Course for Young Doctors

GA 316 — 7 January 1924, Dornach

Sechster Vortrag

Meine lieben Freunde!

Aus Gründen, die ich jetzt nicht erörtern will, werde ich die mehr esoterisch geartete Stunde, die ich heute halten wollte, Ihnen am Ende dieses Kursus halten.

Ich möchte heute zu Ihnen von etwas anderem reden. Wenn man sich erinnert an dasjenige, was gestern gesagt worden ist, wird man vielleicht etwas erstaunt sein können darüber, daß man zu sehen hat hinter den Erscheinungen des Festen, Erdigen Gedankenhaftes, daß man zum Beispiel hinter dem Luftartigen Mut zu sehen hat, wenn man an die Realitäten herankommen will. Nun ist es tatsächlich auch von einer gewissen, ich möchte sagen medizinisch-geschichtlichen Bedeutung, daß man in gehöriger Weise seine Aufmerksamkeit darauf hinrichtet, wie gerade mit dem Festen, Erdigen, also mit demjenigen, was in Konturen vor unserer Wahrnehmung steht, wie mit dem Festen, Erdigen der Gedanke zu verbinden ist, Gedankenhaftes zu verbinden ist, denn dadurch kommt man unmittelbar darauf, sich zu sagen: Mit dem Flüssigen, also auch mit dem, was als Säftezirkulation oder sonstige Zirkulation im menschlichen Organismus vorhanden ist, ist nicht der Gedanke zu verknüpfen, ist nicht der Gedanke als Kraft dahinter zu sehen, ebensowenig im Luftartigen, ebensowenig im Wärmeartigen. Wie man es mit dem Luft- und Wärmemäßigen zu halten hat im Kosmos, haben wir ja gesehen. Aber im Menschen ist alles, alles wiederum in einer speziellen Art vorhanden. Im Menschen ist es so, daß wirklich nur dasjenige, was in Konturen auftritt, was also auch, wenn es weich ist, sagen wir grob oder trivial, dennoch durch seine Konturiertheit den Charakter des Festen hat, daß nur das eigentlich eingehen kann in den Gedanken, und daß das Flüssige, von dem wir gesprochen haben so, daß man zunächst, wenn man einfach dem gewöhnlichen physischen Plan gegenübersteht und man Geistiges hinter ihm erfassen will, sich klarzuwerden hat, daß man zu sehen hat hinter dem Flüssigen Empfindungsgemäßes.

So muß man das Empfindungsgemäße im menschlichen Organismus noch besonders sehen, denn im Gewöhnlichen wirkt, wenn man von Empfindungsgemäßem spricht, die subjektive Empfindung, die der Mensch durch seine seelisch-leibliche Konstitution hat. Aber im Menschen ist ja die Empfindung nicht nur dasjenige, was man unmittelbar erlebt, sondern im Menschen ist die Empfindung aufbauend, und indem der Flüssigkeitsleib als Gestaltung des allgemeinen kosmischen Flüssigen schon als sein Wesen das Empfindungsgemäße enthält, muß man sich doch klar darüber sein, daß dieses, was im Flüssigkeitsleib wirksam ist, dieses ätherische Impulsive, auch erfaßt werden muß durch die Erkenntnis, daß es aber nicht so erfaßt werden kann durch die Erkenntnis, wie man irgend etwas außer dem Menschen erfaßt, weil im menschlichen Organismus eben alles, was uns als Substanzen oder Vorgänge entgegentritt, gegenüber der Umgebung des Menschen anders wird. Und so handelt es sich darum zu erkennen, daß in dem Augenblick, wo der Flüssigkeitsorganismus beginnt, wo man es mit einem Teil der menschlichen Organisation zu tun hat, die in flüssiger Zirkulation ist, wenn auch in den Weg dieser Zirkulation Gefäßorgane oder irgend etwas eingegliedert ist, alle Erkenntniskräfte, die für das gelten, was außer dem Menschen in der physischen Welt ist, nicht mehr taugen, um die Sache zu erkennen.

Deshalb, sehen Sie, ist es gekommen, daß als letztes Glied der menschlichen Organisation die Medizin den Flüssigkeitsmenschen verloren hat. Man kann geradezu sagen, bis in die Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts herein hatte man in der Medizin wenigstens noch eine Ahnung von dem Flüssigkeitsmenschen. Man redete von den Humores, von der Säftezirkulation, von der Säftemischung und -entmischung. Nicht nur hatte man eine Zellularphysiologie und -pathologie, sondern man hatte wirklich eine Anschauung über Säftemischung und -entmischung. Nur war im 19. Jahrhundert das alles natürlich Tradition. Aber diese Tradition führte noch zurück in Zeiten, die vor dem 16., dem 15. Jahrhundert liegen, in denen man nicht nur Tradition, sondern auch noch Erkenntnis hatte, Erkenntnis von der Art, wie wir sie heute in der Anthroposophie erringen, wiedererringen sollen in der Imagination. Die damalige Zeit hatte einen imaginativen Charakter, aber es waren instinktive Imaginationen. Und man wußte, man kann einfach den menschlichen Organismus nicht nur durch bloßes sinnliches Anschauen und Nachdenken erkennen. - Gedanken und sinnliches Anschauen ergeben nur die fest konturierten Partien des Organismus, alles was in Säftezirkulation, im flüssigen Menschen ist, das muß durch die Imagination erkannt werden. Es ist daher gar nicht zu verwundern, daß die Anschauung dieses flüssigen Menschen verlorengegangen ist, denn die alte instinktive Imagination ist verlorengegangen. Diese Anschauung wird erst wieder da sein, wenn wieder in vollbewußter Weise Imaginationen errungen sein werden. Umfassen wir das einmal, wovon wir gesprochen haben, und was da für die Erkenntnis in Aussicht stehen muß.

Sehen Sie, indem sich das Knochenskelett aufbaut aus der Gesamtheit des menschlichen Organismus heraus, ich möchte sagen, indem der Mensch in das Skelett hinein - es ist kein guter Ausdruck, den ich gebrauchen werde, aber Sie werden ihn verstehen -, indem der Mensch in das Skelett hineinkristallisierte, woben Weltgedanken an ihm. Und die streng begrenzten Organe sind auch nur streng begrenzt, indem sie — wir werden ihre eigentlichen Kräfte gleich kennenlernen - denselben Kräften unterworfen werden, denen der Knochenaufbau unterworfen wird, so daß man sagen kann: Nur der Knochenaufbau ist gedankenhaft im physischen Sinne, und die andern Organe, die feste Grenzen haben, sind gedankenhaft aufgebaut aus dem Ätherischen heraus. Aber sie sind, indem sie feste Konturen haben, gedankenhaft aufgebaut, und das, was Sie heute von der Physiologie und Pathologie haben in bezug auf das Gestaltmäßige des menschlichen Organismus, das ist dem Gedankenhaften unterworfen. Aber das ist ja nur ein Glied der menschlichen Organisation, und es muß herausfallen aus der menschlichen Organisation, wenn man nicht hinaufsteigt zur Imagination. Die Imagination leitet dann hinauf zum Flüssigkeitsmenschen und zu der Art, wie aus der Flüssigkeit der Muskel gebildet wird und der Mensch in den Muskel schießt. Diese eigentümliche Zusammenfügung des fest scheinenden Muskels, der nur fest scheint, und des Blutes, da schon kommt man von dem Knochenmäßigen in das Blutartige, da muß man, um den Menschen zu erkennen, die Imagination anwenden, so daß man also sagen kann: Der Gedanke, der natürlich unterstützt ist von der sinnlichen Anschauung, gelangt eigentlich nur an das Knochensystem heran, und alles übrige, was gesagt werden kann über den Menschen durch den Gedanken außer dem Knochensystem, ist Phantasie. Man muß aufsteigen vom Denken zur Imagination. Und wenn man zu der Imagination aufsteigt, kommt man zum Flüssigkeitsmenschen und dazu, wie der Flüssigkeitsmensch eigentlich schießt in das Muskelsystem. Und Muskeln zu begreifen in ihrer Wesenhaftigkeit ist nur möglich der Imagination. Warum?

Ja, sehen Sie, wenn Sie Gedanken anwenden, so müssen Sie auch die Gesetzmäfßigkeiten anwenden, auf die der Gedanke kommt, das ist die mechanische Gesetzmäßigkeit. Sie müssen Statik und Dynamik anwenden. Das können Sie nur beim Knochensystem. Aber wenden Sie einmal an Statik und Dynamik beim Muskelsystem, versuchen Sie aus irgendeiner Statik heraus zu rechnen, warum Sie einen Kirschkern zu zerbeißen vermögen oder gar einen Pfirsichkern. Versuchen Sie das zu errechnen. Versuchen Sie einmal das Experiment anzustellen, wieviel Gewichtsdruck dazu notwendig ist — einfach, indem man ein Gewicht auf einen Kirschenstein aufstellt -, diesen Kirschenstein zu zerdrücken. Sie zerbeißen ihn, vielleicht nicht alle von uns, aber es gibt manche, die auch Pfirsichkerne zerbeißen können. Rechnen Sie aus, ob nach mechanischen Gesetzen herauskommt, daß ein Muskel das leisten kann, Kirschkerne zu zerdrücken. Sie kommen mit dem, was der Gedanke gibt, niemals an das Muskelsystem heran. Sie können nicht. Mechanik wird in dem Augenblick, wo man an den Muskel herankommt, zum Unsinn, und man muß zu einer Erkenntnis jetzt übergehen können, welche auch hinter sich läßt die mechanischen Gesetze, welche also auffaßt das ganze Muskelbild durch Imagination, worin die gewöhnliche Schwere gar nicht ist. Denn in dem Augenblicke, wo Sie ins Flüssige hineinkommen, haben Sie es ja mit lauter Auftrieben zu tun, und Sie verrichten die Dinge, die Sie verrichten mit Ihrem Ätherleib, gar nicht mit den Gewichtsverhältnissen, sondern mit dem, was die Gewichtsverhältnisse zum großen Teil überwindet, so daß Sie schon aus diesem begreifen werden: In dem Augenblicke, wo man an das Muskelsystem herankommt, muß man eine ganz andere Erkenntnisart anwenden, das ist die Imagination, so daß man also sagen kann — nur repräsentativ, es sind überall Übergänge -, daß durch die Imagination begriffen wird das Muskelsystem. Und niemand begreift überhaupt das Muskelsystem, der es nicht gewissermaßen auffaßt als das nun nicht auf demselben Wege wie das Knochensystem entstandene Bild, das gewissermaßen durch Gerinnung des Blutes sich gebildet hat. Es ist natürlich ein ebensowenig geschickter Ausdruck, als wenn ich sage ins Knochensystem kristallisiert, aber vergleichsweise ist es doch richtig. Nun bedenken Sie, wenn Sie irgendeinen Knochen haben, etwa die Elle oder Speiche oder den Oberarm, und Sie wenden darauf die Hebelgesetze an: ja, die Knochen lassen sich das in aller Geduld gefallen. Aber betrachten Sie, währenddem Sie ganz gut mit den Hebel- und andern mechanischen Gesetzen dasjenige verstehen können, was mit der Speiche oder dem Oberarm vor sich geht, bedenken Sie, ob Sie auch werden verstehen können, was mit irgendeinem Muskel vor sich geht. Da müssen die Bilder eine weiche Struktur annehmen, müssen sich verwandeln. Das ist gerade das Wesen der Imagination, daß sie überall nachgeben kann und daß sie das umfaßt, was durch seine Metamorphose seine Substanz bedeutet. Das hat der Muskel, der Muskel lebt in seiner Metamorphose. Der Knochen läßt sich geduldig die mechanischen Gesetze gefallen, der Muskel nicht. Er ist ebenso beweglich wie die metamorphosischen Bilder — Bilder, nicht Gedanken -, die wir in der Imagination haben, um ihnen zu folgen im innerlich Beweglichen. Und sehen Sie, damit stehen wir beim festen Menschen im Knochensystem, beim festen, erdigen Menschen. Wir stehen beim Muskelsystem beim flüssigen Menschen, wäßrigen Menschen.

Wenn wir nun aufsteigen von der Imagination zur Inspiration, dann kommen wir nun schon an den luftförmigen Menschen, an dasjenige, was im Menschen luftförmig ist. Und wir kommen, indem wir an die Inspiration herankommen, an eine Auffassungsweise, die sehr ähnlich ist dem Hören musikalischer Töne, Harmonien, Melodien, sehr ähnlich ist dem musikalischen Hören. Die Inspiration hat nichts mehr mit etwas Begriffsmäßigem zu tun, sondern mit etwas, was auch in der Auffassung eine Art Musikalisches ist. Das Musikalische muß nicht immer gehört werden, es kann auch, indem es geistig ist, empfunden werden. Aber im Grunde genommen hat alle Inspiration etwas Musikalisches. Nun ist das Eigentümliche hier vorhanden, daß die Form der menschlichen inneren Organe, derjenigen Organe, die eigentlich die werdende Organisation während des Lebens besorgen in der Ernährung, in der Atmung und so weiter, also die Organe, die dem zugrunde liegen, daß alle diese Organformen nicht erklärbar sind etwa aus irgendwelchen mechanischen Gesetzen. Aber nicht einmal imaginativ sind sie zu erklären. Es ist einfach ein Unding, ein Nonsens, wenn man die Form des Lungenorganes, des Leberorganes etwa nur erklären wollte aus Lageverhältnissen, wie da die Zellen liegen, oder aus Gewichtsverhältnissen. Versuchen Sie darüber nachzuforschen, ob das schon irgend jemandem gelungen ist, die Leber- oder Lungenform als Form zu erklären. Es ist niemandem gelungen. Denn diese Organe, die das werdende Leben während des Erdendaseins versorgen, die sind in ihren Anlagen trotzdem sehr früh vorhanden, wenn auch sehr stark metamorphosiert. Alle kommen sie heraus aus den Gestaltungskräften des Luftförmigen. Der heutige wissenschaftliche Mensch sagt: Luft ist Sauerstoff, Stickstoff, einiges andere ist darin, und das ist so eine mehr oder weniger gleichmäßige, nur durch innere mechanische Bewegung, die im Winde sich darstellt, differenzierte luftförmige Substanz. Aber solche Luft, wie sie heute der Physiker beschreibt, die gibt es nicht, sondern es gibt nur die konkrete Luft, die unsere Erde umgibt. Aber, meine lieben Freunde, die Luft, die unsere Erde umgibt, die ist überall durchdrungen von lauter Gestaltungskräften. Diese Gestaltungskräfte atmen wir mit der physischen Substanz der Luft ein. Wenn unsere Organe fertig sind, wenn wir eine fertige Lunge haben, dann geschieht das, daß die Gestaltungskräfte, die wir da einatmen mit der Substanz der Luft, sozusagen zusammenfallen mit der Form der Lunge, daß sie dann, wenn wir geboren sind, keine große Bedeutung mehr haben, nur zum Wachstum. Aber während der Embryonalzeit, während der physischen Absonderung von der Außenluft, da wirken zuerst durch den mütterlichen Leib die Gestaltungskräfte der Luft. Die bauen die Lunge auf, wie alle Organe des Menschen daraus auferbaut werden, mit Ausnahme der Muskeln und der Knochen. Alle inneren Organe, die das werdende Leben erhalten, sind auferbaut aus den gestaltenden Kräften der Luft. Was da geschieht, kann man vergleichen, aber es ist ein grober Vergleich, mit der Entstehung der Chladnischen Klangfiguren. Also Platten, die mit Staub belegt sind, werden an einem Punkt befestigt, mit dem Violinbogen in bestimmter Weise gestrichen, dann gestaltet sich dieser Staub in gewisse Formen, je nachdem man den Bogen ansetzt. Da werden aus den Gestaltungskräften, die man in der Luft hervorruft, die Staubfiguren gebildet. So werden aus den allgemeinen Gestaltungskräften der Luft die inneren Organe des Menschen gebildet. Die sind herausgebildet aus den Gestaltungskräften der Luft. Die Lunge ist tatsächlich aus den Atmungskräften gebildet, aber ebenso die andern Organe. Nur sind es die andern Organe mehr oder weniger auf Umwegen, während die Lunge direkt gebildet ist. Aber dies, was da vorliegt, daß die Organe des Menschen herausgebildet werden aus den sich gestaltenden Schwingungen der Luft, das ist nur durch Inspiration zu begreifen. Das, was sich herausgestaltet aus dem Luftförmigen, eben Geformtes, das ist in der Auffassung gleich dem Musikalischen, wie den Klangfiguren auch ein Musikalisches zugrunde liegt.

Es ist so vieles grundfalsch, was in unserer heutigen Physiologie vorhanden ist, daß man sich manchmal geniert, das Richtige zu sagen, wenn es sich so grotesk unterscheidet von dem, was man behauptet. Wenn der Mensch hört, so sind alle seine Organe in Mitschwingung mit den Schwingungen der Luft, nicht etwa nur die inneren Hörorgane. Der ganze Mensch schwingt mit, wenn auch leise, und das Ohr ist nicht deshalb Hörorgan, weil es schwingt, sondern weil es das, was im übrigen Organismus ist, durch seine innere Organisation zum Bewußtsein bringt. Es ist das ein großer, aber auch ein feiner Unterschied, ob man sagt, der Mensch hört durch das Ohr, oder der Mensch bringt sich durch das Ohr das Gehörte zum Bewußtsein. Denn der Mensch ist aus dem Ton heraus, wenn auch nicht aus dem gehörten 'Ione, auferbaut, so daß man sagen muß: die Inspiration ergreift die menschlichen Innenorgane. Die Organisation der menschlichen Innenorgane, des luftförmigen Menschen, muß durch Inspiration erkannt werden. Sehen Sie, es ist gar kein Wunder, daß schon im grauen Altertum das eigentliche Begreifen der menschlichen Organe verlorengegangen ist, weil die Inspiration verlorengegangen ist, weil die Inspiration der einzige Weg ist, durch den man die inneren Organe verstehen kann; sonst kann man diese nur von der Leiche abzeichnen, aber verstehen kann man sie nicht.

Nun, so sehen Sie, daß eigentlich der ganze menschliche Organismus im Hintergrunde der physischen Welt lebt. Wenn wir reden in der Form, wie ich es getan habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann haben die Menschen immer die Vorstellung: hier ist die physische Welt, und dahinter ist die geistige Welt stufenweise. In die nächste geistige Welt kommt man durch Imagination, in eine weitere geistige Welt durch Inspiration, in eine weitere durch Intuition. Aber davon machen sich die Leute keine Vorstellung, daß von all dem, was im Menschen ist, nur das Knochensystem von den Elementargeistern aufgebaut wird, während das Muskelsystem aufgebaut wird von geistigen Wesenheiten einer höheren Hierarchie. Das muß man jetzt erkennen. Man muß mit der Imagination zu diesen Wesenheiten gehen können, wenn man das Muskelsystem ergreifen will. Ebenso muß man mit der Inspiration zu noch höheren geistigen Wesenheiten gehen, wenn man die inneren Organe begreifen will. Dadurch, daß Sie ein Skelett aufrichten, schauen Sie nur so aus, als wenn Sie den Formen angepaßt wären. Ein Skelett aber, seiner inneren Bildung nach, ist durchaus nur auf inspirativem Wege zu erforschen.

Das, was ich sagen will, das müssen Sie so ansehen: Nicht wahr, eine Pflanze untersucht der heutige Naturdenker, Naturforscher, indem er dasjenige, was sich ihm darbietet, was er erreichen kann als Substantielles, analysiert, überhaupt nach den gewöhnlichen Methoden untersucht, die man heute hat. Aber sehen Sie, das ist ja gar nicht die Pflanze. Die Pflanze ist so aufgebaut, wie ich es gestern gesagt habe. Sie ist aus dem Kosmos heraus gebaut, und nur die Wurzel ist aus irdischen Kräften aufgebaut. Die ganze Form der Pflanze ist geistige Wirklichkeit, ist übersinnliche Wirklichkeit; nur ist das Übersinnliche ausgefüllt mit Materie. Und derjenige, der bloß diese physische Materie untersucht bei der Pflanze — ja, der gleicht einem Menschen, der eine Schrift vor sich hat, die naß ist, die er mit Streusand bedeckt hat, und dann glaubt, daß der Streusand das Wesentliche an der Schrift sei. Man geht heute so vor, indem man die Pflanze untersucht, wie der vorgeht, der eine Schrift vor sich hat, sie als noch zu feucht mit Streusand bedeckt. Der Streusand ist überall drauf, den kratzt er ab und sagt: Ich untersuche den Streusand, ich lese das, was geschrieben steht, aus dem Streusand ab. - So ungefähr will man eine Pflanze erklären, während sie in Wirklichkeit ein geistiges Wesen ist, das nur ausgefüllt ist innerhalb seines Raumes mit physischer Substanz. Und so ist es, daß auch die menschlichen Organsysteme nur mit physischen Substanzen ausgefüllt sind. In Wirklichkeit ist physisch nur das Knochensystem, ätherisch das Muskelsystem, astralisch das Organsystem. Und steigen wir auf zur wahren Intuition, dann kommen wir zum Wärmemenschen, zu der Organisation, die innerlich differenzierter Wärmeraum ist. Ich habe nun das gesagt, daf® man in der Wärme ja wirklich drinnen sich erlebt, daß man nicht ebenso wie dem Kohlenstoff, dem Stickstoff der Wärme gegenübersteht, sondern die Wärme ist da, die Wärme ist in einem, und man ist in der Wärme, indem man Wärme erlebt. Sie ist gerade dasjenige, was am intensivsten erlebt wird. Deshalb kann der heutige Mensch nicht leugnen, daß er Wärme erlebt, während er keine Ahnung davon hat, daß er Luft, Wasser, Erde erlebt. Er hat keine Ahnung davon, weil er da herausgewachsen ist. Aber das Erleben der Wärme ist eben unmittelbar die Anwendung der Intuition auf den menschlichen Organismus, nur muß man jetzt nicht bloß im Groben, wie man das für den 'Tagesgebrauch nötig hat, sondern in Differenzierung die Wärme erleben, die sehr fein ausdifferenziert ist in den Formen der Organe selber. Wenn man durch Intuition diesen Wärmeorganismus durch den ganzen Körper betrachten kann, kommt man durch diese Erkenntnisart zum Verstehen nun nicht der inneren Organe, sondern der Tätigkeit der inneren Organe. Die ganze Tätigkeit der inneren Organe muß begriffen werden durch Verstehen der Organisation im Wärmeäther. Alles übrige ist durchaus ungeeignet, ein Verständnis der Tätigkeit der Organe zu bringen. Die Anschauung, die intuitive Anschauung der Tätigkeit des Wärmeäthers, also der Wärmemensch, der ist es, der durch Intuition erkannt werden muß. Das heißt mit andern Worten, es genügt nicht, daß man bloß die Meinung habe, da ist physische Welt, man eignet sich Imagination, Inspiration, Intui tion an, um in andere Welten zu kommen. Die andern Welten sind da. Die ätherische Welt ist dadurch da, daß der Mensch ein Muskelsystem hat, die astralische Welt ist dadurch da, daß der Mensch ein Organsystem hat, und die devachanische Welt, die Geisteswelt ist dadurch da, daß der Wärmemensch da ist. Das Geistige geht fortwährend unter uns herum. Es ist da. Der Mensch ist ja ein Geist, er ist nur angefüllt mit physischer Substanz, dieser Geist. Daher geben wir uns der Illusion hin, daß der Mensch ein physisches Wesen ist. Der Mensch ist sogar Geist in sich, der durch seine Wärmeorganisation sogar hinaufreicht in die höchste Welt, die noch erreicht werden kann. Daher ist es so komisch, wenn Spiritisten zu acht bis zehn um einen Tisch sitzen und Geister anrufen, die viel, viel untergeordneter sind als die acht bis zehn, die um den Tisch herumsitzen, die nur nichts wissen davon, daß sie Geist sind. Das ist dasjenige, was man sich tief, tief, meine lieben Freunde, ins Gemüt führen muß, dann kann man aufsteigen.

Gedanke: Knochensystem = fester erdig Mensch
Imagination: Muskelsystem = flüssiger wäßrig Mensch
Inspiration: Innenorgane = luftförmiger Mensch
Intuition: Tätigkeit der Innenorgane = Wärme-Mensch

Sehen Sie, hat man durch Intuition die Tätigkeit, diese wunderbare Tätigkeit innerhalb der gesamten menschlichen Organisation von Organ zu Organ ergriffen, was sich alles abspielt im Wärmeäther, so kommt man eigentlich zu zwei Wärmearten. Nämlich der Wärmeäther ist ein ganz besonderes Element. Wenn Sie irgendeinen Vorgang haben, der im Wärmeäther eine Veränderung hervorruft, so entsteht immer eine Gegenwirkung. Wärmeströmungen sind eigentlich immer so, daß sie einander entgegenströmen, Aktion und Reaktion. Der Wärmeäther ist in sich selber differenziert. Es ist immer eine gröbere Äthersubstanz da, der eine feinere Äthersubstanz entgegensteht. Dadurch aber nur ist es möglich, daß solche Erscheinungen auftreten, die wir uns zunächst an einer groben Erscheinung klarmachen können. Denken Sie sich, Sie seien zunächst in einem wohltemperierten Zimmer, das schön warm ist; es ist angenehm. Sie machen es heißer, so sehr, daß Sie es nicht mehr aushalten können. Das ist nicht bloß ein physischer Zustand, das ist auch ein seelischer Zustand. Die eine Wärme, die feinere Wärme, die erlebt insbesondere die Seele. Wir erleben eigentlich die Wärme immer zweifach: die Wärme, die wir seelisch erleben, und die Wärme, in der wir leben, die außerhalb unserer Seele ist; die Wärme, die in unserem Wärmeorganismus ist, und die Wärme, die draußen ist. Wir können sagen, es gibt eine physische Wärme und eine seelische Wärme.

Gehen wir aber zu den inneren Organen, zum luftförmigen Menschen, der durch Inspiration erkannt wird, da haben wir das Luftförmige in seiner Hauptgestalt zunächst. Aber in diesem Luftförmigen wirkt — nicht wie die feinere Wärme in der Wärme selber noch wirkt -, in der Luftgestaltung wirkt das Licht, so daß Sie sagen können: Für die Intuition wird Wärme in Wärme klar, es bleibt Wärme noch Wärme, indem sie in ihrem eigenen Element sich differenziert. Aber so ist es nicht bei der Luft. Die wirkliche Luft ist nicht die phantastische Luft der Physiker, die unsere Erde umgibt wie eine andere Haut; die gibt es nicht. Die wirkliche Luft ist ohne irgendeinen Lichtzustand — denn Finsternis ist auch ein Lichtzustand — nicht denkbar, so daß Luft und Licht eine zusammengehörige Differenzierung sind, daß also in allem Luftorganismus Licht mitorganisierend ist. Jetzt kommen Sie noch mehr ins Seelische hinein. Es gibt nicht nur äußeres Licht, sondern auch metamorphosiertes inneres Licht, das den ganzen Menschen durchdringt, das in ihm lebt. Mit der Luft lebt das Licht in ihm.

Und ebenso lebt mit dem Wasser, mit dem flüssigen Element der Chemismus in Ihnen. Da leben die chemischen Kräfte. Wasser als physisches Wasser vorgestellt, also das Wasser der Physiker, ist Phantasterei. In dem Augenblick, wo Wasser irgendwo organisierend auftritt, tritt es nicht auf ohne den Chemismus. Das Flüssige im Menschen sich ohne den Chemismus vorstellen, heißt ebenso viel wie einen menschlichen Organismus ohne Kopf sich vorstellen. Man kann es sogar zeichnen, kann sogar alles Seelische eliminieren, aber es ist keine Realität mehr da. Schneiden Sie von Ihrem Körper den Kopf ab, so kann er nicht mehr leben; er bleibt kein Organismus. Ebenso ist das Flüssige im Menschen nicht dasjenige, was der Physiker phantastisch als Wasser schildert, sondern wie der menschliche Organismus mit dem Kopfe durch und durch ein Ganzes bildet, so ist an dieses Flüssige der Chemismus, ist überall der Chemismus gebunden. Tafel 7

Und das Feste oder Erdige im menschlichen Organismus, das ist überhaupt nur im Status nascendi vorhanden, wie auch Wasser im Menschen nur so vorhanden ist; es verwandelt sich gleich. Das Erdige ist im Menschen nur vorhanden, indem es zu gleicher Zeit gebunden ist an das Leben.

Erdige: Leben
Wasser: Chemismus
Luft: Licht
Wärme in Wärme Physischer Leib: Ätherischer Leib

Und jetzt sehen Sie, machen Sie hier einen - senkrechten - Strich, so haben Sie hier den physischen Leib, und hier den dazugehörigen Ätherleib. Aber die sind nun ein Ganzes, sind gewissermaßen nur eines, von zwei Seiten aus gesehen. Sie haben die Ätherzustände Wärme, Licht, Chemismus, Leben und haben die physischen Zustände Wärme, Luft, Wasser, Erde. Nun, wenn wir abstrakt die Ätherzustände schilderten, sähen wir zunächst hin auf den Wärmeäther, wenn wir vom Flüssigen, Festen und so weiter ausgingen, als auf den niedersten Äther; der höchste Äther wäre der Lebensäther. Wenn wir aber den Menschen schildern, müssen wir so vorgehen, daß die Intuition den Wärmemenschen kennenlernt, die innere Tätigkeit der Organe. Indem wir zum Gröbsten hinuntersteigen, von der Wärme zum Erdigen im physischen Organismus, so steigen wir im Ätherleib von der Wärme in das Leben hinauf. Was heißt das? Denken Sie nur, was darin liegt: der Mensch kehrt eigentlich die Qualitäten des Menschen um. Er wendet den Wärmeäther nur auf den Wärmeorganismus, den Lichtäther auf den Luftorganismus, den chemischen Äther auf den flüssigen Organismus, den Lebensäther auf seine feste Organisation an. Wenn Sie nun so etwas wirklich erfassen, dann können Sie nicht so denken, wie man gewöhnlich denkt. Wenn Sie dabei stehenbleiben wollen, so zu denken, wie man gewöhnlich denkt, können Sie eigentlich nur den Knochenmenschen erfassen, den Erdenmenschen. Sie haben nötig, von dem gewöhnlichen Denken zu einem solchen Erfassen der Welt überzugehen, das Sie innerlich wirklich ergreift, wie ich schon einmal gesagt habe.

Und sehen Sie, damit hängt es dann zusammen, meine lieben Freunde, daß letzten Endes das Arztwissen schon eine gewisse Eigentümlichkeit hat. Nicht wahr, in den alten Mysterien, wo man überhaupt gewisse Einsichten hatte über die Behandlung des Menschen, war das Arztwissen ein hervorragendes Glied des Mysterienwesens. Überhaupt, die Ärzte sind in den Mysterien ausgebildet worden und waren nicht bloß Ärzte, sondern auch zu gleicher Zeit Weise, die die religiösen Kulte versorgt haben. Da war es verhältnismäßig selbstverständlich, daß der Arzt sein Wissen, wie überhaupt das Mysterienwissen, in einem gewissen Sinne sekretiert hat, geheimgehalten hat. Denn sehen Sie, wenn man etwas wissen will, so muß man ja dieses Wissen in Gedanken kleiden, sonst würde man im Unbestimmten schweben. Man muß also auch das Bildwissen in der Imagination, das geistig gehörte wie das intuitiv geschaute Wissen, in Gedanken kleiden. Nun, die Gedanken, sie sind wie die Gedanken der heutigen Anthroposophie so, daß die Leute sagen, man spreche sich in schlechtem Stil aus. — Das war den Leuten klar, man muß das medizinische Wissen in Gedanken verwandeln. Dadurch, daß man das medizinische Wissen in Gedanken verwandelt, dadurch nimmt man ihm, wenn es therapeutisches Wissen wird, etwas von seiner Wirksamkeit. Damit berühre ich etwas, was mit tiefen Dingen zusammenhängt. Es ist nicht zu leugnen, daß das Wissen um Heilmittel den Heilmitteln in einem gewissen Sinne ihre Kraft nimmt und daß es notwendig ist für den ernst zu nehmenden Arzt, eigentlich für sich selber auf diejenigen therapeutischen Mittel, die er bei seinen Patienten anwendet, in ihrer Wirksamkeit mehr oder weniger zu verzichten und für sich selber andere Arten der Heilung zu beobachten. Bitte, überlegen Sie sich, was mit diesem Satz gesagt ist, so werden Sie darauf kommen, daß in noch viel tieferem Sinne, als das bisher gesagt worden ist, der Arzt die persönliche Stimmung der Hilfeleistung entwickeln muß. Für diejenigen Dinge, die er bei seinen Patienten anwendet, muß er eigentlich verzichten auf die Heilkräfte bei sich selber. Wenn man nur grob den chemischen Kräften zuschreibt die Wirksamkeit der Heilmittel, wenn man glaubt, die Heilmittel wirken so wie der Dampf in der Lokomotive, dann ist man solchen geistigen Gesetzen nicht unterworfen. Wenn man aber sieht, wie der Mensch in das Geistige hineinragt, wird man keinen Moment zweifeln, daß geistige Gesetze dem zugrunde liegen, was in den verschiedenen Arzneien speziell für den Menschen zugrunde liegt. Medizin ist im höchsten Grade, wenn sie in ihrer eigentlichen Eigenart erfaßt wird, das wunderbarste Mittel der Erziehung zur Selbstlosigkeit. Daher ist es schon in einem gewissen Sinne ein grobes, ein kolossal grobes Mißverständnis, wenn man heute immer verlangt, die gesamte Therapie solle so gelehrt werden wie die Mechanik oder so etwas. Es ist ja schließlich bei der Mechanik auch so, daß wir sie anwenden können auf den Menschen, aber das gilt dann für die ganze Menschheit. Beim Arzt ist alles individuell, und wenn ein wirklich durchdringendes Wissen von irgendeinem Heilmittel vorliegt, so liegt bis zu einem hohen Grade für den Arzt die Notwendigkeit vor, bei sich selbst auf die Heilung durch dieses Mittel zu verzichten. Das ist die große Erziehung zur Selbstlosigkeit. Ich werde noch Andeutungen machen, wie der Arzt sich dennoch helfen kann. Aber was solchen Tatsachen zugrunde liegt, das sollte in Ihrem Herzen aufgehen. Wenn Sie solche Dinge ernst nehmen, wie diejenigen sind, die ich heute zuletzt gesagt habe, dann stellt sich einfach durch Weltgesetze die Notwendigkeit ein, in der Medizin nicht den Egoismus, sondern den Altruismus einzuführen. Er liegt schon im Duktus; und Altruismus, Selbstlosigkeit ist das Grundelement der Medizin. Medizinische Moral ist nicht etwas bloß Erfundenes, sondern folgt aus den ureigensten Gesetzen des Himmels, aus Gesetzen, die der Kosmos gebildet hat, um aus seiner Gesetzmäßigkeit heraus Heilmittel zu formen.

Je ernster eine solche Mitteilung stimmt, desto mehr wird sie beitragen können zur Erfassung des eigentlichen Grundnerves der Heilmittel überhaupt.

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