What can the Art of Healing Gain through Spiritual Science
GA 319 — 21 July 1924, Arnheim
Achter Vortrag
In dem einleitenden Vortrage habe ich versucht auseinanderzusetzen, wie durch die von der Anthroposophie gepflegte Erkenntnisart der Mensch nach seiner Totalität, nach seiner Gesamtwesenheit — nach Leib, Seele und Geist — durchschaut werden soll. Wie man nur dann zu einer inneren Erkenntnis der gesunden und kranken Zustände in der menschlichen Wesenheit kommen kann, wenn man diese ganze Natur des Menschen ins Auge faßt, das versuchte ich ferner zu zeigen; und wie man dadurch, daß man kennenlernt die realen Beziehungen desjenigen, was im Menschen vor sich geht, zu den äußeren Vorgängen und substantiellen Verhältnissen in der Natur, nun auch dazu gelangt, eine unmittelbare Verbindungsbrücke zu schlagen zwischen dem Pathologischen und dem Therapeutischen.
Nun aber wird es sich im weiteren darum handeln, dasjenige, was das letzte Mal im allgemeinen gesagt worden ist, an Einzelheiten zu erhärten. Da wird es vor allen Dingen darauf ankommen, richtig ins Auge zu fassen, wie in der menschlichen Organisation ein Abbau stattfindet, wie auf der anderen Seite aber auch fortwährend ein Aufbau stattfindet. Wir haben im Sinne des letzten Vortrages am Menschen zu unterscheiden jenen äußeren physischen Organismus, der durch die äußeren Sinne wahrnehmbar ist, und dessen Offenbarungen durch die Sinneswahrnehmungen mit dem Verstande begriffen werden können. Wir haben außer diesem physischen Leib, in dem Sinne, wie ich dies das letzte Mal auseinandergesetzt habe, einen ersten übersinnlichen Leib im Menschen zu unterscheiden: den ätherischen oder Lebensleib. Diese beiden Organisationsglieder der menschlichen Gesamtwesenheit dienen dem Aufbau der menschlichen Organisation. Der physische Leib wird fortwährend, indem er seine Stoffe ausstößt, erneuert. Der ätherische Leib, der die Kräfte des Wachstums, der Ernährungsfähigkeit in sich enthält, er ist in seiner Gesamtkonstitution etwas, von dem wir eine Anschauung bekommen, wenn wir die wachsende, blühende Pflanzenwelt im Frühling betrachten; denn die Pflanzen enthalten ebenso wie der Mensch einen Äther- oder Lebensleib. Wir haben also in diesen beiden Organisationsgliedern des Menschen eine fortschreitende, aufbauende Entwickelung.
Indem der Mensch ein empfindendes Wesen ist, trägt er des weiteren - man braucht sich nicht an Ausdrücken zu stoßen, sondern nur dasjenige zu sehen, was sie uns erörtern — einen astralischen Leib in sich, der im wesentlichen der Vermittler der Empfindungen ist, der Träger des innerlichen, fühlenden Wesens. Dieser astralische Leib enthält nun in sich nicht mehr Kräfte des Aufbaus, er trägt in sich Kräfte des Abbaus. So wie durch den ätherischen Leib, oder nenne man es, wie man will, aber da ist es, die Menschennatur gewissermaßen sprießt und sproßt, so wird das, was sprießt und sproßt, durch den astralischen Leib fortwährend abgebaut. Und gerade dadurch ist in der menschlichen Organisation eine seelisch-geistige Betätigung, daß das Physisch-Ätherische fortwährend abgebaut wird. Man macht etwas ganz Falsches, wenn man meint, das Geistig-Seelische in der menschlichen Wesenheit liege im Aufbau; und der Aufbau, die fortschreitende Entwickelung, komme zuletzt an einem Punkt — meinetwillen in der Nervenorganisation oder dergleichen — dazu, Träger des Geistig-Seelischen zu sein. Das ist nicht der Fall. Wenn einmal - und alle Anzeichen sind dafür da, daß es in Bälde geschehen wird — unsere tief bewundernswürdigen naturwissenschaftlichen Untersuchungen auf dem Wege weiterschreiten, auf dem sie schon sind, dann wird es sich zeigen, daß im Nervenprinzip nicht ein Aufbauendes das Wesentliche ist; das Aufbauende in der Nervenorganisation ist nur dazu da, damit die Nerven überhaupt bestehen können. Aber der Nervenvorgang ist in einer fortwährenden, wenn auch langsamen Auflösung begriffen; es ist das, was in einem Abbau ist und dadurch gewissermaßen, indem das Physische sich auflöst, dem Geistig-Seelischen den Platz frei macht.
In noch stärkerem Maße ist das der Fall für die eigentliche Ich-Organisation durch die sich der Mensch über alle anderen Naturwesen erhebt, die auf der Erde in seiner Umgebung sind. Die Ich-Organisation ist im wesentlichen immer abbauend; sie macht sich am meisten dort geltend, wo im menschlichen Wesen abgebaut wird.
So hat man also, wenn man in dieses Wundergebilde des menschlichen Organismus hineinschaut, in jedem einzelnen Organ einen Aufbau, wodurch das Organ dem Wachstum, der fortschreitenden Entwickelung dient, und einen Abbau, wodurch es der rückschreitenden physischen Entwickelung dient, aber damit gerade dem Platzgreifen des Geistig-Seelischen im Menschen. Und schon das letzte Mal sagte ich: Der Gleichgewichtszustand zwischen Aufbau und Abbau, der für jedes Organ im Menschen in einer bestimmten Weise da ist, er kann gestört sein. Der Aufbau kann überwuchern, dann haben wir es mit krankhaften Zuständen zu tun. Wenn wir so in die Menschenwesenheit hineinschauen - ich kann die Dinge zunächst nur mit einiger Abstraktion darlegen; sie werden nachher schon konkreter zum Ausdruck kommen - und wenn wir gewissenhaft mit wissenschaftlicher Verantwortung vorgehen, daß wir nicht nur im allgemeinen phrasenhaft herumreden: Es ist Aufbau und Abbau vorhanden -, sondern wenn wir daraufhin jedes einzelne Organ wirklich studieren, und zwar mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit, die man gelernt hat an wissenschaftlichen Beobachtungen, die es heute zu so großer Vollkommenheit gebracht haben, dann schaut man eben hinein in jene Gleichgewichtszustände, die für die einzelnen Organe bestehen müssen und hat die Möglichkeit, eine Anschauung zu bekommen von dem gesunden Menschen. Ist irgendwie nach der einen oder anderen Richtung, nach der Richtung des Aufbaues oder nach der des Abbaues, das Gleichgewicht der Organe gestört, dann hat man es zu tun mit irgend etwas Krankhaftem im menschlichen Organismus.
Nun muß man aber berücksichtigen, wie der menschliche Organismus zu der ihn umgebenden äußeren Welt der drei Naturreiche steht, zum mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reich, aus denen wir ja unsere Heilmittel nehmen müssen. Wenn man in umfänglicher Weise den Blick so hinlenkt auf die inneren Gleichgewichtszustände des Menschen, wie ich es ja skizziert habe, dann sieht man, wie im menschlichen Organismus nach allen Richtungen überwunden wird das, was außerhalb des menschlichen Organismus in den drei Reichen der Natur vorhanden ist. Nehmen wir das Allereinfachste: die Wärmezustände im menschlichen Organismus. Es darf nichts von äußeren Wärmezuständen im Inneren des menschlichen Organismus sozusagen seine unveränderte Fortsetzung finden. Wenn ich die Wärmeerscheinungen außen in der Natur verfolge, so weiß ich: Wärme erhöht die Temperatur von Dingen der Außenwelt. Wir sagen: Wärme durchdringt die Dinge. Wenn wir ebenso als menschliche Organisation von der Wärme durchdrungen wären, wenn wir sozusagen für die Wärme ein Ding wären, dann wäre die Wärme für uns krankmachend. Nur wenn wir durch die Intensität und das Qualitative unserer Organisation imstande sind, jeden Wärmeprozeß, der auf uns ausgeübt wird, sogleich innerlich mit dem Organismus in Empfang zu nehmen, ihn zu einem inneren Prozeß umzubilden, dann sind wir als menschliche Organisation in der Lage der Gesundheit. Wir werden von Wärme oder Kälte in dem Augenblick beschädigt, wo uns äußere Wärme oder Kälte ergreift und wir nicht in der Lage sind, sofort innerhalb unserer Organisation das in Empfang zu nehmen, was äußere Wärme oder Kälte ist.
Das kann bei Wärme und Kälte sozusagen jeder Mensch leicht einsehen. Bei allen übrigen Naturvorgängen ist jedoch das gleiche der Fall. Nur ein sorgfältiges, durch geistige Anschauung verschärftes Studium führt dazu, zu erkennen, daß jeder Prozeß, der in der Natur stattfindet, im menschlichen Organismus umgesetzt, transformiert, metamorphosiert wird, so daß wir in unserer inneren Organisation fortwährend Überwinder desjenigen sind, was im irdischen Bereiche in unserer Umgebung da ist. Nehmen wir jetzt die gesamte innere Organisation des Menschen, so werden wir sagen: wird die innere Kraft des Menschen, die äußeren Vorgänge und Prozesse innerlich zu verwandeln, die fortwährend auf ihn einwirken, auch dann, wenn er zum Beispiel Nahrungsmittel genießt, wird diese Fähigkeit herabgesetzt, dann wirkt das, was von außen in den Menschen hineinkommt, als Fremdkörper und der Mensch wird gewissermaßen — wenn ich grob, trivial spreche — ausgefüllt mit Fremdkörpern oder mit Fremdprozessen und so weiter. Oder aber der Mensch entwickelt seine höheren Organisationsglieder, die ich als den astralischen Leib und als Ich-Organisation bezeichnet habe, übermäßig stark, dann kann er die äußeren Prozesse, die von der Umgebung in ihn hineinkommen, nicht nur so transformieren, wie sie transformiert werden sollen, sondern stärker transformieren, wuchtiger, übermäßig transformieren. Es findet eine Beschleunigung der Prozesse statt, die in ihn eindringen. Die äußere Natur wird über das Menschliche hinausgeführt, wird gewissermaßen — populär ausgedrückt - zu stark vergeistigt, und wir haben es wiederum mit einer Störung der Gesundheit zu tun. Aber was man so nur in einem ganz abstrakten Prinzip andeutet, ist ja für jedes Organ im Menschen vorhanden; das muß für jedes einzelne Organ besonders studiert werden. Und der Mensch verhält sich in bezug auf die Art und Weise, wie er die äußeren Prozesse umsetzt, wirklich in einer sehr komplizierten Art.
Wer über jene Kenntnisse hinaus, die man durch die ja durchaus nicht anzufechtende heutige Anatomie und Physiologie bekommt, sich weiterzubilden versucht, so daß er das, was man durch das Studium des Leichnams oder durch das Studium von Krankheitsfällen als Anschauung vom menschlichen Organismus bekommt, umsetzt, um es anzuschauen, nicht in einer Art toter Struktur, sondern umsetzt in sein lebendiges Wesen und Weben, der steht der menschlichen Organisation gegenüber in jedem Augenblick eigentlich recht hilflos da; denn gerade je genauer, je lebendiger man die menschliche Organisation kennenlernt, desto komplizierter erscheint sie. Es gibt da jedoch Richtlinien, durch die man gleichsam durch das Labyrinth sich hindurchkämpfen kann. Und wenn ich hier eine persönliche Bemerkung einfügen darf, so mag es diese sein, sie ist zugleich durchaus sachlich.
Solche Richtlinien zu finden, um die menschliche Organisation nach ihrer Ganzheit, nach ihrer Totalität zu durchschauen, beschäftigte mich eigentlich, bevor ich überhaupt öffentlich davon gesprochen habe, was etwa im Jahre 1917 geschah, vorher durch dreißig Jahre hindurch. Als verhältnismäßig junger Mensch, in meinen ersten Zwanzigerjahren, habe ich mir die Frage vorgelegt: Gibt es eine Möglichkeit, in diese komplizierte menschliche Organisation mit gewissen Leitlinien einzudringen, so daß man zu irgendeiner Überschau kommt? Und da stellte sich heraus — wie gesagt, was ich jetzt kurz auseinandersetze, war eine Arbeit, mit der ich mich dreißig Jahre befaßt habe -, daß man die menschliche Gesamtorganisation nach drei Aspekten beurteilen kann, so daß man unterscheidet: die Nerven-Sinnesorganisation, die rhythmische Organisation, und die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation. Mehr als anderes gehört alles das im menschlichen Organismus zusammen, was man die Nerven-Sinnesorganisation nennen kann. Und sie ist wiederum der Träger alles dessen, was man als das Vorstellungsleben bezeichnen kann. Aber wiederum als in einer gewissen Beziehung in sich geschlossen erweist sich das, was man die rhythmische Organisation in der Menschennatur nennen kann: der Atmungsrhythmus, der Rhythmus des Blutkreislaufes, der Rhythmus, der sich in Schlafen und Wachen offenbart, und zahlreiches andere, was rhythmisch im Menschen verläuft. Gerade durch eine sachgemäße, exakte Unterscheidung der rhythmischen Organisation von der Nerven-Sinnesorganisation kam ich zunächst darauf, diese Gliederung im Menschen vorzunehmen. Ich mußte mir damals, vor jetzt fast vierzig Jahren, wo mehr als heute die prinzipiellen physiologischen Fragen auf den Menschenherzen lasteten, die Frage vorlegen: Ist es denn möglich nach der Erscheinung, die sich in der Erfahrung darbietet, so zu sprechen, daß das gesamte Seelenleben nach Denken, Fühlen und Wollen an das Nervensystem und Sinnessystem gebunden ist? Es ergab sich für mich dabei ein unmöglicher Widerspruch: an das Nerven-Sinnessystem sollen Denken, Fühlen und Wollen gebunden sein? Ich kann heute natürlich nicht im einzelnen dies ausführen, kann auf alles nur hindeuten; allein gerade wenn wir ins therapeutische Gebiet kommen, wird sich uns manches aufhellen. Wenn man zum Beispiel wirklich mit physiologischem Blick, mit Exaktheit die Wirkungen des Musikalischen auf die menschliche Organisation studiert; wenn man die enge Gebundenheit im Erleben des Musikalischen an alles Rhythmische im Menschen kennenlernt, und wenn man auf der anderen Seite das Seelische im Musikalischen erfaßt, das Gefühlsmäßige im Erfassen des Melodischen, des Harmonischen unbefangen studiert, so sagt man sich zunächst: Das ganze Gefühlsleben des Menschen ist nicht unmittelbar an das Nervensystem gebunden, sondern es wird erlebt im rhythmischen System; und nur wenn wir ins Vorstellen heraufheben, was wir zunächst an Musikalischem unmittelbar im rhythmischen System erleben und was, indem es dort erlebt wird, Gefühlswelt wird, dann wird die Vorstellung davon erst vom Nervensystem getragen. Da kommt man darauf, daß das Nervensystem und das rhythmische System wirklich voneinander innerlich, organisatorisch voneinander geschieden sind.
Nehmen Sie die gegenwärtige Physiologie mit allem, was sie Ihnen bieten kann; nehmen Sie vor allem alles, was sie Ihnen bieten kann an äußeren Erfahrungen, die Sie mit dem Musikalischen machen können, und studieren Sie so etwas wie das menschliche Ohr im Wahrnehmen der Töne, studieren Sie es, dieses Ohr, indem es musikalisch gegliederte Töne erfaßt, dann werden Sie sich schon sagen: Hörbares, das heißt sinnlich Wahrnehmbares einer Art, wird zunächst dem rhythmischen System des Menschen einverleibt, rhythmet herauf in die Sinnesorganisation, rhythmet heran an das Nervensystem und wird dann durch das Nervensystem vorgestellt. Unmittelbar steht unser rhythmisches System mit dem Gefühlsleben in Verbindung, mittelbar nur das Nervensystem, das der Träger des Denkens ist — der Träger des Fühlens jedoch nur insofern, als wir uns unserer Gefühle bewußt werden in Gedanken, und die Gedanken werden dann vom Nervensystem getragen.
Ebenso kommt man weiter, wenn man das Physiologische bis zu dem treibt, was Stoffwechsel-Gliedmaßensystem ist. Es könnte paradox erscheinen, daß ich diese zwei Dinge zusammenfasse: Stoffwechsel und Gliedmaßen; aber Sie brauchen nur zu bedenken, wie alles Motorische, alles, was in Bewegung ist und mit den Gliedmaßen zusammenhängt, auf den Stoffwechsel zurückwirkt. Das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem ist schon ein einheitliches Ganzes. Und wenn man nicht in konfuser, sondern in exakter Weise die Dinge untersucht, so erweist sich wiederum, daß das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem der unmittelbare Träger aller Willenserscheinungen im Menschen ist. Wiederum ist es so: Wenn das, was im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem als dem Träger der Willenserscheinungen vorgeht, heraufwirkt, heraufkraftet in das rhythmische System — wir haben in der menschlichen Organisation unmittelbar den Zusammenhang zwischen Stoffwechselsystem und rhythmischem System gegeben -, dann geht es ins Gefühl über. Wir entwickeln unsere Gefühle in unserem Willen, indem unser Wille sich unmittelbar in den Stoffwechselvorgängen auslebt, unmittelbar. Wir erleben mittelbar im rhythmischen System fühlend den Willen. Und wir machen uns Gedanken über das, was wir wollen, indem Stoffwechselsystem und rhythmisches System heraufkraften in das Nerven-Sinnessystem.
Da schaut man hinein in eine Gliederung des Menschen, die nun wirklich Leitlinien für ein Durchschauen der menschlichen Organisation abgibt. Denn durchschaut man das, was im Nerven-Sinnessystem gegeben ist und vergleicht es mit dem, was im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem gegeben ist — lassen wir zunächst das rhythmische System zwischendrinnen liegen -, dann findet man einen vollständigen polarischen Gegensatz nach jeder Richtung: Nerven-Sinnessystem und Stoffwechsel-Gliedmaßensystem sind polarisch einander entgegengesetzt; wo das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem aufbaut, da baut das Nerven-Sinnessystem ab, und umgekehrt. Dieses und vieles andere erweist sich als polarischer Gegensatz. Erst wenn man in dieser Weise den menschlichen Organismus durchschaut und dann sieht, wie alles das, was Ich-Organisation ist, im engeren Sinne gebunden ist an das Nerven-Sinnessystem; wie alles das, was Ätherleib des menschlichen Organismus ist, gebunden ist im engeren Sinne an das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem; wie alles das, was astralischer Leib ist, gebunden ist an das rhythmische System; und wie der physische Leib das ganze durchdringt, aber fortwährend überwunden wird von den drei anderen Gliedern der menschlichen Organisation, dann lernt man eben auch in das Normale oder Abnorme, in die sogenannten normalen oder abnormen Prozesse der menschlichen Organisation hineinschauen.
Lassen Sie uns, damit wir das im einzelnen erörtern können, einmal etwas im Detail betrachten. Nehmen wir die Nerven-Sinnesorganisation. Ich möchte, damit ich nicht mißverstanden werde, hier etwas einfügen. Ein sehr übelwollender Naturforscher hat, indem er ganz oberflächlich gehört hatte von dieser Gliederung, die ich der menschlichen Natur zugrunde legte, gesagt, ich hätte zu unterscheiden versucht zwischen Kopforganisation, Brustorganisation und Uhnterleibsorganisation: ich hätte gewissermaßen also die Nerven-Sinnesorganisation in den Kopf konzentriert, die rhythmische Organisation in die Brust und die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation in den Unterleib. Aber das ist natürlich eine ganz übelwollende Auslegung. Denn wenn man nicht räumlich abtrennt, dann ist in der menschlichen Organisation das Nerven-Sinnessystem im Kopf hauptsächlich organisiert, aber es ist ebenso in den beiden anderen Systemen zu finden. Die rhythmische Organisation ist vorzugsweise in der Mittelorganisation des Menschen lokalisiert, aber sie ist wieder im ganzen Menschen ausgebreitet. Und ebenso ist die Stoffwechselorganisation überall im Menschen zu finden. Da handelt es sich nicht um eine Unterscheidung nach räumlich voneinander zu sondern den Organen, sondern um etwas, was man qualitativ erfassen muß, und was in den einzelnen Organen lebt und sie durchdringt. - Wenn man, von dieser Auffassung ausgehend, die Nerven-Sinnesorganisation studiert, so findet man sie durch den ganzen Organismus ausgebreitet. Nur ist zum Beispiel das Auge oder das Ohr so organisiert, daß es am intensivsten die Nerven-Sinnesorganisation enthält, weniger stark die rhythmische und noch weniger stark die Stoffwechselorganisation. Ein Organ wie zum Beispiel die Niere hat nicht so viel von Nerven-Sinnesorganisation in sich wie das Auge oder das Ohr, aber es hat auch Nerven-Sinnesorganisation, es hat mehr rhythmische, mehr Stoffwechselorganisation, aber es hat alle drei Glieder der menschlichen Organisation in sich. Und man versteht den Menschen nicht, wenn man ihn so schildert, daß man sagt: hier sind Sinne, dort Verdauungsorgane. So ist es ja nicht. In Wirklichkeit verhält es sich ganz anders. Ein Sinnesorgan ist nur hauptsächlich Sinnesorgan; jedes Sinnesorgan ist auch in einem gewissen Sinne Verdauungsorgan und rhythmisches Organ. Ein Organ wie die Niere oder die Leber, ist nur im hauptsächlichsten Sinne Ernährungs- oder Ausscheidungsorgan; in einem untergeordneten Sinne ist es auch Sinnesorgan. Wenn wir daher von der Nerven-Sinnesorganisation — ihrer Realität nach, nicht nach den phantastischen Begriffen, die sich die Physiologie sehr häufig macht — hinschauen auf die ganze Organisation des Menschen mit den einzelnen, spezifizierten Organen, so finden wir, daß der Mensch durch die einzelnen Sinne — Sehsinn, Geruchssinn, Gehörsinn und so weiter — die Außenwelt wahrnimmt; aber wir sehen, wie der Mensch ganz von Sinnesorganisation durchdrungen ist. Die Niere ist zum Beispiel ein Sinnesorgan, das in feiner Weise das wahrnimmt, was im Verdauungs- und Ausscheidungsprozeß sich vollzieht. Ebenso ist die Leber in gewisser Beziehung Sinnesorgan; das Herz ist sogar in einem hohen Grade innerliches Sinnesorgan, und erst dann versteht man es, wenn man es so auffaßt.
Glauben Sie nicht, daß ich ein Kritiker der gegenwärtigen Wissenschaft irgendwie sein möchte; ich erkenne diese Wissenschaft mit allen ihren Verdiensten voll an und möchte, daß gerade unsere Anschauung voll auf dieser Wissenschaft fußt. Aber man muß sich schon klar werden, daß diese Wissenschaft heute durchaus noch nicht die Möglichkeit hat, exakt in die Menschennatur hineinzuschauen. Würde sie dies können, dann würde sie nicht in der Art, wie sie es heute macht, die tierische Organisation so nahe an die menschliche heranbringen; denn die tierische liegt gerade in bezug auf das Sinnesleben um ein Niveau tiefer als die menschliche Organisation. Die menschliche Nerven-Sinnesorganisation ist in die Ich-Organisation eingespannt; die tierische ist nur in den astralischen Leib eingespannt. Das Sinnesleben des Menschen ist ein ganz anderes als das des Tieres. Wenn das Tier irgendwie durch sein Auge etwas wahrnimmt - Sie können das an einem genaueren Studium der Struktur des Auges erkennen -, so geht im Tiere etwas vor, was sozusagen durch den ganzen Leib des Tieres geht; es spielt sich das nicht so ab wie beim Menschen. Beim Menschen bleibt die Sinneswahrnehmung viel peripherischer, viel mehr an der Oberfläche konzentriert. Das können Sie daraus entnehmen, daß im Tiere feine Organisationen vorhanden sind, die bei höheren Tieren meist nur im Ätherischen da sind. Bei gewissen niederen Tieren aber finden Sie zum “ Beispiel den Schwertfortsatz, den aber ätherisch auch höhere Tiere haben, oder Sie finden den Fächer im Auge. Das sind Organe, die in der Art, wie sie vom Blut durchdrungen sind, zeigen, daß das Auge an der Gesamtorganisation des Tieres teilnimmt und ein Leben im Umkreis der Umwelt vermittelt. Beim Menschen dagegen sehen wir, wie er mit seiner Nerven-Sinnesorganisation ganz anders zusammenhängt und daher auch in einem viel höheren Sinne als das Tier mit der seinigen in der Außenwelt lebt, während das Tier mehr in sich lebt. Aber alles, was so, durch die höheren geistigen Glieder des Menschen vermittelt, sich auslebt durch die Ich-Organisation als Nerven-Sinnesleben, das braucht ja, weil es im Bereiche des physischen Leibes vorhanden ist, seine Einflüsse, auch seine stofflichen Einflüsse von der Sinneswelt, von der physischen Welt her.
Studiert man nun exakt das Nerven-Sinnessystem des Menschen, wenn es in vollständig gesundem Zustande im Menschen funktioniert, so findet man es abhängig von einem Stoffe und den Prozessen, die in diesem Stoffe vorgehen. Denn ein Stoff ist ja niemals etwas nur Ruhendes, sondern stellt nur dar, was eigentlich ein Vorgang ist. Ein Quarzkristall ist zum Beispiel nur deshalb ein Begrenztes, Konturiertes, weil wir nie sehen, daß dies ein Prozeß ist, ein Prozeß, der zwar sehr langsam abläuft, aber es ist ein Vorgang. Man muß in den menschlichen Organismus immer mehr eindringen, die Wechselwirkung verstehen. Was als äußerlich Physisches in den Organismus hineinkommt, das muß in der Weise, wie ich es in der Einleitung charakterisiert habe, von dem Organismus aufgenommen und in ihm überwunden werden. Da ist nun ganz besonders das interessant, daß das menschliche Nerven-Sinnessystem, wenn es im sogenannten normalen, das heißt, gesund zu nennenden Zustande ist — was natürlich relativ zu nehmen ist -, abhängig ist von einem feinen Prozeß, der sich unter dem Einfluß der in den Organismus eindringenden Kieselsäure abspielt. Die Kieselsäure, die äußerlich in der physischen Natur sich zu dem schönen Quarzkristall gestaltet, zeigt die Eigentümlichkeit, wenn sie in die menschliche Organisation eindringt und von ihr überwunden wird, aufgenommen zu werden von den Prozessen des Nerven-Sinnessystems; so daß man, wenn man geistig schauen kann, was im Nerven-Sinnessystem des Menschen vorgeht, einen wunderbar feinen Prozeß sieht, der in der Kieselsäuresubstanz wirkt. Aber wenn Sie auf der anderen Seite auf das schauen, was ich vorhin gesagt habe, daß der Mensch überall Sinn ist, dann werden Sie gewahr, daß nur in dem Umkreis des Menschen — da, wo die Sinne vorzugsweise konzentriert sind — ein intensiver Kieselsäureprozeß sich abspielt; daß aber, wenn man mehr ins Innere des Organismus kommt, wo die Organe Lunge, Leber, Niere sind, jener Kieselsäureprozeß weniger stark sich zeigt, wieder dünner wird, während er dann in den Knochen wiederum stark wird. So bekommt man auf diese Weise eine merkwürdige Gliederung des Menschen. Man hat sozusagen die Peripherie und den Umkreis, wo die Sinne konzentriert sind; man hat das, was die Gliedmaßen ausfüllt und trägt, das Knochensystem; dazwischen hat man das Muskelsystem, das Drüsensystem und so weiter. In dem, was ich als Umkreis und als das Zentrierte bezeichnet habe, hat man den stärksten Kieselsäureprozefßß; und man verfolgt in den Organen, die dazwischenliegen, spezifiziert überall eigene, aber schwächere Kieselsäureprozesse als im Umkreis. Da sagt man sich: nach außen hin, wo der Mensch von den Nerven weiter hinaus übergeht ins Sinnessystem, da braucht er immer mehr und mehr Kieselsäure; in der Mitte seines Organismus braucht er verhältnismäßig wenig Kieselsäure; dort aber, wo seinem motorischen System das Knochensystem zugrunde liegt, da braucht er wiederum mehr Kieselsäure.
Damit haben wir durch das Anschauen der ganzen Organisation des Menschen auch erkannt, wie ein besonders spezifizierter Prozeß im Menschen sich abspielt: ein Kieselsäureprozeß im menschlichen Wesen. Lernt man dies einmal kennen, dann kommt man schon auch darauf, wie wenig exakt die heutigen physiologischen Angaben sind. Wenn wir heute nämlich — ich betone nochmals: ich will hier nicht kritisieren, ich will nur Angaben machen — das Leben des Menschen im Sinne der gegenwärtigen Physiologie studieren, so werden wir zum Beispiel auf den Atmungsprozeß gelenkt. Er ist in einer gewissen Beziehung kompliziert, im wesentlichen aber besteht er darin, daß der Mensch von außen Sauerstoff aus der Luft aufnimmt und Kohlensäure durch die Ausatmung wieder abgibt. Das ist jener rhythmische Prozef, der eigentlich die Grundlage des menschlichen organischen Lebens ist. Wir verfolgen ihn so, daß wir sagen: Sauerstoff wird durch Einatmung aus der Luft aufgenommen, geht durch die Vorgänge, die in der Physiologie beschrieben werden, über in den ganzen Organismus, vereinigt sich mit dem Kohlenstoff aus dem menschlichen Blut und wird dann mit der Ausatmung als Kohlensäure wieder ausgeschieden. Diese Darstellung ist nach einer bloß äußerlichen Beobachtungsweise richtig. Aber dieser Prozeß, der sich da an dem Sauerstoff und Kohlenstoff abspielt, ist mit einem anderen verbunden. Wir atmen nämlich nicht bloß Sauerstoff ein und verbinden ihn mit dem Kohlenstoff in unserer Organisation. Das tun wir vorzugsweise mit demjenigen Sauerstoff, den wir nach unten in unserer Organisation ausbreiten; den verbinden wir vorzugsweise mit dem Kohlenstoff und atmen ihn dann als Kohlensäure wieder aus. Aber es liegt diesem rhythmischen Vorgang noch ein anderer, feinerer Prozeß zugrunde. Der Sauerstoff nämlich, der in der menschlichen Organisation gegen den Kopf zu und damit eben - in dem vorher angedeuteten eingeschränkten Sinne nach dem Nerven-Sinnessystem geht, der verbindet sich mit dem Silizium, das heißt mit dem Stoff, den wir Kiesel nennen, und bildet Kieselsäure. Und während für das Stoffwechselsystem die Erzeugung von Kohlensäure das Wesentliche ist, ist für das Nerven-Sinnessystem die Erzeugung von Kieselsäure im Menschen ein Wesentliches. Nur ist das ein feiner Prozeß, den wir nicht mit unseren groben Instrumenten schon verfolgen können; aber alle Wege sind da, um ihn auch einmal verfolgen zu können. So haben wir also in der Atmung gegeben einen gröberen Prozeß, wo der eingeatmete Sauerstoff sich mit dem Kohlenstoff unseres Organismus verbindet und als Kohlensäure ausgeatmet wird. Daneben haben wir einen feineren Prozeß, wo sich der Sauerstoff mit dem Silizium zu Kieselsäure verbindet und als solche in die menschliche Organisation hinein abgesondert wird. Und durch diese Absonderung von Kieselsäure wird der ganze menschliche Organismus — im höheren Maße an der Peripherie, im minderen Maße in jedem Organ — zum Sinnesorgan.
Sieht man den menschlichen Organismus in dieser Weise an, dann schaut man in sein feines Gefüge hinein, dann schaut man hin, wie jedes einzelne Organ — und wie es sich mit der Kieselsäure verhält, so verhält es sich mit unzähligen anderen Substanzen - seinen bestimmten Gehalt an Prozessen, die an Substanzen gebunden sind, hat und haben muß. Man muß nun verstehen, wenn man Gesundheit oder Krankheit begreifen will, wie diese Prozesse sich in einem menschlichen Organ abspielen. Nehmen wir als Beispiel die menschliche Niere. Man wird nun, wenn man durch irgendwelche Verhältnisse dazu geführt wird, diagnostizieren, durch irgendeinen Symptomkomplex glauben müssen, daß ein Krankheitsprozeß seinen Hauptquell in der Niere hat. Indem wir Geisteswissenschaft mit anwenden zum Diagnostizieren, kommen wir darauf, daß die Niere zu wenig Sinnesorgan ist für die umliegenden Verdauungs- und Ausscheidungsprozesse; sie ist zuviel Stoffwechselorgan, das Gleichgewicht ist also gestört. In solchem Falle haben wir vor allem darüber nachzudenken: Wie machen wir diese Niere wieder in stärkerem Maße zum Sinnesorgan? — Wir können sagen: Weil die Niere zeigt, daß sie nicht genügend Sinnesorgan für die Verdauungsprozesse und Ausscheidungen ist, müssen wir dafür sorgen, daß die nötige Kieselsäure an die Niere herankommt. Wir haben nun im anthroposophischen Sinne drei Wege um dem menschlichen Organismus Stoffe zuzuführen, die er im gesunden Zustande braucht. Der erste Weg ist der, daß wir sie ihm wie die Nahrungsmittel, per os, innerlich geben als Heilmittel. Da müssen wir aber warten, ob der ganze Verdauungsorganismus so eingerichtet ist, daß er die Stoffe gerade dorthin trägt, wo sie wirken sollen. Das ist gewiß bei sehr vielen Dingen der Fall, und man muß wissen, wie ein Stoff im menschlichen Organismus wirkt, ob er auf Herz oder Lungen wirkt und so weiter, wenn wir ihn durch den Mund in die Verdauung hineinbringen. Als zweiten Weg haben wir den durch Injektion. Da bringen wir einen Stoff unmittelbar ins rhythmische System. Da wirkt mehr der Prozeß, da wandelt sich das, was in dem Stoffwechsel stoffliche Organisation ist, gleich in die rhythmische Tätigkeit um, und wir wirken dann unmittelbar auf das rhythmische System. Oder auch, wir versuchen als drittes, dadurch, daß wir den Stoff als Salbe bereiten und am richtigen Orte des Organismus aufstreichen, oder daß wir ihn als Bad verarbeiten, kurz, wir versuchen dadurch zu wirken, daß wir ihn mehr äußerlich an den menschlichen Organismus heranbringen. Es gibt ja noch sehr viele Arten. Auf diese Weise also haben wir drei Wege, um mit den Substanzen an den Menschen heranzukommen.
Betrachten wir jetzt also die Niere, die sich uns im Diagnostizieren so zeigt, daß ihre Sinnesfähigkeit herabgestimmt ist. In diesem Falle müssen wir ihr dann den richtigen Kieselsäureprozeß zuführen, Da müssen wir für eines sorgen: weil bei dem vorhin angedeuteten Prozeß im Atmen, wo Sauerstoff sich mit Kiesel verbindet und dann die Kieselsäure sich im ganzen Körper ausbreitet, weil sich nun dabei zu wenig Kieselsäure nach der Niere hinzieht, müssen wir dafür sorgen, daß sich ein stärkerer Kieselsäureprozeß nach der Niere hinzieht. Dazu müssen wir wissen, wie wir dem Organismus, der selber für die Niere nicht genug Kieselsäure erzeugen kann, zu Hilfe kommen. Da müssen wir dasjenige kennenlernen, was äußerlich dem Prozeß entspricht, der der Niere fehlt. Nun, irgendwo in der Natur finden wir etwas, was gerade der Prozeß enthält, der im Organismus an irgendeiner Stelle fehlt. Wir müssen suchen: Wie können wir Mittel und Wege finden, um den Kieselsäureprozeß gerade in die Niere hineinzubringen?
Da finden wir, daß die Nierenfunktion, insbesondere indem sie auch Sinnesfunktion ist, abhängt von dem astralischen Leib des Menschen. Der astralische Leib liegt namentlich den Ausscheidungsprozessen, dieser besonderen Form der Abbauprozesse, zugrunde. Daher müssen wir den astralischen Leib anregen, aber so anregen, daß er gerade an ein Organ, wie es die Niere ist, Kieselsäure heranbringt, die wir irgendwie von außen zuführen. Wir brauchen also ein Mittel, das erstens den Kieselsäureprozeß anregt, zweitens ihn besonders anregt in der Niere. Wenn wir nun suchen, dann kommen wir im Umkreis der Pflanzenwelt auf Equisetum arvense, auf den gewöhnlichen Ackerschachtelhalm. Der hat das Eigentümliche, daß er in hohem Maße Kieselsäure enthält. Bloße Kieselsäure würde, wenn wir sie dem Menschen eingeben, nicht zur Niere hingelangen. Equisetum enthält außerdem noch schwefelsaure Salze. Wenn wir schwefelsaure Salze allein anwenden, wirken sie auf das rhythmische System, auf die Ausscheidungsorgane und auf die Niere ganz besonders. Und wenn sie mit der Kieselsäure so innig verbunden sind, wie das bei Equisetum arvense der Fall ist - wir können es innerlich geben, aber auch, wenn sich herausstellen sollte, daß dies nicht geht, die anderen angegebenen Wege anwenden -, dann ebnen diese schwefelsauren Salze des Equisetum der Kieselsäure den Weg zur Niere hin.
Jetzt haben wir an einem einzelnen Falle erkannt, was das Pathologische an der Nierenerkrankung ist. Wir sind ganz exakt dabei vorgegangen; wir haben das gesucht, was den mangelhaften Prozeß in der Niere ersetzt; wir führen eine Brücke auf, die Schritt für Schritt überschaubar ist, von der Pathologie zur Therapie.
Nehmen wir einen anderen Fall: Wir hätten es mit irgendwelchen Störungen im Verdauungssystem zu tun, Störungen, wie man sie etwa zusammenfaßt unter dem Namen Dyspepsie oder dergleichen. Indem man wieder so geisteswissenschaftlich vorgeht, wie ich es charakterisiert habe, wird man durchschauen können, daß es sich vorzugsweise um eine fehlerhafte, nicht stark genug wirkende Ich-Organisation handelt. Warum wirkt diese Ich-Organisation nicht stark genug? Das ist jetzt die Frage. Und wir müssen irgendwo im Funktionieren des menschlichen Organismus suchen, was da zugrunde liegt, daß die Ich-Organisation nicht stark genug wirkt. Wir werden in bestimmten Fällen finden, daß eine mangelhafte Gallenabsonderung vorhanden ist. In solchem Falle müssen wir der Ich-Organisation dadurch zu Hilfe kommen, daß wir ebenso, wie wir es vorher mit dem Equisetum gegenüber der Nierenfunktion getan haben, es nun gegenüber der Gallenabsonderungsfunktion auch dazu bringen, dem Organismus irgend etwas zuzuführen, was, wenn es durch seine Zusammensetzung an seinen richtigen Platz kommt, einer zu schwach wirkenden Ich-Organisation hilft. Ebenso wie wir finden, daß der Kieselsäureprozeß, wenn er in der richtigen Weise — als der Prozeß, der dem normal funktionierenden Nerven-Sinnessystem zugrunde liegt - in die Niere eingeführt wird, ihre Sinnesfähigkeit hebt, so finden wir, daß Prozesse wie die Gallenabsonderung, die vorzugsweise der Ich-Organisation entsprechen, nun zusammenhängen mit einer ganz bestimmten Art, wie — mit anderen im Verhältnis zusammen - Kohlenstoff im Organismus wirkt. Da stellt sich zum Beispiel das Merkwürdige heraus: Wenn wir den Kohlenstoff in der richtigen Weise so in den Organismus einführen wollen, daß wir gerade der Dyspepsie begegnen, dann finden wir, daß der Kohlenstoff, der ja natürlich in jeder Pflanze enthalten ist, gerade im Cichorium intybus so enthalten ist, daß er hindirigiert wird zum Gallenfunktionsorgan. Wenn wir aus Cichorium intybus das richtige Präparat zu gewinnen wissen, dann leiten wir in derselben Art einen gewissen Kohlenstoffprozeß zur Gallenfunktion hin, wie wir mit dem Equisetumpräparat einen Kieselsäureprozeß in die Niere hineinbringen.
Ich habe Ihnen hier an leicht überschaubaren Beispielen, die auf leichte, unter Umständen auch auf sehr schwere Krankheitsfälle hinweisen können, das Prinzip anzudeuten versucht, wie durch ein geisteswissenschaftliches Durchschauen des menschlichen Organismus auf der einen Seite, der verschiedenen Naturgeschöpfe und ihrer Wechselbeziehungen auf der anderen Seite, zustande kommen kann: Erstens ein Durchschauen des Krankheitsprozesses, zweitens aber ein Durchschauen dessen, was notwendig ist, um den Erkrankungsprozeß, der in einer bestimmten Richtung abläuft, zum Umkehren zu bringen. Das Heilen wird dadurch zu einer durchschaubaren Kunst. Das ist das, was Arzneikunst, Heilkunst, Medizin haben kann von jener wissenschaftlichen Forschungsart, die hier Anthroposophie genannt wird. Das ist durchaus keine Phantasterei. Das ist eigentlich das, was bis zur alleräußersten Exaktheit — wie ich das neulich schon gesagt habe - das Forschen dahin bringt, vor allem den ganzen Menschen zu durchschauen, ihn zu begreifen nach der Seite des Physischen, des Seelischen und des Geistigen. Und im Menschen hängt der gesunde und der kranke Zustand von dem Wirken des Physischen, des Seelischen und des Geistigen ab. Dadurch, daß man den Menschen gliedert nach Nerven-Sinnessystem, rhythmischem System und Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, schaut man auch hinein in die verschiedenen Prozesse und ihre Grade. Man lernt erkennen, wie in der Niere Sinnesfunktion vorhanden ist, wenn man erst aufmerksam wird auf das Wesentliche der Sinnesfunktion; sonst sucht man die Sinnesfunktion nur in den gröberen Arten in den gewöhnlichen Sinnen. Dann aber kommt man dahin, Krankheiten als solche zu durchschauen.
Ich sagte schon, daß im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem die entgegengesetzten Prozesse desjenigen vor sich gehen, was im Nerven-Sinnessystem sich abspielt. Aber es kann sein, daß Prozesse, die ihrer vorzüglichsten Wesenheit nach Nerven-Sinnesprozesse sind und zum Beispiel in den Kopfnerven vor sich gehen, dort also normal sind, nach dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem gewissermaßen disloziert werden können; daß dann im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem durch Abnormität des astralischen Leibes und der Ich-Organisation etwas vorgehen kann, was richtig, normal in der Nerven-Sinnesorganisation vor sich gehen würde. Das heißt, daß dasjenige, was für ein System das Richtige ist, sich für ein anderes System metamorphosieren und krankmachend sein kann. Dann entsteht dadurch, daß ein Prozeß, der zum Beispiel ins Nerven-Sinnessystem gehört, in einem anderen System erscheint, ein Krankheitsprozeß. Das ist beim Typhus der Fall. Der Typhus stellt einen Prozeß dar, der ins Nervensystem gehört. Während er sich dort abspielen sollte in der physischen Organisation, spielt er sich tatsächlich ab in der Gegend des Stoffwechselsystems innerhalb der ätherischen Organisation, des Ätherleibes, überträgt sich auf den physischen Leib und tritt als Typhus zutage. Da sieht man hinein in das Wesen eines Erkrankens. Oder es kann auch das eintreten, daß diejenige Dynamik, diejenigen Kräfte, die in einem Sinnesorgan tätig sind, in einem gewissen Grade dort tätig sein müssen, damit das Sinnesorgan als solches entsteht, am falschen Orte sich betätigen. Was in einem Sinnesorgan wirkt, das kann irgendwie transformiert auch an einem anderen Orte sich betätigen. Nehmen wir die Tätigkeit des Ohres: Anstatt im Nerven-Sinnessystem prägt sie sich aus - durch Umstände, die auch beschrieben werden können - an einer anderen Stelle, zum Beispiel irgendwo im Stoffwechselsystem, da, wo dieses sich verbindet mit dem rhythmischen System. Dann kommt am falschen Orte ein abnormes Hintendieren nach einem Sinnesorgan zustande. Und das tritt auf als Karzinom, als Krebsbildung. Nur wenn Sie so die menschliche Organisation zu durchschauen vermögen, können Sie erkennen, daß Sie im Karzinom gewissermaßen eine über die Systeme hin dislozierte Sinnesbildungstendenz haben.
Wenn von der Befruchtung der Medizin durch die Anthroposophie gesprochen wird, dann handelt es sich also darum, daß man hineinschauen lernt, wie Abnormes im menschlichen Organismus sich dadurch bildet, daß etwas, was in einem bestimmten Systeme normal ist, in ein anderes System hineinversetzt wird. Indem man aber so den menschlichen Organismus durchschaut, kommt man erst dadurch in die Lage, ihn im gesunden und kranken Zustande wirklich verstehen und dann die Brücke schlagen zu können von der Pathologie zur Therapie, vom Beobachten des Kranken zum Heilen. Wenn diese Dinge im Zusammenhange dargestellt werden, wird man schon sehen, wie das, was von einem solchen Gesichtspunkte aus gesagt werden kann, durchaus nicht im Widerspruche steht zu der modernen Medizin. Als ein erstes darüber wird — ich glaube in recht kurzer Zeit — das Buch erscheinen können, das von Frau Dr. Wegman, der Leiterin des Klinisch-Therapeutischen Instituts in Arlesheim, mit mir zusammen geschrieben, veröffentlicht werden wird, und das im Zusammenhange darstellen soll, was von einem solchen geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus — nicht im Widerspruche, sondern als Ergänzung der modernen Medizin — gesagt werden kann. Man wird sich dann überzeugen können, daß es sich nicht um irgendwelche Flunkereien handelt, wie sie heute an der Tagesordnung sind; sondern jenes Buch wird in einer Weise, die der modernen Wissenschaft durchaus gerecht wird, die Befruchtung zeigen, die durch die geisteswissenschaftliche Forschung für die Heilkunst eintreten kann. Gerade wenn man immer mehr und mehr im Detail, mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit diese Dinge verfolgen wird, dann wird man auch die Bemühungen erkennen, die in einem solchen Institut wie den Internationalen Laboratorien in Arlesheim gemacht werden, wo nach den hier dargestellten Prinzipien eine ganze Reihe neuer Heilmittel hergestellt werden.
Im dritten Vortrage wird es meine Aufgabe sein, durch die Betrachtung ganz bestimmter einzelner Krankheitsfälle und ihrer möglichen Heilungen — soweit das hier in populärer Weise auseinandergesetzt werden kann — weiter zu erhärten, was über eine rationelle Therapie bisher schon angedeutet worden ist. Wer durchschauen kann, um was es sich hier handelt, der wird wirklich keine Furcht und Sorge haben vor einem genauen Prüfen dessen, was hier angedeutet ist. Wir wissen, daß es auch mit dieser Sache so sein wird, wie auf dem Gesamtgebiete der Anthroposophie: Schimpfen, abkanzeln und kritisieren werden die Sache zunächst die, die sie nicht im Detail kennenlernen. Mit dem Schimpfen werden dann diejenigen aufhören, die sie im Detail kennenlernen. Deshalb werde ich im nächsten Vortrage noch einiges an Einzelheiten anführen, was zeigen soll, daß man nicht mit Umgehung der modernen Wissenschaft, sondern im vollen Einklange mit ihr aber mit dem Drang, aus geistiger Erkenntnis heraus diese Wissenschaft zu ergänzen — auf dem Gebiete anthroposophischer Medizin vorgehen will. Dann erst, wenn das verstanden wird, wird die Heilkunst auf ihrem richtigen Boden stehen. Denn die Heilkunst hat mit dem Menschen zu tun. Der Mensch ist ein Wesen, das sich gliedert nach Leib. Seele und Geist. Eine wirkliche Medizin kann daher nur bestehen. wenn sie auch eindringt in eine Erkenntnis des Menschen nach Leib, Seele und Geist.