27. «Zur Psychologie unserer Zeit» von Dr. R.M. Saitschik
Bern 1892, Fr. Semminger
Bücher, in denen sich eine volle, ganze Persönlichkeit ausspricht, sind nicht oft zu finden. Hier ist eines. Saitschick versteht es meisterhaft, einige charakteristische Eigentümlichkeiten unserer Zeit in scharfem Gepräge darzustellen. Von jeder Seite des Buches schimmert uns eine temperamentvolle, zielbewusste Individualität entgegen. Ein scharfes Auge sieht hier in die Schwächen der Gegenwart. Das nervöse, hastige, sehnsuchtsvolle und zielbewusste, aber auch das maschinenmäßige, ideenlose Treiben unserer Epoche finde ich in richtigen Strichen gezeichnet. Jeder Satz ist ein solcher Strich. Nur ein paar Beispiele sollen angeführt werden: «Wir sehen nicht, wohin uns die Zeit mit sich führt, ein schauerliches Dunkel verhüllt die Zukunft unserer Kultur, desto mächtiger und ausgeprägter wurde unser Gehör.» «Schon an der Schwelle unseres Jahrhunderts ertönte der Weltschmerz, um später zu einem philosophischen System des Pessimismus erhoben zu werden. Die Zweiheit der Wirklichkeit und des Ideals musste zu einem Dualismus im Denken und Fühlen führen.» «Der Kapitalismus hat den Menschen zur Maschine gemacht, unsere Wissenschaft, die dem Kapitale dient und von ihm beeinflusst wird, hat den Gelehrten zur wissenschaftlichen Maschine herabgedrückt.» «Unsere Gesellschaft besitzt schon keine ganzen Menschen mehr, die in sich eine geschlossene Einheit erblicken, welche zu der ganzen Natur in einem bestimmten und festen Verhältnisse steht; unsere Gesellschaft hat keine Weltanschauung mehr.» Und nicht bloß aufgezählt sind die einzelnen Kennzeichen der Gegenwart, sondern die Erscheinungen sind folgerecht in ihrem Zusammenhange dargestellt, die eine durch die andere beleuchtet und begründet, sodass uns der Titel des Buches «Zur Psychologie unserer Zeit» vollauf berechtigt erscheint. Mich hat es besonders sympathisch berührt, dass der Verfasser einen Grundfehler unserer Zeit richtig zu beurteilen weiß: die Feigheit in Dingen des Denkens. Niemand vermag nämlich die Wahrheit zu erkennen, der nicht den philosophischen Mut hat, in die Tiefen der Probleme zu dringen. Wir müssen unsere geistigen Fühler kühn, ihrer ganzen Länge nach, ausstrecken, wenn sie von den Dingen in der rechten Weise berührt werden sollen. Wer sie bei dem geringsten Widerstande sogleich einzieht, der kann niemals die Wirklichkeit erreichen. Die Stumpfheit unseres Denkens ist unser Grundübel. Statt keck sich in die Welt einzubohren, schrecken wir vor jeder Schwierigkeit zurück und wittern überall Erkenntnisgrenzen.