63. Franz Ferdinand Heitmüller: «Der Schatz im Himmel»
In dem vor einiger Zeit1 erschienenen Novellenbande Franz Ferdinand Heitmüllers «Tampete» (Berlin S. Fischers Verlag 1899) ist eine künstlerische Perle enthalten. Es ist die Novelle «Tampete», die dem Bändchen den Namen gegeben hat. Ein Stimmungsdichter von großer Kraft der Erzählung und Charakteristik hat dieses kleine Kunstwerk geschaffen. «Tampete», dieser niedersächsische Bauerntanz, diese deutsche Tarantella, lebt nach in dem temperamentvollen Stile; die Gestalten stehen vor uns mit vertiefter Leidenschaft, wie Menschen, die nicht sich allein darleben, sondern eine dämonische Gewalt, von der sie besessen sind.
Auch in seinem vor kurzem erschienenen Bande hat uns Heitmüller wieder eine solche Perle geschenkt: die Novelle «Als der Sommer kam». Diesmal ist es aber nicht, wie wenn eine wilde Natur aus der Menschenseele spräche; diesmal ist es eine Seele selbst, die mit ihrem ureigensten Schicksal, in einsamen Kämpfen, vor uns hingestellt wird: eine Seele, die aus der Entfremdung, in die sie die Welt gebracht hat, zu sich selbst zurückkehrt, die aus der Kleinheit zur Größe wächst. In fremder Leute Händen ist Eugeniens Kind herangewachsen. Sie selbst aber muss in ihrer sozialen Umgebung als das jungfräuliche Mädchen gelten. Denn nur so kann daran gedacht werden, dass Arthur, ihr Bräutigam, der als Staatsanwalt «Verpflichtungen gegen die Gesellschaft» hat, sie heiraten werde. So lebt Eugenie in der Stadt ein Leben des Scheines, in der Hoffnung, dereinst an der Seite Arthurs ein Leben - des Scheines weiterzuleben. Ihr Kind aber, das sie kaum gesehen hat, lebt fern von ihr, dazu verurteilt, von der Mutter im ganzen Leben verleugnet zu werden. Eine Krankheit dieses Kindes ruft die Mutter zu ihm. Sie hofft - eine tödliche Krankheit, denn mit dem Kinde wäre beseitigt, was Arthur immer und immer wieder bedenklich macht. Eine von der Gewalt der sozialen Verhältnisse ganz unterjochte Mutterseele kommt zu ihrem Kinde, das ihr so fremd ist, dass sie es im ersten Augenblicke mit einem fremden verwechselt. Und diese Mutterseele findet an dem Krankenbette ganz die Mutterliebe, und mit dieser findet sie sich, als eine Befreite, als Überwinderin und Siegerin. Sie schildert diesen ihren Sieg dem Arzt des Landortes, mit dem sie während der Krankheit des Kindes befreundet geworden ist; sie spricht davon, wie sie in der ländlichen Einsamkeit frei geworden ist, und wie sie jetzt diese Freiheit in die Stadt tragen will, dahin, wo die Menschen solches niemals verstehen können, wie sie aber dem Unverständnis trotzen will. «Dass ich mich hier unter Menschen, denen ich mehr oder weniger gleichgültig bin, und die auch mich weiter nichts angehen, dass ich mich hier, in fremdem Milieu sozusagen, zu meinem Kinde bekenne, ist schließlich so schlimm nicht. Aber dort, in meiner gewohnten Sphäre, die nicht mehr die meinige sein soll, bedeutet es schon was. Glauben Sie, ich will mich hier verstecken und Heimlichkeiten treiben mit meinem Glück? Nein, laut will ich’s verkünden, hinausschreien, dass alle es hören: Seht, das bin ich - so ganz Ich -, und wenn sie mich dann anspeien und ich doch in dem ruhigen Gleichgewicht der stolzen Liebe bleibe, sehen Sie, dann erst habe ich ein Recht auf mich selbst und auf das Kind, dessen Mutter ich sein will. Ich will frei werden von den Menschen und ihren Satzungen deshalb muss ich zu ihnen zurück.»
Die vollkommene Wandlung eines Menschengeistes stellt Heitmüller dar. Und er tut das auf zweiundfünfzig nicht allzu reichlich bedruckten Seiten. Aber dennoch mit voller innerer Wahrheit. Der Dichter ist hier ganz offenbar auf ein Problem getroffen, das ihm in seltener Weise zu Herzen spricht. Er hat die ganze Psychologie dieses Problemes bewältigt. Und diese Psychologie ist aus einer mit ihr voll zusammentönenden Stimmung herausgearbeitet. Heitmüller versteht es, den Befreiungsprozess des Mädchens mit dessen Leben in der Natur stilvoll zu verweben. «Sie hatte ein paar Zimmer gemietet, weit draußen in einem etwas verfallenen Landhaus am Berge. Sie hatte es immer mit seinen weiß gestrichenen Wänden von weit her leuchten sehen. Wie eine Hoffnung. Als sie eines Tages auch noch eine glasgeschützte Veranda, die auf einen geräumigen Garten mit alten schattigen Bäumen ging, an der Hinterfront entdeckte, war sie schnell mit der Besitzerin einig geworden. - Da lebten sie nun ihr stilles regelmäßiges Leben ... Und ganz langsam, wie in ihr die Keime und sprossenden Knospen sich regten und reckten, traumhaft, unbewusst, vielfältig, jeden Tag, jede Stunde, immer kräftiger, schwellender, ein trunkenes Durcheinander, bis ihre weiße Seele in tausend leuchtenden Blüten stand: - ganz langsam und zögernd fing da auch der Grund der Kinderseele an zu grünen und sich mit ersten schüchternen bunten Blumen zu bedecken. — Und auf diesem weichen Grund ging ihre träumende Liebe umher, zog überall das Unkraut auf oder brach sich eine Blume, die über Nacht sich aufgefaltet, und sog gierig den schwachen Duft ein - scheu, zitternd, benommen. Hie und da bog sie und schnitt das überhängende Gezweig zurück, sie vertrieb den Schatten und ließ das Licht ein, damit auch die andern vielen Knospen, die überall hervorguckten aus dem lichtgrünen Rasen, sich gleich herrlich entwickeln und in voller Kraft entfalten könnten. - Und das Licht kam von überall, denn die Liebe hat hundert geschäftige Hände, die nicht müde werden, Blatt um Blatt beiseite zu biegen, auf dass die Sonne hindurch kann ...» So schildert jemand, der die feinste Empfindung davon hat, welche wunderbare Harmonie besteht zwischen dem Leben der Natur und der ringenden Menschenseele. Der ein lebhaftes Gefühl dafür hat, wie tief symbolisch der Freiheitsdrang des Menschengemütes sich stumm andeutet in den Schöpfungen der Außenwelt, und wie in dem menschlichen Herzen das Wachsen und Blühen, das Keimen und Knospen der Natur in die Rede des Geistes sich umsetzt.
Weniger befriedigt mich die erste Novelle des Buches: «Der Schatz im Himmel». Was Heitmüller in «Als der Sommer kam» so vollkommen gelungen ist, den Stil für seinen Gegenstand zu finden: darin hat er sich in dieser Novelle wohl vergriffen. Dieser Bauer, der von der Resi, der Bauerndirne, in so plump-drolliger Weise hintergangen wird, ist zwar eine prächtige Figur, aber er müsste mit scharfem Humor gezeichnet sein, und wir dürften nicht den Eindruck haben, dass uns die Linien, die als Karikaturen uns sehr wohl gefallen könnten, mit vollem Ernst geboten werden. Zwar macht der Dichter überall Ansätze zu einem humoristischen Stil. Es scheint mir aber, dass sich der Ton des Humors nicht recht hervorwagt. Und so müssen wir denn hinnehmen, dass die Resi dem Gaisdorffer-Bauer vorschwindelt, seine verstorbene Tochter schreibe ihm aus dem Himmel Pumpbriefe, dass der Bauer das glaubt und wirklich sein Geld hergibt, um seiner Tochter im Himmel zu ihrem Bräutigam zu verhelfen. Die brave Resi aber will mit dem Gelde sich einen ganz irdischen Bräutigam, den Wastl, erwerben. Das «fromme Madl» kriegt es sogar fertig, dem Bauern einzureden, ihr und Wastls kleiner Sprössling sei eigentlich des Gaisdorffer-Bauern Enkelkind. Die Kreszenz, die verstorbene und im Tode noch so geldbedürftige Tochter, habe ihr das Kind gebracht. Der Bauer heiratet zuletzt das «fromme Madl» mit dem vom Himmel gefallenen Kind. Der Wastl geht in die weite Welt, verliebt sich in eine andere, nicht ohne dass er zunächst mit dem Gelde durchgeht, das die Resi dem Bauern für himmlische Zwecke abgeschwindelt hat.
Wie stark Heitmüller die Kunst eignet, einfache undifferenzierte Menschen zu zeichnen, die uns von «Tampete» her bekannt ist, das zeigt sich auch hier. Keiner dieser Charaktere außer dem Gaisdorffer-Bauern selbst hat unter dem Vergreifen des Stiles gelitten.
Viel höher stelle ich wieder die letzte Novelle der Sammlung «Abt David». Hier lebt sich Heitmüller, der sympathische Dichter der Stimmung, voll aus. Deshalb sehen wir gerne darüber hinweg, dass die Idee der Erzählung zu blass, zu abstrakt bleibt. David von Winkelsheim ist ein rechter Abt von der Wende des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. Mit einer Priestergesinnung, in der die katholischen Prinzipien ganz in Gewohnheit umgeschlagen haben, verbindet er einen feinen Kunstsinn. Mit Schätzen der Schönheit stattet er sein Kloster aus, in dem Beten und Messelesen nur aus alter Tradition, aber genau und pflichtgemäß getrieben werden. Mit feiner Empfindung stellt der Dichter dar, wie sich eine allgemeine Zeitströmung in einem kleinen Winkel der Welt im Abglanz zeigt. In seinem Abt spiegelt sich die Gesinnung vieler katholischer Priester der Zeit, in der die Novelle spielt. Die weltlichen Triebe, die weltlichen Leidenschaften, die in der Priesterseele verstummen müssen, nehmen bei David die Form künstlerischer Sehnsucht an. Und in sinnvollem Kontraste zum Abt steht dessen Bruder, der Weltmann der damaligen Zeit, der jenem die abenteuerliche Johanna, die Künstlerin in Männerkleidern, zuführt, damit sie ihm das Kloster mit Kunstwerken schmücke. Der Abt sieht in Johanna nur den Künstler, der Bruder aber liebt in ihr das Weib. Und als dieses in den Fluten des Rheines den Tod gefunden, da enthüllt sich der volle Gegensatz in den Naturen beider Brüder. Wolf von Winkelsheim - so heißt Davids Bruder - schildert diesen Gegensatz: «Damals, als sie so plötzlich den Vater verlor in Florenz, als sie nun allein zurück musste in die Heimat, mag ihr wohl die abenteuerliche Idee gekommen sein. Als Mann verkleidet, konnte sie sich besser vor den Gefahren der Straßen und der Mannsleute schützen. Aber in so was kenn’ ich mich aus, und den Morgen, als wir hier eindrangen, war mir freilich längst klar, dass da ein Frauenzimmer in den Hosen drinstecke. Aber ich ging auf den frommen Betrug ein - natürlich! Um endlich mein Versprechen mit den Gemälden loszuwerden. Der Bruder ist ja auch auf seine Rechnung gekommen, er hat seine Bilder, und sein «Herr Johannes» lebt mit ihm weiter und kann ihm nie sterben. Aber mir ist «Frau Johanna> gestorben - ich hab die Bilder zu teuer bezahlt.» Der Dichter macht diese Anekdote in solcher Form in uns lebendig, dass er sie darstellt, wie sie in ihm selbst, während eines Aufenthaltes in dem alten Kloster, das um 1529 säkularisiert worden ist, lebendig wird, während er in dem Archiv kramt. In der Zeichnung des Klosters und der Natur, in die es hineingestellt ist, tritt uns wieder Heitmüllers schöne Stimmungsmalerei entgegen. — Mit inniger Freude wird derjenige, der Sinn für echte dichterische Novellistik hat, Heitmüllers Erzählungen folgen.
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Franz Ferdinand Heitmüller: Der Schatz im Himmel. Novelle. Berlin S. Fischers Verlag, 1900. ↩