18. Zwei nationale Dichter Österreichs
Fercher von Steinwand und Marie Eugenie delle Grazie
Das Totschweigen ist eines der wirksamsten Mittel, welcher sich unsere Journalistik bedient, um nur diejenigen literarischen Erscheinungen zur Geltung kommen zu lassen, die ihr bequem sind. Die Pflicht des Kritikers, bedeutenden Talenten den Weg zum Publikum zu ebnen, kennen unsere Zeitungsmenschen gar nicht mehr. Man braucht nur die dem wahren Deutschen eigene Vornehmheit zu besitzen, die es verschmäht, durch etwas anderes denn durch sein Schaffen zu wirken, so wird man vergebens auf den gebührenden Einfluss in der Literatur hoffen. Wir erinnern uns, dass ein einflussreicher Wiener Kritiker in einer Zeit, wo Hamerling auf der Höhe seines Schaffens stand, von einem «gewissen Herrn Hamerling in Graz» sprach, dass journalistische Unverschämtheit es sogar noch beim Erscheinen des «Homunkulus» wagte, von einem unserer größten deutschen Geister die Worte niederzuschreiben: «Ein in der Provinz nicht unbekannter Dichter.» So behandelt man die Größten, die sich nach jahrzehntelangem Ringen Anerkennung endlich erzwungen haben. Das sind eben Früchte des von Schablonenliberalismus herangezogenen Zeitungswesens. Zu diesen Früchten gehört es, dass das deutsche Volk in Österreich so gut wie nicht weiß, dass am 22. März in Wien ein Dichter seinen zweiundsechzigsten Geburtstag gefeiert hat, der zu den nationalsten im edelsten Sinne des Wortes gehört. Wer Hamerlings «Blätter im Winde» kennt, wird darinnen ein kleines Gedicht finden, das an Fercher von Steinwand gerichtet ist und dessen herrlicher Schöpfung «Gräfin Seelenbrand» den verdienten Tribut der Anerkennung zuerteilt.
Wer ist Fercher von Steinwand? Wir sagen es frei und offen: einer der begabtesten und eigenartigsten deutschen Dichter, der sein Leben lang unbeachtet geblieben ist, weil er sich die Freundschaft der Soldschreiber nicht zu gewinnen wusste. Johann Kleinfercher - dies sein wahrer Name - ist am 22. März 1828 zu Steinwand in Kärnten geboren. Er widmete sich in Wien naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien unter den größten Entbehrungen. Seine große Begabung wurde von einsichtigen Menschen gerade in dem Augenblicke erkannt, als Fercher nahe daran war, in der materiellen Not des Lebens zugrunde zu gehen. Nicht hoch genug zu schätzende Einsicht eines Wiener Gelehrten verschaffte Fercher eine sorgenfreie Lebenslage. Seit dieser Zeit lebte der Dichter ganz seinen literarischen Neigungen. Veröffentlicht hat er wegen der Ungunst der Verhältnisse wenig. «Dankmar», ein Trauerspiel (1867), «Gräfin Seelenbrand», eine Dichtung (1874), und «Deutsche Klänge aus Österreich» (1881) sind alles, was wir in Buchform von ihm besitzen. Einzelne Dichtungen, die in Zeitschriften erschienen sind, wie zum Beispiel der in der «Deutschen Wochenschrift» veröffentlichte «Chor der Urtriebe», reihen sich würdig an die größeren Werke an. Fercher ist eine deutsche Individualität. In ihm erscheint das Volkstum zur wahrhaft künstlerischen Geistigkeit verklärt. In seinen «Deutschen Klängen» sind Gedichte zu finden, die unbedingt zu den schönsten der deutschen Literatur zählen. Tiefe des Gefühls und geistige Höhe der Anschauung vereinigen sich hier mit einer bewunderungswürdigen Handhabung der Form. Dabei spricht uns namentlich der hohe germanische Ernst dieser Schöpfungen an. Oft erhebt sich Fercher zu einer Höhe, die wir nur in Schillers «Spaziergang» oder Goethes «Weltseele» wiederfinden, wie zum Beispiel in dem erwähnten «Chor der Urtriebe». Wir können natürlich nicht daran denken, hier eine erschöpfende Charakteristik unseres heimischen Dichters zu geben; wir wollten nur darauf hindeuten, welche literarische Gewissenlosigkeit unsere Zeit beherrscht. Fercher hat gewiss noch Schätze in seinem Schreibpult; aber er kann bei der Verwahrlosung unserer literarischen Verhältnisse auf kein Verständnis hoffen; und deshalb unterlässt er wohl lieber die Veröffentlichung.
Ein zweites Talent, auf das wir hier hinweisen wollen, ist Marie Eugenie delle Grazie. Zwar die deutsch-nationale Provinzpresse hat hier ihre Schuldigkeit getan, aber die Wiener Presse scheint sich delle Grazie gegenüber nicht anders benehmen zu wollen wie bei Fercher. Wir haben es hier mit einer Persönlichkeit zu tun, von der wir das Größte hoffen können. Die bisherigen Werke «Gedichte», «Die Zigeunerin», «Hermann», ein episches Gedicht, und «Saul», ein Drama, sind wahrhaft mehr, als was man von einem Talente bis zum 21. Jahre nur irgend zu erwarten berechtigt ist. «Hermann» ist ein deutsches Epos, das ganz durchtränkt ist von dem edlen Idealismus unseres Volkes. Wir legen einen besonderen Wert darauf, dass hier die welthistorische Mission der Deutschen uns mit solcher Klarheit vor die Seele geführt wird. «Saul» und «Hermann» ergänzen sich in dieser Beziehung. In «Saul» tritt uns inmitten des jüdischen Volkes eine Persönlichkeit entgegen, die diesem Volke den Gott der Liebe predigen will. Aber das Volk Jehovas hat kein Verständnis dafür. Darinnen liegt die Tragik Sauls. Volles Verständnis für die Religion der Liebe konnte nur ein Volk haben, das ganz unegoistisch dem Ideale lebt. Das ist bei den Deutschen der Fall. Das soll aber in delle Grazies «Hermann» gezeigt werden. Auch hier begegnen wir wieder deutschem Hochsinne in meisterhafter Form. Wenn wir nun schon in den vier angeführten Werken delle Grazies vieles Bewundernswerte finden, nach den in verschiedenen Zeitschriften jüngst erschienenen Gedichten finden wir, dass dieses Talent seine eigentliche Richtung erst jetzt gefunden hat, dass uns in zukünftigen Schöpfungen desselben das bevorsteht, was wir als die künstlerische Konsequenz der gegenwärtigen Weltauffassung ansehen müssen. Es kommt natürlich dabei gar nicht darauf an, wie man sich zu dieser Weltanschauung selbst verhält. Man kann, wie zum Beispiel der Schreiber dieser Zeilen, ein entschiedener Gegner derselben sein; aber man hat die Pflicht, jenes Talent als solches zu bezeichnen, in welchem diese Anschauung ihre künstlerische Verklärung findet. Und es erscheint uns notwendig zu betonen, dass diese Verklärung notwendig aus deutschem Geiste hervorgehen musste. Die mechanischnaturalistische Auffassung des Daseins bedingt einen Gemütszustand, der nur in einem kerndeutschen Gemüte jenen tiefen Schmerz hervorbringen konnte, den delle Grazies jüngste Gedichte uns vorführen. Man muss die Tiefe deutschen Fühlens besitzen, um jenen Schmerz in voller Würde darzustellen. Und es hat etwas furchtbar Erschütterndes, wenn wir folgender Stimmung gegenüberstehen: «Du Gaukelspiel seelenloser Atome, das aus rein mechanischer Ursächlichkeit uns Ideale vorzaubert, die großartig, schön und erhaben sind. Du kannst mir das Dasein nur wertlos erscheinen lassen. Ohne Halt schwebe ich da, inmitten Deines Possenspiels. Ich erkenne es als Possenspiel, aber ich kann nicht heraus aus Deinem Kreise. Du führst mir Deinen wertlosen Dunst als Inhalt meines Lebens vor. Du erzeugst Bilder des Schönen, aber in Körpern, in denen Verwesung frisst.» Wer diesen Schmerz nicht versteht, der hat kein Herz gegenüber der Öde unserer gegenwärtigen Anschauungen. Delle Grazies neueste Dichtungen sind der Widerschein des modernen Geistes aus dem deutschen Herzen. Welche Stellung wir dazu einnehmen, das ist eine ganz andere Frage; dass wir an ihnen, als an einer bedeutungsvollen Erscheinung, nicht vorübergehen dürfen, erscheint mir ein Gebot des ästhetischen Gewissens. Es gibt Dinge, mit denen sich jeder Gebildete eben auseinandersetzen muss. Mit allen wahrhaften «Naturen» hat es delle Grazie gemein, Fragen an das Schicksal zu stellen, uns ein «Menschengeschick-Bezwingendes» vorzuführen. Dafür gibt es heute freilich wenig Verständnis, wo wir nur mehr dramatisierten Blödsinn aus der Feder seichtester journalistischer Borniertheit in den Theatern zu hören bekommen.
Es gereicht jedem, der ein Herz und einen Sinn hat für sein Volk, wahrhaft zum Trost, dass es noch Erscheinungen wie Fercher und delle Grazie gibt, in einer Zeit, in welcher Leute unsere Literatur beherrschen, denen alles zu einer solchen Herrschaft fehlt. «Saul» von delle Grazie wurde von Laube als zur dramatischen Aufführung vollkommen geeignet gefunden; im deutschen Wien führt man aber lieber wieder ein Stück von dem Verfasser der «Wilddiebe» auf, wie uns jüngst angekündigt wurde. Wollten wir die Schande, die dem deutschen Volke und seiner Kunst damit angetan wird, beschreiben, wir müssten in einen zu scharfen Ton verfallen. Darum lieber nicht ...