45. Maeterlinck, der «freie Geist»

Maurice Maeterlinck ist eines der hervorragendsten Erlebnisse der modernen Seele. Diejenigen, deren Sympathien sie zu den Aposteln der Weltverehrung, zu Darwin und Haeckel weisen, empfinden eine tiefe Befriedigung, wenn ihnen der Genter «Mystiker» erzählt: «Alle unsere Organe sind die mystischen Mitschuldigen eines höheren Wesens, und wir haben nie einen Menschen, sondern stets eine Seele kennengelernt.» Und nichts hindert die, welche im Innersten den Reden Zarathustras, des Gotttöters, zujubeln, geheime Wollust zu empfinden, wenn Maeterlinck von den Tiefen des Göttlichen mit religiöser Andacht spricht. Zarathustra sagt: «Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden das Himmlische und die erlösenden Blutstropfen: aber auch noch diese süßen und düstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!» Man kann diese Worte wie eine Erlösung von tausendjährigen religiösen Vorurteilen empfinden und dennoch mit zustimmender Befriedigung hinhorchen, wenn Maeterlinck spricht: «Die Götter, von denen wir stammen, geben sich uns auf tausendfache Weise kund; aber diese geheime Güte, die man nicht bemerkt hat und von der keiner unmittelbar genug gesprochen hat, ist vielleicht das reinste Zeichen ihres ewigen Lebens. Man weiß nicht, woher sie kommt. Sie ist einfach da und lächelt auf der Schwelle unserer Seelen; und die, in denen sie am tiefsten und häufigsten lächelt, werden uns Tag und Nacht leiden machen, wenn sie wollen, ohne dass es uns möglich wäre, sie nicht mehr zu lieben.»

Ein Rätsel schien bis vor kurzem Maurice Maeterlinck. Den Tonfall der christlichen Mystiker glaubte man in seinen Reden zu vernehmen; und die gottlosen Menschen der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung konnten den Lockungen dieser Reden nicht widerstehen. Die Macht des Gedankens, dass der Mensch sich nach durchaus ungöttlichen, rein natürlichen Gesetzen aus niederen Organismen entwickelt hat und dass nur diese Erde, kein jenseitiger Himmel der Quell unserer Freuden sein kann, schützte nicht vor dem Zauberklang der Worte Maeterlincks: «Zwar handeln wir schon wie Götter, und all unser Leben verläuft unter unendlichen Gewissheiten und Untrüglichkeiten. Aber wir sind Blinde, die längs der Straßen mit Juwelen spielen; und jener Mensch, der an meine Türe klopft, gibt im Augenblicke, wo er mich begrüßt, ebenso wunderbare geistige Schätze aus, wie der Fürst, den ich dem Tode entrissen hätte.»

Seit Maeterlinck - im Oktober des vorigen Jahres sein neuestes Werk: «La sagesse et la destin&e» (Paris, Librairie Charpentier) veröffentlicht hat, ist es nicht mehr schwierig, den oben bezeichneten Widerspruch zu lösen. In diesem Buche tritt uns eine moderne Seele entgegen, die aus den Eierschalen des Mystizismus sich gelöst hat. Wir glauben Zarathustras mutwillige Weisheit zu vernehmen, wenn Maeterlinck zu uns spricht: «Intellekt und Willen sollen sich daran gewöhnen, wie siegreiche Soldaten von dem zu leben, was ihnen den Krieg macht.» Und das Bekenntnis des verlästerten Max Stirner scheint von Neuem zu sprechen aus Sätzen wie diesen: «Aber man sagt uns: liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Aber wenn man sich selber auf eine engherzige und unfruchtbare Weise liebt, wird man seinen Nächsten auf dieselbe Weise lieben. Man lerne doch weitherzig, gesund, weise und vollkommen sich selbst lieben; das ist weniger leicht, als man glaubt. Die Selbstsucht einer starken und hellsichtigen Seele ist von viel wohltätigerer Wirkung als alle Hingebung einer blinden und schwachen Seele. Ehe man für die andern da ist, hat man für sich selber da zu sein; und ehe man sich weggibt, muss man sich sein Selbst sichern. Sei versichert, dass die Erwerbung eines Bruchteils deines Selbstbewusstseins im tiefsten Grunde mehr wert ist, als die Hingabe deiner gesamten Unbewusstheit.»

Und Stirner, der dem Egoismus das hohe Lied «Der Einzige und sein Eigentum» gesungen hat, müsste bewundernd stehen vor dem Abgott der modernen Mystiker, wenn dieser spricht: «Nicht durch Aufopferung wird die Seele größer, sondern im Größerwerden verliert sie die Aufopferung aus den Augen, wie der Wanderer, wenn er höher steigt, die Blumen des Tales aus den Blicken verliert. Aufopferung ist ein schönes Zeichen vom inneren Mitleiden; aber man sollte nie das Mitleiden um seiner selbst willen pflegen.» Oder: «Die Kraft, die in unserm Herzen leuchtet, soll vor allem für sich selber leuchten. Nur um diesen Preis wird sie auch den andern leuchten; und so klein auch die Lampe sein mag, gebe keiner von dem Öle, das sie nährt, er gebe von dem Lichte, das sie krönt!»

Vor zwei Jahren, als Maeterlincks «Tresor des Humbles» erschien, konnten die modernen Heiden den Mystikern nichts erwidern, die den verzückten Belgier einen der Ihrigen nannten. Heute nach der Herausgabe von «La sagesse et la destinde» wird der Jubel der Mystiker geringer sein.

Auf diese eigentümliche Entwickelung Maeterlincks soll hier hingewiesen werden in Anknüpfung an die treffliche deutsche Ausgabe des «Tresor des Humbles», die eben (bei Eugen Diederich, Leipzig und Florenz) erschienen ist, unter dem Titel: «Der Schatz der Armen. Von Maurice Maeterlinck. In die deutsche Sprache übertragen durch Friedrich von Oppeln-Bronikowski.»

Heute lesen die modernen freien Geister jeden Satz dieses Buchs anders als vor zwei Jahren nach seinem Erscheinen. Damals haben sie nur ein dunkles Gefühl gehabt, dass aus diesem Buche ihnen eine Luft entgegenströmt, die trotz mancher widrigen Ingredienzien einen frischen Tannengeruch brachte.

Und gerade ihre seltene Befriedigung beim Anhören dieses stammelnden Weisen begreifen die freien Geister heute. Denn man verwechselt diese freien Geister oft mit den flachen rationalistischen Köpfen, zu denen die Stimme des Herzens nicht spricht. Die nur den Verstand und die Vernunft in sich wirken lassen und denen deshalb die freieren Regungen der menschlichen Seele, die instinktiven Impulse unbekannt bleiben.

Etwas Trockenes und Verstandesmäßiges wirft man den freien Geistern vor. Und sie selber haben fortwährend eine gewisse Angst davor, dass das Nüchtern-Logische die wertvollsten Kräfte töten könnte, die unbewusst in der Menschenseele walten.

Aber diese Angst ist ein unrechtes Gefühl des menschlichen Seelenlebens. Zwar ist es richtig, dass die Sprache des Verstandes auch diejenige gemeiner und banaler Menschen ist. Aber diese Sprache ist darum nicht weniger diejenige der tiefsten Geheimnisse des Weltendaseins.

Und die Worte, welche jetzt die alltäglichen Ergebnisse einer Börsenspekulation zum Ausdrucke bringen, können im nächsten Augenblicke die Interpreten tiefer Wahrheiten sein.

Und noch ein anderes. Man nennt die Freunde des modernen naturwissenschaftlichen Bekenntnisses gerne Materialisten und spricht ihnen das Gefühl für das Göttliche ab. Man findet es entsetzlich, wenn sie von dem Menschen, dem doch ein Gott vom Himmel her das Dasein gegeben haben soll, nichts sehen als dass er «zu drei Viertel eine Wassersäule sei und anorganische Salze in sich habe», die über sein Dasein mehr vermögen als alle erträumten geistigen Kräfte.

Nietzsche, der Evangelist des Diesseits, der Verächter alles Jenseits-Göttlichen sagt: «Das Unorganische bedingt uns ganz und gar: Wasser, Luft, Boden, Bodengestalt, Elektrizität und so weiter. Wir sind Pflanzen unter solchen Bedingungen.»

In uns allen liegt noch etwas von dem Glauben, dass wir die Welt zu etwas Niedrigem, Gemeinem herabwürdigen, wenn wir sie des Göttlichen entkleiden und in ihr nichts sehen, als was wir wirklich in ihr mit unseren Sinnen und unserem Geiste wahrnehmen. Wir vermeinen den Menschen zu einem nahezu ekelhaften Wesen zu machen, wenn wir uns eingestehen, dass er aus den Stoffen dieser Welt besteht, und dass diese Stoffe auch den Naturgesetzen dieser Welt gehorchen.

Aber das Natürliche, das Irdisch-Ungöttliche, ist nicht verächtlich: nur der verirrte Menschengeist hat es zu einem Verächtlichen gemacht, weil er sich durch eine lange Erziehung daran gewöhnt hat, immer nur bei der Vorstellung eines Jenseitigen in eine andächtige Stimmung zu geraten. Unsere besten Geister kranken daran, dass sie an das Göttliche im Jenseits nicht mehr glauben können und dennoch das Irdisch-Wirkliche nicht als einen Ersatz des verlorenen Göttlichen empfinden können.

Nietzsche verkündete in seinem «Zarathustra» die Heiligkeit und Göttlichkeit des Diesseits. Und Maeterlinck tat dasselbe in seinem «Tresor des Humbles». Im Grunde sagen beide Geister dasselbe. Nur betont Nietzsche: All das Anbetungswürdige, all das Heilige: es ist kein Himmel und kein Jenseits; es ist eine Erde und ein Diesseits. Und der Mensch soll nicht hinschielen nach seinem überirdischen Paradies der Seligkeit; sondern er soll sein der Sinn der Erde. Und Maeterlinck sagt: Das Gewöhnliche, Alltägliche allein ist das Wirkliche, aber dieses Wirkliche ist ein Göttliches. «Hier ist Johann, der seine Bäume beschneidet, dort Peter, der sein Haus baut, du, der mir von der Ernte spricht, ich, der dir die Hand gibt - aber wir sind auf einen Punkt gebracht, wo wir die Götter berühren, und wir erstaunen über das, was wir tun.»

German original of Maeterlinck, The “Free Spirit” · ← Previous · Next →