25. Ernste Zeichen der Zeit
Gans Edler Herr zu Putlitz ist zum Intendanten des Stuttgarter Hoftheaters ernannt worden. Als die Nachricht von dieser Ernennung durch die Zeitungen ging, wird wohl so mancher Freund der Kunst verwundert gewesen sein; denn von Vorbedingungen, die dieser Herr zu einem solchen Posten mitbringt, ist niemandem etwas bekannt. Ja der Neuernannte hat beim Amtsantritte mit rührender Naivität selbst gestanden, er sei sich dessen sehr wohl bewusst, dass er solche Vorbedingungen nicht habe und dass er seine hohe Stellung einzig und allein den Verdiensten seines Vaters zu verdanken habe. Diese Zeilen haben nicht im Mindesten die Absicht, die unleugbaren Verdienste dieses Vaters herabzusetzen. Dieselben können und dürfen nicht vergessen werden. Aber gegenüber solchen Tatsachen drängt sich die Frage energisch auf: Sind wir denn auf den bösen Wegen der Reaktion wirklich schon so weit gekommen, dass man dem Sohne einen hohen, verantwortungsvollen Posten deshalb gibt, weil der Vater sich in einer gleichen hohen Stellung befunden hat? Wohin sollen wir kommen, wenn wir wichtige Stellen nicht mehr mit Leuten besetzen, die die persönliche Eignung hierzu besitzen, sondern die Qualifikation von Geburt und Abstammung abhängig machen! Besonders schmerzlich muss es berühren, dass dieser Fall sich gerade im Gebiete der Kunst ereignen konnte. Es zeugt das von einem Verkennen des inneren Wesens und der Würde derselben. In den Zeiten, in denen die Kunst ein Nebending war zum Ausfüllen müßiger Stunden, in denen man keine Ahnung hatte von dem hohen Wert derselben, da konnte ja die Meinung eine Berechtigung haben, dass jeder beliebige Kavalier an die Spitze eines einschlägigen Instituts treten könne. Seit aber die Nation sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, dass die Kunst einer der mächtigsten Hebel aller Kultur ist, seit jener Zeit sollten endlich auch die maßgebenden Kreise zu der Einsicht gelangt sein, dass nur der berufen ist, eine leitende Stellung eines Kunstinstituts einzunehmen, der tiefinnerlich verwachsen ist mit den Bestrebungen und dem Treiben der Kunst. Wie herabwürdigend ist es doch für den darstellenden Künstler, wenn er den Dilettanten als Richter und Leiter über sich gestellt sehen muss! Und wahrhaft kläglich ist der Einwand, der gegen Erwägungen dieser Art oft gemacht wird: es gäbe in Deutschland nicht die rechten Männer für eine solche Stellung. Wenn doch die Deutschen sich einmal die unselige Verkennung der Verdienste ihrer Zeitgenossen abgewöhnen möchten! Als ob jeder Mensch wirklich erst fünfzig Jahre im Grabe ruhen müsste, bis ihm die Anerkennung seiner Verdienste werden dürfte. Wir zweifeln nicht daran, dass zünftige Literarhistoriker der Zukunft Bulthaupt als einen großen Dramaturgen feiern werden, dem von seinen Mitlebenden Unrecht getan worden ist. Warum aber treten Leute, die etwas von solchen Dingen zu verstehen vorgeben, nicht dann, wenn eine Stelle zu besetzen ist, auf und sagen mit Energie: dies ist der würdigste Mann für diesen Platz? Dem einstimmigen und kraftvollen Bekenntnis urteilsfähiger Kreise, das zur öffentlichen Meinung werden müsste, könnte auf die Dauer auch an maßgebender Stelle nicht Widerstand geleistet werden. Aber von einem energischen Eintreten für eine Überzeugung ist bei unseren Rittern vom Geiste nie die Rede. Sie betrachten «maßvolle Zurückhaltung» als den echten Charakterzug wahrhafter Geistesaristokratie. Dass wir dadurch immer unglaublichere Rückgänge unseres Kulturlebens erfahren, dass uns dadurch in Sachen der Kunst eine wahrhafte öffentliche Meinung fehlt, ja, dass wir in finstere Verhältnisse abgelebter Kulturperioden zurückgeführt werden: darum bekümmert man sich nicht. Wenn die Dinge sich in der angebrochenen Art weiterentwickeln, dann kommen wir wohl schließlich noch dazu, dass ein Mann zum Lehrer der Staatswissenschaften oder der Philosophie an einer Universität angestellt wird, weil sein Vater sich um die entsprechenden Disziplinen Verdienste erworben hat, oder weil er einer sozial bevorrechteten Familie angehört, und ohne dass man weitere Zeugnisse über seine persönliche Befähigung fordert. Wir werden es zwar erleben, dass optimistische Menschen kommen und sagen: der Mann wird sich einleben in sein Amt, er wird lernen. Derlei Urteile haben wir - und zwar von sonst ganz tüchtigen Männern - gehört, als in Wien Burckhard aus einer rein bureaukratischen Stellung heraus Knall und Fall an die Spitze des Burgtheaters gestellt wurde. Solche Leute müssen uns gestatten, es natürlich zu finden, wenn irgendjemand einen Laien als Arzt anstellt. Denn er wird die Obliegenheiten seines Berufs schon lernen, und er wird sich einleben. Ein Laie als Theaterintendant kann freilich keinen Kranken zum Tode kurieren. Aber er kann den guten Geschmack ertöten. Doch das fällt weniger auf. Die Leute zu «amüsieren», wird er ja noch zusammenbringen.
Der Verfasser des Aufsatzes «Ernste Zeichen der Zeit»
(siehe «Litterar. Merkur» Nr. 4) hat hierauf
Folgendes zu erwidern:
Der Vergleich mit einem nicht gelesenen Buch scheint mir durchaus unzulässig: Herr zu Putlitz ist kein verschlossenes Buch, sondern ein ungeschriebenes. Wogegen sich unser Artikel wandte, war die Tatsache der Ernennung. Zu derselben lag nicht der allergeringste Grund vor. Warum besetzt man den Posten eines Theaterintendanten mit einem Manne, der nichts geleistet hat, was seine Befähigung dazu vor der Öffentlichkeit erwiese, während man doch in Deutschland Männer genug hat, von denen man ganz bestimmt wissen kann, dass sie diese Stelle auszufüllen vermögen? Selbst zugegeben: Herr zu Putlitz werde sich einleben. Die Stelle eines Theaterintendanten ist keine solche, die man mit einem Manne besetzt, der sich in der Kunst nicht auf irgendeine Weise eingelebt hat. Man rechnet in so ernsten Dingen nicht mit Möglichkeiten. Es kann sein, dass er sich einleben wird; es kann aber auch sein, dass es nicht der Fall sein wird. Von Herrn zu Putlitz ist gar nicht die Rede. Der hat, nachdem er einmal berufen ist, seine Aufgabe so gut zu erfüllen, wie er kann. Unser Artikel richtete sich gar nicht gegen ihn, sondern gegen die Anschauungen, von denen jene ausgingen, die ihn berufen haben.
Auch der Einwand, dass nach den Forderungen unseres Artikels der Intendant Universalgenie sein müsse, und gleich erfahren im Schauspiel, wie in Musik, Gesang, Ballettkunst, trifft nicht zu. Wir verlangen ja gar nicht, dass sich der Intendant in jeder einzelnen Kunstgattung als Meister erwiesen, sondern nur, dass er sich zur Kunst in ein lebendiges Verhältnis gestellt habe. Nicht zu allen Kunstgebieten braucht er eine Beziehung zu haben, aber von irgendeiner Seite muss er in die Kunst sich eingelebt haben. Ob Musiker, ob Dramatiker, ob Kritiker und so weiter: das kommt weniger in Betracht. Aber irgendetwas von alledem.
Was der Verfasser der Entgegnung vom Prinzip des Einlebens sagt, könnte allenfalls noch für ein Mitglied der Bühne gelten. Der einzelne Sänger oder Schauspieler wird bei gehöriger Begabung mit Recht verwendet werden können, auch bevor er fertig ist. Aber eine Bildungsstätte für Intendanten darf schließlich doch das Theater nicht sein. Der oberste Leiter muss durchaus bestimmte Ziele, eine klare, in sich geschlossene Kunstanschauung mitbringen. Es ist ja ganz gut möglich, dass Herr zu Putlitz sehr viel kann und weiß. Aber das kann doch nichts bedeuten dem Umstande gegenüber, dass es in Deutschland Männer gibt, die durch ihre publizistischen Leistungen bewiesen haben, dass sich jedes Theater unter ihrer Direktion einen künstlerischen Aufschwung zu versprechen hat. Wo das der Fall ist, ist doch gar keine Notwendigkeit vorhanden, jemand sich erst einleben zu lassen. Es berührt schmerzlich, wenn man so viel geistige Kraft sieht, von der im öffentlichen Leben kein Gebrauch gemacht wird, und daneben Wichtiges von Personen vollbracht wird, die wenig berufen erscheinen.