6. Wolfgang Menzel
Zu seinem hundertsten Geburtstag
Am 21. Juni [1898] war Wolfgang Menzels hundertster Geburtstag. Er ist heute ein vergessener Mann, trotzdem er siebenzig Bände in seinem Leben geschrieben hat und lange Zeit in Deutschland ein Beurteiler literarischer Erscheinungen war, auf den man hörte. Das von ihm redigierte «Literaturblatt», das in Cottas Verlag erschien, war durch Jahrzehnte ein maßgebendes kritisches Organ. Es ist merkwürdig, dass gegenwärtig so wenig von Menzel gesprochen wird. Denn von seinem Geiste erfüllt sind nicht wenige unserer Zeitgenossen. Dieser Geist ist der einer engherzigen, bornierten, moralisierenden Kritik, die alles Große mit dem Maßstabe der Philisterei misst und die das Genialische mit spießbürgerlichem Verstande abkanzelt. Höhere künstlerische Empfindungen, eine ästhetische Weltanschauung waren Menzel fremd. Er bekämpfte Goethe, Heine und das «Junge Deutschland». Die künstlerischen Absichten derer, die er bekämpfte, verstand er nicht. Er hatte sich gewisse Ansichten zurechtgelegt von dem, was moralisch gut und bös ist, Ansichten, die nur ein Philister haben kann. Und weil Goethe, Heine und das «Junge Deutschland» Werke schufen, die nicht nach der Philistermoral zugeschnitten waren, bekämpfte er sie. Auch heute finden wir Kritiker und Literaten, die in seinem Sinne schreiben. Wir haben ja eine Literaturgeschichte von König. Wir haben auch Literaturhistoriker, die auf Heine schimpfen, wie einst Menzel geschimpft hat. Den Menzel sind wir los, die Menzel sind geblieben. Besonders widerwärtig ist Menzels Gebelfer gegen Goethe. Er hasste Goethe, weil dieser sich nicht durch engherzig nationalen Sinn von der Bewunderung der Persönlichkeit Napoleons abhalten ließ; er hasste ihn, weil er die menschliche Natur nach allen Seiten darstellte und sie nicht in schablonenhafte, moralische Formen zwingen wollte; er hasste ihn, weil er das Leben nahm, wie es zu nehmen ist, und nicht wie ein Stier gegen das Natürlich-Gewordene ankämpfte. Die gesunde Sinnlichkeit, nach deren Darstellung das «Junge Deutschland» trachtete, bekämpfte Menzel, weil er sie «unmoralisch» fand. Engherzigster Nationalismus war ihm eigen, sodass man bei seinen Ausführungen an die Antisemiten und Deutschnationalen von heute denken muss. Sie überragt er allerdings an Wucht und Treffsicherheit des Ausdruckes und Kunst der Darstellung.
Einer objektiven historischen Anschauungsweise, einer unbefangenen Betrachtung der geschichtlichen Erscheinungen ist Menzel ganz und gar nicht gewachsen. Deshalb ist sein Hauptwerk, die «Deutsche Geschichte», ein klägliches Machwerk geworden.
An der Aufrichtigkeit seiner Urteile kann man leicht zweifeln. Er hat in seiner Jugend revolutionären Grundsätzen gehuldigt und war eifriger Burschenschafter. Später hat er der Reaktion und den fortschrittfeindlichen Bestrebungen Handlangerdienste geleistet. Seine denunziatorischen Schriften waren wichtige Dokumente für die Regierungen, welche die freiheitlichen Bestrebungen unterdrücken wollten. Heine ist der Meinung, dass er mit seinen Neigungen für Freiheit und Revolution nur geflunkert habe. Ob das der Fall ist, wird sich heute schwer entscheiden lassen. Zweifellos ist aber, dass Menzel zu denjenigen Literaten gehört, die wegen ihrer Borniertheit zu frechen und mit eitler Zuversicht ausgesprochenen Urteilen kommen. Sie reden mit der Miene des Alleswissenden über Dinge, von denen sie nicht das Geringste verstehen. Wertloseres als die siebzig Bände der Menzel’schen Werke gibt es kaum in der deutschen Literatur.