65. Loki

Aus: «Ludwig Jacobowski im Lichte des Lebens»

Ein tiefer Blick in die Menschennatur hat Ludwig Feuerbach den bedeutsamen Ausspruch eingegeben: «Gott ist das offenbar Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen, das Eingeständnis seiner innersten Gedanken, das öffentliche Bekenntnis seiner Liebesbekenntnisse». Es ist der mit diesem Satz bezeichnete Zug in der menschlichen Seele, der Ludwig Jacobowski dazu führte, den «Roman eines Gottes» zu schreiben, als er die dunklen Mächte darstellen wollte, die auf dem Grunde des Gemütes walten. Er hat sich damit eine Aufgabe gestellt, der gegenüber eine naturalistische Kunst versagen muss. Alle einzelnen Handlungen, Stimmungen und Gedanken des Menschen scheinen auf einen Kampf in seiner Seele hinzuweisen, der ihn begleitet von der Stunde, in der sein Bewusstsein erwacht, bis zu seinem Tode. Mögen die einzelnen Ereignisse, die dem Menschen das Leben bringt, diesen oder jenen Verlauf nehmen: der Grundkampf erhebt sich stets von Neuem. Es ist unmöglich, diesen Kampf in seiner ganzen Größe, in seinem überwältigenden Umfange darzustellen, wenn man sich auf Wiedergabe wirklicher Tatsachen und wirklicher Menschencharaktere beschränkt. Man würde dann immer nur Symptome dieses Kampfes vor Augen führen können. Eine Persönlichkeit wie Ludwig Jacobowski musste so empfinden. Denn ihm war es darum zu tun, sein Seelenleben unablässig zu vertiefen. Er wollte in die tiefsten Schächte des eigenen Innern heruntersteigen. Da musste er sie denn immer antreffen, die zwei Grundkräfte des Gemütes, die den Menschen hin- und herziehen und auf geheimnisvolle Art sein Schicksal bestimmen. Die eine Kraft birgt in sich: Güte, Liebe, Geduld, Wohlwollen, Schönheit, die andere: Hass, Feindseligkeit, Wildheit, Hässlichkeit, Missgunst. Wer aufrichtig gegen sich selbst ist, muss sich gestehen, dass von all diesen Elementen etwas in seinem Innern ist. Und der Verlauf der Weltgeschichte zeigt einen dämonischen Krieg, den diese Kräfte führen, indem sie austreten aus der Brust des Einzelnen und die Geschicke der Menschen und Völker leiten. Die Phantasie des Dichters muss über das Wirkliche hinausgehen, wenn sie den ewigen Kampf dieser Mächte darstellen will. Aus der nordischen Götterwelt hat Ludwig Jacobowski die übermenschlichen Gestalten genommen, die er brauchte, um die Urdämonen der Menschenseele darzustellen. Aber die Charaktere, welche die nordische Sage in ihre Gottheiten gelegt, bilden für ihn nicht mehr als den Ausgangspunkt. Er gestaltete sie frei so aus, dass er sagen konnte, wie der moderne Mensch den angedeuteten Urkampf empfindet.

Balder, die gottgewordene Milde und Schönheit, und Loki, der Freund der Zerstörung, sind die mythologischen Figuren, durch die Jacobowski seine Gedanken dichterisch zum Ausdruck bringen konnte. Ihre Schicksale innerhalb der nordischen Götterwelt wurden in seinem Roman zu dem «offenbar Innern», zu dem «ausgesprochenen Selbst des Menschen». Man muss auf zwei Haupteigenschaften des Menschen Jacobowski hinweisen, wenn man begreiflich machen will, warum ihm in seinem «Loki» als Dichter zweierlei so vorzüglich gelungen ist: das eine, die Kraft plastischer Gestaltung, und das andere, ein hinreißender /yrischer Schwung. In hohem Maße hat der Dichter die Aufgabe gelöst, bloße Seelenkräfte zu gestalten, sodass sie nicht als schemenhafte Allegorien, sondern wie lebensvolle Persönlichkeiten auf uns wirken. Man versteht diese Tatsache, wenn man weiß, dass sich diese Seelenkräfte wahrhaftig wie selbstständige Persönlichkeiten, wie dämonische Wesenheiten von seinem Innern loslösten und ihn stets begleiteten. Sie spielten eine solche Rolle in seinem Leben, dass er sie wie Gestalten empfand, die ihn führten, mit denen er Zwiesprache hielt, ja, mit denen er kämpfte. Und dieser Kampf war ein so heftiger, dass er alle seine Gefühle durcheinandertrieb, dass durch ihn alle seine Leidenschaften aufgerüttelt wurden. Aus dem letzteren Umstand ergibt sich der subjektive Anteil, mit dem er schildert und der naturgemäß eine lyrische Ausdrucksform suchte.

Die menschliche Natur hat in sich ebenso das Element der selbstlosen Hingabe wie der rücksichtslosen Selbstsucht. Die Liebe, von der Goethe sagt: «Keine Eigenliebe, kein Eigennutz dauert, vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert, wir heißen’s Frommsein», diese Liebe hat ihren schweren Kampf zu führen gegen die Selbstsucht, die sich auch die Liebe aneignet, gemäß den Worten Max Stirners: «Ich liebe die Menschen, weil die Liebe mich glücklich macht.» Ich liebe, weil ich mich durch das Lieben wohl befinde. Dem Guten folgt im Menschenleben wie eine notwendige Ergänzung das Böse. Balder, die alles umschlingende Liebe, die Sonne des Daseins, kann nicht sein, ohne Loki, die Selbstsucht, die Finsternis. Das Leben muss in Gegensätzen verlaufen.

Loki als sympathische Gestalt darzustellen, scheint nicht leicht. Kann man Sympathie fühlen mit der Selbstsucht, mit der Zerstörungslust? Jacobowski vermochte es, den Charakter Lokis in einem sympathischen Lichte zu zeigen, denn er wusste, dass das Gute nicht nur gut, sondern auch endlich, begrenzt in seiner Güte ist. Der Quell der Welt birgt aber unendliche Möglichkeiten in sich. Ein Balder darf nicht die Herrschaft an sich reißen. Er mag eine unermessliche Fülle des Guten ausstreuen; er darf sich nicht bleibend festsetzen. Er muss einem nachfolgenden Balder weichen, der neues Gute bringt. Man mag jammern über den Untergang des Guten, denn man muss diesen Untergang als ein Unrecht empfinden. Aber dieses Unrecht muss geschehen. Es ist eine Macht notwendig, welche das Gute zerstört, damit neues Gute entstehe. Das neue Gute braucht zu seinem Entstehen den Zerstörer. Balder braucht Loki. Und Loki kann ebenso wie der beste Gott jammern, dass er Balder töten müsse; er tötet ihn doch notwendig und bereitet dadurch dem Sohne Balders den Weg. Das ist das tief Tragische, das Jacobowski aus der Lokifigur herausgeholt hat. Es ist Lokis Schicksal, schlecht zu sein, damit immer neues Gute in die Welt eintreten könne.

So ist Jacobowskis «Loki» auf dem Grunde einer philosophischen Lebensauffassung erwachsen. Und so wenig eine philosophische Erfassung des Lebens dem Menschen in seiner vollen, allseitigen Wirksamkeit schaden kann, so wenig wird der «Roman eines Gottes» in seinem dichterischen Werte dadurch beeinträchtigt, dass er in eine philosophische Ideenwelt getaucht ist. Robert Hamerling hat von seinem «Ahasver» gesagt: «Übergreifend, überragend, geheimnisvoll spornend und treibend, die Krisen beschleunigend, als die Verkörperung des ausgleichenden allgemeinen Lebens hinter den strebenden und ringenden Individuen stehend — so dachte ich mir die Gestalt des Ahasver.» Und so dachte sich Jacobowski die Gestalt seines Loki. Das Übergreifende, Überragende der philosophischen Grundvorstellungen gibt den stets plastischen Gestalten und den lebensvoll geschilderten Vorgängen der Dichtung den Charakter einer höheren Wirklichkeit, ohne ihnen die gewöhnliche zu rauben.

In einer Nacht werden die Asen durch ein böses Traumgesicht in Schrecken versetzt. Am Himmel spielen sich noch nie gesehene Dinge ab. Odin, der Göttervater, wird aus dem Schlafe aufgestört. Er sieht das Lager seines Weibes Frigg verlassen. Aus der Lagerstatt steigt schwarzer Nebel auf. Als der Ase sich erhebt, um nach der Gattin zu sehen, da liegt sie mit Schweißtropfen an der Stirn und mit schwerem Atem, als ob sie eben von einer weiten Reise heimgekehrt wäre. Ähnlich ergeht es anderen Asen. Sie teilen sich am Morgen die sonderbaren Erlebnisse mit. Nur Urd, die Schicksalsgöttin, kann wissen, was das Geheimnisvolle bedeutet. Die aber kann nicht gefragt werden, denn nur ungefragt spricht ihr Mund. Urds Bote, der schwarze Bergfalke, kündet, dass in dieser Nacht ein Asenkind geboren worden ist. Eine Asin sei die Mutter, welche, wisse auch Urd nicht. Auch wer der Vater ist, sei ihr unbekannt. Die Asinnen sollten das Kind abwechselnd nähren. Es sollte «Loki» heißen. So ist in die Götterwelt ein Wesen hineinversetzt, aus ihr selbst entsprossen, aber als Kind der Sünde, der Göttersünde.

Hoch im Norden, fern von Walhall wächst dies Sündenkind heran. Frigg, Odins Weib, hat ihm in einer Hütte ein Lager zurecht gemacht. Und jeden Tag muss eine Asin nach der fernen Hütte ziehen, den kleinen Gott zu pflegen. Als Frigg zum ersten Mal bei ihm war, da lächelte das Kind holdselig. Aber die Göttin schlägt den Knaben. Darüber verlernt er das Lachen. Alle Asinnen misshandeln den unbequemen Götterspross. Mit Gletschermilch, Wolfsschaum und Uhufleisch wird er genährt. Er soll für seinen sündigen Ursprung büßen. Dieser Ursprung hat ihn ja zum Feinde der ganzen Götterwelt gemacht. Durch ihre Behandlung pflanzen die Asinnen die feindliche Gesinnung in ihn.

Bald bekümmern sie sich um den Knaben nicht mehr. Eine elbische Alte, Sigyn, pflegt ihn mütterlich weiter. Unter ihrem Schutze wächst er heran. Er wird zu einem starken, ernsten Wesen. Alle Heiterkeit haben ihm die Asinnen ausgetrieben. Hart muss er arbeiten, um der Erde Nahrung abzugewinnen. Das ist ihm rätselhaft, und er frägt Sigyn, ob denn alle Wesen im Schweiße ihres Angesichts das Brot des Lebens schaffen müssen. Die Erwiderung der Alten schließt die Empfindungen aller Mühseligen und Beladenen ein, die bange Frage, die sich die Enterbten alle Zeit stellen müssen: «O weise Welt der Asen! Über Luft und Sonne gehen die einen, greifen rechts und links in die lieblichen Lüfte und fassen feste Früchte und segenschwere Halme. Und die anderen kriechen mühsam über Kluft und Klippe; und zerren die Hände an der rauen Erde, leer sind sie und feucht nur von eigenem Schweiß.» Der Gott der Enterbten muss daher Loki werden, und seine Empfindungen den anderen Asen gegenüber sind diejenigen des mühsalbeladenen freudlosen Lebens gegenüber dem mühelosen, Freude erzeugenden Glück.

Loki zieht aus, um die Wesen seinesgleichen kennenzulernen, die in der Sonne des Glückes leben. Als er in ihren Kreis tritt, da wird klar, dass er etwas besitzt, was sie alle entbehren müssen, was der Schmerzbeladene voraus hat vor dem, der unverdientes Glück genießt: die wahre, höchste Weisheit. Loki kennt die Zukunft der anderen Götter, die ihnen selbst verborgen bleibt.

In ewiger Gegenwart lebt der Glückliche. Er genießt den Augenblick, und es liegt ihm fern, über die Ursachen zu sinnen, die ihm das Glück des Augenblickes bringen. Demjenigen, dem die Triebräder des Weltganges wehe tun, der fragt nach ihrem ewigen Spiel. Ihm wird aus diesen Fragen die Einsicht in den Lauf der Dinge. Die Weisheit wird aus Schmerzen und Entbehrungen geboren. Sie macht stark und hart gegen die sorglose Dumpfheit. Goethe nennt einmal (nach «Riemers Mitteilungen») die «Dumpfheit» den «schönen zauberischen Schleier, der Natur und Wahrheit in ein heimlicheres Licht stellt», und er preist in dem Gedichte «Dem Schicksal» diese «Dumpfheit» mit den Worten: «Du hast für uns das rechte Maß getroffen, in reine Dumpfheit uns gehüllt, dass wir, von Lebenskraft erfüllt, in holder Gegenwart der lieben Zukunft hoffen.» Aber Goethe hat auch für die andere Seite des Lebens den Leitsatz gefunden: «Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss» («Faust», 2. Teil). Lokis Leben musste, vom Anfang an, ganz durch ihn selbst erobert werden. Der Weg zur Weisheit führt durch den Schmerz. Deshalb raubt er demjenigen, der ihn wandelt, auch die selbstlose Liebe. Wer sein Geschick sich nicht selbst im Schmerze verdient hat, kann sich selbstlos hingeben. Wer sich das Seinige unter Schmerzen erworben hat, dem stellt sich allzu leicht die Erinnerung an eignes Leid zwischen sich und den sorglos Glücklichen. So ist es mit Loki. Die Liebe, die aus dem dumpfen Glücke geboren ist, kennt er nicht. In Balder lebt diese aus dem Götterfreudenreich stammende Liebe. Aber auch der Kenner des Schmerzes kann sich der Gewalt dieser Liebe nicht verschließen. Er muss ihren Wert anerkennen. Loki bebt vor dieser Liebe, die er schätzen muss, trotzdem sie ihm vom Geschick versagt ist. Feindlich muss er Balder entgegentreten; doch kann er es nur mit dem bitteren Gefühl, dass er Hohes bekämpft. Die Weisheit, die aus dem Schmerz stammt, muss so neuen Schmerz gebären.

Warum muss der wissende Loki den in holder Dumpfheit lebenden, aber lieberfüllten Balder hassen? Vor dieser Frage endet Lokis Weisheit. Denn in der Antwort auf diese Frage ist Lokis eigenes Schicksal eingehüllt. Und dieses sein Schicksal ist ihm ebenso unbekannt wie den übrigen Göttern das ihrige ist, das er aber hellsehend durchschaut. Was den anderen Gottheiten beschieden, liegt vor seiner Weisheit offen; was die dunklen Mächte mit ihm selbst vorhaben, davor macht diese Weisheit halt.

Das ist das Schicksal der Erkenntnis: sie schafft sich ein neues Rätsel, indem sie andere Rätsel löst. Sie raubt aber mit dem Glücke die Unbefangenheit. Deshalb glauben die Glücklichen, dass Erkenntnis nur aus der Sünde stammen könne. Balder und Loki kämpfen immer in unserer Seele. Wir könnten restlos glücklich sein, wenn wir bloß Genießende wären. Aber wir hätten dann auch kein Urteil über unser Glück. Ein freudiges Leben hätten wir; aber ein solches, das gleich einem Traume wäre. Erst die Entbehrung, das Unglück zeigen uns, was Glück ist. Doch rauben sie uns zugleich mit der Einsicht das Glück.

Es ist ein tiefer Zug in Jacobowskis Dichtung, dass nur zwei Wesen Loki lieben: Balder, der Inbegriff alles Glückes, und Sigyn, die elbische Alte. Balder kann es, weil er den Hass nicht kennt, und Sigyn, weil sie keine Gegenliebe verlangt. In der Göttersage ist Sigyn liebende Gattin, die natürlich wieder geliebt sein will. In Jacobowskis Dichtung ist sie ein Wesen, das mit erhabener Ironie auf die Welt und ihr Glück sieht. Ihr liegen Hass und Liebe Sigyn gleich fern und gleich nahe, denn sie liegen für sie in der Entfernung, in die sie die Weisheit geschoben hat. Ihr liegt daran, dass unverdientes Glück nicht übermächtig werde. Deshalb hegt und pflegt sie den Anwalt der Enterbten in Loki.

Der Kampf für ein bloßes Prinzip könnte uns nicht so fortreißen, wie es Jacobowskis Roman vermag. Dieser Kampf müsste etwas Frostiges haben, wenn Loki der Gegner der Götter wäre, nur weil er innerhalb des Weltenplanes die verneinenden Gewalten darstellen soll. Loki kämpft nicht allein für eine allgemeine Sache; er kämpft auch für seine Sache. Balder entzieht ihm das Liebste, das angebetete Weib. Und gerade aus diesem persönlichen Unglück Lokis entspringt Balders Glück. Dass Nanna nicht Lokis, sondern Balders Weib wird, das vollendet des letzteren Glück und damit auch das der anderen Asen. «Nanna und Balder... Diese beiden Namen machten die Götter Walhalls vor Entzücken beben. Licht kam zu Licht, Sonne zu Sonne, und die Liebe beider schirmte die herrliche Welt der Götter gegen die Unholde der Finsternis und die Riesen im eisigen Jötumheim besser, als ungeheure Mauern aus Erz und Fels. Ihr Name war wie schimmernde Brünne und klangtiefer Schild. Unheil schlug dagegen an, aber die Brünne schimmerte weiter, und der Schild klang tief, als wäre der Schlag mit leichtem Weidenstabe geschlagen.»

Nicht nur ihr unverdientes Glück genießen die Götter, sie haben auch Lokis Glück an sich gerissen. Das gibt seiner Gegnerschaft die persönliche Färbung und das persönliche Recht. Die Schwächen im Leben und in den Charakteren der Götter, die Unvollkommenheiten in der von ihnen gelenkten Welt: Alles benutzt Loki, um den Asen das Leben schwer zu machen. «Lokis Streiche» schildern den Vernichtungskrieg, den er gegen seine göttlichen Feinde führt. Odins und Thors Lebensführung wird durch diese Streiche durchkreuzt, sodass göttliche Allmacht und Stärke vor dem Hohn zurück weichen müssen, den die als List verkleidete Weisheit über sie ausgießt. Die Einrichtungen im Menschenreiche, auf welche die Götter mit Wohlgefallen blicken, ja von denen sie leben: sie zerstört Loki mit überlegenem Spott. Er beschützt die Geknechteten; er rüttelt die in Sklavenbanden Schmachtenden aus ihrer Dumpfheit auf, damit die «heiligen», die «göttlichen» Weltordnungen ihre Unvollkommenheit verraten. Vor Lokis Klugheit zerstiebt die Macht der Götter über die Erdenkinder. Das Götterreich selbst gibt er der Schande preis. Freya, die Schönste der Asinnen, liebt den Asenfeind. Gerade diese Liebe benutzt Loki, um den bittersten Hohn über Walhall zu bringen. Er wird zum Teufel; er lässt Freyas Liebesbrunst von hässlichen Zwergen bloßstellen.

Das wildeste der Werke Lokis ist die Vernichtung Balders und des Reiches, in dem nur solche Menschen sind, die nach Balders Sinn leben. Es ist das Reich mit einem Volke, unter «dem nie sich eine Faust gegen ein fremdes Haupt erhob, nie ein unzüchtiges Wort sich an Mädchenspuren heftete, wie schmutziger Sand an nasse Fersen, nie ein roter Goldreif oder eine bräunliche Bernsteinkette unreines Begehren weckte. Dort schossen die Halme frei in die Luft, und Wolken und Winde, Regen und Sonne drängten sich zur Gnade, über Balders Land ihre Segensfülle ausstreuen zu können. In durchleuchteter Luft schritten die Edellinge dahin, das stattliche Haupt stolz emporgeworfen, dass die güldenen Locken über die breiten Schultern rieselten; und ihre Frauen wandelten nebenher, klar und still die Stirnen und Sanftmut im holden Geleuchte des Blickes.» Diesem Lande bringt Loki den Untergang. Denn alles, was an Balder und sein Wesen erinnert, soll zu Grunde gehen. Die Menschen des Landes, in dem der Hunger herrscht, führt Loki gegen die Edellinge in Balders Gebiet ins Feld. Die Baldersöhne fallen unter den mächtigen Hieben der Bedrückten. Auf Balders Thron wird ein Hund gesetzt. «Die Edeln neigen den Kopf tief vor dem zähnefletschenden Tier, einer nach dem andern, das Gesicht weiß wie Linnen auf dem Felde, wenn die Frühsonne darüber leckt. Dann nahen die Frauen. Von den runden Köpfen fällt das leuchtende Goldhaar und türmt sich neben dem Throne auf, dann wieder Kinder, jammernd und weinend über die Schmach, und sie reiben sich die Stirne blutig am Boden vor Scham.»

Damit hat Loki seine Aufgabe erfüllt. Balder und was ihm gehört ist überwunden. Auch die anderen Asen sind Balder ins Totenreich gefolgt. - Aber Loki kann nicht Sieger bleiben. Aus der Mitte der dem Tiere huldigenden Baldersöhne tritt ein Jüngling auf. Das Tier schiebt sich vom Throne herab, gleitet zur Erde und leckt dem Jüngling den Fuß. Loki muss bekennen: «Weh euch und mir. Das ist Balders Sohn. Der Herr und König!»... Weit draußen warf sich Loki «ins Feld, dass sein Haupt an Steine stieß. Aber er achtete nicht darauf. Unaufhörlich schrie er: «Das ist Balders Sohn! Balder ist nicht tot! Balder lebt, ... ewig wie ich ..., stärker als ich ..., Balder, der Sonnensohn! ... Weh mir! ...

So klingt der «Roman eines Gottes» in das große Weltgeheimnis aus, das rätselvoll Dasein und Werden umschließt. Ewig ist das Schaffende. Und ewig erzeugt das Schaffende seinen Widerpart: die Vernichtung. Wir Menschen sind in diesen Weltenlauf eingesponnen. Wir leben das Welträtsel. Recht hat ewig das Schaffen, und Recht hat auch die Vernichtung. Balder und Loki gehören zusammen wie Schaffen und Vernichten. Das Schaffen ist ein Usurpator. Aber es ist sein Schicksal, dass es die Vernichtung neben sich haben muss. Balder braucht Loki; und Loki muss böse sein, damit immer neue Balders im ewigen Weltenspiele entstehen können.

Jacobowski hat seine Dichtung auf dem Grunde groRer Weltanschauungsfragen erbaut. Er hat durch sie gezeigt, wie tief ihn selbst die ewigen Rätselfragen des Daseins ergriffen haben. Man muss den drohenden Abgrund des Lebens furchtbar vor sich gesehen haben, wenn man einen Rettungsversuch wie den «Roman eines Gottes» vollbracht hat.

German original of Loki · ← Previous · Next →