13. Moderne Dichtung II

M. E. delle Grazie

Menschen und deren Schicksale so darzustellen, wie sie sind, gilt als Grundsatz des modernen Naturalismus. Mit diesem ästhetischen Gemeinplatz glaubt sich mancher sogenannte Kritiker heute gerechtfertigt, wenn er mit dreisten Worten unter dem Strich Literaturerzeugnisse anpreist, denen nur die Geschmacksverwilderung unserer Zeit eine vorübergehende Scheingröße zu geben vermag. Gegenwärtig wird in einem großen Theater Berlins ein «Liebesdrama» täglich aufgeführt, das nichts weiter ist als einige vortreffliche lyrische Szenen, eingefasst in eine dramatische Handlung, die tatsächlich blödsinnig ist und die auch von einem Blödsinnigen getragen wird. «Jugend» heißt das Ding, es könnte auch «Schwachsinn» heißen. Denn ein Schwachsinniger besorgt den Weitergang der fortwährend stockenden Handlung, derselbe Schwachsinnige führt den Konflikt und die Katastrophe herbei. Das Schicksal selbst ist in diesem Drama blödsinnig geworden, denn es wird in der Person eines Blödsinnigen leibhaftige Wirklichkeit. Ich weiß wohl, dass sich «sehr gescheite» Leute finden werden, die mir sagen werden: ich habe eben das Ganze in seiner ergreifenden Tragik, in seinem der Wirklichkeit abgelauschten Charakter nicht verstanden. Ich weiß aber auch, dass heute Leute über den Wirklichkeitscharakter von künstlerischen Gebilden urteilen, deren Blick für reale Verhältnisse die Länge ihrer Nase kaum um das Zehnfache übertrifft. Jeder Philister, der sich ein paar ästhetische Phrasen angeeignet hat und der in jedem Menschen und jedem Menschenschicksal doch nichts weiter sieht als den Abdruck der Schablone, die sein Dutzendgehirn gedrechselt hat, spricht heute von «der Wirklichkeit abgelauschten Gestalten und Verhältnissen». Ich habe es oft hören müssen, der alte und der junge Pfarrer in Max Halbes «Jugend» seien ganz dem wahren Leben entsprechend dargestellt. Ich habe nur einsehen können, dass Herr Halbe zwei Geistliche geschildert hat, wie sich der Assessor X und der Gymnasiallehrer Y solche darstellen. Deshalb wundere ich mich auch schließlich nicht, wenn der Assessor X und der Gymnasiallehrer Y an der «Jugend» ihre Freude haben. Sie haben sie freilich nur, wenn sie «Ausnahmemenschen» sind, für die sittliche Entrüstung ein reaktionäres Vorurteil ist. Die Überwindung der sittlichen Entrüstung ist auch so ziemlich das einzige, wozu es das moderne naturalistische Philistertum bringen kann. Über dieses Abc kommt die «Moderne» nicht hinaus.

Dass es bewegende Kräfte in der Menschenseele und im Gesellschaftsorganismus gibt, die aus anderen Dingen als aus gekitzelten Nerven ihren Ursprung herleiten, dass es eine Wahrheit gibt, die nicht an der Oberfläche des Leibes ihre Regulatoren hat: davon wissen die Herren Bahr und Hartleben usw., usw. herzlich wenig. Mir ist es langweilig, wenn mir ein «Dichter» in drei Akten Menschen vorführt, die mich im Leben nicht einen Augenblick interessieren würden.

Deshalb lebe ich auf, wenn ich mitten unter dem öden Geschwätz moderner Autoren ein Kunstwerk zu Gesicht bekomme, in dem mir ein ganzer Mensch Menschen und Verhältnisse vorstellt, die nur der zu durchschauen vermag, dessen Blick nicht durch sklavisches Hängen am Alltäglichen umnebelt ist. Und solche Kunstwerke sind die beiden Erzählungen von M. E. delle Grazie, von denen ich hier sprechen will. Delle Grazie schildert Menschen nicht wie jemand, der, rund um sie herumgehend, sie abkonterfeit, sondern sie bildet Gestalten so, dass wir die individuellen Seelenkräfte sehen, von denen deren Leben bestimmt wird. «Der Rebell» heißt die erste Erzählung. Den Mittelpunkt bildet ein ungarischer Zigeuner aus der Theißgegend, wo keine westeuropäische Kultur die Hirnwindungen der Menschen so starr gemacht hat, dass wir aus Titel und Amt so ziemlich den Charakter erraten können. Der Zigeuner Lajos hat selbstverständlich kein philosophisches Doktordiplom erworben, dafür aber sind auch die Schule, die Amtsprobezeit, die Gesellschaftssimpelei und die Philisterlektüre nicht die Schicksalsmächte, von denen sein Empfinden und Denken bestimmt ist. Und Lajos hat sich emporgerungen bis zu den Höhen der Menschheit; er hat sich eine Lebensansicht erworben, die geeignet ist, [ihn] das Dasein in seiner wahren Gestalt erkennen zu lassen, die ihn zum Weisen unter Toren macht und die [ihn] die Wahrheit schauen lässt da, wo andere nur die heuchlerischen Masken anbeten. Lajos ist eine Persönlichkeit, die von der Welt um ihr Glück betrogen worden ist, die aber stark genug ist, dieses Glück, das sie nur der Lüge hätte verdanken können, zu entbehren. Lajos liebte ein Mädchen, die natürliche Tochter eines Grafen. Ein Edelmann macht [ihm] die Geliebte abspenstig. Diese verlässt den armen Zigeuner um des adeligen Verführers willen. Ein schier ins Unendliche gehendes Rachegefühl gegen den Letzteren bemächtigt sich des Zigeuners. Er sucht alle Orte auf, wo er den Räuber seines Glückes vermutet, um ihn zu töten. Lange sucht er vergebens, endlich findet er ihn, schlafend am Wege, die Flinte neben sich. Ein leichtes wäre es, den Gegner mit dessen eigener Waffe zu morden. In dem Augenblicke verwandelt sich Lajos’ Rache in Verachtung; er findet, dass das Leben des Elenden nicht wert ist, von ihm vernichtet zu werden.

Lajos schildert die Empfindungen, die in dem Augenblicke sich seiner bemächtigen, als das Leben des Gegners in seiner Macht war, mit den Worten: «Er wurde bleich bis in die Lippen, seine Knie schlotterten, als hätt er das Donaufieber bekommen, und auf einmal riss er den Hut herunter und grüßte mich tief ... und lächelte dazu wie ein Blöder ... Da wurde mir so wohl, so wohl, sag ich Ihnen, denn nun wusst ich, dass man seinem Feind noch Schlimmeres antun könne als ihn ermorden, und dass meine Qual zu Ende war, weil ich den, der da vor mir stand, nicht mehr hassen konnte; wie ein Ekel kam’s mir in die Kehle - ich spuckte aus gegen ihn, warf die Flinte ins Schilf zurück, nahm meine Fiedel und ging ...» Und dann sagt er von dem, den er also gedemütigt: «Wo er kann, schwärzt er mich an bei den Leuten, und am liebsten möchte er mir die Panduren und den Stuhlrichter auf den Hals hetzen, aber er kann nichts Rechtes vorbringen gegen mich, und dass er mir zum Umbringen zu schlecht gewesen ist, will er doch auch nicht sagen! Aber er ist wie Luft für mich; wenn ich die auch einatmen muss, kann ich sie doch immer wieder zurückgeben - da! So gleichgiltig ist er mir!» Das Erlebnis mit dem Edelmann wurde für Lajos zum Quell höchster Erkenntnisse. Es wurde ihm klar, wie man ohne Hass und Liebe die Welt betrachtet. «Was ist aus meiner Liebe, was ist aus meinem Hass geworden?» sagt er. «Alles vorüber, und damals glaubt ich daran sterben zu müssen! Wer so etwas an sich erfahren hat, wird ruhig und kann auch seinem Feind nicht Unrecht tun!» «Wenn ich schlechte Augen hab und mir den Kopf an einen Pfosten anstoß - hat der Pfosten die Schuld oder ich? Der Pfosten ist da und hat sein Recht, und ich bin da und hätt auch mein Recht, wenn meine Augen nicht schlecht wären - ich könnt ihm ja ausweichen, nicht? Und wenn ich eine Nichtsnutzige gern haben und einen Schurken hassen konnte, bin ich da nicht gerade so blind gewesen? Sie waren’s nicht, und darum musst ich mir das Herz und den Schädel an ihnen wundstoßen wie an dem Pfosten! Wem aber soll ich noch glauben, wenn ich mich selbst so betrügen kann, wenn jeder Mensch zweimal ist: so, wie er geboren wurde, und so, wie ich mir denk, dass er ist? Und weiß ich denn, wie ich bin? Viele Menschen weichen mir aus - sie tun mir nichts Böses, möchten mir aber noch weniger was Gutes tun!

Warum? Hab ich was verbrochen? Nun, die haben eben auch Recht! denk ich mir, denn jeder, der lebt, will nur sich, und selbst wenn er meint, dass er ein anderes gerade so gerne hat!» Das sind Worte der Weisheit, wie sie nur ein Leben gebiert, dem sich das Dasein schleierlos gezeigt hat. Es gibt eine zweifache Art, solche Worte zu sprechen. Einmal erscheinen sie uns wie Destillationsprodukte aus der Retorte der Gelehrsamkeit: ätherisch, flüchtig, abstrakt, als reine Gedanken. Ein anderes Mal treten sie an uns heran wie das Schicksal selbst, das sich in der Sprache verkörpert. Dann sind sie nicht bloß ausgesprochene Gedanken, sondern Gewalten, die wie das Leben selbst auf uns wirken. Und dann empfinden wir dem, der sie ausspricht, gegenüber, wie delle Grazie von dem Landstreicher schildert: «Seine schlichte Gestalt wuchs für mich nach und nach ins Unendliche hinein, und er strich wie ein Schatten desjenigen über meine heimatliche Erde, der vor Jahrtausenden im fernen Indien gelehrt, was der Landstreicher nur dunkel empfunden und unklar ausgesprochen: «Aus Leben wird Leid geboren, aus Leid wird Furcht geboren; wer vom Leben erlöst ist, kennt kein Leid - woher käme ihm Furcht?» Die Leute nennen den Lajos einen «Rebell», weil er sie verachtet. Und der Edelmann sagt von ihm: «Er ist zu allem fähig.» Diese Worte bedeuten aber nichts weiter, als dass der Edelmann unfähig ist, zu erkennen, wie des armen Zigeuners selbstständige Seele sich äußern kann. Sie ist ihm ein Element, das von Kräften bewegt wird, die aus Tiefen herauf wirken, von denen ein Durchschnittsgehirn nichts ahnt. Das Unbekannte, die dunklen Mächte in Kopf und Herzen des Zigeuners erfüllen den Edelmann mit einem Gefühl des Grauens. Er fühlt sich nur sicher Leuten gegenüber, die ihren Charakter, wie er selber, von den Urvätern ererbt haben, oder solchen, denen die Knute den Sklavensinn angehaut hat. Erfahrungsästhetiker und Tatsachensklaven werden mir das Recht absprechen zu sagen: ich finde diesen Zigeuner mit tiefer psychologischer Wahrheit gezeichnet. Denn ich will aufrichtig sein und gestehen, dass ich nie einen Zigeuner von dieser Art kennengelernt habe. Man braucht aber durchaus nicht für jede künstlerische Bildung ein leibhaftiges Original kennengelernt zu haben, um sich ein Urteil über die Wahrheit der Darstellung zu bilden. Man muss nur einen Blick haben für das im Leben Mögliche. Lebenswahr, das ist in jedem Zuge möglich, ist der Zigeuner in delle Grazies Erzählung. Die Künstlerin erweist sich gerade in diesem Werke als eine feine Kennerin geheimer Seelenstimmungen. Keine Vorstellung davon, wie der Typus «Zigeuner» beschaffen ist, trübt ihr den Blick, um eine ganz eigenartige, von jeder andern sich unterscheidende Individualität zu charakterisieren. Wer gegenüber dieser Charakteristik die Frage aufwirft: kann ein Zigeuner so sein, der ist unfähig, die Erzählung zu begreifen. Charakterisieren kann nur derjenige, der hinter das Geheimnis der Individualität gekommen ist. Es ist eine ganz leere Redensart von Leuten ohne alle künstlerische Empfindung: der große Dichter stelle nicht Individuen, sondern «Typen» dar. Auch im Leben fängt uns der Mensch erst an zu interessieren, wo er aufhört, Typus zu sein. Ein Mensch, der nur seinen typischen Eigenschaften nach dargestellt wird, ist nicht viel mehr als eine Puppe. Was der wirkliche Künstler schildert, ist immer das Individuum. Nur versagt die Phantasie der meisten Menschen da, wo das Individuelle in dem Andern sich ihnen entgegenstellt. Deshalb verspüren die Vielzuvielen das «Einzige» echter Phantasieschöpfungen überhaupt nicht.

Zwei andere «Rebellen» stehen dem Zigeuner, dem Rebellen des Gedankens und der Empfindung, in delle Grazies Erzählung gegenüber: Istvän, der einstige politische Empörer und Freiheitsheld, der aber an der Seite seiner «praktisch» denkenden Susi sich bis zu der ja heute vielbewunderten Höhe des «Realpolitikers» emporgeschwungen hat, und Bändi, dessen Rebellenseele sich zwar in den tollsten Flüchen entlädt, ohne dass ihn aber das revolutionäre Feuer in der Brust vorläufig hindert, dem Edelmann, dem er alle Teufel auf den Leib hetzen möchte, Kutscherdienste zu tun. Die letzten beiden «Empörernaturen» lässt sich die Gesellschaft der Bequemlinge gefallen, denn die Istväns sind unschädlich, wenn ihre Susis Gelegenheit haben, behaglich Fett anzusetzen, und die Bändis schimpfen zwar, aber sie geben brauchbare Lasttiere ab. Diese Rebellen fürchtet man nicht, sie gliedern sich ja doch in die Gesellschaft ein, wenn auch widerwillig; aber die Rebellen von der Art der Lajos werden angeschen wie ein Berg, der einmal sich als Vulkan betätigt und dann sich wieder geschlossen hat. Man fürchtet in jedem Augenblick einen neuen Ausbruch. Dass die nach außen drängenden Feuermaterialien sich im Innern in edle Stoffe verwandelt haben, davon haben die Durchschnittsmenschen keine Ahnung.

Die zweite Erzählung, «Bozi», ist satirisch. Der Stoff ist jener Gegend Ungarns entnommen, wo Menschen, Büffel, Schweine und Stuhlrichter so nahe aneinander hausen, sich ewig im Wege stehen und doch nicht voneinander lassen können; dieses Milieu, das den Fatalismus Halb-Asiens wie etwas Selbstverständliches mit den christlichen Glaubenssätzen und eine türkische Rechtspraxis mit den Theorien des Corpus juris und das Tripartium so friedlich und unangefochten in sich vereinigt! «Bozi» ist ein Büffel. Aber ein solcher von ganz besonderer Art. Kein Herden-Büffel, sondern ein Herren-Büffel. Er fügt sich nicht den Satzungen, die Gott und die Menschen in seinem Wohnort den Büffeln gegeben; er verlässt, wenn es ihm beliebt, seine Behausung, um unter den Menschen Furcht und Schrecken zu verbreiten. Besonders ist es ihm willkommen, wenn er bei feierlichen Anlässen unter einer größeren Menge von Menschen erscheinen und da Verheerungen anrichten kann. Eine solche Unternehmung musste er aber mit seiner Freiheit bezahlen. Er wurde nach derselben hinter streng verschlossenen Türen gehalten und durfte nur des Nachts, wenn die Menschen schliefen, ins Freie. Damit war die Sache aber noch schlimmer gemacht. Denn hatte er früher als Büffel die Menschen mit Entsetzen erfüllt, so jetzt als... Teufel. Denn wer in nächtlicher Stunde dem Tiere begegnete, hielt es für den leibhaftigen Fürsten der Hölle. Davor hat den «aufgeklärten» Dorfdoktor, der Meyers Konversationslexikon besitzt und darin alles nachsehen kann, seine naturwissenschaftliche Bildung ebenso wenig beschützt wie den Herrn du Prel seine philosophische vor dem Spiritismus. Der gute Medikus glaubt so lange, dass es ein «übernatürliches» Wesen war, von dem er des Nachts überfallen worden ist, bis ihm sein Mantel, den er auf der Flucht vor dem Gespenst verloren hat, gebracht und ihm gesagt wird, dass der Büffel die schützende Umhüllung um seine Hörner gewunden nach Hause gebracht habe. Ein anderes Mal zicht ein Teil der Dorfgemeinde aus mit dem Bürgermeister an der Spitze und dem Kirchendiener mit dem Weihwasser an der Seite, weil der «Teufel» wieder erschienen und sich sogar einen Bewohner des Dorfes geholt hat. Der Teufel soll bekämpft werden. Die ganze Dorfgemeinde kann nichts ausrichten, weil sie vor Schrecken bebt, als sie an die Stätte kommt, wo der «Böse» wütet; nur ein Blödsinniger, der auch dabei ist und weder an Gott noch an den Teufel glaubt, sieht das, was wirklich da ist - den Büffel, schlägt auf ihn los und verwundet ihn. Die anderen ziehen mit langen Nasen von dannen.

Die Erzählung ist mit jener Art von Humor geschrieben, der nicht nur von einer vollständigen Beherrschung der Kunstmittel, sondern auch von einer in sich gefesteten Weltanschauung zeugt. Heuchlerische Religiosität, unverdaute Aufklärerei, der moderne Aberglaube der «gescheiten Leute» wird in der kleinen Erzählung getroffen und entlarvt. Wir haben es mit einer Künstlerin zu tun, die mit den Pfeilen des Spottes sicher trifft, weil sie für die Zielpunkte, auf die sie es abgesehen hat, einen sicheren und scharfen Blick hat.

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