisrichtung die tonangebenden sind, die ganz und gar für das medizinische Wissen sich nicht eignen. Die Sachen liegen heute so, daß wir ein Naturwissen haben - auch in der Theologie -, das sich lediglich eignet für technische Zwecke, nicht in irgendeiner Weise für Erkenntniszwekke in bezug auf den Menschen. Es eignet sich nicht dazu, Erkenntnisse über den Menschen zu geben. Denn sehen Sie, das wirkliche medizinische Wissen erfordert eben etwas Eigentümliches, und das wird Ihnen klarwerden, wenn ich davon spreche, wie eigentlich der Mensch zustande kommt.
Ich habe Sie schon gestern exoterisch darauf aufmerksam gemacht, und ich will heute und in den nächsten Stunden den Übergang finden zum Esoterischen: Die äußeren Substanzen sind eigentlich Vorgänge. Salz ist nur Niederschlag von Vorgängen, die Magnesiumprozesse, Eisenprozesse sind Vorgänge, die draußen in der Natur sind. Bleiprozesse, Quecksilberprozesse sind Vorgänge, die der Mensch nicht in sich tragen darf, die draußen in der Natur sind. Nun aber ist das nur scheinbar, daß der Mensch diese Prozesse nicht in sich trägt. Wie kommt der Mensch zustande? Die physische Anlage wird zunächst durch die Befruchtung geschaffen, diese physische Anlage muß sich vereinigen mit dem Ätherleib des Menschen. Der Ätherleib des Menschen kommt aber nicht zunächst durch die Befruchtung zustande, sondern der Ätherleib wird gebildet um dasjenige herum, was später Ich-Organisation und Astralorganisation wird, um das Geistig-Seelische, das aus den geistigen Welten herunterkommt, das da war im vorirdischen Leben. Wir haben es also mit dem eigentlichen Kern des Menschen als mit dem Geistig-Seelischen zu tun, das eben vorhanden ist, erstens aus früheren Inkarnationen, zweitens aus der Zeit zwischen 'Tod und neuer Geburt, lange bevor eine Befruchtung geschehen ist. Dieser geistig-seelische Kern des Menschen, er gliedert sich an, bevor er einen Zusammenhang bekommt mit demjenigen, was durch die Befruchtung als physische Keimzelle entsteht, zuerst den ätherischen Leib. Und das, was sich vereint mit dem, was im physischen Embryo veranlagt ist, das Ich, die astrale Organisation, die Ätherorganisation, diese Dreigliedrigkeit vereinigt sich mit dem, was durch die physische Befruchtung zustande kommt. Sie müssen auf den Ätherleib als auf etwas hinschauen, das aus dem Kosmos hereingebildet wird. Nun, dieser Ätherleib, der aus dem Kosmos hereingebildet wird, der hat in sich in dem Moment, wo er sich zuerst vereinigt mit der physischen Organisation, die Kräfte, die dann für die physische Organisation nicht gelten, die Bleikräfte, die Zinnkräfte. Es ist nur scheinbar, daß der Mensch kein Mikrokosmos ist, indem er gewisse Stoffe nicht enthalten wird. Die Substanzen, die der Mensch im physischen Leib nicht hat, die sind die allerwichtigsten für die Konstitution des Ätherleibes, so daß im Ätherleib vorgehen, ehe er sich vereinigt mit dem physischen Leib, in der Tat Bleiprozesse, Zinnprozesse, Merkurprozesse und so weiter.
Nun vereinigt sich der Ätherleib mit dem physischen Leib. Die andern Teile natürlich auch. Und in geringem Maße während der Embryonalzeit, aber im höchsten Maße dann, wenn die Atmung eintritt, also bei der Geburt, dann, wenn die wirkliche Außenatmung eintritt, geschieht folgendes: Dann gehen alle Kräfte, die der Ätherleib von den nicht im physischen Leib verankerten Stoffen hatte, über auf den astralischen Leib und der Ätherleib nimmt diejenigen Kraftformen an, die der physische Leib in sich verarbeitet. Also, der Ätherleib macht eine sehr bedeutsame Metamorphose durch, die Metamorphose, daß er den Inhalt, die Konstitution des physischen Leibes annimmt und seine eigene Konstitution, seine Verwandtschaft mit der Umgebung des Menschen abgibt an den astralischen Leib. Der Astralleib ist nun innig verwandt mit dem, was der Mensch wissen kann. Und in dem Augenblick, meine lieben Freunde, wo Sie anfangen, nicht bloß theoretisches, sondern wirkliches, innerlich verarbeitetes Ärztewissen aufzunehmen, in dem Augenblicke beleben Sie in sich diejenigen Inhalte, die der astralische Leib schon hat, die nur unbewußt bleiben, und die die Beziehungen darstellen zu der Umgebung.
Ich will einen besonderen Fall nehmen. Nehmen Sie zum Beispiel solch eine Gegend, die schwermütig ist, und zwar aus dem Grunde, weil die Unterlage nach der heutigen Erdenkonstitution gneistragend ist, im Gneis der Glimmer drin ist, Glimmer, den Sie als Mineral kennen. Glimmer ist erstens von einem sehr starken Einfluß auf die betreffende physische Lokalkonstitution, die ein Mensch in einer bestimmten Gegend hat. Man wird in seinem physischen Leib anders, wenn man in einer Gegend geboren ist, wo viel Glimmer ist. Da wirkt auf den physischen Leib vom Boden, von der Erde heraus das Glimmrige. Nun werden Sie finden, daß gerade in den Gegenden, wo viel Glimmer ist, viel Rhododendron wächst. Die Pflanze findet sich häufig in den Alpen und in Sibirien und so weiter. Die Rhododendronsubstanz ist dasjenige, was innig verwandt ist mit dem Ätherleib, bevor er in den physischen Leib einzieht in solchen Gegenden. Diese Verwandtschaft mit dem Rhododendron gibt der Ätherleib an den Astralleib ab. Und wenn nun in einer solchen Gegend Krankheiten auftreten, die gerade durch eine präponderierende Wirkung des Glimmers auf dem Umwege des Grundwassers unter den Bewohnern auftreten, so hat der ätherische Leib dasjenige, was er vom Rhododendron bekommen hat, an den astralischen Leib abgegeben. Das ist nun draußen vorhanden in der Rhododendronpflanze. Daraus kann man wissen, daß in der Rhododendronpflanze ein Saft vorhanden ist, der für diese Krankheit heilend ist. Davon hängt ab, daß in vielen Dingen, aber nicht in allen, sich das Heilmittel in den Gegenden, in welcher spezifische Krankheiten auftreten, als spezifisches Heilmittel befindet.
Nun müssen Sie das bedenken, jede Nacht, wenn Sie schlafen, falls Sie Mediziner sind, tauchen Sie unter in Ihrem astralischen Leib in die Umgebung, die verwandt war mit dem Ätherleib, die jetzt verwandt ist mit dem Astralleib. Erwerben Sie jetzt medizinisches Wissen, wissen Sie, was in der menschlichen Umgebung Heilkräfte sind, so erleben Sie die Heilkräftigkeit im Schlafe fortwährend. Sie erleben im Schlafe fortwährend die Bestätigung desjenigen, was Sie lernen können auswärts durch Dialektik. Und damit muß im medizinischen Studium gerechnet werden, weil alles äußere dialektische Lernen des Medizinischen nichts hilft, niemals hilft. Es wird dissoziiert, es kommt Unordnung hinein, wenn nicht jedesmal im Schlaf die Bestätigung innerhalb des Astralleibes und der Umgebung eintreten kann, die notwendig ist. Wenn nämlich das medizinische Studium nicht so erworben wird, daß der astralische Leib in seinem Gespräch mit der Umgebung dem Arzte ja sagen kann zu dem, was er gelernt hat, ist es gerade so, wie wenn er zuhören würde einer Sache, die er nicht verstehen kann, die ihn nur beirrt, so daß tatsächlich mit demjenigen im Leben des Menschen, was in den Schlafzustand hineinführt, das medizinische Wissen innig zusammenhängt. Und sehen Sie, es ist nun wirklich so, daß gerade aus solchen Dingen die Überzeugung erwachsen muß, daß das medizinische Studium durch den ganzen Menschen, und zwar durch den lebendigen, fühlenden Menschen erworben werden muß. Denn bei diesem nächtlichen Verkehr mit den heilenden Ingredienzien erwächst noch etwas anderes, was durch das Dialektische wirklich niemals erworben werden kann: der Drang nach wirklicher Hilfeleistung. Ohne den Drang, das Gefühl des Arztes, ohne den Anteil an dem Menschen, den er heilen soll, ohne diesen Drang nach persönlicher Hilfeleistung gibt es eigentlich im Grunde keine Heilung.
Sehen Sie, da muß ich Ihnen etwas sagen, was Sie vielleicht ganz sonderbar und paradox berühren wird, aber da Sie nun einmal lernen wollen, was heute fehlt und was kommen muß, muß ich auch dieses sagen, denn von Dornach aus arbeiten wir aus esoterischen Impulsen heraus. Sehen Sie, es ist mir oftmals gesagt worden, es könnte kommen, daß die Mittel, die wir herstellen — es wird Ihnen paradox erscheinen, aber Sie müssen manches als paradox hinnehmen -, daß man die Mittel, die wir erzeugen im pharmazeutischen Laboratorium, sorgfältig hüten müßte, damit sie nicht nachgemacht werden können. Ich habe einmal darauf erwidert, daß ich eigentlich eine so große Angst vor dem Nachmachen gar nicht habe, wenn es uns gelingt, wirklich esoterische Impulse in unsere Strömung hineinzubringen. Dann wird man einsehen, daß die Mittel mit dem esoterischen Hintergrunde gemacht werden, daß es nicht einerlei ist, ob hier die Mittel gemacht werden mit alldem, was hinter dem Esoterischen lebt, was hineingebracht wird, oder ob eine beliebige Fabrik sie nachmacht. Das mag Ihnen paradox erscheinen, aber es ist so. Es ist eben — viel mehr, als daß etwas durch äußere Dinge, durch äußere geschäftsmäßige Kniffe besorgt wird -— notwendig, daß eine gewisse Stimmung erwächst, die wirklich dahin zielt: da steckt etwas dahinter, was die Dinge aus dem Geistigen heraus heilkräftig macht. Das ist nicht Aberglaube, das ist etwas, was, wie Sie noch sehen werden, streng geisteswissenschaftlich begründet werden kann. Daher werden verständige Leute darauf kommen, daß man mit dem Nehmen der Mittel, die hier erzeugt werden, eben schon den Anfang macht mit demjenigen, was eigentlich getan werden soll.
Solche Einwände, die mir schon gemacht worden sind, können davon herkommen, daß heute die Menschen keine Ahnung haben, daß gerade im Medizinischen viel mehr Ernst gemacht werden muß mit dem, was esoterisches, geistiges Leben ist. Wenn Sie vor allen Dingen dieses einmal begreifen, werden Sie schon sehen, wie eigentlich real, nicht bloß formal, wie es sonst geschieht, hier eine Hochschule, eine Pflegestätte für medizinisches Studium eingerichtet werden sollte. Nun, Sie werden auch begreifen, daß auf den ersten exoterischen Kursus in der Medizin vor allen Dingen etwas folgen soll als zweiter Kursus, das im eminentesten Sinne esoterisch an den Menschen herangeht, das das medizinische Wissen einsenkt in dasjenige, was im Menschen Gesinnung, medizinische Gesinnung wird.
Instinktiv haben ja gewiß immer einzelne Persönlichkeiten solche medizinische Gesinnung gesucht. Und im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wo eigentlich so wenig gerade das vorhanden war, was medizinische Gesinnung erzeugen konnte, da konnte man wirklich nur bei einzelnen Persönlichkeiten, die dann als Sonderlinge angesehen wurden, sehen, wie diese medizinische Gesinnung doch sporadisch erzeugt worden ist. Im Grunde genommen war ja der Ruf der Wiener medizinischen Schule, mit der ich eigentlich aufgewachsen bin, dadurch ein so starker geworden, daß diese Wiener medizinische Schule im wesentlichen ihre Unterlage hergenommen hat von demjenigen Teil des Heilens, bei dem es am wenigsten auf Therapie ankommt, nämlich von der Lungenentzündung, wo man am wenigsten für die zentrale Erkrankung, für das Therapeutische sorgen kann. Daher kam das auf, wovon Sie noch gehört haben werden, der sogenannte Nihilismus. Gerade die bedeutendsten der Wiener Mediziner haben ganz bewußt den medizinischen Nihilismus vertreten, das heißt, sie standen auf dem Standpunkte: es heilt überhaupt kein Mittel! In gewissem Sinne stand auch Virchow auf diesem Standpunkt. Er stand auf dem Standpunkt: Von hundert sogenannten geheilten Kranken kann man annehmen, daß es bei fünfzig Prozent ganz gleichgültig gewesen wäre, ob man ihnen das Mittel gegeben hätte, gesund wären sie auch ohne das Mittel geworden. Und bei dreißig Prozent ist es so, daß man sagen kann, daß das Mittel direkt geschadet habe. Bei dem letzten Rest kann manchmal der Zufall bewirkt haben, daß gerade die Mittel, die ausgesucht, die ausgewählt wurden, geholfen haben. — Ich spreche das nicht aus, sondern Virchow, der eine medizinische Größe im letzten Jahrhundert war, sprach das aus. Ich kenne auch heute noch illustre Persönlichkeiten, die diese Ansicht strikte vertreten, trotzdem sie vielleicht gerade Therapie vertreten. Da ist gerade keine medizinische Gesinnung drin, aber diese kann auch nichts sein, von dem man bloß als von einer Formalität redet. Sie muß in Realität erzeugt werden, und dazu bedarf es eben jenes Menschlichen, in dem zweiten Kursus, der sich aufbauen muß auf dem Exoterischen. Dazu bedarf es jenes Menschlichen, das so wirkt, wie es allerdings in degenerierter Weise, aber doch, ich möchte sagen, manchmal wie zum Entzücken großartig bei so einer Persönlichkeit wie Paracelsus vorhanden war. Gewiß, man kann gegen ihn viel einwenden in diesem oder jenem Punkte. Aber diese medizinische Gesinnung war bei ihm in großartiger Weise vorhanden. Er hat immer gewußt, wenn er in eine Gegend gekommen ist, wo das Rotliegende anstoßend war, als Erde herauskam, daß eine Anzahl von Erkrankungen einfach davon herrührt - namentlich Krankheiten, die von Erkrankungen des Blutes herrühren -, daß der Boden Rotliegendes enthält. Die Entwickelung des Krankheitsprozesses ist sehr charakteristisch. Wenn man in eine Gegend mit viel Rotliegendem kommt, findet man, daß die dort angesessene Bevölkerung sich an das Rotliegende gewöhnt hat, und einfach ihrem Temperamente nach gewisse Eigentümlichkeiten zeigt. Man findet, daß diese Menschen eine sehr lebhafte Milztätigkeit haben. Und wenn man als Fremder in diese Gegend kommt, findet man nur wenig Zuneigung, die Leute sind furchtbar eigensinnig, rechthaberisch, einfältig, sie sehen einen für dumm an, wenn man manches, was sie tun, für närrisch ansieht. Ja, das ist so, die Leute gewöhnen sich im Rotliegenden daran. Aber wenn ein Fremder kommt, der ein Geschäft einrichten will, so verträgt der das Rotliegende nicht, namentlich das Wasser nicht. Er bekommt bestimmte Krankheitssymptome. Paracelsus sagt, daß solche Krankheiten, die dort erzeugt werden, auch auf die erbeingesessenen Personen übergehen. Paracelsus hat gesagt: Da muß sicher etwas vorliegen im Bereich des Ätherleibes; Archäus nannte er ihn. Da muß sicher der Archäus etwas durchgemacht haben, bevor er in den Embryo eintrat. Nun findet man immer, daß in diesen Gegenden der Goldregen wunderbar wächst. Man wird sehr leicht finden in dem Goldregen, in den Blüten, in den Blättern, unter Umständen auch in den Wurzeln, einen Saft, der ein sehr gutes Heilmittel abgeben kann, je nachdem der Mensch konstituiert ist.
Es handelt sich darum, daß man durch diese medizinische Gesinnung einen ganz andern Naturblick gewinnt. Und so habe ich - ich war dazumal noch ein Junge — einen Arzt kennengelernt. Den Arzt traf man sehr häufig auf Wiesen, auf Fluren, auf Äckern, da hielt er seinen Umgang mit Pflanzen, Blumen, Insekten und so weiter. In der Gegend, wo er als anspruchsloser Arzt tätig war, lebten drei bis vier Koryphäen. Man kann sagen, die Tätigkeit dieses anspruchslosen Arztes, der die Wiesenblumen so liebte, war eine ungleich fruchtbarere für die Kranken als die Tätigkeit des staatlichen Physikus und der andern Koryphäen. Denn die nahmen ihre Weisheit aus der Schule und aus demjenigen, was sich da an die Schule anschloß. Er nahm aber wirklich seine Weisheit über die Heilmittel aus dem unmittelbaren Umgang mit der Natur, der aber nur dann zum medizinischen Wissen führt, wenn man die Natur auch in ihren Einzelheiten lieben kann. Man liebt sie nicht mehr, wenn man sie unter das Mikroskop nimmt. Man muß sie lieben, man muß imstande sein, sie zu makroskopieren. Sehen Sie, da werden Sie darauf hingewiesen, wie notwendig es ist, dieses unterbewußte Leben des astralischen Leibes gerade für das medizinische Wissen heraufzuholen, richtig heraufzuholen. Nun möchte ich durchaus nicht vor Ihnen alte medizinische Ladenhüter wieder erneuern, sondern nur dasjenige sagen, was sich aus der unmittelbaren Betrachtung der Gegenwart ergibt. Aber man muß, weil die heutige Sprache, auch die medizinische Terminologie, keine rechten Ausdrücke hat, einfach zu einer Terminologie greifen, die überliefert ist. Sonst müßte man eine Terminologie erfinden. Vielleicht würde es für die Verbreitung unserer Ansichten günstiger sein, wenn man eine erfände. Nun aber, da müßten wir vielleicht jahrelang an dieser Terminologie studieren. Und da Sie jetzt schon hören wollen, so werde ich mit einigen Variationen die alten Ausdrücke brauchen.
Da ist es gut, wenn wir zunächst auf die Pflanzenwelt hinblicken, nicht so sehr, weil ich die Pflanzenheilmittel als universell empfehlen möchte, sondern weil man daran viel lernen kann und vor allen Dingen für die esoterische Vertiefung ungeheuer viel gewinnen kann. Nun ist für die medizinische Überlieferung von grundlegender Bedeutung, daß man dreierlei dabei wiederum betrachtet, aber nicht so betrachtet, wie man heute unser landläufiges Wissen und Können betrachtet, sondern eigentlich anders.
Wenn heute der Student etwas gelernt hat, dann weiß er es, und er denkt dann: Das ist gut, das weiß ich und kann es anwenden. — Der Mensch aber, der ein religiös frommer Mensch ist, der lernt das Vaterunser, er weiß es auch, aber er denkt nicht, daß es nun genug ist, daß er es weiß, sondern er betet es jeden Tag; das was er weiß, betet er täglich. Er läßt das, was er weiß, jeden Tag durch seine Seele ziehen. Das ist eine ganz andere Auffassung von der Sache, ist etwas ganz anderes. Oder nehmen Sie einen Initiierten, einen Eingeweihten. Von dem setzen Sie ganz gewiß voraus, daß er die Elemente des okkulten Wissens weiß. Darauf gibt er gar nichts, daß er sie weiß, daß er sie einmal aufgenommen hat, sondern viel wichtiger ist ihm, daß er von Zeit zu Zeit die allerersten Elemente und die folgenden auch gläubig durch seine Seele ziehen läßt, so daß er in seiner Seele immer neue Schwungkräfte erhalten kann. Der religiös veranlagte Mensch hat ganz andere Erfahrungen als derjenige, der in der Natur nur etwas sieht, was in der physischen Welt aufgenommen wird. Wir müssen im Naturrhythmus uns immer wieder finden, wenn wir lebendiges und nicht totes Wissen erwerben wollen. Das Wissen, die Wissenstätigkeit muß immer wieder rhythmisch wiederholt werden. Das meine ich, wenn es sich darum handelt, daß für das medizinische Wissen als Grundlage die medizinische Gesinnung zu gelten hat. Medizinisches Wissen zu erwerben aus der Natur des Menschen und seiner Umgebung, das ist ganz besonders wichtig in therapeutischer Beziehung. Da ist es von ganz besonderer Bedeutung, daß Sie das merken, wie Sie die Pflanze immer wiederum vor sich erstehen lassen in der Seele.
Da sind drei Dinge in der Pflanze von besonderer Bedeutung. Das eine ist — es tritt bei besonderen Pflanzen in ganz besonderer Weise hervor - das Duftende der Pflanze, das zusammenhängt mit den in der Pflanze wirksamen Ölen. Das Duftende der Pflanze ist dasjenige, was in der Pflanze das Anziehende ist für gewisse Elementargeister, die in die Pflanzen sich niedersenken wollen. Und weil das, was in der Tätigkeit - nicht in der Substanz — dem Duftenden zugrunde liegt, im Mineralischen am konzentriertesten vorhanden ist im Schwefel, so kann man wirklich mit der alten Medizin dieses im Dufte der Pflanzen wirksame, geistig Extraktive der Pflanze, das eine Art von Sehnsucht hervorruft in den Elementargeistern, die sich durch den Duft heruntersenken, das kann man das Sulfurige der Pflanze nennen. Man kann sagen, schon im Schauen auf das Sulfurige der Pflanzen erwirbt man sich ein richtiges Verständnis für den Duft der Pflanzen, wenn man erkennt, daß sich da ein Geistiges oben und unten abspielt, indem die Pflanze duftet. Das ist ein erstes.
Ein zweites, das man sich erwirbt, ist ein inneres Gefühlsmäßiges für das, was im Blatt heranwächst. Man hat so viele Gelegenheiten, die Blüten mit dem Duften der Pflanzen, die Blätter mit dem Formellen der Pflanzen in Verbindung zu bringen. Die Blätter sind so vielgestaltet: sägeartig, weich, spitz, stumpf, gegliedert und so weiter. Nicht wahr, dafür sollte man sich ein feines Gefühl erwerben, für dieses Blatthafte in der Pflanze, denn damit beleben sich jene geistigen Wesenheiten, die durch den Duft sich heruntersenken. Und darin strahlt aus der Peripherie des Kosmos herein überall das Bestreben, tropfenförmig zu gestalten. Sehen Sie, da gibt es etwas, wodurch Sie ein wunderbares Gefühl erwerben für das, was eigentlich gestaltbildend aus dem Kosmos in dem Blättrigen enthalten ist: wenn Sie einfach Liebe entwickeln zum Anschauen des Blättrigen, wenn am Morgen die Pflanzen übersät sind mit den glitzernden Tautropfen. Denn diese Tautropfen in ihrer Wesenhaftigkeit spiegeln einfach das Bestreben der Peripherie, des Kosmos, im Pflanzlichen das Kugelige, das Tropfenförmige zu erzeugen. Der Tropfen ist es, der ganz und gar zugrunde liegt allem Blättrigen der Pflanze. Und würde nur das Peripherische, Kosmische an der Pflanze geistig tätig sein, so würde die Pflanze immer diese kugelige Gestalt bilden. Sie sehen, dafß an Pflanzen das Kugelige besonders auftritt, wenn das Kosmische die Oberhand gewinnt, in mancher Beerenbildung und so weiter, auch in mancher Blattbildung, aber diese TIropfenbildung wird da sofort in Anspruch genommen von den irdischen Kräften. Der Tropfen wird nach den verschiedensten Seiten ausgezogen, und es entstehen die mannigfaltigsten Formen. Dieses Streben nach der Tropfenform findet sich mineralisch konzentriert im Quecksilber. Deshalb nannte man in der alten Medizin dieses Nachdem-Tropfen-Streben das Merkuriale. Merkur war in der alten Medizin nicht Quecksilber, sondern das Nach-dem-Tropfen-Streben, das dynamische Streben nach dem Tropfen. Überall, wo das Streben nach dem Tropfen vorhanden ist, ist das Merkuriale. Das Quecksilber ist das Metall, das auf Erden die Tropfenform hat, weil die Bedingungen dazu vorhanden sind. Das Quecksilber hat auf der Erde die Form, die das Silber auf dem Mond hat, wo es auch in Tropfenform sein müßte. Es handelt sich darum, daß die alte Medizin alles Tropfenförmige Merkur nannte. Alle Metalle waren auch Merkur für den alten Mediziner. Das ist eben das, was berücksichtigt werden muß, daß die alte Medizin im Beweglichen, Lebendigen lebte. Wir werden wieder zu diesem Beweglichen, Lebendigen kommen müssen. Dann müssen Sie den Sinn bekommen, daß Sie so hintendieren zu diesem Beweglichen, Lebendigen, daß Sie sich sagen: Wenn ich am Morgen über die Fluren gehe und die Tau-Silberperlen auf den Blättern sehe, so öffnen mir diese Tau-Silberperlen dasjenige, was in den Blättern selber im Geiste lebt: das Streben nach der kosmischen Kugelgestalt. - Das muß aber gefühlt werden, damit Sie die Pflanze verstehen. Sie müssen sie aber in ihrer Kugelgestalt verstehen lernen. Lernen Sie dann die Pflanze so verstehen, daß Sie ein Verhältnis bekommen zu ihrem Streben nach der Tropfenform, und dann hinauf durch das Duftige, dann erlangen Ste nach und nach ein feines Verständnis für alles dasjenige, was im Menschen zentrifugal wirkt. Es wirken zentrifugale Kräfte, wenn der Mensch sich die Nägel abschneiden kann. Sie sind nachgewachsen: das sind zentrifugale Kräfte, die durch den Menschen gehen. Während der ersten sieben Jahre gehen fortwährend die Kräfte, die dann ihren Abschluß finden durch die zweiten Zähne, zentrifugal durch den Menschen. Am meisten drükken sie sich aus in der Schweißbildung. Dasjenige, was im Dufte der Pflanzen nach oben strebt und die Naturgeister dort anzieht, das lebt auch im Schweißdufte, der eine zentrifugale Richtung hat, so daß Sie in der Tat, wenn Sie das Pflanzenhafte im Menschen suchen wollen, den Blick darauf hinrichten müssen und es da vermuten in seinem tiefen Herausstreben. Sie bekommen so eine tiefe, intime Erkenntnis des Zusammenhanges dessen, was draußen ist und was im Menschen ist. Denn sehen Sie, indem der Ätherleib seine Eigenheiten dem Astralleib abgibt, kehrt sich die ganze Sache um. Der ätherische Leib möchte dasjenige, was er aus der Umgebung nimmt, nach oben entwickeln. Indem er es an den astralischen Leib abgibt, entwickelt es sich zentrifugal nach außen [unten?] hin, so daß der Mensch in der Tat nach dieser Richtung hin das Pflanzenwerdende in sich trägt.
Sehen Sie die Pflanze an, wie sie mit der Wurzel in den Boden sich senkt, wie sie mit der Wurzel eine innige Verbindung eingeht mit den Salzen des Bodens im weitesten Sinne. Da findet ein Prozeß statt, der genau entgegengesetzt ist der Begleiterscheinung der Sinnesprozesse, die Salzprozesse sind. Nehmen Sie Kochsalz, das in Lösung salzig schmeckt, und denken Sie diesen Prozeß polarisch umgekehrt, also daß das Lösen aufgehoben wird, ein Zusammenbacken geschieht und der Geruch und der Geschmack latent wird. Dann haben Sie den Prozeß, der sich zwischen Boden und Pflanzenwurzel abspielt. Das ist das, was in der alten Medizin Salzprozeß genannt wird. Die alte Medizin hat nicht dasjenige Salz genannt, was man heute so nennt, also kohlensaures Salz und so weiter, sie hat dasjenige Salz genannt, was bei der Pflanze und der nach unten zugespitzten Wurzel eine Verbindung mit den Substanzen der Erde eingeht. Das ist das Salzige.
In diesem Hinlenken Ihrer fortdauernden Aufmerksamkeit im Rhythmus auf diese wunderbaren Geheimnisse der Natur beleben Sie praktisch Ihr medizinisches Wissen. Das heißt, Sie werden anfangen, wenn Sie in dieser Weise versuchen, Ihr medizinisches Wissen zu beleben, die Natur und den Menschen so anzusehen, daß Ihnen aus dem starken Impuls des Hilfeleistens, von dem ich Ihnen vorher gesprochen habe, das Heilen kommt. Wahrhaftig, es kann nur aus einer solchen Grundlage hervorgehen, auch ganz konkret. Es muß das konkret angeregt werden durch fleißiges, strebsames, regsames, exoterisches Lernen, sonst wird man nur konfuse Dinge machen. Aber notwendig ist doch, daß man weiß, daß tatsächlich in diesem rhythmischen Sich-Versenken gerade in die Naturumgebung des Menschen die wirkliche Grundlage des medizinischen Wissens liegt, nicht im theoretischen medizinischen Lernen, sondern in dem, was ich jetzt versuchte zu charakterisieren und was Sie rhythmisch leben können.
Was ich jetzt auf die Tafel schreibe, ist nicht dazu da, daß Sie es wissen, sondern daß es anregt in Euch immer wieder diese Belebung Eures medizinischen Sinnes. Es ist etwa so:
Ihr heilenden Geister
Ihr verbindet euch
Dem Sulphursegen
Des Ätherduftes; Ihr belebet euch
Im Aufstreben Merkurs
Dem Tautropfen
Des Wachsenden
Des Werdenden. Ihr machet Halt
In dem Erdensalze
Das die Wurzel
Im Boden ernährt.
Das ist gewissermaßen dasjenige, was die Seele erwirbt, indem sie auf den Umkreis hinschaut, den inneren Sinn erweckend für das, was sie umgibt. Der Mensch kann dann antworten:
Ich will mein Seelenwissen
Verbinden dem Feuer
Des Blütenduftes; Ich will mein Seelenleben
Erregen am glitzernden Tropfen
Des Blättermorgens; Ich will mein Seelensein
Erstarken an dem Salzerhärtenden
Mit dem die Erde
Sorgsam die Wurzel pflegt.
Nun, meine lieben Freunde, das, was man sich dadurch erwerben kann, daß man so, wie die Frommen es mit dem Beten machen, dieses immer wieder und wieder in sich belebt, das erregt ja in der Seele erst diejenigen Kräfte, die medizinisch wirken können. Denn die gewöhnlichen Kräfte, die heute in der Schule herangezogen werden, können nicht medizinisches Wissen erwecken. Dieses muß erst aus der Seele herausgeholt werden. Deshalb setze ich immer an die Spitze der esoterischen Betrachtungen, die wir pflegen wollen, dieses: wie man sich denken muß, daß die Seelenkräfte erst belebt werden, um in der Seele das rege zu machen, was zum medizinischen Wissen führen kann.