35. Wieder ein Geist aus dem Volke

Franz Wörther

Karl Weiß-Schrattenthal, dem vor drei Jahren die Entdeckung der Johanna Ambrosius geglückt ist, hat eben wieder einen «Dichter und Denker aus dem Volke» an das Licht der Öffentlichkeit gebracht. Diesmal ist der Entdeckte ein bayrischer Schuhmacher, Franz Wörther. Wer für die Dichtung der Ambrosius ein aufrichtiges Interesse gehabt hat, der sollte ein solches auch für diesen Schuster empfinden. Ich habe mir gelegentlich der Ambrosiushetze meine Meinung über die Ursachen eines derartigen Interesses gebildet. Damals ging der Dichter und Literarhistoriker Karl Busse wie ein Stier auf diejenigen los, welche warme Worte für die ostpreußische Dichterin hatten. Ich glaube, der Grund seines Verhaltens ist darin zu finden, dass Busse nicht den richtigen Gesichtspunkt hat finden können, von dem aus die Lober der Ambrosius geurteilt haben. Busse hat sich auf einen naiven Standpunkt gestellt und hat die Gedichte als solche unmittelbar auf sich wirken lassen. Das haben die Lober nicht getan. Sie haben diese Schöpfungen angesehen, wie man frohe Erinnerungen aus der Kinderzeit neben den Erlebnissen des Tages ansieht.

Wer in dem geistigen Leben der Gegenwart drinnensteht, der kann an den Dichtungen der einfachen Frau nur ein solches Interesse nehmen. Niemand, der naiv Dehmels oder Hartlebens Gedichte genießt, kann in gleicher Unmittelbarkeit von der Ambrosius gefesselt werden. Aber so wie der ernste Mann gerne sich der Kindheit erinnert, so genießt der modern Gebildete oder Überbildete auch die Naturtöne der Volksdichterin. Wir freuen uns der Erinnerungen aus der Kindheit, auch wenn sie von unverständigen und dummen Sachen erzählen. Wir fragen nicht nach ihrer Vernünftigkeit. Ebenso fragen wir bei so wahren Naturempfindungen, wie die der Ambrosius sind, nicht nach der ästhetischen Form, in der sie uns entgegentreten.

Aus dem gleichen Grunde wirken Dichter wie z.B. Rosegger ungleich bedeutender auf die Gebildeten als auf das Volk. Das Volk lebt in den Empfindungen, die ihm solche Dichter schildern, vom Morgen bis zum Abend; der Gebildete ist ihnen entwachsen; er versetzt sich aber gerne in sie, denn das Andenken an sie ist ihm heilig.

Als der dreizehnjährige Franz Wörther 1843 seinen Vater verloren hatte, stand er allein in der Welt, ohne Freund, ohne Gönner. Er konnte nun nicht daran denken, Baumeister zu werden, wie der Vater gewollt; er musste mit seinem Idealismus im Kopfe die Schusterei erlernen. Nach der Lernzeit durchwanderte er Nordund Mitteldeutschland. Dann war er fünf Jahre Soldat. Nach Beendigung der Dienstzeit ging es wieder an das Schuhmacherhandwerk. Wörther hat seine Seelenkämpfe durchgemacht. Manchmal wollte der Denker und Dichter verzweifeln, wenn der Schuhmacher für sich und seine sieben Kinder das Brot besorgen musste. Doch hat sich der «Mann aus dem Volke» mit wahrhaft philosophischer Gelassenheit in sein Schicksal gefunden. Er hat sich gesagt: «Die mir verliehene dichterische Gabe betrachte ich als ein Geschenk des Himmels für mein mir geraubtes Lebensglück. Nicht mehr bemächtigte sich meiner der finstere Trotz von früher; an der Musen Rosenband tändelte ich sozusagen heiter und ruhig durch die Klippen des Lebens.» In seiner Art hat dieser Naturdichter Kraft und Mut zum Leben aus der eigenen Seele geschöpft. Und ist sein Dichten auch oft nur ein Stammeln, so stammelt er Laute, die aus der Brust eines ganzen Mannes kommen. Spricht Wörther auch nicht in den vollendeten Formen des Künstlers; was er spricht, ist ansprechend und fesselnd wie die Erzeugnisse der Natur. Dass er Formen der Kunst sucht, die er nicht beherrscht, ist störend, ja verleitet ihn gar oft, eine wahre Empfindung unwahr auszudrücken: doch der echte Urquell ist immer zu entdecken.

Aber die Dichtungen sind nicht das Bedeutendste des kleinen Büchelchens, das Schrattenthal herausgegeben hat. Ein weitaus größeres Interesse erregen die Weisheitssprüche. Ein wahrer Natur-Nietzsche tritt in Wörther an uns heran. Zwar hat es der Naturdenker nicht bis zur Umwertung der von ihm vererbten Wertbegriffe gebracht; auch hat er keinerlei antichristliche Empfindungen gehegt, sondern ist «fromm» geblieben bis zum heutigen Tage. Aber er hat die angestammten Begriffe für sich neu geprägt; er hat ihnen eine individuelle Form gegeben. Ein Mann, der folgende Gedanken über die «Freiheit» geschrieben hat, verdient unsere größte Aufmerksamkeit.

«Die Freiheit ist der Wecker der Leidenschaft und die bewegende Kraft der Ausführung, Sie ist der Hexenkessel aller Ungebundenheit und Ausgelassenheit. - Sie ist das Traumbild der Eingesperrten und das Schreckbild der Gefängniswärter. - Die Freiheit ist das höchste Wonnegefühl für die Eckensteher und Bummler und die politische Leimrute für die sozialen Rotkehlchen und Blutfinken.» Ein klares, verständiges Urteil in durchsichtiger, einfacher Form gibt Wörther über den Begriff der «Gleichheit»: «Gleichheit ist die Sehnsucht der Hässlichen und der Schrecken der Schönen. Sie ist die buntschillernde Seifenblase aller sozialdemokratischen Phrasen und die notwendige Ausschmückung der Agitationsreden. - Gleichheit ist die Auflösung der Zivilisation und die Zurückführung der Menschheit zu ihrem Urzustand der Steinzeit und der Pfahlbauten mit der einheitlichen Modetracht Adams und Evas. Sie ist demnach der Anfang vom Ende aller Schneider. - Gleichheit ist das Tischleindeckdich für die Aschenbrödel des Schicksals.» Eine feine Empfindung spiegelt sich in dem Satze: «Neid gibt selbst schon dem Kinde den Schmutz in die Hand, das seinem Gespielen den bunten Fetzen, den ihm die Eltern in affenartiger Liebe um die Schultern hängen, heimlich bewerfen will.»

Und dass vornehme Gesinnung auch auf des Schusters Stuhl gedeihen kann, verrät der Ausspruch: «Ein Herz ohne Dankbarkeit gleichet einem verblühten Rosenstrauch, welcher dem Wanderer nur Dornen entgegenhält.» Auch der Stolz einer selbstständigen, auf die eigene Kraft und Würde gebauten Persönlichkeit ist unserem Schuhmacher eigen. Er findet: es «nennt feige Kriecherei des Reichen Hochmut Standesbewusstsein, dessen Geiz ökonomische Berechnung, Verschwendung dagegen nennt des Menschleins niederer Sinn weltmännische Noblesse, Charakterlosigkeit eines Reichen bezeichnet elende Kriecherei als diplomatische Staatsweisheit».

Franz Wörther lebt gegenwärtig in seinem Geburtsort Kleinheubach am Main. Er hat durch seine Schuhmacherkunst seine sieben Söhne versorgt. Er war ein wackerer Handwerker. Dass er noch mehr war, hat Schrattenthal durch die verdienstliche Herausgabe seiner Geistesprodukte gezeigt. Wer bloß ästhetisch genießen kann, der wird das Büchlein bald aus der Hand legen; wer Sinn hat für die Betrachtung einer in sich geschlossenen, in ihrer Art vollendeten Persönlichkeit, der wird es von Anfang bis zum Ende durchlesen. Die derbe Natürlichkeit wird einen solchen Genießer erfrischen, und die Ungeschicklichkeit im Künstlerischen wird ihn wenig stören.

German original of Another Ghost from the People · ← Previous · Next →