Astronomy as Compared to Other Sciences
GA 323 — 5 January 1921, Stuttgart
Fünfter Vortrag
Es ist notwendig für den weiteren Fortgang unserer Betrachtungen, daß ich heute gewissermaßen etwas episodisch einschiebe. Wir werden uns dann in bezug auf unsere eigentliche Aufgabe leichter verständigen können. Ich möchte heute also eine allgemeinere Betrachtung über das Erkenntnistheoretische der Naturwissenschaft, allerdings von einem besonderen Gesichtspunkte aus, einschieben. Wir knüpfen insofern an das Gestrige an, als wir uns noch einmal vergegenwärtigen, zu welchen Resultaten wir gestern, wenigstens vorläufig, gekommen sind. Die Verifizierung dieser Resultate wird sich allerdings ja auch erst im Laufe der Vorträge ergeben können.
Wir haben gesehen aus der Betrachtung der Himmelserscheinungen, insofern diese Himmelserscheinungen ausgedrückt werden von unserer Astronomie in geometrischen Formen oder auch zahlenmäßig verfolgt werden, daß man geführt wird zu inkommensurablen Größen. Das heißt, wie wir gestern auseinandergesetzt haben, daß es einen gewissen Moment in unserem Erkenntnisprozeß gibt, wenn wit diesen Erkenntnisprozeß auf die Himmelserscheinungen anwenden, wo wit gewissermaßen stille stehen müssen, wo wir aufhören müssen, die mathematischen Betrachtungen für kompetent zu erklären. Wir können einfach von einem bestimmten Punkte an nicht mehr fortfahren, Linien zu zeichnen, um Bewegungen von Himmelskörpern zu verfolgen, wir können auch nicht mehr fortfahren, die Analysis anzuwenden, sondern können nur sagen: Bis zu einem gewissen Punkte führen uns Analysis und geometrische Betrachtungsweise, aber von diesem Punkte an geht es nicht weiter. Daraus werden wir, allerdings zunächst auch wieder provisorisch, eine wichtige Folgerung ziehen müssen: daß wir dann, wenn wir dasjenige mathematisch betrachten, was wir sehen, sei es mit dem unbewaffneten oder mit dem bewaffneten Auge, es nicht in irgendwelche geometrische Figuren oder mathematische Formeln hineinbringen können. Wir umfassen also nicht die Totalität der Erscheinungen mit Algebra, Analysis oder Geometrie.
Bedenken Sie, was sich daraus für Bedeutsames ergibt. Es ergibt sich, daß, wenn wir den Anspruch erheben, die Totalität der Himmelserscheinungen zu betrachten, wir darauf verzichten müssen, dies so zu tun, daß wir sagen: Die Sonne bewegt sich so, daß wir diese Bewegung in einer Linie nachzeichnen können; der Mond bewegt sich so, daß wir diese Bewegung in einer Linie nachzeichnen können. Also gerade auf dasjenige, was wir fortwährend als unseren sehnlichsten Wunsch empfinden, müssen wir im Grunde, wenn wir uns der Totalität der Erscheinungen gegenüberstellen, eigentlich verzichten. Es ist dies um so bedeutsamer, als ja heute in dem Augenblick, wo man sagt: Es genügt das kopernikanische Weltsystem so wenig als das ptolemäische -, jeder antwortet: Also zeichnen wir ein anderes auf. - Und wir werden erst im Verlauf dieser Vorträge sehen, was an die Stelle des Zeichnens gesetzt werden muß, wenn man die Totalität der Erscheinungen wirklich ins Auge fassen will.
Ich muß zuerst dieses Negative vor Sie hinstellen, bevor wir in das Positive hineinkommen können, weil es außerordentlich wichtig ist, hier zu ganz klaren Begriffen vorzuschreiten. Auf der anderen Seite haben wir gestern gesehen, wie aus unbestimmten, chaotischen Regionen heraufsteigt dasjenige, was wir dann von einem bestimmten Punkte an bildhaft, also auch in einem gewissen Sinne geometrisch, erfassen können, nämlich dasjenige, was uns durch die Embryologie entgegentritt. Man möchte sagen: Wenn man im Erkenntnisprozeß - ich habe es auch gestern ausgesprochen - die Himmelserscheinungen verfolgt, so kommt man in diesem Erkenntnisprozeß an einen Punkt, wo man sich sagen muß, die Welt ist anders, als man mit diesem Erkenntnisprozeß sie zunächst auffassen möchte; wenn man die embryologischen Erscheinungen betrachtet, so muß man sagen, man muß irgend etwas voraussetzen, das vorangeht jener Wirklichkeit, die wir noch umfassen können.
Nun trat ja außer anderen Dingen, ich will die Dinge nur ganz grob kennzeichnen, in der embryologischen Betrachtungsweise ein Zweifaches zutage in der neueren Zeit. Auf der einen Seite waren die Menschen noch stramme Anhänger des biogenetischen Grundgesetzes, welches ja besagt, daß die individuelle Entwickelung des Keimes eine Art verkürzter Stammesentwickelung ist. Diese Menschen wollten also gewissermaßen kausal zurückführen die Keimesentwickelung auf die Stammesentwickelung. Dagegen traten dann andere auf, welche von einer solchen Herleitung des IndividuellKeimhaften aus der Stammesentwickelung nichts wissen wollten und davon sprachen, daß man sich an die unmittelbar in den Erscheinungen des Embryonalen vorhandenen Kräfte halten müsse; welche, mit anderen Worten, von einer Art Entwickelungsmechanik sprachen. Man kann eigentlich sagen: Aus der strammen biogenetischen Schule Haeckels ist Oscar Hertwig hervorgegangen, der dann ganz übergegangen ist zur Anerkennung der Entwickelungsmechanik. Da man das Mechanische wenigstens Mathematik-ähnlich fassen muß, wenn man auch nicht zu einer genauen Mathematik kommt, so tritt uns da auch historisch entgegen - und auf die Dinge, wie sie sich historisch entwickelt haben, wollen wir ja hinweisen —, wie zuerst etwas anderes vorausgesetzt wird und dann eingesetzt wird mit einer Mechanik-Mathematik-ähnlichen Betrachtungsweise.
Diese Dinge liegen zunächst, möchte ich sagen, mehr erkenntnistheoretisch vor. Auf der einen Seite werden wir im Erkenntnisprozeß an eine Grenze getrieben, wo wir nicht mehr weiterkommen mit der Betrachtungsweise, die wir zunächst als die uns beliebte haben; auf der anderen Seite kommen wir in der Beobachtung des Embryonalen nur dann zu irgendeiner Möglichkeit, die Sache in der gewöhnlichen Weise zu fassen, wenn wir Voraussetzungen machen, die wir zunächst liegen lassen; wenn wir uns also sagen: Im Gebiete des Wirklichen ist etwas, was wir zunächst liegen lassen im Unbestimmten, und an einem bestimmten Punkte fangen wir an, das Beobachtbare wenigstens in Formen und Verhältnissen anzuschauen, die Mathematik- und Mechanik-ähnlich sind.
Diese Dinge machen es eben notwendig, daß wir heute eine Art allgemeiner Betrachtung einschieben. Ich habe schon darauf aufmerksarmn gemacht, daß die naturwissenschaftliche Betrachtung heute im Grunde genommen nach dem Ideal strebt, die äußere Natur möglichst unabhängig vom Menschen zu betrachten, die einzelnen Erscheinungen gewissermaßen in der Objektivität zu fixieren und den Menschen auszuschalten. Wir werden sehen, daß gerade durch diese Betrachtungsweise, die den Menschen ausschaltet, es unmöglich ist, über solche Schranken hinauszukommen, wie wir sie jetzt nach zwei Seiten hin haben bemerken können. Und das hängt damit zusammen, daß der Metamorphosengedanke, den ja Goethe, elementar zuerst, umfassend dargestellt hat, eigentlich noch recht wenig verfolgt worden ist. Er ist allerdings in bezug auf das Morphologische bis zu einem gewissen Grade verfolgt worden, allein auch da hat sich uns ja schon gezeigt, wie die Morphologie von heute aus dem Grunde zu keinem Ziel kommen kann, weil zum Beispiel die Formkonstruktion eines Röhrenknochens im Vergleich mit einem Schädelknochen nicht in der richtigen Weise angeschaut werden kann. Dazu müßte man ja vorschreiten zu Betrachtungen, welche uns dazu führen, das eine Mal das Innere, die innere Fläche des Knochens beim Röhrenknochen zum Beispiel zu verfolgen, und dann dieser inneren Fläche parallel zu stellen gerade die äußere Fläche des Schädelknochens, so daß man es da zu tun hat mit einer Umwendung, wie wenn man einen Handschuh umwendet, und zu gleicher Zeit mit einer Formänderung, also Änderung der FlächenSpannungsverhältnisse beim Umwenden, beim Kehren des Innern nach dem Äußeren. Erst wenn man die Metamorphose in dieser ja für manche kompliziert ausschauenden Weise verfolgt, kommt man in diesen Betrachtungen an ein Ziel.
Aber wenn man herauskommt aus dem Morphologischen und mehr in das Funktionelle hineinkommt, dann sind erst ganz wenige Ansätze dazu vorhanden in dem heutigen menschlichen Vorstellen, den Metamorphosengedanken weiter zu verfolgen. Es wird unerläßlich sein, diese Metamorphosengedanken auch auf das Funktionelle des Organismus auszudehnen. Der Anfang ist gemacht an der Stelle, wo ich in meinem Buche «Von Seelenrätseln» wenigstens zunächst skizzenhaft angegeben habe die Anschauung von der Dreigliederung der menschlichen Wesenheit, insofern diese menschliche Wesenheit als eine Summe und als ein Ineinanderwirken von Funktionen aufgefaßt wird. Ich habe wenigstens skizzenhaft ausgeführt, wie wir zu unterscheiden haben am Menschen zunächst jene Funktionen, jene Vorgänge, Prozesse, die wir auffassen können als die Nerven-Sinnesprozesse; wie wir dann als verhältnismäßig selbständige Prozesse aufzufassen haben alle rhythmischen Prozesse im menschlichen Organismus; und wiederum als selbständige Prozesse aufzufassen haben die Stoffwechselprozesse. Und ich habe aufmerksam gemacht darauf, daß diese drei Prozeßformen eigentlich das Funktionelle am Menschen erschöpfen. Was sonst Funktionelles am menschlichen Organismus vorkommt, sind eigentlich Unterarten dieser drei Prozesse.
Nun aber handelt es sich darum, daß man alles dasjenige, was im Organischen vorkommt, so aufzufassen hat, daß dasjenige, was scheinbar neben dem anderen steht, doch wiederum durch eine Metamorphose mit diesem anderen zu verbinden ist. Man ist heute abgeneigt, makroskopisch zu betrachten, allein in einer gewissen Weise muß man wiederum zum Makroskopischen zurückkommen, sonst wird man eben aus dem Mangel an jeder synthetischen Lebensbetrachtung überall zu Problemen kommen, die nicht an sich unmöglich zu lösen sind, sondern durch unsere methodologischen Vorurteile unlösbar werden.
Wenn wir den Menschen nach dieser Dreigliederung betrachten, so haben wir zunächst in dieser Dreigliederung gegeben eine dreifache Art, wie der Mensch mit der Außenwelt in irgendeinem Verhältnis steht. In den Nerven-Sinnesvorgängen haben wir eine Art, wie der Mensch mit der Außenwelt in einem Verhältnis steht; in allen rhythmischen Vorgängen haben wir eine andere Art. Die rhythmischen Vorgänge sind durchaus so, daß sie nicht isoliert im Menschen betrachtet werden können, liegt ja doch den rhythmischen Vorgängen die Atmung zugrunde, die durchaus ein Wechselverhältnis des Innern des menschlichen Organismus mit der Außenwelt darstellt; und wiederum in alledem, was Stoffwechsel ist, liegt ja ganz klar ein Wechselverhältnis des Menschen mit der äußeren Welt vor. Die Nerven-Sinnesprozesse sind gewissermaßen nach dem Innern des Menschen eine Fortsetzung der Außenwelt. Auf diese Fortsetzung kommen wir, wenn wir unterscheiden zwischen der eigentlichen Wahrnehmung, die wesentlich durch die Sinne vermittelt wird, und dem, was sich dann für unsere menschliche Erkenntnis anschließt, dem Vorstellen. Wir brauchen uns jetzt nicht einzulassen auf tiefere Betrachtungen, sondern es wird von vorneherein ziemlich einleuchtend erscheinen müssen, daß dasjenige, was in der Sinneswahrnehmung vorliegt, ein mehr nach der Außenwelt gerichtetes Wechselverhältnis zwischen dem Menschen und seiner Außenwelt ist, als dasjenige, was in den Vorgängen des Vorstellens vorliegt. Zweifellos werden wir mehr nach dem Innern des Menschen gewiesen - ich spreche jetzt nur vom Organismus, nicht vom Seelischen - beim Vorstellen als bei der Sinneswahrnehmung.
Und wiederum - wenn wir zunächst das rhythmische System, Atmung, Zirkulation, beiseite lassen - werden wir, wenn wir das Stoffwechselsystem betrachten, auf etwas anderes verwiesen, das in einer ganz bestimmten Weise ein Gegensatz ist zu diesem Nach-innengeführt-Werden von der Sinneswahrnehmung zum Vorstellen. Wenn man vollständig den Stoffwechsel studiert, dann muß man eine Verbindung herstellen zwischen demjenigen, was innere Stoffwechselvorgänge sind, und demjenigen, was die Funktionen der menschlichen Gliedmaßen sind. Diese Funktionen der Gliedmaßen hängen ja zusammen mit der Funktion des Stoffwechsels. Und würde man in diesen Dingen überhaupt rationeller verfahren, als man es gewöhnlich tut, dann würde man eben entdecken den Zusammenhang zwischen dem mehr nach innen gelegenen Stoffwechsel und den Vorgängen, denen wir uns unterwerfen, indem wir unsere Gliedmaßen entsprechend bewegen. Es sind immer Stoffwechselvorgänge, die als die eigentlichen organischen Funktionen den Bewegungen der Gliedmaßen zugrunde liegen. Verbrauch von Stoffen, das ist es, worauf wit zuletzt kommen, was uns das eigentliche organische Funktionieren dabei darstellt.
Nun aber ist es nicht damit getan, daß wir stehenbleiben bei diesem Stoffwechselvorgang. Dieser führt uns vielmehr in einer gewissen Weise ebenso von dem Menschen aus nach der äußeren Welt, wie uns der Sinneswahrnehmungsvorgang von der äußeren Welt nach dem Inneren des Organismus führt. Solche Betrachtungen, die fundamental sind, müssen eben einmal angestellt werden, sonst kommt man nicht weiter auf bestimmten Gebieten. Und was ist es denn, was vom Stoffwechsel aus ebenso nach außen weist, wie etwas vom Sinnesvorgang aus zum Vorstellen nach innen weist? Das ist der Befruchtungsvorgang. Der Befruchtungsvorgang weist gewissermaßen nach der entgegengesetzten Richtung hin, von dem Organismus nach außen. Wenn Sie sich schematisch die Sinneswahrnehmung von außen nach innen vorstellen, dann wird dieser von außen nach innen gerichtete Sinneswahrnehmungsvorgang gewissermaßen - bitte stoßen Sie sich nicht an dem Ausdruck, wir werden schon später die Realität an die Stelle des vorläufig symbolisch Aussehenden setzen können - befruchtet durch den Organismus, und dadurch begegnet uns das Vorstellen (Fig. 1). Dasjenige, was wir Stoffwechselvorgänge nennen, das weist uns nach der anderen Seite, nach außen, und wir kommen zum Befruchtungsvorgang. So daß wir nunmehr schon in dem, was gewissermaßen an den zwei Polen der dreigliedrigen Menschennatur liegt, etwas haben, was wir nach den entgegengesetzten Richtungen hin betrachten können.

In der Mitte liegt ja alles dasjenige, was dem rhythmischen System zugehört. Und wenn Sie sich fragen: Was weist im rhythmischen System nach außen? Was weist nach innen? - so werden Sie nicht so genaue Unterscheidungen finden können, wie zwischen innerem Stoffwechsel und Befruchtung oder Wahrnehmung und Vorstellung, sondern Sie werden mehr ineinanderschwimmend finden bei der Ein- und Ausatmung dasjenige, was hier der Prozeß ist. Er ist mehr ein einheitlicher Prozeß. Man kann da nicht in der gleichen Weise genau unterscheiden, aber man kann doch sagen (Fig. 1): Wie wir hier die Wahrnehmung von außen finden, hier die Befruchtung nach außen, so können wir in der Ein- und Ausatmung finden nach innen Gehendes und nach außen Gehendes. Wir haben gewissermaßen den Atmungsprozeß als einen mittleren Prozeß.
Und jetzt werden Sie schon aufmerksam werden auf dasjenige, was sich hier ausnimmt wie eine Art Metamorphose, ein Einheitliches, das zugrunde liegt der dreigliedrigen Menschennatur, das sich das eine Mal nach einer bestimmten Weise hin bildet, das andere Mal nach einer anderen Weise hin bildet. Sie können gewissermaßen physiologisch nach der einen Richtung, nämlich nach oben, sehr gut verfolgen dasjenige, was hier eigentlich vorliegt. Eine Anzahl von Ihnen kennt schon dasjenige, um was es sich handelt. Wenn wir den Atmungsprozeß betrachten, so wird, indem wir die Luft aufnehmen, unser Organismus in einer gewissen Weise beeinflußt. Er wird so beeinflußt, daß durch die Atmung das aus Rückenmark und Schädelhöhle auslaufende Gehirnwasser nach oben gedrängt wird. Sie müssen ja berücksichtigen, daß wir unser Gehirn in Wirklichkeit durchaus schwimmend haben im Gehirnwasser, daß es dadurch einen Auftrieb hat und so weiter. Wir würden gar nicht leben können ohne diesen Auftrieb. Aber davon wollen wir jetzt nicht sprechen, sondern nur davon, daß wir ein gewisses Nachaufwärtsbewegen des Gehirnwassers beim Einatmen haben, ein Abwärtsbewegen beim Ausatmen. So daß also wirklich der Atmungsprozeß auch in unseren Schädel hineinspielt, in unseren Kopf hineinspielt, und daß dadurch ein Prozeß geschaffen wird, der durchaus ein Zusammenwirken, ein Ineinanderwirken darstellt desjenigen, was Nerven-Sinnesvorgänge sind, mit den rhythmischen Vorgängen.
Sie sehen, wie die Organe arbeiten, um gewissermaßen die Metamorphose der Funktionen zustande zu bringen. Dann können wir zunächst ja gewissermaßen hypothetisch, oder vielleicht nur wie ein Postulat, sagen: Ja, vielleicht ist so etwas auch der Fall in bezug auf den Stoffwechsel und in bezug auf die Befruchtung. - Aber wir werden da nicht so leicht zurechtkommen, wenn wir ein solches Verhältnis aufsuchen. Und gerade das ist das Charakteristische, daß es uns verhältnismäßig leicht gelingt, in mit den Gedanken verfolgbaren Prozessen dasjenige zu erfassen, was Wechselverhältnis ist zwischen dem rhythmischen System und dem Nerven-Sinnessystem, daß wir aber nicht in der Lage sind, ein ebenso leicht durchschaubares Verhältnis zwischen dem rhythmischen und dem Stoffwechsel-Befruchtungsprozeß zu finden. Sie können alles, was Ihnen in der Physiologie zur Verfügung steht, aufrufen und Sie werden, je genauer Sie gerade auf die Dinge eingehen, desto besser dieses bemerken. Übrigens können Sie sich das ganz banal vor Augen halten, warum das so ist. Wenn Sie den regelmäßigen Wechsel von Schlafen und Wachen verfolgen, so werden Sie sich sagen: In bezug auf das Sinneswahrnehmen sind Sie eigentlich überall der Außenwelt ausgesetzt. Sie stehen immerfort der Außenwelt exponiert da. Nur wenn Sie mit dem Denken und Vorstellen eingreifen, dann wird das, was im wachen Zustand eigentlich um einen ist, geordnet, wird in einer gewissen Weise von innen aus orientiert. Also die Orientierung kommt von innen. Wir können eigentlich das sagen, wir stehen der in sich gesetzmäßig angeordneten Außenwelt gegenüber, und wir bringen eine andere Ordnung in dieselbe hinein aus unserem Innern. Wir denken über die Außenwelt, wir kombinieren die Verhältnisse der Außenwelt gewissermaßen nach unserem Belieben leider sehr häufig nach einem sehr schlechten Belieben. Aber da kommt etwas hinein von unserem Inneren in die Außenwelt, was gar nicht dieser Außenwelt zu entsprechen braucht. Wenn das nicht der Fall wäre, würden wir uns niemals einem Irrtum hingeben. Da kommt von unserem Inneren heraus ein gewisses Umgestalten der Außenwelt.
Wenn wir den anderen Pol der menschlichen Natur anschauen, so werden Sie nach beiden Richtungen hin zugeben, daß da die Unordnung von außen kommt. Denn es ist in unsere Willkür gestellt, wie wir den Stoffwechsel unterhalten durch die Ernährung, und erst recht ist in unsere Willkür gestellt dasjenige, was Befruchtung genannt wird. Da werden wir also an die Außenwelt verwiesen, wenn es sich darum handelt, nach der Willkür hinzuschauen. Die Außenwelt ist uns zunächst ganz fremd. Mit jener Willkür, die wir hineinbringen in den Wahrnehmungsprozeß von innen, fühlen wir uns wenigstens vertraut; mit der Willkür, die wir von der Außenwelt in uns hineinbringen, da fühlen wir uns nicht sehr vertraut. Wir haben zum Beispiel in einem sehr geringen Grade — wenigstens die meisten Menschen in einem ganz außerordentlich geringen Grade eine Ahnung davon, was eigentlich geschieht in bezug auf unseren Zusammenhang mit der Welt, wenn wir dieses oder jenes essen, wenn wir dieses oder jenes trinken und so weiter. Und wie wir gar zusammenhängen mit der Welt in den Zeiten zwischen denjenigen, in denen wit unsern Stoffwechsel unterhalten, dem wird außerordentlich wenig Aufmerksamkeit zugewendet. Und wenn wir dem Aufmerksamkeit zuwenden würden, so würde uns das auch zunächst nicht besonders viel helfen. Wir kommen da in ein Unbestimmtes, in ein Ungreifbares, möchte ich sagen, hinein. So daß wir an dem einen Pole des Menschen haben den geordneten Kosmos, der gewissermaßen seine Golfe in unsere Sinne hereinerstreckt (Fig. 2). Das Wort «geordnet» braucht dabei nicht mißverstanden zu werden, es soll nur den Tatbestand charakterisieren, wir wollen uns nicht in philosophische Betrachtungen verlieren, ob der Kosmos als geordnet betrachtet werden darf oder nicht, sondern es soll nur der Tatbestand ausgedrückt werden. Diesem Pol steht der andere gegenüber, dasjenige, was wir wirklich den ungeordneten Kosmos nennen müssen, wenn wir die Vorgänge betrachten, die an uns selbst herantreten aus dem Kosmos, wenn wir alles übersehen, was wir in uns hereinpfropfen, oder wie die Menschen in unregelmäßigen Zeiträumen für die Befruchtung sorgen und so weiter. Wenn wir alle diese Vorgänge, die da an den Stoffwechsel von der Außenwelt herantreten, ins Auge fassen, müssen wir sagen: Da haben wir es zu tun mit dem zunächst für uns ungeordneten Kosmos.

Sehen Sie, wir können daran jetzt anknüpfen, ich möchte sagen mehr universell erkenntnistheoretisch, die Frage - ich will das durchaus heute episodisch einschieben -: Inwiefern stehen wir denn mit dem Sternenhimmel in Verbindung? Ja, zunächst schauen wir ihn an. Und insbesondere werden Sie ein lebendiges Gefühl haben, wie unsicher die Dinge werden in bezug auf den Sternenhimmel, wenn wir anfangen, über ihn zu denken. Wir haben ja da nicht nur vorliegen, daß die verschiedensten astronomischen Weltsysteme den Menschen eingeleuchtet haben, sondern wir haben auch das, nach unserer gestrigen Betrachtungsweise, daß wir überhaupt mit demjenigen, was uns innerlich im Vorstellen das allergewisseste ist, dem mathematisch-mechanischen Betrachten, nicht die Totalität des Sternenhimmels umfassen können. Wir müssen nicht nur sagen, wir können uns dem Sternenhimmel gegenüber nicht auf den Sinnenschein verlassen, sondern wir müssen sogar sagen, wir erkennen, daß wir mit dem, was nun hier weiter innen liegt im Menschen, gar nicht an den Sternenhimmel herankommen, insofern wir ihn mit den Sinnen überschauen. Es ist durchaus real gesprochen, nicht irgendwie bloß vergleichsweise, wenn man sagt: Der Sternenhimmel liegt uns eigentlich in seiner Totalität - natürlich in seiner relativen Totalität - nur für die Sinneswahrnehmung vor. Denn wenn wir aus der Sinneswahrnehmung heraus mehr in das Innere kommen in der Auffassung des Sternenhimmels, müssen wir uns als Menschen dem Sternenhimmel gegenüber ziemlich fremd fühlen. Jedenfalls müssen wir stark das Gefühl bekommen, wir können ihn nicht erfassen. Aber wir müssen doch zugeben, daß irgend etwas, was einer Erfassung zugrunde liegen könnte, auch in dem enthalten ist, was wir da anschauen.
Nun müssen wir also sagen: Außer uns liegt der geordnete Kosmos. Der bietet sich eigentlich nur dar unserer Sinneswahrnehmung. Er erschließt sich zunächst unserer Verstandeserkenntnis ganz gewiß nicht. Wir haben ihn auf der einen Seite, diesen geordneten Kosmos, und können nun nicht herein mit ihm in den Menschen. Wir sagen uns, wir werden gewiesen von der Sinneswahrnehmung nach dem Innern des Menschen, aber wir können mit dem Kosmos nicht in den Menschen hereinkommen. Astronomie ist also etwas, was eigentlich nicht in unseren Kopf hereingeht. Es ist das gar nicht vergleichsweise gesprochen, sondern ganz erkenntnistheoretisch gezeigt. Astronomie ist etwas, was nicht in den Kopf hereingeht. Sie paßt nicht herein.
Was liegt denn auf der anderen Seite, wo wir den ungeordneten Kosmos haben? Wir wollen jetzt nur die Tatsachen ins Auge fassen, keine Theorien aufstellen, keine Hypothesen suchen, sondern nur die Tatsachen klarmachen. Sehen Sie, wenn Sie in der Welt den Gegensatz suchen zu dem Astronomischen, rein tatsachengemäß, und den Gegensatz im Menschen zu demjenigen, was da liegt im Wahrnehmungs- und Vorstellungsprozeß (als Fortsetzung der Außenwelt, des geordneten Kosmos), so werden Sie beim Menschen geführt zu dem Stoffwechselprozeß mit der Befruchtung, werden in ein Ungeordnetes hinausgeführt. Wenn ich ebenso hier in der Außenwelt beginne mit meiner Betrachtung (Fig.2), und ich will dann hier in der Außenwelt heruntergehen, gewissermaßen von der Astronomie herunterkommen, wo hinein werde ich denn da geführt? Ich werde geführt in die Meteorologie, in alles dasjenige, was mir nun auch in den äußeren Erscheinungen entgegentritt und was Gegenstand der Meteorologie ist. Wenn Sie nämlich die meteotologischen Erscheinungen auffassen und versuchen, eine Gesetzmäßigkeit hineinzubringen, so verhält sich das, was Sie da an Gesetzmäfßigkeit hereinbringen können, ganz genau so zu dem geordneten Kosmos in der Astronomie, wie sich verhält alles das, was da unten im Stoffwechsel- und Befruchtungssystem wetterwendisch ist, zu demjenigen, was da oben zunächst in der Wahrnehmung auftritt, in die ja der ganze Sternenhimmel hineinleuchtet, und was erst anfängt ungeordnet zu werden in unserem Innern, im Vorstellen.
Sie sehen also: Wenn wir den Menschen nicht abgesondert betrachten wollen, sondern die äußere Naturordnung in Zusammenhang mit dem Menschen betrachten wollen, dann können wir ihn so hineinstellen, daß wir sagen: Der Mensch nimmt teil durch sein Haupt an dem Astronomischen, und er nimmt teil durch seinen Stoffwechsel an dem Meteorologischen. Da steht dann der Mensch nach beiden Seiten drinnen im ganzen Kosmos.
Nun fügen Sie an diese Betrachtung eine andere an. Wir haben vorgestern gesprochen von jenen Vorgängen, die gewissermaßen eine innere organische Nachbildung der Mondenvorgänge sind, den Vorgängen im weiblichen Organismus. Wir haben im weiblichen Organismus gewissermaßen etwas wie einen Phasenwechsel, eine Aufeinanderfolge von Vorgängen, die in 28 Tagen ablaufen und die natürlich so, wie die Dinge jetzt sind, gar nicht zusammenhängen mit irgendwelchen Mondvorgängen, die aber innerlich diese Mondvorgänge nachbilden. Ich habe auch schon auf die psychologisch-physiologische Tatsache hingewiesen, die in der Erinnerung des Menschen vorliegt. Wenn man diese wirklich analysiert und den inneren organischen Prozeß nimmt, der der Erinnerung des Menschen zugrunde liegt, so muß man ihn parallelisieren, als einen organischen Prozeß, mit diesem Prozeß der weiblichen Funktionen. Dieser ergreift eben nur intensiver den Organismus, als der Organismus ergriffen wird, wenn er in der Erinnerung festhält irgend etwas, was er als äußere Erlebnisse gehabt hat. Es liegt nicht mehr im individuellen Leben zwischen Geburt und Tod dasjenige, was da als Ergebnis äußerer Eindrücke sich in diesen 28 Tagen zum Ausdruck bringt, während die Zusammenhänge zwischen dem Erleben von äußeren Vorgängen und der Erinnerung eben kurzfristiger sind und im individuellen Leben zwischen Geburt und Tod darinnenliegen. Aber es ist durchaus in bezug auf das Psychologisch-Physiologische dasselbe Prozeßerleben eines äußeren Vorganges. In meiner «Geheimwissenschaft» habe ich sehr deutlich auf dieses Erleben an der Außenwelt hingewiesen.
Wenn Sie nun die Funktionen des Eikeimes bis zur Befruchtung verfolgen, dann werden Sie finden, daß diese Funktionen vor der Befruchtung durchaus einbezogen sind in diesen inneren, 28-tägigen Prozeß. Sie sind gewissermaßen zugehörig diesem Prozeß. Sofort fällt dasjenige, was im Eikeim vor sich geht, aus diesem Innern des Menschen heraus, wenn die Befruchtung eingetreten ist. Da wird sofort ein Wechselverhältnis zur Außenwelt hergestellt, so daß wir, wenn wit den Befruchtungsvorgang beobachten, dazu geführt werden einzusehen, daß er nichts mehr zu tun hat mit inneren Vorgängen im menschlichen Organismus. Der Befruchtungsvorgang entreißt den Eikeim dem bloßen inneren Vorgang und führt ihn hinaus in den Bereich jener Vorgänge, die dem menschlichen Inneren und dem Kosmischen gemeinschaftlich angehören, die keine Grenze setzen zwischen dem, was im menschlichen Inneren vorgeht und im Kosmischen. Was daher vorgeht nach der Befruchtung, was vorgeht in der Bildung des Embryos, muß man im Zusammenhang betrachten mit äußeren kosmischen Vorgängen, nicht mit irgendeiner bloßen Entwickelungsmechanik, die man am Eikeim und seinen aufeinanderfolgenden Stadien selbst betrachtet.
Denken Sie, was man da eigentlich hat. Dasjenige, was im Eikeim vor sich geht bis zur Befruchtung, ist gewissermaßen eine Angelegenheit des menschlichen organischen Innern; dasjenige, was nach der Befruchtung vorgeht und schon durch die Befruchtung, das ist etwas, wodurch sich der Mensch öffnet dem Kosmos, was beherrscht wird von kosmischen Einflüssen.
Jetzt haben wir also auf der einen Seite den Kosmos auf uns wirkend bis zu der Sphäre des Vorstellens hin. Wir haben in der Sinneswahrnehmung ein Wechselverhältnis zwischen dem Menschen und dem Kosmos. Wir untersuchen dieses Wechselverhältnis, meinetwillen durch das Gesetz der Perspektive und Ähnliches, durch die Gesetze der Sinnesphysiologie und dergleichen. Wie wir einen Gegenstand sehen, das muß durch solche Gesetze untersucht werden. Nicht wahr, wenn wir uns aufstellen hier, und hier fährt ein Eisenbahnzug an uns vorüber (quer zur Blickrichtung), so sehen wir diese ganze Bewegung, ich möchte sagen, der Länge nach. Wenn wir uns aber so aufstellen (mit Blick in Richtung des Zuges), so kann er geradeso schnell fahren, und wir schen ihn in völliger Ruhe, wenn der Zug genügend weit entfernt ist. Es hängt also dasjenige, was in uns bildhaft vorgeht, von Verhältnissen des Kosmos in bezug auf uns ab. Wir stehen drinnen in Bildvorgängen und gehören selber diesem Bilde an. Und Sie sehen, wir verwickeln uns in ein Chaotisches - denn schließlich sind die verschiedenen Weltsysteme etwas Chaotisches -, wenn wir nun einfach Schlüsse ziehen wollen aus dem, was wir äußerlich vorgehen sehen, auf die wahren Vorgänge.
Auf der anderen Seite steht der Mensch mit der Befruchtung drinnen in realen, jetzt nicht bildhaften, sondern realen kosmischen Prozessen. Da haben Sie an einem Pol bildhaftes Drinnenstehen, an dem anderen Pol haben Sie reales Drinnenstehen. Gewissermaßen dasjenige, was sich Ihnen entzieht, wenn Sie den Kosmos anschauen, das wirkt auf den Menschen, wenn er dem Befruchtungsvorgang unterworfen ist. Wir sehen hier ein Einheitliches auseinandergezogen in zwei Glieder. Das eine Mal liegt uns bloß das Bild vor, und wir können nicht zur Realität durch. Das andere Mal liegt uns die Realität vor, denn durch diese entsteht der neue Mensch. Aber das wird nicht Bild, das bleibt ebenso im Ungesetzmäßigen für uns, wie es für uns im Ungesetzmäßigen bleibt, wenn wir das Wetter betrachten, überhaupt die meteorologischen Verhältnisse. Wir stehen hier wirklich zwei Polen gegenüber. Wir bekommen von zwei Seiten her zwei Hälften von der Welt, das eine Mal bekommen wir ein Bild, das andere Mal gewissermaßen die zugrunde liegende Realität.
Sie sehen, das Gegenüberstehen des Menschen zur Welt ist nicht so einfach, wie man es sich philosophisch vorstellt, wenn man sagt: Ja, wir haben das Sinnesbild der Welt gegeben. Wir wollen jetzt philosophisch herausspintisieren, welches die Realität ist. - Die Frage, wie man die Realität in der Sinneswahrnehmung findet, das ist ja eine philosophische, erkenntnistheoretische Grundfrage. Wir sehen hier, daß die Einrichtung des Menschen als solchen sich zwischen das Bild und die Realität kurios hineinstellt. Wir müssen jedenfalls auf eine ganz andere Weise diese Vermittelung zwischen Bild und Realität suchen als dutch eine philosophische Spekulation.
Sie wurde schon einmal im Weltengange gesucht, indem man sich gehalten hat an dasjenige, was Vermittelung ist: Einatmung und Ausatmung. Sehen Sie, die altindische Weisheit, die wir natürlich nicht nachmachen können, wie ich ja schon oftmals gesagt habe, sie ging mehr oder weniger instinktiv von der Voraussetzung aus: Mit der Sinneswahrnehmung ist nichts zu machen, wenn man in die Wirklichkeit hinein will; mit demjenigen, was die Befruchtung, die Sexualvorgänge sind, ist nichts zu machen, denn die geben kein Bild. Also halten wir uns an das Mittlere, welches gewissermaßen das eine Mal nach dem Bild-Erzeugenden hin metamorphosiert ist, das andere Mal nach der Realität hin metamorphosiert ist. Halten wir uns an das Mittlere, in welchem irgendwie eine Annäherung an die Wirklichkeit und zu gleicher Zeit an das Bild möglich sein muß. Daher bildete die altindische Weisheit diesen künstlichen Atmungsprozeß in dem Jogasystem aus und versuchte, den Atmungsprozeß in bewußter Weise durchzuführen in einer gewissen Realität, um im Atmungsprozeß zu gleicher Zeit Bild und Realität zu ergreifen. Und wenn man nach den Gründen frägt - wenn es auch nur eine mehr oder weniger instinktive Antwort ist, ist sie doch nicht bloß instinktiv; Sie können in der indischen Philosophie selber verfolgen, wie dieses sonderbare Atmungssystem entstanden ist —, wenn man nach den Gründen frägt, so ist einem die Antwort darauf so gegeben, daß man sagt: Die Atmung verbindet Bild und Realität miteinander. Man erlebt innerlich das Bild im Zusammenhang mit der Realität, wenn man den Atmungsprozeßß aus dem Unbewußten in das Bewußte hinauf erhebt. Man versteht durchaus dasjenige, was da im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit aufgetreten ist, nur, wenn man die Sache innerlich-physiologisch betrachtet.
Wenn Sie dies ins Auge fassen, so werden Sie sich sagen können: Man hat einmal gesucht nach einem Erfassen des Wirklichen, indem man sich an den Menschen selbst gewendet hat. So wie man die äußeren Sinne für die Bilder hat, wie man aber für die Realität etwas ganz anderes hat, so hat man sich gewendet an dasjenige im Menschen, was weder abgeschlossen ist schon zur Bildauffassung, noch in sich abgeschlossen ist nach der anderen Seite zum Realitäterleben: an das Undifferenzierte des Atmungsprozesses. Aber man hat den Menschen dadurch eingeschaltet in den ganzen Kosmos. Man hat nicht die Welt betrachtet, die abgesondert ist vom Menschen wie diejenige unserer naturwissenschaftlichen Betrachtung, sondern man hat eine Welt betrachtet, für die durchaus der Mensch als rhythmischer Mensch Wahrnehmungsorgan wird. Man sagte sich gewissermaßen: Die kann der Mensch weder ergreifen als Nerven-Sinnesmensch, noch als Stoffwechselmensch. - Als Nerven-Sinnesmensch wird er so bewußt, daß sich dasjenige, was dem Nerven-Sinnesleben gegeben ist, zum Bild verdünnt; im Stoffwechsel liegt die Realität so vor, daß sie nicht zum Bewußtsein erhoben wird. Dieses Zusammenwirken des Realen, bloß unbewußt Erlebten und des bis zum Bild Verdünnten, das suchte der altindische Weise in dem regulierten Atmungsprozeß. Und man versteht auch dasjenige, was älter ist als das ptolemäische System, nur dann, wenn man eine Ahnung bekommt von dem, wie sich das Weltenall darstellt, wenn in einer solchen Weise eine allerdings undifferenzierte Synthese gebildet wird zwischen dem, was wir heute den Erkenntnisprozeß nennen, und dem, was die Realität des Fortpflanzungsprozesses ist.
Und nun bitte ich Sie, von diesem Gesichtspunkte aus einmal diejenige Weltentstehungslehre zu betrachten, die Ihnen besonders entgegentritt in der Bibel, allerdings so, daß man die Sache, so wie die Dinge heute vorliegen, nicht sehr genau durchschauen kann. Betrachten Sie die Weltentstehungslehre der Bibel, namentlich da, wo sie interpretiert wird von denjenigen, die diese Weltentstehung eben noch nach den älteren Traditionen interpretiert haben. Sie haben im Grunde nur die Möglichkeit, die biblische Schöpfungsgeschichte zu verstehen, wenn Sie dasjenige, was sich als Genesis darstellen kann, wenn man die Welt anschaut, zusammendenken mit dem, was sich embryologisch darstellt. Es ist durchaus ein Zusammendrängen des Embryologischen mit dem, was der äußere Sinnenschein darbietet, was in der biblischen Genesis dargestellt ist. Daher immer wiederum der Versuch, bis auf das Wort hin biblische Schöpfungsgeschichte durch embryologische Tatsachen zu interpretieren. Diese Interpretation steckt durchaus darinnen.
Ich habe dieses heute eingefügt aus einem ganz bestimmten Grunde. Wenn überhaupt diese Betrachtungen hier, die eine Brücke schlagen sollen zwischen der äußeren, heute getriebenen Wissenschaft und der Geisteswissenschaft, einen Sinn haben sollen, dann ist es notwendig, daß wir uns zunächst einmal ein ganz bestimmtes Gefühl aneignen. Von diesem Gefühl müssen wir uns durchdringen, sonst geht die Sache doch nicht weiter. Und dieses Gefühl, das müssen wir dadurch bekommen, daß wir die Möglichkeit finden, gewisse Methoden der heutigen Betrachtungsweise oberflächlich zu finden, äußerlich zu finden, aber in einem recht tiefen Sinn sie äußerlich zu finden. Wir müssen die Möglichkeit gewinnen, einzusehen die Oberflächlichkeit, die darin liegt, wenn man Weltenbilder aufstellt, die nur in der einen oder anderen Weise das kopernikanische System etwas korrigieren wollen, und wenn man auf der anderen Seite bloß solche Betrachtungen über das Embryologische anstellen würde, wie man sie heute gewöhnt ist anzustellen. Man möchte sagen: Aus einem solchen Gefühl ging ja wirklich das Nietzschesche Diktum hervor: Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. - Man muß einen Impuls bekommen, nicht in jenem oberflächlichen Hinnehmen desjenigen, was sich einem unmittelbar darbietet, sei es auch dem bewaffneten Auge im Teleskop, im Mikroskop, durch den Röntgenapparat, die Möglichkeit für Erklärungen zu suchen. Man muß einen gewissen Respekt bekommen für andere Arten der Erklärung, die nach anderem Erkenntnisvermögen hinstreben, wie der alte Inder gestrebt hat durch das Jogasystem, um in die Wirklichkeit einzudringen und um die Möglichkeit zu bekommen, ein adäquates Bild der Wirklichkeit zu schöpfen.
Man muß von da aus, weil wir einmal entwachsen sind dem alten Jogasystem, den Drang bekommen nach einem neuen Eindringen in die Welt durch Vorgänge, die erst auszubilden sind, die sich nicht einfach einstellen mit demjenigen, was wir heute gewohnheitsmäßig haben. Denn der Mensch stellt sich mitten zwischen das Bild der Welt, das uns ganz besonders stark entgegentritt in dem Sternenhimmel, der sich uns gar nicht enträtseln will durch ein verstandesgemäßes Vorstellungsvermögen, und das, was uns wetterwendisch entgegentritt in den Vorgängen der Fortpflanzung, durch die ja das Menschengeschlecht da ist. In das, was sich uns da auseinanderlegt, da stellt sich der Mensch mitten hinein und er muß, um einen Zusammenhang zu finden, eben selber eine Entwickelung suchen, wie sie auf eine ältere, heute nicht mehr gangbare Art im Jogasystern gesucht worden ist.
Astronomie, wenn wit sie betreiben wie bisher, führt uns durchaus niemals zu einem Ergreifen der Realität, sondern lediglich zu einem Ergreifen von Bildern; Embryologie führt uns zwar zum Ergreifen der Realität, aber niemals zur Möglichkeit, diese Realität mit irgendwelchen bildhaften Vorstellungen zu durchdringen. Astronomische Weltbilder sind realitätsarm; embryologische Bilder sind vorstellungsarm, wir können nicht durchdringen durch die Tatsachen mit den Vorstellungen. Man muß auch im Erkenntnistheoretischen an den ganzen Menschen herangehen, nicht bloß herumphantasieten durch irgendeine philosophisch-psychologische Erkenntnistheorie an den Sinneswahrnehmungen, sondern man muß an den ganzen Menschen herangehen. Und man muß in die Lage kommen, diesen ganzen Menschen in die Welt hineinzustellen. Man merkt durchaus auf der einen Seite, wie man den Erkenntnisboden verliert in der Astronomie. Man merkt durchaus auf der anderen Seite, wie gewissermaßen, wenn man aus der Realität heraus keine Erkenntnis schöpfen kann, alles nur ein Herumreden über die Tatsachen wird, sei es im Verfolgen des biogenetischen Grundgesetzes, sei es in der Entwickelungsmechanik. Man merkt ganz genau, daß da nach beiden Seiten hin etwas vorliegt, was einer Erweiterung bedarf.
Ich mußte Ihnen dieses vorausschicken, damit wir uns in der Folge besser verständigen können. Denn Sie werden jetzt einsehen, daß es nichts nützen würde, wenn ich Ihnen zu den alten Weltenbildern nun irgendein neues hinzuzeichnen würde, was ja allerdings in der Gegenwart am meisten gewollt wird.