Astronomy as Compared to Other Sciences

GA 323 — 14 January 1921, Stuttgart

Vierzehnter Vortrag

Wir werden heute die gestern angeschlagenen Töne unserer Betrachtung in der Weise fortsetzen, daß wir versuchen werden aus dem Material, das ja schließlich zusammengesetzt ist aus Beobachtungen der Himmelserscheinungen, hinter deren wahre Gestalt wir zu kommen suchen, versuchen werden Vorstellungen zu gewinnen, die uns in das Gefüge der Himmelserscheinungen hineinführen können. Da möchte ich noch einmal zunächst auf etwas hinweisen, was aus der gestern anfänglich mehr historisch gehaltenen Betrachtung folgen kann.

Wir müssen ja uns klar sein darüber, daß schließlich sowohl das ptolemäische Weltensystem wie auch dasjenige, das in der gegenwärtigen Astronomie gebräuchlich ist, Versuche darstellen, dasjenige in irgendeiner Weise zusammenzufassen, was sich der Beobachtung darbietet. Und ein Versuch, dasjenige, was man wahrgenommen hat - Sie wissen, ich kann nach dem gestern Ausgeführten nicht sagen: «gesehen» hat -, in gewissen Mathematik-ähnlichen Figuren zusammenzufassen, der liegt sowohl im ptolemäischen System vor wie auch schließlich im kopernikanischen System. Denn dasjenige, was zugrunde gelegt werden muß einer jeglichen Geometrie oder einem jeglichen Rechnen und Messen, sind ja schließlich doch eben die Beobachtungen. Und um das richtige Auffassen des beobachtbaren Tatbestandes kann es sich ja im Grunde einzig und allein handeln. Aber man muß sich schon einmal vertraut machen mit der Erkenntnistatsache, daß im heutigen wissenschaftlichen Leben dasjenige, was beobachtet, was wahrgenommen werden kann, viel zu leicht hingenommen wird, um eine entsprechende Ansicht darüber wirklich zu gewinnen.

Es muß sich ja für uns zunächst eine Frage aufwerfen, die unmittelbar aus den beobachtbaren Tatsachen erfließt. Natürlich, ich konnte nicht alle Einzelheiten in diesen Vorträgen, die so skizzenhaft wie möglich sein müssen wegen der Kürze der Zeit, auch wirklich vorführen und durchsprechen. Ich konnte nur die Richtungen angeben. Aber in diesem Angeben der Richtungen habe ich versucht, Sie darauf hinzuweisen, daß den Bewegungen der Himmelskörper im Himmelsraum in irgendeiner Weise zugeordnet sein muß dasjenige, was gestaltet ist im menschlichen Organismus, ja schließlich auch im tierischen, im pflanzlichen Organismus. Es muß da einen Zusammenhang geben. Daß es einen solchen Zusammenhang geben muß, das kann man ersehen aus der Art und Weise, wie wir die Tatsachen betrachtet haben. Und je weiter Sie auf die Tatsachen eingehen würden, desto mehr würden Sie diesen Zusammenhang eben sehen. Ich wollte Sie nur auf den Weg, ich sage das noch einmal, hinweisen, auf dem zum Schluß das Ergebnis gefunden werden kann: Dieser menschliche und auch der tierische, der pflanzliche Organismus, sie sind so gestaltet, daß, wenn man diese Gestalt linienhaft ins Auge faßt, wie wir es getan haben, indem wir zum Beispiel den Verlauf der Lemniskate nach den verschiedenen Richtungen hin im Organismus uns vor die Seele geführt haben, daß man dann zunächst etwas Ähnliches findet zwischen dieser Gestaltung und denjenigen Liniensystemen, die man ziehen kann, wenn man die Bewegungen der Weltenkörper ins Auge faßt. Dann aber entsteht die Frage: Ja, wodurch ist denn dieser Zusammenhang eigentlich bedingt? Welche Möglichkeit gibt es denn, diesen Zusammenhang sich wirklich als einen durchsichtigen, als einen in sich begründeten, vor Augen zu führen? Und um dieser Frage näherzutreten, müssen wir die besondere Anschauungsart, die dem ptolemäischen Weltensystem zugrunde liegt, vergleichen mit derjenigen Anschauungsart, die unserem heutigen kopernikanischen Weltensystem zugrunde liegt.

Was tun wir denn, wenn wir im Sinne des heutigen kopernikanischen Weltsystems uns denkend, rechnend, geometrisierend ein Weltensystem zurechtlegen? Wir beobachten. Wir beobachten Körper im Himmelstaum, die wir einfach nach dem Augenschein als identisch ansehen können. Sie sehen, ich drücke mich sehr vorsichtig aus. Mehr dürfen wir aber auch nicht sagen, als daß wir diese Körper dem Augenschein nach als identisch ansehen. Derjenige, der gewisse, ganz einfache Experimente macht, der wird nämlich durchaus zu solcher Vorsicht in der Ausdrucksweise gegenüber der Außenwelt aufgefordert. Ich mache Sie auf folgendes kleine Experiment aufmerksam, das an sich keinen Wert hat, sondern das nur eine Bedeutung hat zur Heranbildung gewisser Vorsichten im menschlichen Vorstellungsleben.

Denken Sie sich einmal, ich würde ein Pferd in einer gewissen Weise abrichten, so daß, indem es fortläuft, es eine gewisse Regelmäßigkeit der Schrittentfaltung hat - das hat ja ein Pferd sogar immer - und ich würde jetzt zwölf aufeinanderfolgende Stellungen des Pferdes photographieren. Ich würde also zwölf Bilder des Pferdes bekommen. Diese zwölf Bilder des Pferdes, die würde ich so anordnen, daß sie in einem Kreise angeordnet sind, vor dem ich in einer gewissen Entfernung als Beobachter mich befinde. Und jetzt würde ich hier drüber eine Trommel geben, welche ein Loch hat, eine Trommel, die ich ins Rotieren bringe, so daß ich zunächst nur ein Bild des Pferdes sehe, dann, wenn die Trommel weitergelaufen ist im Rotieren, sehe ich das nächste Bild und so weiter. Ich werde das Scheinbild bekommen eines herumlaufenden Pferdes. Ich werde meinen, ein kleines Pferdchen läuft da im Kreis herum. Und dennoch, der reale Tatbestand, der da zugrunde liegt, ist nicht der, daß da ein reales Pferd herumläuft, sondern der, daß zwölf Pferdebilder von mir in einer gewissen Weise angeschaut sind, von denen jedes eigentlich an seinem Ort bleibt.

Sie sehen also, ich kann nicht nur den Schein einer Bewegung im perspektivischen Sinn hervorrufen, ich kann auch den Schein einer Bewegung durchaus in qualitativer Weise hervorrufen. Es muß nicht alles, was wie eine Bewegung erscheint, eine Bewegung auch wirklich sein. Daher muß schon derjenige, der vorsichtig sprechen will und erst durch sorgfältige Untersuchung zur Wahrheit kommen will, eben zunächst sagen, so sonderbar und paradox es unseren ja so gescheiten Zeitgenossen klingt: Ja, ich betrachte drei aufeinanderfolgende Lagen desjenigen, was ich einen Himmelskörper nenne, so, daß ich dasjenige, was da zugrunde liegt, für identisch hinnehme. Das heißt: Ich verfolge den Mond in seiner Bahn und lege dabei zunächst hypothetisch das zugrunde, daß es immer derselbe Mond ist. Das ist durchaus richtig, aber nur gegenüber einer so progredierenden Erscheinung. Was tun wir also? Wir sehen dasjenige, was wir für identische Himmelskörper nehmen, in einer sogenannten Bewegung, verbinden, was wir an verschiedenen Orten sehen, in Linien und versuchen diese Linien zu interpretieren. Das ist dasjenige, was uns das kopernikanische Weltensystem gibt.

In einer solchen Weise ist nicht vorgegangen ursprünglich diejenige Schule, aus der das ptolemäische Weltensystem hervorgegangen ist. Man lebte noch immer wahrnehmend im ganzen Menschen, wie ich Ihnen gestern angedeutet habe. Und weil man noch wahrnehmend im ganzen Menschen lebte, war auch die ganze Vorstellung, die man da hatte gegenüber einem Himmelskörper, eine wesentlich andere, als sie später geworden ist. Derjenige, der noch im wahrnehmenden Sinne das ptolemäische Weltensystem vor sich hatte, der sagte nicht: Der Mond steht da oben. Das sagte er eben nicht, das interpretiert man nur jetzt hinein ins Weltensystem. Er sagte eben nicht: Der Mond ist da oben, denn da hätte er die Erscheinung bloß auf das Auge bezogen. Das tat er nicht, er bezog die Erscheinung auf den ganzen Menschen und meinte das so: Hier stehe ich auf der Erde, und ebenso wahr wie ich auf der Erde stehe, stehe ich auch im Mond drinnen, denn der Mond, das ist das da (Fig.1, S. 254 schraffierte Fläche). Das ist die Erde und das Ganze ist der Mond, der ja viel größer ist als die Erde. Der ist nämlich im Radius so groß, wie dasjenige ist, was wir jetzt nennen die Entfernung des Mondes, ich kann nicht sagen des Mondmittelpunktes, von dem Erdenmittelpunkt. So groß ist der Mond im Sinne des ptolemäischen Weltensystems, wie es ursprünglich ausgebildet worden ist. Und dieser Körper, der sonst überall unsichtbar ist, der entwickelt an dem einen Ende einen Vorgang, durch den dieses kleine Stückchen sichtbar wird. Alles andere ist unsichtbar und ist außerdem von solcher Substantialität, daß man drinnen leben kann, daß man von ihm durchdrungen wird. Nur an diesem einen Ende, da wird es sichtbar. Und im Verhältnis zur Erde dreht sich diese ganze Sphäre, die übrigens nicht eine Sphäre ist, sondern ein Rotations-Ellipsoid, und damit dreht sich dasjenige, was da das sichtbare Stückchen ist, also dasjenige, was der sichtbare Mond ist. Das ist nur ein Teil der vollen Wirklichkeit, mit der man es hier zu tun hat.

323-14-01
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Es wird Ihnen dasjenige, was da auftritt als eine Vorstellung, die wirklich da war, in seinem Formbild nicht so schrecklich paradox erscheinen, wenn Sie ein Analogon sich vor die Seele führen. Führen Sie sich das Analogon der menschlichen oder tierischen Keimzelle vor das Auge (Fig.2). Sie wissen, in einem gewissen Stadium der Entwickelung bildet sich an der einen Stelle des sonst im wesentlichen durchsichtigen Eikeimes der sogenannte Fruchthof, und von dem Fruchthof geht die Bildung des übrigen Embryos aus. Also exzentrisch, peripher bildet sich ein Mittelpunkt, von dem dann die übrige Bildung ausgeht. Wenn Sie dieses kleine Körperchen vergleichen mit demjenigen, was hier als Vorstellung dem ptolemäischen Weltensystem zugrunde liegt zum Beispiel vom Monde, dann haben Sie Vorstellungen von demjenigen, was man da durchaus analog dachte. So daß man sagen kann: Im Sinne dieser ptolemäischen Weltauffassung ist eben noch eine ganz andere Wirklichkeit vorhanden als diejenige ist, welche nur eingeschlossen ist innerhalb des Lichtbildes des Mondes.

323-14-02
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Das ist dasjenige, was eingetreten ist mit dem Menschen seit jener Zeit, da das ptolemäische Weltensystem als eine Realität empfunden wurde: Das innerliche Erleben, das innerliche Fühlen im Organismus, daß man da drinnen ist im Monde, das hat sich ganz verloren, und man ist beschränkt worden auf das Lichtbild. Der Mensch des fünften nachatlantischen Zeitraumes kann nicht sagen, weil er es nicht mehr weiß: Ich stehe im Mond drinnen, respektive der Mond durchdringt mich, weil für ihn der Mond nur die kleine Lichtscheibe oder Lichtkugel oder Kugel überhaupt ist. Aus solch innerlichen Wahrnehmungen heraus wurde das ptolemäische Weltensystem konstruiert. Nun, auf diese Wahrnehmungen kommt man ja auch heute wieder, wenn man die Dinge im richtigen Licht betrachtet, wenn man sich zurückerobert die Möglichkeit, wiederum den ganzen Mond zu erleben. Aber es bleibt durchaus begreiflich, daß derjenige, der heute von der gebräuchlichen Vorstellung «der Mond» ausgeht, nun sagt: Ja, ich kann nicht recht fassen, was da eigentlich für ein Bezug sein sollte zwischen dem Mond und irgend etwas in mir. Und es ist wirklich schließlich noch besser, wenn die Leute absprechend urteilen über irgend etwas, was vom Mond ausgeht und auf den Menschen einen Einfluß hat, als wenn sie sich darüber allerlei phantastische Vorstellungen machen. Sobald aber wiederum die Vorstellung eine real entsprechende wird, daß wir ja im Mond drinnen leben, daß also das, was Mond genannt werden kann, ein Kraftzusammenhang ist, der uns fortwährend durchdringt, dann braucht nicht mehr Verwunderung darüber einzutreten, daß dieser Kraftzusammenhang auch gestaltend im Menschen auftritt und im Tier, daß wirklich dasjenige, was da uns durchdringend wirkt, eben etwas ist, was mit dem Gestalten unseres Organismus etwas zu tun hat. Solche Vorstellungen also sind es, die wir uns wiederum zurückerobern müssen. Wir müssen uns durchaus klar sein darüber, daß der sichtbare Himmel eben durchaus nur eine fragmentarische Offenbarung des wirklichen, substanzerfüllten Weltenraumes ist.

Wenn Sie nun die Vorstellung entwickeln, Sie leben so in einem Substanz-Zusammenhang drinnen, so werden Sie das Gefühl haben: Das ist etwas sehr, sehr Reales. Wir haben es aber heute in unserer gebräuchlichen astronomischen Anschauung durch etwas Erdachtes ersetzt. Wir haben es ersetzt durch dasjenige, was wir die Gravitation nennen. Wir finden nur, daß eine gegenseitige Anziehungskraft desjenigen, was wir als Körper des Mondes und was wir als Körper der Erde denken, stattfindet. Diese Gravitationslinie, die könnten wir uns rotierend denken, dann würden wir ungefähr aus dem Bilde, das entsteht durch diese rotierende Gravitationslinie, das herausbekommen, was in früheren astronomischen Ansichten die Sphäre genannt worden ist, die Sphäre irgendeines Planeten. Es ist im Grunde nichts anderes geschehen, als daß dasjenige, was substantiell empfunden worden ist und nun auch wiederum substantiell erlebt werden kann, in gedachte Linien verwandelt worden ist.

Sie sehen, wir müssen uns also die ganze Konfiguration der differenzierten Weltenraumerfüllung anders denken, als wir das gewohnt sind. Wir richten uns heute nach den Gravitationsvorstellungen, zum Beispiel sagen wir, daß Ebbe und Flut zusammenhängen mit gewissen vom Mond ausgehenden Gravitationskräften. Wir reden davon, wie da eine Gravitation vom Weltenkörper ausgeht und das Wasser hebt. Im Sinne jener anderen Vorstellungsweise müssen wir sagen, der Mond durchdringt auch die Erde, und indem er die wässerige Erdensphäre durchdringt, spielt sich etwas ab, was hier an dieser Stelle als Wassererhebung sich abspielt; an einer andern Stelle gibt sich die Mondensphäre als Lichterscheinung kund. Wir brauchen nicht zu denken, daß da eine besondere Anziehungskraft vorhanden ist, sondern wir denken, daß gewissermaßen diese die Erde durchdringende Mondensphäre mit der Erde zusammen eine Organsiation bildet, und wir sehen in den zwei Vorgängen bloß zwei Seiten eines Vorganges.

Ich habe die historische Betrachtungsweise von gestern nur zu Hilfe genommen, um Sie auf gewisse Begriffe zu führen. Ich hätte ebenso gut den Versuch machen können, diese Begriffe ganz ohne Anlehnung an ehemalige Vorstellungen zu gewinnen, aber da hätte ja die ganze Betrachtung von geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen ausgehen müssen, aus denen heraus man zu denselben Vorstellungen kommen würde.

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Stellen Sie sich nun hier die Erdensphäre vor (Fig.3). Ich stelle dasjenige, was die feste Erdkugel ist, als Erdensphäre vor. Natürlich muß ich mir in wesentlich anderer Konsistenz und Substantialität nun die Mondensphäre vorstellen. Ich kann natürlich auch dasjenige, was rauminhaltlich durchdrungen ist von diesen zwei Sphären, von einer dritten, vierten Sphäre durchdrungen denken. Also ich denke in irgendeiner Weise das durchdrungen von einer dritten Sphäre, das würde die Sonnensphäre sein können, die qualitativ innerlich verschieden ist von der Mondensphäre. Ich bin also durchdrungen, sage ich, als Mensch von der Sonnen- und Mondensphäre. Die stehen natürlich in einem Wechselverhältnis, indem sie sich durchdringen, und der Ausdruck dieser Wechselbeziehung ist irgend etwas im Organismus Gestaltetes. Und jetzt werden Sie darauf kommen, daß man schließlich zusammenschauen kann dasjenige, was in dieser Weise in verschiedener Substantialität durchdringt den Organismus, und das, was seinen Ausdruck finden kann in der Gestaltung; daß die Gestaltung einfach das Ergebnis ist dieser Durchdringung. Und dasjenige, was wir dann als Bewegungen der Himmelskörper sehen, das ist gewissermaßen das Zeichen, das Sichtbarwerden unter gewissen Verhältnissen der Grenze dieser Sphären. Das ist etwas, was zunächst durchaus notwendig ist, um wiederum zu realeren Vorstellungen über den Bau unseres Weltensystems zu kommen. Und Sie können jetzt schon etwas Wirklicheres als früher mit der Idee verbinden, daß die menschliche Organisation etwas zu tun hat mit diesem Bau des Weltensystems. So lange man da draußen die Himmelskörper sieht, so lange wird man keine sehr klaren Vorstellungen gewinnen können über diese Zusammenhänge. In dem Augenblick; wo man übergeht zu dem Wirklichen, kann man diese klare Vorstellung gewinnen, wenn auch natürlich die Dinge anfangen, etwas verwirrend zu werden, weil es so viele Sphären gibt, von denen man durchdrungen ist, so daß man tatsächlich ja etwas unangenehm von all diesem Durchdringen des Organismus berührt werden kann.

Die Sache wird aber noch schlimmer, möchte ich sagen. Wir sind zunächst ja von der Erdensphäre in einer gewissen, sogar erweiterten Weise durchdrungen, denn zur Erde gehört ja nicht nur die feste Erdkugel, auf der wir stehen, sondern auch die Wassermasse; es gehört aber auch die Luft, in der wir ja schon drinnen sind, dazu. Das ist schon eine Sphäre, in der wir da drinnen sind. Diese Luft, sie ist nur im Verhältnis zu demjenigen, was die Himmelserscheinungen bewirken, noch etwas sehr Grobes. Nun denken Sie sich also, wir stehen in der Erdensphäre drinnen, wir stehen in der Sonnensphäre drinnen, in der Mondensphäre und noch in vielen anderen. Aber wir wollen nur die drei einmal herausheben und uns also sagen: Irgend etwas in uns ist das Ergebnis der Substantialitäten dieser drei Sphären. Wir haben qualitativ jetzt etwas, was, wenn es quantitativ auftritt, der Mathematiker mit einem gewissen Horror empfindet, dasjenige, was er das Problem der drei Körper nennt. Das aber wirkt in seinem Ergebnis, in seiner Realität, in uns. Wir müssen uns dadurch klarwerden, daß das wirkliche Entziffern der Realität, der Wirklichkeit keine einfache Sache ist, und daß die Gewöhnung, in einfacher, bequemer Weise die Wirklichkeit aufzufassen, eigentlich wirklich nur ihren Ursprung hat in der menschlichen Denkbequemlichkeit. Und vieles von dem, was eben als wissenschaftlich gilt, hat nur seinen Ursprung in dieser menschlichen Denkbequemlichkeit. Sieht man von ihr ab, dann muß man eben so vorsichtig zu Werke gehen, wie wir das in diesen Vorträgen versuchten, die nur manchmal deshalb nicht vorsichtig genug aussehen, weil gesprungen werden mußte skizzenhaft von dem einen zum andern, so daß Sie sich selbst die Verbindungen suchen müssen; sie sind aber da.

Nun müssen wir aber ebenso vorsichtig vorgehen, wenn wir dasselbe Problem von einer anderen Seite anfassen wollen, auf die ich auch schon aufmerksam gemacht habe, nämlich von der Seite des menschlichen Organismus selbst im Vergleich mit den Wesen der anderen Naturreiche. Ich habe Ihnen gesagt, wir können uns vorstellen eine Gabelung, von einem ideellen Punkte ausgehend. Auf dem einen Aste haben wir dann zu verzeichnen die Pflanzenwelt, auf dem andern Ast die Tierwelt. Wenn wir uns das Werden der Pflanzenwelt fortgesetzt denken im wirklichen Naturreich, so kommen wir in das Mineralisieren des Pflanzenreiches hinein. Das werden wir uns ja durchaus als einen realen Vorgang vorstellen können, wenn wir es am gröbsten Beispiel anfassen. Wir treffen heute die mineralische Steinkohle und sehen in ihr mineralisiertes Pflanzliches. Was sollte uns denn abhalten davon, auf analoge Vorgänge, die sich abgespielt haben für anderes Pflanzenartiges, hinzuschauen und, sagen wir, die kieseligen und sonstigen Bestandteile der mineralischen Erdsubstanz aus dem Mineralisieren des Pflanzlichen abzuleiten?

Nicht in derselben Weise, sagte ich, können wir vorgehen, wenn wir die Beziehungen suchen des Tierreiches zum Menschenreich. Da müssen wir gewissermaßen uns vorstellen, die Entwickelung rückt im Tierreich vor, neigt sich aber dann auf sich selbst zurück und realisiert sich physisch auf früherer Stufe als diejenige des Tieres ist. So daß man gewissermaßen sagen kann: Die tierische und die menschliche Bildung marschiert von einem gemeinsamen Punkte aus. Das Tier geht aber weiter, bevor es äußerlich physisch real wird; der Mensch hält sich auf einer früheren Stufe zurück und macht sich auf dieser Stufe physisch real. Dadurch ist es ja möglich - denn diese Vorgänge müssen wir auf die Embryonal-Entwickelung beziehen -, daß der Mensch noch in ganz anderem Maße als das Tier entwickelungsfähig bleibt, nachdem er geboren ist. Im Mineral ist die pflanzliche Bildung über das Extrem des Pflanzlichen hinausgegangen; im Menschen wird die tierische Bildung nicht bis zum Extrem getrieben, sondern in sich zurückbehalten und auf einer früheren Stufe die äußere Ausgestaltung von der Natur vorgenommen. So daß wir eben diesen ideellen Punkt bekommen, von dem aus sich gabelt in einen längeren, unbegrenzt langen Ast und in einen kürzeren, in sich auch von der negativen Seite unbestimmten Ast: Pflanzenreich, Mineralreich; Tierreich, Menschenteich.

Nun handelt es sich darum, eine gewisse Vorstellung zu gewinnen von dem, was da eigentlich vorliegt mit dieser Bildung des Menschen im Verhältnis zur Bildung des Tieres. Zurückgehalten also ist die Entwickelung beim Menschen, gewissermaßen vorzeitig real gemacht ist dasjenige, was sich realisieren will. Wenn man studiert in der Weise, wie der Vorgang vorgestellt werden muß nach dem, was ich Ihnen bereits in diesen Vorträgen mitgeteilt habe, wenn man studiert den Anteil, den die Sonnenentität hat bei der Bildung des Tierkörpers - natürlich immer auf dem Umwege durch die Embryonalbildung -, so weiß man, daß gewissermaßen der direkte Sonnenschein etwas zu tun hat mit der Konfiguration des tierischen Kopfes, das Indirekte des Sonnenlichtes, also ich möchte sagen der Sonnenschatten im Verhältnis zur Erde, etwas zu tun hat mit dem polarischen Gegenteil des tierischen Kopfes. Wenn wir nun ins Auge fassen ganz stramm dieses Durchdringen der tierischen Bildung mit der kosmischen Sonnensubstanttalität und die Formen ins Auge fassen, dann werden wir damit eine Vorstellung verbinden lernen, die ich in der folgenden Weise vor Sie hinzeichnen möchte. Nehmen Sie einmal an, die tierische Bildung wird in irgendeiner Weise bewirkt im Zusammenhang mit der Sonne. Nun, nehmen wit jetzt eine gebräuchliche astronomische Vorstellung und fragen wir uns im Sinne dieser Vorstellung: Gibt es außer dem, was da durch besondere Konstellation eben vorliegen wird als Wirkungsweise zwischen Sonne und Tier, irgendwo die Möglichkeit einer Wirkung des Sonnenlichtes im Kosmos, die nicht so ohne weiteres mit der Sonne selbst zusarnmenhängt? Ja, die gibt es. Jedesmal, wenn uns der Vollmond bescheint oder überhaupt nur der beleuchtete Mond, so scheint uns das Sonnenlicht an. Da wird uns gewissermaßen kosmisch die Möglichkeit geschaffen, daß das Sonnenlicht uns bestrahlt. Das ist natürlich auch beim werdenden Menschen, in der Keimeszeit, der Embryonalzeit der Fall und war der Fall in früheren Erdenstadien so, daß es damals eine direkte Wirkung war. Das, was heute als Nachklang da ist, ist eben vererbt. Da haben wir also wiederum ein Sonnenwirken, einmal direkt und einmal ein indirektes, im Rückstrahlen des Sonnenlichtes vom Monde her.

323-14-04
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Und nun stellen Sie sich das Folgende vor. Stellen Sie sich einmal vor, wenn ich es wiederum schematisch zeichnen will, beim Tiere läge es mit der Entfaltung, dem Werden des Tieres so, daß es unter dem Eindruck der Sonnenwirkungen nach diesem Schema entstünde (Fig.4). Ich möchte sagen, das wäre die gewöhnliche Tag- und Nachtwirkung, also Kopf und polarer Gegensatz des Kopfes. Das wäre die gewöhnliche Sonnenwirkung beim Tier. Und jetzt nehmen wir einmal jene Wirkung des Sonnenlichtes, die auftritt, wenn der Mond in Opposition steht, wenn Vollmond ist, wenn also gewissermaßen von der Gegenseite her das Sonnenlicht wirkt, durch die Reflexion sich entgegenwirkt. Wenn wir dieses (Pfeil senkrecht nach unten in Fig.5) als die Richtung für die tierischen Bildungen der direkten Sonnenstrahlen denken, so müßten wir uns vorstellen, die tierische Bildung ginge immer weiter im Sinne dieses direkten Sonnenstrahles (Fig.5), und es würde ein Tier immer mehr und mehr Tier, je mehr die Sonne auf es wirkt. Wenn aber von der Gegenseite her der Mond entgegenwirkt, beziehungsweise die Sonne auf dem Umweg des Mondes, dann wird von dem Tierwerden weggenommen, es wird in sich zurückgenommen (Fig.6). Das entspricht der Verkürzung des zweiten Gabelastes, dieses Zurücknehmen (Fig. 7). Sie sehen also, wir bekommen ein kosmisches Korrelat für dasjenige, was ich Ihnen als eine gewisse Charakteristik für den Unterschied des Menschen mit dem Tier gegeben habe.

323-14-05
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Dasjenige, was ich Ihnen da jetzt gesagt habe, das ist unmittelbar wirklich wahrzunehmen für den, der sich die Möglichkeit verschafft, solche Dinge wahrzunehmen. Der Mensch verdankt tatsächlich dieses Zurückhalten seiner Organisation der Gegenwirkung des Sonnenlichtes auf dem Umweg des Mondes. Es wird die Wirkung des Sonnenlichtes dadurch, und zwar die eigene Qualität - es ist ja immer Sonnenlicht - abgeschwächt, indem sich die Sonne selbst in der Mondwirkung ein Gegenbild entgegenstellt. Würde sie sich nicht selber entgegenstellen in der Mondenlichtwirkung, so würde das, was als Bildungstendenz in uns liegt, uns die tierische Gestalt geben. So wirkt das entgegen, was eben Sonnenwirkung, reflektiert vom Monde, ist. Die Bildung wird angehalten, indem das Negative wirkt, und die Menschengestalt ist die Folge.

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Verfolgen wir nun auf dem anderen Gabelast die Pflanze in ihrer Bildung und stellen wir uns vor dasjenige, was in der Pflanze Sonnenwirkung ist - daß eine Sonnenwirkung da ist, ist ja handgreiflich -, das würde sich nicht entfalten können zu einer gewissen Zeit. Es kann sich ja während des Winters dasjenige nicht entfalten, was in der Pflanze sprießendes, sprossendes Leben ist. Man sieht schon den Unterschied in der Entfaltung der Pflanze, wenn man einfach den Unterschied von Tag und Nacht ins Auge faßt. Aber denken Sie sich nun diese Wirkung, die immer im Rhythmus abläuft, in unbegrenzter Anzahl wiederholt, möchte ich sagen, was haben wir dann eigentlich? Wir haben Wirkung der Sonne, und Eigenwirkung der Erde, wenn die Sonne also nicht direkt wirkt, sondern von der Erde bedeckt ist. Die Sonne wirkt; die Sonne wirkt wiederum nicht, sondern die Erde, wenn die Sonne von unten wirkt, die Erde ihr entgegenliegt. Wir haben also den Rhythmus: Sonnenwirkung vorwiegend; Erdenwirkung vorwiegend. Wir haben also das Pflanzliche ausgesetzt abwechselnd der Sonne und dann wiederum hineingezogen, bildhaft ausgedrückt, in das Irdische, gewissermaßen vom Irdischen in sich gezogen. Wir haben da etwas anderes. Wir haben im letzten Falle eine wesentliche Verstärkung desjenigen, was in der Pflanze als das Sonnenhafte wirkt, und diese Verstärkung des Sonnenhaften durch das andere, Erdhafte, das drückt sich dadurch aus, daß die Pflanze allmählich dem Mineralisierungsprozeß verfällt. So daß wir also sagen müssen: Wir gabeln so, daß wir in bezug auf die Pflanze Sonnenwirkung sehen, fortgesetzt durch die Erde zur Mineralisierung; Sonnenwirkung im Tiere, in sich zurückgenommen durch die Mondenwirkung im Menschen (Fig.7). Ich könnte auch diese Figur noch etwas anders zeichnen, dann würde sie diese Gestalt bekommen können (Fig.8): hier zum Menschlichen zurückgehend; hier zum Mineralischen, das natürlich in einer anderen Form sein müßte, votschreitend. Es ist zunächst ja nur eine symbolische Figur, aber diese symbolische Figur drückt uns in einer gewissen Weise klarer als die erste Figur, die bloß in Linien da ist, dasjenige aus, was ich diese Gabelung nennen möchte zwischen dem Mineralreich und Pflanzenreich auf der einen Seite und dem menschlichen und tierischen Reich auf der anderen Seite.

323-14-08
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Man wird niemals gerecht einer Systematik der Naturwesen, wenn man sie nur gradlinig vorstellt, wenn man nicht diese Vorstellung zugrunde legt. Daher werden alle Natursysteme immer unbefriedigend ausfallen, die bloß in gradliniger Weise vom Mineralreich angefangen zum Pflanzenreich übergehen, dann zum Tierreich, dann zum Menschen. Es handelt sich darum, daß man es, wenn man diese Vierheit darstellt, mit einem viel komplizierteren Zusammenhang zu tun hat als mit einem solchen, der bloß etwa in einer gradlinigen Entwickelungsströmung und dergleichen läge. Wenn man von einer solchen Vorstellung ausgeht, wird man ganz gewiß nicht zu irgendeiner generatio aequivoca, zu irgendeiner Urzeugung geführt, sondern zu diesem ideellen Mittelpunkt, der irgendwo zwischen Tier und Pflanze liegt, der überhaupt nicht im Physischen gefunden werden kann, der aber ganz gewiß einen Zusammenhang hat mit dem Problem der drei Körper: Erde, Sonne, Mond. Wenn Sie also auch vielleicht nicht mathematisch vorstellbar haben dasjenige, was man sich vorstellen könnte als eine Art von ideellem Schwerpunkt der drei Körper Sonne, Mond und Erde, wenn Sie auch damit das Problem der drei Körper nicht gut lösen können - im Menschen ist es gelöst! Indem der Mensch Mineralisches, Tierisches, Pflanzliches in sich verarbeitet, ist in ihm tatsächlich dasjenige geschaffen, was eine Art ideeller Durchschnittspunkt der drei Wirkungen ist. Es ist in ihm eingezeichnet, es ist ganz zweifellos da. Und weil es da ist, hat man sich damit abzufinden, daß gerade dasjenige, was da im Menschen ist, ganz gewiß empirisch an verschiedenen Orten ist, weil es in jedem einzelnen Menschen ist, in allen Menschen, die über die ganze Erde zerstreut sind, so daß sie in einer gewissen Beziehung stehen müssen zu Sonne, Mond und Erde. Und wenn es in einer gewissen Weise gelingt, eine Art ideellen Durchschnittspunkt zu finden von Sonnen-, Mond- und Erdenwirkung, und man die Bewegung dieses Punktes für jeden einzelnen Menschen finden könnte, dann würde uns das wesentlich weiter führen zu dem Begreifen desjenigen, was wir vielleicht Bewegung nennen können in bezug auf Sonne, Mond und Erde.

Aber, wie gesagt, hier wird das Problem eigentlich nur verwickelter, weil wir so viele Punkte haben, als Menschen auf der Erde sind, für die wir die Bewegungen suchen müssen. Aber es könnte ja sein, daß diese Bewegungen für die verschiedenen Menschen nur scheinbar verschieden sind. Darüber wollen wir uns dann morgen weiter unterhalten.

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