67. Gegen den Strom
- Gegen den Strom *Flugschriften einer literarisch-künstlerischen Gesellschaft XVII. Pikante Lektüre. XVII.
Moderne Wohltäter
Wien 1888* Diese literarisch-künstlerische Gesellschaft hat sich im Großen und Ganzen eine bedeutsame und zeitgemäße Aufgabe gestellt, und ihre Veröffentlichungen, von denen uns hier das XVII. und XVIII. Heft vorliegt, haben oft mitten ins Schwarze getroffen, wenn sie ihre Pfeile gegen die literarischen und gesellschaftlichen Missstände unserer Zeit abschossen. «Wien war eine Theaterstadt», «Die gebildete Welt», «Die Lektüre des Volkes» sind meisterhaft in ihrer Art; das letztere Heft hat in weiteren Kreisen die lebhafteste Diskussion hervorgerufen. Das soll uns aber nicht abhalten zu sagen, dass inmitten des vielen Guten sehr Schwaches gebracht wurde. Die Tendenz ist zwar immer eine gute, aber die Art, wie man kämpft, trägt zuweilen alle Fehler der Gegner an sich. Man wendet sich gegen die jede positive Arbeit zersetzende, kritisierende Verstandesrichtung der Gegenwart, und dies in einer Weise, die die berührte Verkehrtheit in erhöhtem Maße, ja bis zur Karikatur verzerrt, zeigt. Wahre Zerrbilder des alles zersetzenden Verstandes sind: «Der Roman, bei dem man sich langweilt», «Nach der Schablone», «Das Vorrecht der Frau», «Der Leitfaden der Reklame». In der letzten Zeit ist bis auf Nr. XVI, «Größenwahn», die allerdings zu den bedeutendsten der ganzen Sammlung gehört, überdies eine erhebliche Abnahme an Wert bei diesen Publikationen eingetreten. Und auch die beiden uns eben vorliegenden Hefte sind, auch wieder bei anzuerkennender guter Tendenz, ziemlich schwach. «Pikante Lektüre» zieht gegen die durch gewissenlose Buchhändler in die Gesellschaft eingeschmuggelte Zotenliteratur zu Felde und führt uns, wobei allerdings auch etwas stark in Pikanterie gemacht wird, in einen wahren literarischen Morast. Es wird eine reiche Literatur angeführt über Dinge, die zu den scheußlichsten und ekelhaftesten Auswüchsen des Menschenlebens gehören. Diese Schandbücher werden aber von Leuten verschlungen, denen die Broschüren «Gegen den Strom» nicht in die Hand kommen. Gegen diese gibt es aber überhaupt kein literarisches Ankämpfen. Da hilft nur polizeiliches Einschreiten gegen die betreffenden Buchhändler. Jedenfalls hätte der Verfasser nicht nötig gehabt, das ganze Inhaltsverzeichnis möglicher geschlechtlicher Ausschreitungen der Menschheit in aller Breite vorzuführen. Muss man denn just pikant sein, wenn man gegen die Pikanterie schreibt? «Moderne Wohltäter» geiBelt jene Art von Hilfsbereitschaft, die nicht gibt, um dem Mangel, dem Elend abzuhelfen, sondern um zu glänzen. «Man erweist die Wohltaten nicht mehr, man inszeniert sie.» Die Freude am Geben ist selten geworden, dagegen umso häufiger die, seinen Namen in Verknüpfung mit einem Wohltätigkeitsakte in der Zeitung zu sehen. Die Barmherzigkeit ist zumeist nur ein Mittel, um Reklame für sich zu machen, wie das bei Schauspielern, Sängern etc. der Fall ist, die Wohltätigkeitsvorstellungen veranstalten. Nicht im stillen Geben findet man Befriedigung, sondern möglichst geräuschvoll muss alles gemacht werden, man ruft deshalb Wohltätigkeitsvereine ins Leben, bietet dem Publikum Matineen, Konzerte, Akademien usw. Eine klaffende Wunde unserer Gesellschaft ist damit berührt, und das ist immerhin ein Verdienst. Auch in der Form ist dieses Heft viel ansprechender als das vorige, bei dem eben die Darstellungsgabe des Verfassers und die Art, wie er sich zu seiner Aufgabe stellt, viel zu wünschen übrig lässt.