59. Zu Carl Hauptmanns «Tagebuch»
Aus einer Protestversammlung gegen die «Lex Heinze» war ich gekommen.1 Ich hatte eine Reihe von Reden gehört - vortreffliche Reden - gegen diese wüsteste Ausgeburt einer reaktionären Gesinnung. Es ist ein äußerst peinliches Gefühl, das der Mensch, der wirklich in den Fragen und Zweifeln der Gegenwart lebt, aus solchen Versammlungen heimbringt. Die Urteile, die da ausgesprochen werden, sind für solche Gegenwartsmenschen etwas so selbstverständliches, dass man immer die Empfindung hat: die Männer, die da sprechen, steigen tief herab, indem sie solches aussprechen. Die intellektuelle Erbärmlichkeit der Persönlichkeiten, die diese Urteile herausfordern, ist so groß, dass man seine Seele mit Schmutz zu beladen glaubt, wenn man sie ernsthaft widerlegt. Nach dem Besuche einer solchen Versammlung also war’s, als ich das «Tagebuch» Carl Hauptmanns zur Hand nahm. Mir trat da so recht vor die Seele, wie ungeheuer die Kluft ist zwischen dem Kampf, den eine widerwärtige Zeitströmung uns aufdrängt, und den Ideen und Empfindungen, die unsere Besten beschäftigen, wenn sie mit sich allein sind. Denn von solchen Ideen und Empfindungen gibt uns dies Buch Kunde. Einer von denen ist Carl Hauptmann, die den großen Problemen nachgehen, an denen sich Friedrich Nietzsches edle Seele verblutet hat. Ein Buch, das die Höhenluft der Gegenwartskultur ausströmt. Nichts erscheint mir verkehrter, als eine «Rezension» im gewöhnlichen Sinne des Wortes über ein solches Buch zu schreiben. Jedes Urteil über Einzelnes, ja auch über das Ganze muss aufhören, wenn die Persönlichkeit aus solchen Tiefen ihrer Seele sich uns gibt. Man kann nur sagen, was eine solche Persönlichkeit in der eigenen Seele des Lesers auslöst. Ich sage daher nichts über das Buch. Ich möchte aber ein paar Gedanken hierhersetzen, die mir oft durch den Kopf gehen, und an die ich nach der Lektüre dieses «Tagebuches» besonders lebhaft wieder erinnert werde. Eine Elite der Gebildeten arbeitet heute an einer Neugestaltung unserer Lebensanschauung, sowohl in Bezug auf Wissenschaft, wie auf Religion und Kunst. Jeder tut das Seine dazu. Was dabei herauskommt, das wird bestimmend für unser Handeln werden. Die Pflege des Wissens, der Wahrheit, der künstlerischen Anschauungen kann der Inhalt gemeinsamer Bestrebungen sein. Sie wird dann von selbst eine in vielen Dingen gemeinsame Ethik zur Folge haben. Lege jeder offen dar, was er weiß, bringe er auf den öffentlichen Plan das, was er geleistet hat; kurz, lebe er sich nach jeder Richtung hin aus: dann wird er der Gesamtheit mehr sein, als wenn er mit der Prätention vor sie hintritt, ihr sagen zu können, wie sie sich verhalten soll. Viele unserer Zeitgenossen haben das Gerede über das, was wir tun und lassen sollen, endlich satt. Sie verlangen nach Einsicht in das Weltgetriebe. Wenn sie die haben, dann wissen sie auch, wie sie sich in der von ihnen erkannten Welt zu verhalten haben. Und wer diese Einsicht nicht hat und dennoch mit seinen guten Lehren für unser Handeln an sie herantritt, der gilt ihnen als Moralsophist. Unsere Aufgabe innerhalb der Menschheit ergibt sich einfach aus unserer Erkenntnis des Wesens desjenigen Teiles derselben, zu dem wir gehören. Für denjenigen, der die Wahrheit dieser Sätze erkennt, für den gelten Bestrebungen, die auf eine gemeinsame Ethik abzielen, als unmodern und rückständig.
Wir haben ganz andere Dinge zu tun, als darüber nachzudenken, wie wir uns zu den alten Religionen verhalten sollen. Unser ganzes Leben ist aus dem Grunde in einer Übergangsperiode, weil unsere alten Anschauungen dem modernen Bewusstsein nicht mehr genügen. Wir kranken wieder an den großen Erkenntnisfragen und an den höchsten Kunstproblemen. Das Alte ist morsch geworden. Und wenn sie gefunden sein wird, die große Lösung, an die viele Menschen für einige Zeit werden glauben können, wenn es da sein wird, das neue Evangelium, dann wird, wie immer in diesem Falle, auch die neue Sitte als notwendige Konsequenz von selbst entstehen. Neue Weltanschauungen zeitigen ganz von selbst neue Sittenlehren. Eine neue Wahrheit ist immer auch die Schöpferin einer neuen Moral. Volkspädagogen, die viel für unser Herz, nichts aber für unseren Kopf haben, können wir nicht brauchen. Das Herz folgt dem Kopfe, wenn der Letztere nur eine bestimmte Richtung hat.
In unserer Zeit mit den vorwiegend praktischen, materiellen Tendenzen ist eine gewisse Schlaffheit in Bezug auf Erkenntnisfragen eingerissen. Das lebhafte Interesse für Fragen des Erkennens und der Wahrheit ist bei vielen erstorben. Es ist ihnen daher bequem, auf dem Ruhebett einer allgemein menschlichen Sittenlehre es sich bequem machen zu können. Woran sie denken, darin hemmt sie die schablonenhafte Moral nicht. Sie kennen nicht die Qualen des Denkers, nicht die des Künstlers. Wenigstens die nicht, welche heute so gern an der Verbesserung unserer ethischen Kultur mitarbeiten möchten. Wer ideelles Leben in sich hat, wer im Geistigen vorwärts will, für den muss die Bahn frei und offen liegen, nicht verlegt sein durch sittliche Vorschriften und volkserzieherische Maßnahmen. Es muss, um ein oft gebrauchtes Wort zu wiederholen, jeder nach seiner Façon selig werden können. Nicht allein die aus reaktionären Köpfen entspringenden Versittlichungsideen sind uns heute im Wege, sondern auch die Moralbestrebungen der sogenannten «Liberalen».
Goethe sagte, er wolle von liberalen Ideen nichts wissen, nur Gesinnungen und Empfindungen könnten liberal sein. Ein eingeschworener Liberaler war, als ich ihm einmal diese Anschauung des großen Dichters zitierte, bald mit seinem Urteile fertig: sie sei eben eine der mancherlei Schwachheiten, die Goethe an sich gehabt habe. Mir kommt sie aber vor wie eine der vielen Ansichten, die Goethe mit allen auf geistigem Gebiete energisch sich betätigenden Menschen gemein hat: das rücksichtslose Eintreten für das als wahr Erkannte und Durchschaute, das sich zugleich verbindet mit der höchsten Achtung der fremden Individualität. Nur wer selbst etwas ist, kann auch den andern erkennen, der gleichfalls etwas bedeutet. Der Durchschnittsmensch, der alles und deshalb nichts sein will, verlangt ebensolche Nichtse neben seinem eigenen. Wer selbst nach der Schablone lebt, möchte auch die andern danach gestalten. Deshalb haben alle Menschen, die etwas zu sagen haben, auch Interesse für die andern. Die aber, die eigentlich gar nichts zu sagen haben, die sprechen von Toleranz und Liberalismus. Sie meinen damit aber nichts weiter, als dass ein allgemeines Heim für alles Unbedeutende und Flache geschaffen werden soll. Sie sollen dabei nur nicht auf die rechnen, die Aufgaben in der Welt haben. Für diese ist es verletzend, wenn man ihnen zumutet, sich unter das Joch irgendeiner Allgemeinheit zu beugen; sei es das einer allgemeinen Kunstnorm oder das einer allgemeinen Sittlichkeit. Sie wollen frei sein, freie Bewegung ihrer Individualität haben. In der Ablehnung jeglicher Norm besteht geradezu der Hauptgrundzug des modernen Bewusstseins. Kants Grundsatz: Lebe so, dass die Maxime deines Handelns allgemein-geltend werden kann, ist abgetan. An seine Stelle muss der treten: Lebe so, wie es deinem innern Wesen am besten entspricht; lebe dich ganz, restlos aus. Gerade dann, wenn ein jeder der Gesamtheit das gibt, was ihr kein anderer, sondern nur er geben kann, dann leistet er das meiste für sie. Kants Grundsatz aber fordert die Leistung dessen, was alle gleichmäßig können. Wer ein rechter Mensch ist, den interessiert das jedoch nicht. Für einen «freien Kopf» der Gegenwart, der in diesem Sinne denkt, ist ein Buch wie das von Carl Hauptmann eine reizvolle Lektüre, ein Buch, an das er nicht glauben soll, sondern durch das er eine Persönlichkeit anschauen soll.
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Carl Hauptmann: Aus meinem Tagebuch. Berlin 1900, S. Fischers Verlag. ↩