Schlussworte
GA 322 — 16 October 1920, Dornach
Abschiedsworte nach Schluß der anthroposophischen Hochschulkurse
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wir stehen am Ende des von dem Goetheanum veranstalteten wissenschaftlichen Kurses. Ich darf vielleicht heute daran erinnern, mit welchen Worten eröffnet worden ist diese Reihe von wissenschaftlichen Kursen. Gesagt wurde, daß als ein notwendig von der Menschheitsentwicklung selber gefordertes Ziel uns hier im Goetheanum vorschwebt eine geistige Vertiefung, die führen kann zu einer Versöhnung, Vereinigung, gegenseitigen Befruchtung von Religion, Kunst und Wissenschaft. Denn in dieser Vereinigung von Religion, Kunst und Wissenschaft müssen wir sehen gerade von unserem geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus dasjenige, was auch zu einem Weiterentwickeln der Menschheit in heilsamer Art führen kann, was eingreifen kann in einer wirksamen Weise in das soziale Leben der Menschheit, so eingreifen kann, wie es notwendig ist, damit wir den deutlich wahrnehmbaren Abstieg in die Barbarei vermeiden können und nicht einer Abendröte, wie jetzt schon wissenschaftlich bewiesen werden soll, zustreben, sondern im Gegenteil, aus Not, Elend, Irrtum heraus doch einer neuen Morgenröte der Menschheit entgegengehen. Und ich darf vielleicht nach der Erinnerung an diesen unseren Ausgangspunkt noch einiges bemerken über dasjenige, was uns bei diesen Kursen, als wir sie veranstalteten, eigentlich vorgeschwebt hat. Diesmal hat uns eigentlich als unser Hauptziel vorgeschwebt, zu zeigen, wie dasjenige, was wir hier als Geisteswissenschaft meinen, in die einzelnen Fachwissenschaften hinein befruchtend wirken kann.
Damit das gewissermaßen im ersten Anhub gezeigt werden konnte, mußten sprechen eine Anzahl von Persönlichkeiten, welche je aus einem bestimmten Einzelfache der Gegenwart heraus kamen, welche also ebensogut in dem Geiste dieser einzelnen Fächer drinnenstehen, wie sie auf der anderen Seite drinnenstehen in demjenigen, was zusammenfassend und mit Geistigem durchdringend, Geisteswissenschaft in unsere Zivilisation hineinstellen will. Nicht darauf konnte es uns ankommen, daß wir nur die Geisteswissenschaft als solche diesmal vor Sie hinstellen, sondern darauf mußte es uns ankommen, daß gerade Fachpersönlichkeiten aus dem Geiste ihrer Fächer heraus den wirksamen Inhalt der Geisteswissenschaft vor Ihnen darlegen konnten.
Es ist ja allerdings eine schmerzliche Empfindung gewesen, daß in der Durchführung dieser Absichten auch Störungen eingetreten sind, indem wir zum Beispiel gerade auf dem Gebiete, das uns besonders wichtig ist, auf dem Gebiete der Medizin, nicht zeigen konnten, wie aus dem unmittelbaren Sprechen aus dem Fache heraus die Brücke zur Geisteswissenschaft hinüber geschlagen werden kann. Es liegt nun einmal in der Natur dieses Anfanges, in dem wir noch stehen in unserem geisteswissenschaftlichen Wirken, daß vieles in unseren Kursen noch sozusagen durchzogen war von einer Art von kritischem Ton, kritisch gegenüber den Unzulänglichkeiten, zu denen die einzelnen Fachwissenschaften durch ihre Spezialisierung gekommen sind. Aber Sie werden schon durchleuchten gesehen haben auch das durchaus Positive, das aus dem Bunde von Geisteswissenschaft mit den einzelnen Wissenschaften wird entstehen können.
Gewiß, meine sehr verehrten Anwesenden, man kann heute noch sagen: Ja, dasjenige, was äußere Wissenschaft ist, offizielle Wissenschaft, staatliche Wissenschaft und so weiter, es hat eben die ausgebildeten einzelnen Wissenschaften. Dasjenige, was Ihr zunächst bietet, es ist ja alles in einem anfänglichen Zustande. - Ja, aber, meine sehr verehrten Anwesenden, man muß unsere Lage bedenken. Über weite Felder des wissenschaftlichen Lebens hin ist es nötig, über Mittel zu verfügen, über viele Mittel zu verfügen, um zum Beispiel zu den Versuchen vorzuschreiten, die unternommen werden müssen, die auch unternommen werden können, wenn vollends gezeigt werden soll, was Geisteswissenschaft für die einzelnen Wissenschaften vermag. Wir stehen gewissermaßen doch als eine kleine Gemeinde inmitten jenes wissenschaftlichen Betriebes, der über ungeheure Mittel verfügt nach der eben bezeichneten Richtung hin, weil die staatlichen Hilfsquellen ihm zur Verfügung stehen. Darnach streben wir gewiß nicht; aber wenn man einmal Verständnis entgegenbringen wird diesem einen Punkt im Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, daß das Geistesleben auf sich selbst gestellt werden muß, dann, dann werden uns auch die Mittel nicht fehlen, um in derselben Weise zu arbeiten, auch in Bezug auf die äußeren Versuche, wie die gegenwärtigen Wissenschaften arbeiten. Nur wird schon in der Anordnung der Versuche, in der ganzen Herstellung der Versuchsmittel wird schon dasjenige liegen, was von dem Ziel der Geisteswissenschaft aus bestimmt werden kann. Weder können wir weit ausgreifende Forschungsreisen noch können wir eben die charakterisierten Versuche machen. Und so ist denn das erste, was wir Ihnen geben konnten, mehr dazu bestimmt gewesen, zu zeigen, in welcher Richtung vorwärtsgeschritten werden muß, um Sie aufzurufen zur Mitarbeit. Und Sie werden bemerkt haben, wie trotz unserer beschränkten Mittel, trotz der Schwierigkeit unseres Arbeitens, wie doch für die verschiedensten Fachgebiete unsere Richtungen streng bestimmt sind.
Ich darf vielleicht in dieser Beziehung auf einzelnes aufmerksam machen. Meine sehr verehrten Anwesenden, man kann ja gut heute polemisieren gegen dasjenige, was aus der Gesetzmäßigkeit der Menschheitsentwicklung heraus Geisteswissenschaft erkennt. Sie erkennt nämlich, daß die Menschheit der Erde an einem Punkt ihrer Entwicklung angekommen ist, wo einfach durch die Triebkräfte, die in dieser Entwicklung selber liegen, es vorbestimmt ist, daß die Menschheit zu viel bewußteren Zuständen ihres religiösen Fühlens, ihres künstlerischen Wirkens, ihres wissenschaftlichen Strebens vordringt, als bisher der Fall war. Man kann, sage ich, gegen so etwas polemisieren und kann sagen, es sei doch viel besser, in der Naivität stecken zu bleiben. Man kann deklamieren, daß nur der instinktive Mensch eigentlich das Rechte hat, daß durch das Aufsteigen zu klareren Bewußtseinszuständen die Instinkte, die den Menschen sicher leiten, wie man meint, zurückgeschraubt würden. Gewiß, das kann man alles, alles sagen. Aber es kommt nicht darauf an, welche Vorempfindungen und Vorurteile man hat in Bezug auf dasjenige, was zum Menschheitsfortschritt notwendig ist, sondern es kommt darauf an, was uns die Zeichen der Zeit selber abfordern. Daß man es so oder so machen müsse, das, meine sehr verehrten Anwesenden, bildet sich ja jeder ein gerade von der besonderen Art, die er nach seinen Vorempfindungen und Vorurteilen verfolgt; und daß, wenn das alle Menschen täten, was der eine oder andere aus diesen Vorempfindungen und Vorurteilen heraus für sich als das Richtige empfindet, wenn das alle Menschen täten, so meint dann jeder, so käme man am allersichersten weiter.
Ich muß gegenüber diesen Dingen immer wieder und wiederum auf ein kleines Erlebnis hinweisen, das ich einmal in einer süddeutschen Stadt - die es jetzt nicht mehr ist - nach einem Vortrag hatte, den ich hielt über «Weisheit und Christentum». Ich hatte - was mir jetzt ja schon seit langem nicht mehr passiert - damals vor Jahren mit dem, was ich gerade ausgesprochen hatte, obwohl es durchaus aus eben demselben Geiste heraus gesprochen war, aus dem ich immer spreche, ich hatte nicht das Mißfallen zweier im Saal befindlicher katholischer Priester erregt. Sie haben wahrscheinlich außerordentlich viel verstanden von demjenigen, was in meinem Vortrage enthalten war, und deshalb kamen sie nach dem Vortrage an mich heran und sagten: Ja, Sie haben ja eigentlich dem Christentum nicht widersprochen, wir können ja nicht viel einwenden gegen dasjenige, was Sie gesagt haben; aber sehen Sie, dasjenige, was Sie sagen, das kann ja doch nur gesagt sein für diejenigen, die vorbereitet sind dazu, für diejenigen, bei denen gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Wie wir aber das Christentum vertreten — so sagten diese zwei katholischen Priester —, das ist für alle Menschen, wir vertreten es für alle Menschen. Höflich muß man immer sein, daher sagte ich: Hochwürden, dasjenige, was Sie sagen, das glaube ich Ihnen, daß es Ihre subjektive Meinung ist; aber das meint ja schließlich jeder, daß so, wie er’s macht, wenn’s alle Menschen so machen würden, dann würde es auch zum Heil von allen Menschen ausschlagen. Aber ob ich glaube, daß ich’s für alle Menschen richtig mache, oder ob Sie glauben, daß Sie es für alle Menschen richtig machen, darauf kommt es durchaus nicht an, sondern es kommt darauf an, daß wir mit Außerachtlassung unserer Vorempfindungen, unserer Sympathien und Antipathien uns ein geistiges Ohr aneignen für dasjenige, was die Zeit von uns fordert, was die Entwicklungsgeschichte der Menschheit selber spricht. Und da will ich Ihnen etwas sehr Einfaches sagen: Sie predigen ja selbstverständlich jeden Sonntag von Ihrer Kanzel so, wie Sie meinen, daß alle Menschen es hören können, alle Menschen dadurch erbaut sein können. Aber ich frage Sie nur um die Kleinigkeit: Kommen heute noch alle Menschen zu Ihnen? - Da konnten sie allerdings nicht sagen: Ja! - Nun, sage ich, sehen Sie, Sie müssen konstatieren, daß gewisse Menschen draußen bleiben; die sind nun diejenigen, für die ich rede, denn für die muß auch gesprochen werden über die christliche Entwicklung.
Die Stimmen der Tatsachen auch in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit hören, das ist es, worauf es ankommt. Und so können wir auch nicht polemisieren dagegen, daß nun einmal die Menschheit in dem Punkt ihrer Entwicklung angekommen ist, wo sie bewußter und bewußter immer hinstreben muß nach ihrem Ziel, wo vieles, was ehedem naiv und instinktiv angestrebt werden konnte, eben von einem klareren, helleren Bewußtsein durchzogen werden muß. Das ist dasjenige, was wir innerhalb der Geisteswissenschaft einsehen möchten. Und deshalb müssen wir vor allen Dingen eine Beziehung dieser Geisteswissenschaft haben, eine ganz reale Beziehung zu dem wissenschaftlichen Streben, das ja aus der Erkenntnis heraus die Förderung des bewußten Erkennens, Fühlens und Wollens anstreben muß. Und, meine sehr verehrten Anwesenden, da werden Sie gesehen haben, aus der Art, wie die einzelnen Wissenschaften hier von mehr als dreißig Persönlichkeiten behandelt worden sind vor Ihnen, wie einzelne Wissenschaften, dasjenige, was ins künstlerische Gebiet hinüberspielt, behandelt worden sind; Sie werden gesehen haben, wie mit der vollen Gewissenhaftigkeit, die sich heraufentwickelt hat in der neueren Zeit durch die einzelnen Fachwissenschaften, diese Fachwissenschaften geisteswissenschaftlich durchdrungen werden sollen. Wir brauchen zum Beispiel ein neues Verhältnis zur Sprache. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das klingt paradox, und dennoch, wahr ist es: Wir brauchen ein neues Verhältnis zur Sprache, wenn wir in der Menschheitsentwicklung vorwärtskommen wollen.
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, man muß es oftmals heute erfahren, daß, wenn man aus jenen geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus, aus denen das anthroposophische Streben erströmen will, wenn man aus diesen Untergründen heraus dies oder jenes vertritt, daß dann Menschen kommen, welche sagen: Nun, seht doch nur einmal hin, da habe ich - irgendeinen Journal-Artikel, da habe ich irgendein Buch, das ist ja ganz Anthroposophie! - Ja, in den ersten Zeiten, als Anthroposophie von mir vertreten wurde, sind sogar Leute gekommen, die haben verwiesen auf diesen oder jenen Kanzelredner, der ja eigentlich ganz Anthroposophie vertrete. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, hier liegt ein Zeitenproblem vor von ganz großer Bedeutung. Wir sind einfach an einem Punkt der Menschheitsentwicklung angekommen, wo, wenn auch das, was ich eben ausgeführt habe, wo die Leute kommen und sagen: das ist ganz Anthroposophie, wenn das auch in den meisten Fällen eine Torheit ist, so kann doch gesagt werden: Wir sind an einem Punkt der Menschheitsentwicklung angekommen, wo gar mancher, rein indem er äußere Worte schmiedet, etwas sagt, was für den oberflächlich Blickenden ganz ähnlich klingt wie dasjenige, was manchmal über Intimes aus anthroposophischen Untergründen heraus gesagt werden muß. Man kann heute nicht mehr unterscheiden, ob irgend etwas, was bei unserer nach der intellektualistischen Seite hin hochentwickelten Zivilisation von dem einen oder dem anderen, der Routine im Schreiben hat, hingeschrieben wird, ob das wirklich aus gediegenem, ehrlichem, wahrem Darstellen heraus spricht. Nicht darauf kommt es aber an, daß irgend etwas da oder dort an die anthroposophische Wirklichkeit erinnert, sondern darauf kommt es an, daß dasjenige, was gesagt wird, wirklich in wahrer Weise aus den anthroposophischen Quellen heraus kommt. Daher genügt es heute nicht, daß man irgend etwas bloß wortwörtlich verfolgt und aufnimmt.
Es ist heute durchaus möglich, daß Scharlatane durch Zusammenschmieden desjenigen, was sie erlernt haben, den Schein hervorrufen, als ob sie ganz dasselbe vertreten wie derjenige, der nun aus wahren Quellen heraus schöpft und auf wahren Wegen geht zu seinem Ziel. Hinter dem, was ich hier sage, steckt, wie ich glaube, etwas höchst Bedeutsames. Das steckt dahinter, daß wir uns angewöhnen müssen, nicht mehr in unserem papierenen Zeitalter bloß auf den äußeren Inhalt desjenigen, was geschrieben oder gedruckt wird, zu sehen, sondern daß wir uns aneignen einen Blick dafür, eine Empfindung dafür, was hinter dem Worte und in den Zeilen steckt; daß wir uns ganz hineinstellen in einen geistigen Zusammenhang und nicht bloß urteilen nach der Oberfläche der Worte. Das aber, meine sehr verehrten Anwesenden, erfordert, daß man sich aneignet gewisse erst jetzt mögliche Empfindungen gegenüber dem Sprachlichen; und diese Empfindungen können nur aus einer geisteswissenschaftlichen Vertiefung der Sprachwissenschaft entstehen. Auf solche geisteswissenschaftliche Vertiefung der Sprachwissenschaft ist hingewiesen worden in unserem Kurs.
Weiter möchte ich aufmerksam machen auf dasjenige, was mit Bezug auf die Auffassung der Menschheitsgeschichte in den letzten Tagen hier vorgebracht worden ist. Es wurde darauf hingewiesen, wie ein so bedeutender Geist wie Wilhelm von Humboldt im Beginne des 19. Jahrhunderts nach einer Vertiefung der Geschichte strebte, wie es aber unmöglich geworden ist, aus den allgemeinen Kultur- und Zivilisationsverhältnissen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch nur zu verstehen, was solch ein Mensch wie Humboldt wollte. Und hingewiesen worden ist darauf, daß Humboldt ja eben keine weitere Wirkung haben konnte, weil ja das Streben zu den bloßen Ideen in der Geschichte auch zu nichts führen kann. Meine sehr verehrten Anwesenden, Ideen als solche sind Abstraktionen. Das sind keine Wirkungskräfte, die können natürlich die Geschichte der Menschheit nicht dirigieren. Demgegenüber ist mit Recht hingewiesen worden darauf, daß Geisteswissenschaft nun zeigt die wahren Quellen, die wirksam sind in der Menschheitsentwicklung, zeigt bis in Einzelheiten hinein, welche geistigen Mächte hinter dem Verlauf der Ereignisse stehen.
Wozu führt aber eine solche geisteswissenschaftliche Vertiefung der Geschichte? Sie führt dazu, daß der Mensch nicht bloß instinktiv in seinem Zeitalter darinnensteht, sondern daß er, weil er die geistige Wirksamkeit in der Vergangenheit durchschaut, auch seinen eigenen Standpunkt in der Gegenwart einnehmen kann mit voller Bewußtheit, sich mit Bewußtheit gegenüberstellen kann den geistigen Mächten, welche das Menschheitswirken weiterbringen wollen. Da sprechen die Zeichen der Zeit sehr deutlich, daß wir über das rein abstrakte Urteil hinauskommen müssen, das da oftmals gesprochen wird: Man soll von der Geschichte lernen. Ja, was kann man von der Geschichte lernen, die heute eigentlich die einzig anerkannte ist! Von einer geistig vertieften Geschichte wird man lernen, sich in die Welt mit positiven Zielen in positiver Weise hineinzustellen.
Man konnte es, meine sehr verehrten Anwesenden, vielleicht pessimistisch finden, als ich 1914 im Frühfrühling bei einem Vortragszyklus vor einem kleineren Kreise in Wien etwas versuchte, unsere Zeit zu charakterisieren - die damalige Zeit meine ich -, da sagte ich: Wer mit sozialem Sinn, mit Erkenntnis desjenigen, was im Menschenwesen heute waltet - es war Frühling 1914! -, wer mit tieferer Einsicht in die im Menschen waltenden Kräfte unsere Gegenwart zu beurteilen versteht, der muß finden, daß wir im sozialen Leben der ganzen zivilisierten Welt zueilen dem Ausbruch einer schleichenden sozialen Krebskrankheit. Ein Karzinom in sozialer Beziehung waltet unter uns, das in der allernächsten Zeit - so sagte ich dazumal - zu furchtbarem Ausbruch kommen müsse.
Das war eben der Ausspruch eines, nun, sagen wir, Idealisten nach Ansicht der Praktiker. Die Praktiker selber, wie haben sie dazumal gesprochen? Man braucht nur hinzuweisen auf die Praktiker, denen anvertraut waren die Geschicke der Menschheit. Da gab es in Mitteleuropa einen Außenminister, der erklärte dazumal: Unsere politische Lage geht dank der Bestrebungen der europäischen Kabinette einer sichtlichen Entspannung entgegen. Unsere Beziehungen zu Petersburg - so erklärte dazumal dieser mitteleuropäische Außenminister — unsere Beziehungen zu Petersburg sind die denkbar freundnachbarlichsten. Und mit England haben sich Verhandlungen angesponnen, die zwar noch nicht zum Abschluß gekommen sind, die aber versprechen, dem europäischen Frieden gute Unterlagen zu geben. - Von einem schleichenden sozialen Karzinom mußte derjenige sprechen, der vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus sprach. Von dem, was als Entspannung angekündigt wurde, was als freundnachbarliche Beziehungen angekündigt wurde, sprachen die Praktiker. Und diese Praktiker, sie sprachen das wenige Wochen, bevor jenes allgemeine Treiben anging, durch das 10 bis 12 Millionen totgemacht worden sind und dreimal soviel zu Krüppeln geschlagen worden sind. Das ist der furchtbare Ausdruck desjenigen, was die neuere Zivilisation heraufgebracht hat und wogegen sich gewissermaßen im letzten Augenblicke, um ein Wahrzeichen von sich zu geben, dasjenige wenden mußte, was aus geisteswissenschaftlichen Untergründen herauskam. Waren dazumal vorhanden bei denjenigen, denen die Geschicke der Menschheit anvertraut waren, irgendwelche Ausblicke, die aus der Geschichte sich ergaben und denen man folgen konnte? Nein, blind war alles, blind war alles gerade in denjenigen Sphären, in denen dazumal Geschichte gemacht worden ist. In diese Finsternis hinein muß dasjenige, was aus geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen heraus vom menschlichen Bewußtsein aufgenommen werden kann. Wenn nicht mehr die Rankes und ähnliche mit ihrer Furcht vor dem Geist der Geschichte - wie’s hier genannt worden ist - auf den Kathedern prunken werden, sondern wenn von den Kathedern herunter von dem wirklichen Geiste der Menschheitsentwicklung gesprochen werden wird, dann erst wird die Zeit angebrochen sein, in der auch vernünftig die Geschicke der Menschheit geleitet werden können; denn eingesehen muß heute werden, daß eine vernünftige Praxis, eine der Menschheit heilsame Praxis, nur Hand in Hand gehen könne mit demjenigen, was hervorgeholt wird aus den Sphären, aus denen heraus doch die Menschheitsentwicklung geleitet wird.
Und, meine sehr verehrten Anwesenden, bemerklich wird geworden sein aus manchem, was hier über Mathematik, über Physik, über Psychologie, über Chemie vorgebracht worden ist, wie gerade in einer, ich möchte sagen, der Zeit vielleicht paradox erscheinenden Weise Geisteswissenschaft, die ernst gemeint ist, zum Geiste hinführen will. Diese Geisteswissenschaft empfiehlt nicht aus ihren Erkenntnissen heraus alles mögliche mystelnde Spintisieren über die Naturerscheinungen. Diese Geisteswissenschaft empfiehlt auch nicht jenes Erkenntnis-Sonntagsvergnügen, das in spiritistischer Weise Geister zitiert, die sonst offenbar nichts anderes zu tun haben, als die Menschen davon zu überzeugen auf möglichst bequeme Weise, daß es eine übersinnliche Welt gibt. Geisteswissenschaft will nichts von solchen Veranstaltungen wissen, in denen statt ernster Erkenntnis ErkenntnisTheater den Menschen vorgemacht wird. Geisteswissenschaft weist gerade darauf hin, daß man strenge stehenbleiben muß gegenüber der äußeren Welt vor dem Phänomenalismus. Und so paradox es erscheinen könnte, all das Mysteln, all das Spintisieren, Theoretisieren und Spiritualisieren irgendeiner Art über die äußere Natur muß schwinden; denn nur wenn man dem reinen Phänomen gegenübertritt, wenn man in Entsagung die reinen Phänomene auffaßt, dann kommt man dazu, an der Auffassung dieser reinen Phänomene jene inneren Fähigkeiten zu entwickeln, die dann zum Geiste, zum wirklichen Ergreifen des Geistes gerade hinführen. Es ist die Sünde wider den Geist, wenn man nicht vor dem reinen Phänomen stehenbleibt, sondern in die reinen Phänomene alles mögliche hineindichtet.
Im einzelnen wurde Ihnen dieses gezeigt für die verschiedensten wissenschaftlichen Gebiete, und es wurde Ihnen gezeigt auf einem Gebiete, das uns heute ganz besonders am Herzen liegen muß, auf dem pädagogischen Gebiete, wie die Durchdringung der Menschenseele mit einer solchen Gesinnung, wie sie auf der einen Seite von dem reinen Phänomenalismus kommt, der aber auf der anderen Seite [durch] uns erfüllt [werden muß] mit dem Impulse der Geisteswissenschaft, wie aus einer Seelenverfassung, die aus diesen Untergründen herauskommt, eine wirkliche Pädagogik, eine solche Pädagogik entstehen kann, die mit der Menschennatur wirklich rechnet, die so mit der Menschennatur rechnet, daß gewissermaßen sie in dem werdenden Menschen, in dem Kinde etwas wie eine fortdauernde Offenbarung vor sich hat. Meine sehr verehrten Anwesenden, fragen wir, wo liegt denn sichtbarlich der Quell desjenigen, was die Menschheit immerwährend vorwärtsbringt? Aus grauen Geistestiefen heraus kommt das zu uns, was die Menschen vorwärtsbringt, indem mit jeder neuen Generation aus solchen grauen Geistestiefen uns etwas zuwächst durch dasjenige, was sich durch Vererbung und auf die anderen Weisen, die Ihnen geschildert worden sind im Verlaufe dieser Kurse, hereinbegibt aus den geistigen Untergründen der Welt in diese physische Welt. Dekadente Konfessionen, sie haben immerzu nur gerechnet auf dasjenige, was der Mensch als einen raffinierten Seelenegoismus in sich trägt. Der lässt ihn fragen: Was wird aus mir, wenn mein Körper zu Erde zerfällt? Geisteswissenschaft vermag gewiß auch aus Erkenntnisgrundlagen die Antwort darauf zu geben: Was wird aus mir? Aber man verfolge den Geist, aus dem heraus die dekadenten Bekenntnisse sprechen. Sie sprechen überall zu den egoistischsten Instinkten der Menschen, die nicht vergehen mögen, indem ihr Leib zerfällt; sie sprechen nicht aus Erkenntnis heraus, sie sprechen zu den egoistischen Instinkten. Denn sobald man aus der Erkenntnis heraus spricht, sobald muß man nicht nur sprechen von dem, was jenseits der Pforte des Todes liegt, sondern man muß sprechen von dem, was jenseits der Pforte der Geburt oder, sagen wir, der Empfängnis liegt. Man muß nicht nur auf die geistigen Welten, die wir betreten nach dem Tode, hinweisen, sondern auf die geistigen Welten, die vor unserer Geburt oder vor unserer Empfängnis von uns durchlaufen werden, deren Impulse wir heruntertragen in die physischen Welten und die wir hier verwirklichen sollen. Im einzelnen ist über diese Dinge von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gesprochen worden. Aber vergegenwärtigen wir es uns jetzt am Schlusse unseres Kurses noch einmal, wie anders der Lehrer vor dem werdenden Menschen steht, der sich sagt: Aus geistigen Welten trägt mir dieses Menschenkind etwas herein, dessen Entwicklung mir anvertraut ist. Diese Grundempfindung, die tragen zum Beispiel unsere Waldorflehrer durch die Türe des Klassenzimmers jedes Mal, wenn sie ihre Klasse betreten. Und auf solche Empfindungen kommt es an, nicht auf eine abstrakte Pädagogik.
Diese Empfindungen, diese Stellung des Menschen zu der ganzen Menschheitsentwicklung, das ist es, meine sehr verehrten Anwesenden, was die Seele der Menschen so hineinstellt in die pädagogische Kunst, daß dann in einer so schönen Weise gesprochen werden kann von dem, was in der Schule geschieht, wie zum Beispiel Dr. von Heydebrand hier vor Ihnen gesprochen hat. Wenn man so zu verknüpfen weiß die sinnliche Welt mit der übersinnlichen Welt, dann kommen jene Enthusiasmen, die notwendig sind für eine Gesundung unseres sozialen Lebens. Solche Enthusiasmen, die nun auch von pädagogischen Impulsen ausgehen müssen, wie sie Ihnen [Herbert] Hahn hier dargestellt hat für die Arbeiterbildungsbestrebungen, die nicht rechnen mit bourgeois-patriarchalischen Impulsen, sondern die hinhorchen wollen auf dasjenige, was die Zeichen der Zeit sprechen, was einfach aus dem Geiste der Menschheitsentwicklung heraus notwendig ist.
Und man kann schon, wenn man in dieser Weise, ich möchte sagen, mehr die reinen Erkenntniswissenschaften auffasst und sie herüberträgt ins Gebiet der Pädagogik und sich dabei eine Empfindung dafür aneignet, wie lebendig werden können diejenigen Dinge, die uns zu unseren Ideen anregen im menschlichen Handeln, dann kann man überleiten dasjenige, was Erkenntnis ist, in praktisches soziales Denken. Das war es, worauf zum Beispiel Dr. Boos in seinen Vorträgen über das soziale Leben hindeuten wollte, worauf die andern hindeuten wollten, welche über die sozialen Ergebnisse unseres geisteswissenschaftlichen Strebens gesprochen haben.
Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, bei dem, was Geisteswissenschaft ist, handelt es sich wahrhaftig um etwas außerordentlich Ernstes, um dasjenige, was ganz und gar entwickeln will die Kräfte, die verstehen, im Sinne der Andeutungen der Zeichen der Zeit zu handeln. Daraus entspringt aber auch eine ganz bestimmte Art — wenn ich jetzt das oftmals mißbrauchte Wort anwenden darf -, eine ganz bestimmte Art der Einstellung. Sehen Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, immer wieder und wiederum kommen Dinge der Art, wie sie mir jetzt, wie ich hereingegangen bin in diesen Saal, auf einem Zettel aufgeschrieben dargereicht wurden. Da steht: Warum geht das soziale Wirken der anthroposophischen Bewegung separatistisch vor? Würde das Zusammenarbeiten mit der religiös-sozialen Bewegung nicht eine starke Stoßkraft bringen? - Ich frage Sie, hat derjenige, der solch eine Frage aufwerfen kann, nur auch die geringste Spur von demjenigen verfolgt, was eigentlich diese geisteswissenschaftliche Bewegung will? Hat derjenige, der eine solche Frage stellt, eine Empfindung dafür, aus welchem Ernste heraus in dieser Geisteswissenschaft gewollt wird? Nein, er würde sonst solche Fragen gar nicht stellen können. Ich scheue mich nicht, in strengster Weise zurückzuweisen dasjenige, was aus solcher Gesinnung kommt, denn man könnte heute schon wissen, daß dasjenige, was aus solchen Tiefen heraus schöpfen will auch ein soziales Wollen wie diese Geisteswissenschaft, nicht Kompromisse schließen darf von sich aus. Und ich kann immer nur die Antwort geben: Wenn einer solche Lust hat, mit den Religiös-Sozialen zusammenzugehen, möge er mit ihnen entweder als Einzelner zusammengehen, oder er möge die Religiös-Sozialen veranlassen, mit uns zu gehen. Bei uns handelt es sich nicht um einen Separatismus, sondern um ein Zusammenfassen all derjenigen Kräfte, die wirklich die Zeichen der Zeit wenigstens verstehen wollen.
Aus solchen Bestrebungen, meine sehr verehrten Anwesenden, geht dann auch dasjenige hervor, was hinüberleitet von dem Erkenntnisgebiet, von dem Gebiete, das mehr das Erkenntnisgebiet ist, zu dem künstlerischen Gebiete. Und ich habe ja manches gerade über das Künstlerische in Anlehnung an dasjenige gesprochen, was hier in diesem Bau zur Ausführung hat kommen sollen. Ich habe Ihnen manches auch über das künstlerische Gebiet, in Anlehnung, wenn auch nur skizzenhaft sagen können, in Anlehnung an dasjenige, was hier über die deklamatorische Kunst, über die rezitatorische Kunst vorgebracht worden ist. Wohin haben wir es denn auf solchen Gebieten mit unserer materialistischen Zeitrichtung gebracht, meine sehr verehrten Anwesenden? Wir haben es dahin gebracht, daß wir nach und nach überhaupt keine Rezitation mehr hatten. Wir haben es dahin gebracht, daß wir allmählich nicht mehr wußten, was Deklamieren und Rezitieren ist: daß das überhaupt ein Hinaufheben der Sprache in eine gewisse Sphäre ist. Man sah das besondere Ausgestalten gerade des Prosaischen immer mehr und mehr als die eigentliche Kunst des Deklamierens an, und man trug einen ganz unkünstlerischen Naturalismus auch in die Schauspielkunst zum Beispiel hinein. Da wird Geisteswissenschaft gerade durch die Art und Weise, wie sie den Menschen in seiner Ganzheit auffasst, die intimen inneren Vorgänge verfolgen können, die bei der Ausübung der Kunst des Gesanges, bei der Ausübung der Kunst der Deklamation sich abspielen und die allmählich auch immer mehr und mehr von dem Bewußtsein der Menschen aufgenommen werden müssen.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wenn man in dieser Weise ernst arbeitet, arbeitet aus ganz bestimmten Untergründen heraus, die wahrhaftig nichts zu tun haben mit den letzten Konsequenzen des materialistischen Wollens, da kann man keine Kompromisse schließen. Meine sehr verehrten Anwesenden, ich muß auf diesen Punkt stark hinweisen, daß wir keine Kompromisse schließen können, daß wir unseren Weg gehen müssen aus dem richtig erkannten Ziele heraus und aus den Quellen heraus, zu denen wir uns durch unsere Erkenntnis hinringen. Wie wenig das heute von mancher Seite durchschaut wird, das ist manchmal recht erstaunlich. Aber wir werden schon auf dem Standpunkt stehenbleiben müssen, daß wir nach keiner Richtung hin Kompromisse schließen. Wir wollen ernsthaftig aus unseren geistigen Quellen heraus eine Kunstrichtung auch anstreben. Das ist unser ehrliches Wollen.
Der Bau steht da. In den letzten Wochen, nachdem dieser Bau so dasteht, da konnten ja die mannigfaltigsten Leute hereingehen. Und sehen Sie, da gefiel sogar dieser Bau manchen Menschen, allerdings für ihre Zwecke. Wenn wir wollten Kompromisse schließen, oh, wir könnten mit diesem Bau rasch bekannt werden. Ich brauche Ihnen zum Beispiel nur eines zu verraten: Vor wenigen Tagen suchte bei uns die ganze Truppe des Herrn Max Reinhardt vom ehemaligen Deutschen Theater in Berlin an, ihre Spiele hier in diesen Räumen aufzuführen. Man fand es ganz konvenierend, daß wir einen Kompromiß schließen sollten mit der Reinhardterei! Nein, wir werden keine Kompromisse schließen, auch nicht mit derjenigen Kunst, die aus materialistischem Untergrunde in der Reinhardterei zutage tritt! (Lebhafter Beifall.) Wir werden aus den Quellen heraus schöpfen, zu denen wir uns einmal durchgearbeitet haben. Und wenn uns die Welt dazu die Mittel verweigert, dann werden wir halt nicht fertig mit demjenigen, was fertig werden soll. Aber auf solche Weise werden wir unsere Anknüpfungen mit der Welt nicht versuchen, wie sie uns etwa sich als gute Gelegenheiten ergeben würden, wenn hier - wie uns angetragen worden ist — Herr Moissi sein Vaterunser betete - ich glaube in «Jedermann», so heißt das berühmte Stück, das überall jetzt aufgeführt wird.
Ich wollte mit dem, meine sehr verehrten Anwesenden, nur andeuten, wie es manchen Leuten gerade bequem wäre, dasjenige auszunützen, was nun einmal dasteht. Wir werden dafür sorgen, daß es nur seinem reinen Zwecke, seinem reinen Ziele genügt. Meine sehr verehrten Anwesenden, die Brücke kann geschlagen werden zu einer wirklich lebensvollen Kunst gerade von der geisteswissenschaftlichen Vertiefung her. Und daß sie auch geschlagen werden kann zu einem ehrlichen religiösen Empfinden, nun ja, das werden Sie ganz gewiß durch alles haben durchempfinden können, was hier vorgebracht worden ist. Daß wir es in dieser Beziehung besonders schwierig haben, selbst schwierig haben hier in der freien Schweiz, davon könnten Sie sich überzeugen, wenn Sie alles dasjenige zur Kenntnis nehmen würden, was hier herumschwirrt an Verleumdungen und an Mythen, die über unsere Absichten, über unser ganzes Wesen verbreitet werden. Doch damit will ich Sie nicht weiter behelligen. Ich wollte nur, meine sehr verehrten Anwesenden, mit einigen Strichen, die selbstverständlich auch ganz anders hätten gezogen werden können, hinweisen jetzt, wo wir auseinandergehen sollen, noch einmal auf dasjenige, was uns eigentlich beseelt. Sie werden es gerade aus dieser Charakteristik unserer Ziele, aus alledem heraus, was uns zu unserem Wirken veranlasst, verstehen, daß es uns eine große Befriedigung gewährt, daß insbesondere die Persönlichkeiten, die im wissenschaftlichen Leben drinnenstehen oder in dieses wissenschaftliche Leben hineinstreben, jetzt in unserer Mitte waren, jetzt teilnehmen wollten an demjenigen, was hier in diesem Goetheanum getrieben wird. Und Sie werden es mir glauben, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe - ich kann die Versicherung geben im Namen all derjenigen, die es ehrlich und wahr meinen mit dem anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Streben -, wenn ich Ihnen die Versicherung gebe, daß es uns eben diese tiefste Befriedigung war, gerade diese Persönlichkeiten des wissenschaftlichen Lebens hier zu sehen, denn es ist einmal die Zeit, wo unsere Geisteswissenschaft, soll sie überhaupt etwas in der Welt bedeuten, von der Wissenschaft wird aufgenommen werden müssen.
Von manchen Seiten ist es merkwürdig empfunden worden, daß dasjenige, was - wie man sagte - ein hohes geistiges Streben sein soll, sich nun auch herabgelassen hat zu sozialer Wirksamkeit. Man müsste in der gegenwärtigen Zeit eigentlich jedes geistige Streben als innerlich verlogen empfinden, das nicht den Übergang sucht zu sozialer Wirksamkeit. Nur diejenigen Erkenntnis-Ideen wurzeln wahr in dem menschlichen Inneren, die in sozialer Wirksamkeit sich entladen, die herausgedrängt werden zu sozialer Wirksamkeit.
Meine sehr verehrten Anwesenden, an uns hat es nicht gelegen, daß gerade in den breiten Kreisen des neueren Proletariats unsere Dreigliederungsideen mißverstanden wurden allmählich. Das lag an der proletarischen Führerschaft. Und ehe nicht das Proletariat einsieht, daß seine größten Feinde seine Führer sind, ehe wird dieses Proletariat sich nicht zu irgendeiner Klarheit durchringen. Sogar dies wurde auch hier in den letzten Tagen in der mannigfaltigsten Weise gesagt, daß dasjenige, was wir schreiben oder drucken lassen, doch für das Proletariat nicht zugänglich sei, zu hoch sei und dergleichen. Man erkennt, meine sehr verehrten Anwesenden, an einem solchen Ausspruch das Nachmachen des Bürgerlichen, des Schlecht-Bürgerlichen. Denn wenn das Proletariat einmal sich losmacht von dem Nachplappern jener Wissenschaft, die eben in den Materialismus hineingeführt hat und die nicht auf seinem Grunde, sondern auf bürgerlichem Grunde entstanden ist, dann wird es vor allen Dingen die Geisteswissenschaft verstehen. Denn die Geisteswissenschaft ist für alle Menschen da und kann von allen Menschen verstanden werden. Allerdings, bürgerlich in dem Sinne, wie das Bourgeoistum allmählich in den Materialismus übergegangen ist, da ist ja eine andere Auffassung.
Es ist mir ja so manches auf meinem Lebensweg begegnet. Ich erwähne nichts anderes aus dem Persönlichen als dasjenige, was auch symptomatisch für die allgemeine Zeitlage sein kann. Ich habe auch gewirkt jahrelang als Lehrer einer Arbeiterbildungsschule unter Proletariern. Ich habe aber auch unter Angehörigen anderer Klassen Mannigfaltiges vorgetragen. So trug ich einmal in einer Gesellschaft von Frauen über Literaturgeschichte vor. Es war eine Gesellschaft von Frauen, die dadurch zustande gekommen war, daß die Männer es vermieden, sich mit irgend etwas Geistigem zu beschäftigen, sondern das als eine Frauenangelegenheit eben ihren Frauen überließen. Und so wurde ein Kurs zusammengestellt, dem ich Literaturgeschichte vorzutragen hatte. Aber einmal hatten es doch diese Frauen dahin gebracht, einen Abend zu veranstalten, zu dem auch die Männer gekommen waren, und sie hatten mich gebeten, für diesen Abend über Goethes «Faust» zu sprechen. Und ich habe über Goethes «Faust» gesprochen in dem Sinne, wie man nur für Menschen sprechen kann, die bei Tag auf der Börse spielen, irgend etwas anderes ähnliches tun, zum Beispiel mit der jetzigen offiziellen Medizin Kranke heilen und dergleichen. Alle diese verschiedenen Kreise waren dann da. Sie alle versicherten mir, daß es ihnen sehr schwer geworden ist, dasjenige, was ich so populär als möglich über den Goetheschen «Faust» gesprochen habe, zu verstehen, denn - sagten sie- der Goethesche «Faust», das sei überhaupt so eine besondere Sache, der Goethesche «Faust» sei ja kein Theaterstück. Das war so die allgemeine Meinung jener aber wirklich bourgeois recht hochstehender Kreise. Ja, wenn man den ganzen Tag gearbeitet und geschuftet hat - meinten die Leute - dann könne man doch nicht abends etwa an den Goetheschen «Faust» herangehen, da sei doch der «Blumenthal» das Rechte.
Ich zitiere nur! - Allmählich müssen jene Dinge, die eigentlich im Grunde genommen von dieser Bourgeois-Gesinnung heruntergegangen sind in das Proletariat, verschwinden, und es muß gerade dasjenige verschwinden, in dem die Urgründe unseres eigentlichen Niederganges sich finden. Man muß sie im geistigen Felde suchen, und man muß ihnen vom geistigen Felde aus abhelfen. Daher kann eine wahre, ehrliche Geisteswissenschaft heute nicht anders vor die Welt hintreten als zugleich mit sozialen Impulsen. Und diese sozialen Impulse, sie sind gerade für ein wirkliches Erkennen der heutigen Weltenlage von allen möglichen Gesichtspunkten aus zu durchschauen.
Es mußte ja hier auch gesprochen werden von jenem Riß, der in das mitteleuropäische Geistesleben hineingekommen ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Besonders anschaulich hat Ihnen Herr Rudolf Meyer aus Berlin bei seiner Besprechung der Herbartschen Pädagogik auf diesen geistigen Riß hingedeutet. Er hat zugleich angedeutet, was alles an Untergangskräften zusammenhängt gerade mit diesem Riß, mit dieser - anders gesprochen - Verintellektualisierung zum Beispiel der gesamten pädagogischen Kunst. Und wahr ist es, dieser Riß ist da. Viel ist zitiert worden in den letzten Jahren in Mitteleuropa an Fichte-Worten, an Goethe-Worten. Es war immer schrecklich, wenn diese Dinge zitiert wurden, denn diejenigen, die sie zitierten, verstanden sie nicht, und diejenigen, denen sie zitiert wurden, verstanden sie erst recht nicht, denn dieses Geistesleben ist zunächst verschüttet. Es muß wieder aufleben. Wir haben heute ein Geistesleben, das in einer gewissen Einseitigkeit wirkt über die ganze Welt hin, das aber durchaus durchtränkt ist mit dem, was zum Beispiel lebte als einseitige Entwicklungslehre in Darwin, was lebte in Spencer, in Huxley und so weiter.
Ja aber, meine sehr verehrten Anwesenden, die Gedanken, die in jener Naturwissenschaft, in jener Wissenschaft überhaupt leben, was sind denn das für Gedanken? - Prüfen wir sie unbefangen, dann finden wir, was sie für Gedanken sind. Die Gedanken der heutigen zeitgenössischen Wissenschafter, sie sind gerade diejenigen Gedanken, die, ich möchte sagen, nur hineingehören in das Wirtschaftsleben. Würde Herbert Spencer, würde Huxley, würde Darwin und die anderen, würden sie Leiter von Fabriken, Leiter von Wirtschaftsunternehmungen geworden sein, dann würden ihre Gedanken dorthinein getaugt haben. Denn unter der eigentümlichen Konstellation, die da ist, wegen der besonderen Verteilung von Produktion und Konsumtion und Handel, hat sich einmal in der westlichen Welt das wirtschaftliche Denken mit besonderem Raffınement ausgebildet. Aber dieses Denken wurde, ich möchte sagen, unrechtmäßigerweise versetzt hinein in alles mögliche Wissenschaftliche, in alles mögliche Staatliche. Es muß in demjenigen Gebiete bleiben, für das es eigentlich bestimmt ist. Dagegen müssen wir für das Wissenschaftliche neue Wege finden. Diejenigen, die Darwinianer, Spencerianer sind, sie haben oftmals in Goethe nichts weiter gesehen als einen Vorläufer Darwins. Ich habe mich in meinen allermeisten Schriften scharf gegen diese Auffassung gewandt, immer darauf hingewiesen: Mit dem, was von Darwin kommt, was von Spencer kommt, mag allerlei im Speziellen erreicht sein; wollen wir aber vorwärtskommen, dann müssen wir den Goetheanismus aufnehmen, dann brauchen wir dasjenige, was größer ist als die angeblichen Einsichten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. So muß man sich auf allen Gebieten hineinzustellen verstehen in den Gang der Menschheitsentwicklung, indem man das Walten der geistigen Mächte und Kräfte in diesem Gang der Menschheitsentwicklung aus dem Geiste der Anthroposophie heraus zu verstehen unternimmt.
Nun möchte ich mich noch insonderheit, aber, ich möchte sagen, damit es die anderen auch vernehmen, an die, die Studenten sind, an die lieben Kommilitonen wenden, die diesmal hier waren, und möchte zu Ihnen nur das sagen: Sehen Sie, meine lieben Kommilitonen, wir sind heute noch eben in der besonderen Lage - ich habe es an anderen Orten zu Ihnen sogar schon angedeutet - wir sind noch in der besonderen Lage, daß wir Ihnen nur bringen können dasjenige, wovon wir glauben, daß es groß und bedeutsam werden soll in Ihren Seelen, damit Sie mit uns Mitarbeiter an dem notwendigen Fortschrittsstreben der Menschheit werden. Wir können Ihnen heute keine Grade, keine Ämter, keine Würden geben, solange wir nicht kräftiger eingreifen können in dasjenige, was auch notwendig ist, in die Emanzipation des Geisteslebens vom Staate und vom Wirtschaftsleben. Aber nur wen wir recht zahlreiche Menschen und menschliche Persönlichkeiten von Ihrer Art finden, die einsehen können, welche Wachstumsmöglichkeiten in dem geisteswissenschaftlichen Streben, wie es hier gemeint ist, doch liegen müssen, wenn wir Persönlichkeiten aus Ihren Kreisen finden, die wahr und mutig mitkämpfen wollen und den Kreis der Mitkämpfer immer größer und größer machen, dann wird auch die Zeit kommen, wo nichts mehr hindern wird, daß auch, ohne sich zu stoßen an den Hindernissen und Hemmnissen der äußeren Welt, derjenige, der aus der Wissenschaft heraus ins Leben strebt, ganz auf dem Boden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft stehen kann. Und wir möchten uns der Hoffnung hingeben, daß Sie so glücklich sein mögen, die Sie als die Vorkämpfer für unsere Sache aus der Studentenschaft heraus diesmal zu unserer tiefen Befriedigung hier waren, wir möchten hoffen, daß Sie so glücklich wären, daß Sie in Scharen und immer weiteren Scharen nach und nach anrücken könnten zum Streben in der Richtung der Geisteswissenschaft. Aus jenem Herzen heraus, das wir hier für die Geisteswissenschaft haben, mußten wir Sie willkommen heißen, und aus jenem Herzen heraus werden wir Sie begleiten bei Ihrer Arbeit für unsere Sache, wenn Sie jetzt wiederum in die Welt hinausziehen zu Ihrer Arbeit, die aber zu gleicher Zeit in einigem wenigstens eine Mitarbeit mit unserem Streben sein soll.
Und diejenigen, die aus den weitesten Kreisen teilgenommen haben an demjenigen, was diesmal hier veranstaltet worden ist, die werden sich überzeugt haben, daß hier nichts vorliegt von einem leichtfertigen Streben, nichts von irgendeiner Vorliebe oder von dem, was aus einer nicht sehr tiefen Sympathie für allerlei Mystik und dergleichen hervorgehen kann, sondern daß hier etwas vorliegt, was aus jenen menschlichen Untergründen heraus stammt, wo das Gewissen erwächst für die großen Aufgaben der Menschheit.
Meine sehr verehrten Anwesenden, möge, weil es ein Anfang ist, dasjenige, was wir bis jetzt zustande gebracht haben, noch so unzulänglich sein - wir können das ruhig zugeben -, möge es noch so unzulänglich sein, abhalten davon [könnte uns] - auch selbst wenn es uns als unzulänglich nachgewiesen würde —, abhalten davon, auf diesem Wege weiterzustreben, könnte uns höchstens das: wenn wir finden würden, daß andere besser streben. Dann würden wir gern unsere Unzulänglichkeit in die Ecke stellen und zurücktreten. Solange aber wir nicht finden können, daß andere besser streben, so lange ist es unsere heiligste Pflicht, aus dem Gewissen des Geistes der Menschheit heraus auf unsere Art zu streben. Und aus diesem Geiste heraus haben wir Sie alle heute vor drei Wochen hier herzlichst willkommen geheißen, aus diesem Geiste heraus sprechen wir heute zu Ihnen, die wir hier weiterarbeiten wollen, indem wir Ihnen herzlichste Abschiedsgrüße nachsenden, Abschiedsgrüße, die da meinen, es muß durch solche Veranstaltungen immer mehr und mehr Kraft erwachsen für dasjenige, was zur Morgenröte der Menschheit, nicht zur drohenden Abendröte führt. Wir waren froh, daß Sie alle da waren; wir geben uns der Hoffnung hin, daß dasjenige, was sich mit diesem Kurse angebahnt hat, recht recht oft sich wiederholen könne, daß es sich wiederholen könne vor immer mehr und mehr Menschen. Wir geben uns aber vor allen Dingen der Hoffnung hin, daß dasjenige entstehen möge, was ich heute Mittag erst die Vollendung des hiesigen Baues genannt habe. Fertig ist dasjenige, was hier gewollt wird, eben doch erst dann, wenn diejenigen, die hier gesehen, gehört, empfunden haben, hinausgehen in die Welt und jeder nach seiner Kraft an seinem Platze weiterarbeitet. Dann wird jeder ein Baustein sein. Dann wird jener große Bau geistigen Lebens, künstlerischen Wesens, sozialer Wirksamkeit entfaltet werden, den wir heute zur Wiedergesundung der Menschheit wahrhaftig und notwendig brauchen.
Mit diesem Gefühle, meine sehr verehrten Anwesenden, wollen wir heute auseinandergehen und wollen hoffen, daß wir uns in nicht allzu ferner Zeit wiederum hier zusammenfinden, um wiederum etwas zu tun, um die Bausteine, die zu diesem großen Menschheitsbau notwendig sind, immer tauglicher und tauglicher zu machen.
In diesem Sinne sage ich Ihnen die herzlichsten Abschiedsgrüße aus meinem eigenen Herzen heraus, aus dem Herzen aller derjenigen, die ehrlich, wahr und aufrichtig an demjenigen arbeiten, dessen äußeres Wahrzeichen dieser Bau ist, in dem wir einige Zeit im Sinne des Mitwirkens zum Menschheitsstreben hier mitsammen zubringen durften.