54. Bemerkungen zu der Sammlung: «Aus deutscher Seele»

Es wäre zweifellos interessant, jetzt an der Wende zweier Jahrhunderte eine Untersuchung darüber anzustellen, wie viel die einzelnen Gebiete geistiger Arbeit zu der Unsumme von Torheit beigetragen haben, die im eben abgelaufenen Säculum hervorgebracht worden ist. Es ist ja auf dasjenige der Aufklärung gefolgt. Eines scheint gewiss, in einer solchen Statistik der Torheit käme das Denken über Kunst und Dichtung mit einer hohen Prozentzahl weit oben zu stehen. Man brauchte nicht einmal den gedruckten Unsinn, den Zeitungen und Zeitschriften wöchentlich und täglich in dieser Richtung hervorbringen, zu berücksichtigen. Wenn man sich auf das beschränkte, was in Büchern und Broschüren auf diesem Felde geleistet wird: man müsste auch da schon zu einer märchenhaft hohen Zahl gelangen. Wenn man ästhetische und kritische Arbeiten der Gegenwart liest, dann hat man in den meisten Fällen das Gefühl, als ob der Begriff der Kunst und Poesie überhaupt verlorengegangen sei. Welche merkwürdigen Sachen treten einem da unter die Augen...! Die Vorstellungen: naives Schaffen, unbewusstes Hervorbringen, Individualität, Intuition und wie sie alle heißen, begegnen uns in einer Weise, die weiter nichts zeigt, als dass diejenigen, die sie hinschreiben, sie auf irgendeine Art aufgeschnappt haben und sie nun wie Kinder die Steine in einem Kaleidoskop hin- und herwerfen. Gelehrte Abhandlungen über Kunst und Poesie machen von dieser allgemeinen Regel durchaus keine Ausnahme. Brave Philologen, Professoren der Literaturgeschichte und anderer Geisteswissenschaften, die es als den Gipfel des Dilettantismus betrachteten, wenn man bei dem Nachweis, aus welchem Einfall Wielands ein Einfall Goethes stammt, «unwissenschaftlich» zu Werke ginge —: sie beweisen, wenn sie anfangen, über Goethes «naive» Art zu schaffen, in ihrer Weise zu faseln, nichts weiter als ihre eigene — Naivität. Man braucht nur fünf Zeilen der meisten ästhetischen Abhandlungen und Bücher zu lesen, und man wird klar darüber sein, dass ihre Verfasser nicht zu den Elementen derjenigen Erkenntnisse vorgedrungen sind, die Aufschluss geben können über das Wesen des menschlichen Hervorbringens, über Phantasie, über Intuition und dergleichen mehr. Wenn durch einen Zufall 98 Prozent von alledem verlorenginge, was im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte über Ibsen, Hauptmann und andere geschrieben worden ist: nichts, rein gar nichts wäre der Nachwelt entzogen, was einen wirklichen Wert hat. Trotzdem allerorten heute von «Psychologie» gesprochen wird: die Erkenntnis der menschlichen Seele gehört gegenwärtig zu den unbekanntesten Dingen der Welt. Kaum über irgendeine Sache herrscht eine so grenzenlose Unkenntnis wie zum Beispiel über das Wesen der Phantasie.

Wo soll, unter solchen Umständen, ein Urteil über den künstlerischen, über den poetischen Wert der neueren Schöpfungen herkommen? Ist es nicht natürlich, dass auf diese Weise der Begriff der Kunst, der Poesie, geradezu verloren gehen musste?

In Jacobowskis Sammlung «Aus deutscher Seele» ist für alle diejenigen, die es benutzen wollen, ein Mittel gegeben, ihn wiederzufinden. Der Herausgeber hat sich in seiner «Vorrede», aus der wir im Vorhergehenden die wichtigsten Stellen mitgeteilt haben, selbst über die Aufgaben ausgesprochen, die er sich mit seiner Sammlung gestellt hat. Wenn es gelänge, die «Bazarware der Gassenhauer» nur einigermaßen zu verdrängen, so wäre damit für die Volkskultur Unsagbares getan. Der Tag, an dem man feststellen könnte, dass das Büchlein «Aus deutscher Seele» dem Apollotheater, Wintergarten und so weiter eine in Betracht kommende Konkurrenz macht, müsste unter die größten Festtage des eben beginnenden Jahrhunderts gezählt werden. Und nicht minder der Tag, an dem des Herausgebers «Nebenabsicht» in ihrer Verwirklichung aufgezeigt werden könnte. Denn darüber sollte kein Zweifel herrschen, ein Gedicht, wie das oben mitgeteilte «Die schöne Hannele», birgt mehr Poesie in sich, als die Mehrzahl der Bände, die mit sogenannter «moderner Lyrik» angefüllt sind.

Der Herausgeber bringt alles mit, was ihn zu seiner Aufgabe befähigt. In erster Linie kommt in Betracht, dass er unter den Dichtern der Gegenwart in erster Reihe steht. Er hat es in seinen «Leuchtenden Tagen» bewiesen, dass in ihm der Quell zu wahren dichterischen Schöpfungen vorhanden ist. Er ist dazu ein vorzüglicher Kenner der Ursprünge der Dichtung. In einer Reihe fesselnder Studien hat er das gezeigt. Woraus die Volksphantasie entspringt, welches Verhältnis sie zum Leben, zu den übrigen Kräften der Volksseele einnimmt, darauf ist sein Forschen und Nachsinnen gerichtet. Aufsätze wie der, den er jüngst in der «Gesellschaft» über die Anfänge der Erzählungskunst veröffentlicht hat, sind mustergültig. Wie die Phantasie sich entwickelt, darauf geht sein Denken aus. Seine Art des Forschens gibt ganz andere Perspektiven als die kleinlichen Ergebnisse philologischer Haarspalter, die gern ihre Miniatur-Phantasien als Resultate exakten wissenschaftlichen Forschens hinstellen.

Es wird oft nicht leicht, lyrische Sammlungen in einem Zuge zu lesen. Hier wird es zum Genuss. Das kommt davon, dass Jacobowski ein kompositorisches Vermögen ersten Ranges für die Zusammenstellung geistiger Einzelschöpfungen besitzt. Die «Allgemeine Inhaltsübersicht», die der Sammlung vor[an]gedruckt ist, zeigt, dass künstlerischer Sinn in der Zusammenstellung gewaltet hat. Nichts folgt willkürlich aufeinander, alles steht in notwendigem Zusammenhange. Die Totalität der Volksseele, die Summe menschlichen Empfindens in allen Lebensverhältnissen kommen zur Anschauung. Und sie kommen so zur Anschauung, dass die innere Harmonie des Volkslebens ihren Ausdruck findet. Mit den Gesängen, die der höchsten, freudigsten Lebensbejahung ihren Ursprung verdanken, wird die Reihe eröffnet, mit den Empfindungen über den Tod schließt sie. Der ganze Inhalt des Volksgemütes liegt dazwischen. Die einzelnen Kapitel sind: Glückliche Liebe, Meiden und Scheiden, Unglückliche Liebe, Ehe, Aus frommer Seele, Festtagsverse, Rätsel und Reimscherze, Balladen, Historische und kulturhistorische Lieder, Soldatenlieder, Stände- und Stammeslieder, Jagd- und Tierleben, Naturleben, Volksweisheit, Trunkpoesie, Humor, Vom Sterben, Vom Tode. Man kann Anfang und Ende einer solchen Sammlung nicht überzeugender machen, als indem man an jenen die von Lebensdrang ganz getragenen Verse setzt:

Wollt Gott, ich wär ein weißer Schwan!
Ich wollt mich schwingen über Berg und tiefe Tal,
Wohl über die wilde See,
So wüssten all meine Freunde nicht
Wo ich hinkommen wär!

und an dieses den Spruch stellt, der mit tiefster Weisheit die «Ewigkeit» in der naiven Empfindung widerspiegelt:

O ewich is so lanck.

Wie nimmt sich der künstlich konstruierte Begriff von «Individualität» aus, hinter dem die Weisheit unserer Zeitgenossen gigerlhaft einhertrippelt, wenn man ihn in dem Lichte betrachtet, das von solcher Poesie ausstrahlt, wie sie in diesem Buche mitgeteilt wird. Spricht etwa in dem Gedicht «Das schöne Hannele» weniger eine Individualität [sich] aus als in den mancherlei poetischen Purzelbäumen unserer Kunstdichter? Die heute immer von «Individualität» reden, sollten doch bedenken, dass noch jeder, der sich in die tiefsten Tiefen seines Individuums vertieft hat, dort ein Gemeinsames mit allen Menschen gefunden hat. Was heißt denn einen Künstler verstehen? Es heißt nichts anderes, als dessen Individualität in uns selbst finden. Wodurch verstehen wir Shakespeare? Allein dadurch, dass wir alle einen heimlichen Shakespeare in uns haben. Shakespeare verstehen heißt, den heimlichen Shakespeare in sich entdecken. In unserer Individualität ist Shakespeares Individualität. Dass einer ein Eigener ist, schließt nicht aus, dass sich ihm das Allgemeine offenbart. Das Leben ist wie das Hinansteigen auf einen Berg. Unsere Wege können verschieden sein. Oben auf dem Gipfel aber treffen wir uns; und wir genießen zuletzt alle den gleichen Ausblick auf die gemeinsame, einheitliche Weltenharmonie. Man braucht sich nicht zum Anhänger derjenigen zu machen, die den banalen Durchschnittsmenschen predigen. Aber diejenigen, die da glauben, ein jeglicher von uns sei in sein eigenes individuelles Schneckenhäuschen eingesperrt, und sie müssen sich ihre Eigenart wahren, die wissen eben nicht, dass es doch nur Eine Welt gibt für alle, die aus dem Schneckenhäuschen heraussehen. Es ist weise eingerichtet in der Natur, dass man sich auf unzähligen Wegen dem Gipfel nahen kann, auf dem uns die Herrlichkeiten der Welt offenbar werden; aber es ist ebenso weise, dass es nur einen solchen Gipfel gibt.

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