Die Hauptstromungen der Deutschen Literatur von der Revolutionszeit (1848) bis zur Gegenwart
1. Die literarische Revolution um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts
Am 8.Dezember habe ich mit dem Zyklus von Vorträgen über «Die Hauptströmungen der deutschen Literatur von der Revolutionszeit (1848) bis zur Gegenwart» begonnen, mit denen mich der Vorstand der «Freien Literarischen Gesellschaft» beauftragt hat.
Ich möchte die «Freie Literarische Gesellschaft» nicht zu einem Universitätskolleg machen, sondern ich möchte in diesen Vorträgen den Mittelweg finden zwischen dem leichten Ton französischer conferences und demjenigen der Hochschulvorlesungen, die in dem strengen Gang wissenschaftlicher Methodik einherschreiten. Auch eine reine historische Betrachtungsweise möchte ich den Mitgliedern der Gesellschaft nicht bieten. Wer wie ich selbst mitarbeiten will an dem Ausbau der neuen Weltanschauung, die uns möglich geworden ist durch die Revolutionierung des geistigen Lebens in diesem Jahrhundert, der blickt lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit, und er ist nur imstande, die Vergangenheit insofern zu schildern, als sie die Keime für die Gegenwart und Zukunft enthält.
Von unseren Gegenwartsempfindungen habe ich gesagt, daß sie so grundverschieden sind von den Empfindungen der bedeutendsten Geister aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, daß wir gegenüber den Schriften dieser Geister das Gefühl haben, als seien sie in einem uns fremden Idiom geschrieben. Eine radikale Umwandlung der Weltanschauung hat sich in unserem Jahrhundert vollzogen, so radikal, wie wenige der Weltgeschichte gewesen sind. Wenn man diese Umwandlung mit wenigen Worten bezeichnen will, so muß man sagen: der Mensch ist aus einem demütigen, sich schwach fühlenden Wesen, das abhängig sein will von höheren Mächten, ein stolzes, selbstbewußtes Wesen geworden, das Herr seines eigenen Schicksals sein will, das sich nicht regieren lassen, sondern sich selbst regieren will. Nicht aus jenseitigen Mächten, sondern aus der Wirklichkeit, der er selber angehört, hat der Mensch gelernt, seine besten Kräfte zu schöpfen. Von dieser Lebensauffassung waren die besten Geister in der ersten Hälfte des Jahrhunderts weit entfernt. Sie waren noch von der alten Vorstellungswelt, von den alten religiösen Anschauungen beherrscht. Sie konnten in ihrer Empfindungswelt von dem jenseitigen Gotte, der die Geschicke der Menschen lenkt, nicht loskommen. Sie sehnten sich nach neuen Lebens-, nach neuen Staats- und Gesellschaftsformen; aber ihr Sehnen war ein dumpfes, ein unbestimmtes, weil es nicht hervorging aus der Triebkraft einer neuen Weltanschauung. Politische Revolutionen können sich im großen Stile nur vollziehen, wenn sie mit einer Revolutionierung des ganzen geistigen Lebens verknüpft sind. Eine solche große, umfassende Revolution brachte das Christentum hervor. Die politischen Revolutionen der letzten Zeit haben ihr Ziel nicht erreicht, weil ihnen die treibende Kraft, die Revolutionierung der Weltanschauung, fehlte. Männer wie Jahn, Börne, Sallet, Herwegh, Anastasius Grün, Dingelstedt, Freiligrath, Moritz Hartmann, Prutz wußten, daß die alte Vorstellungswelt abgebraucht, überreif, faul geworden war; aber sie waren nicht imstande, eine neue Welt der Ideen an die Stelle der alten zu setzen. Sie wurden Revolutionäre, nicht weil in ihnen eine neue Vorstellungswelt lebte, die sie verwirklichen wollten, sondern weil sie unzufrieden mit dem Bestehenden, erbittert über das Gegenwärtige waren.
Aber die Vorstellungswelt und die alte Staatsform gehörten zusammen. Diese Wahrheit sprach Hegel aus, als man ihm eine Professur in Berlin übertragen hatte. Hegel war der unproduktivste Geist, den man sich denken kann. Er war unfähig, aus seiner Phantasie eine neue Idee zu gebären. Aber er war einer der vernünftigsten Menschen, die je gelebt haben. Er durchdrang deshalb die alte Ideenwelt bis in ihre letzten Schlupfwinkel. Und diese Ideenwelt fand er verwirklicht im preußischen Staate. Deshalb konnte er sagen: alles Wirkliche ist vernünftig. Das letzte Wort der alten Weltanschauung hat Hegel ausgesprochen. Mit dieser Auffassung konnte man nicht revolutionieren. Dazu bedurfte es einer neuen Ideenwelt. Der erste Verkünder einer solchen ist Ludwig Feuerbach. Er hat die Menschen gelehrt, daß alle höheren Mächte Idole sind, die der Mensch in seiner eigenen Brust erzeugt hat und die er aus der eigenen Seele hinaus in die Welt versetzt hat, um sie zu verehren als über ihm wirkende Wesenheiten. Feuerbach hat den Menschen zum Herrn über sich selbst gemacht. Damit war der Anfang zu einer ganz neuen Ideenwelt gegeben. Die alte Ideenwelt war zum Idol, zum Spuk, zum Gespenst geworden, von denen sich der Mensch knechten ließ. Das hat Max Stirner mit den klarsten Worten gesagt, die je gesprochen worden sind. Fort mit allen Idolen war seine Losung. Und da blieb denn nichts zurück als das von nichts geknechtete, freie, fessellose «Ich», das seine Sache auf nichts stellt. Wir, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, arbeiten daran, in diesem Nichts das All zu finden. Die alten Ideale liegen zerstört zu unsern Füßen; sie sind uns gegenüber ein Nichts, eine gähnende Kluft. Die Dichter, die Künstler, die Naturforscher, die Denker in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sind bestrebt, dieses Nichts wieder mit Leben zu füllen. Darwin und Haeckel haben eine neue Weltanschauung, neue religiöse Vorstellungen gebracht.
Durch Feuerbach sind die Geister revolutioniert worden, vorbereitet worden, Darwin und Haeckel zu verstehen. Diese Umwandlung der Weltanschauung ist die große Revolution des neunzehnten Jahrhunderts. Ihr gegenüber ist die politische Revolution im Jahre 1848 nur ein äußeres Zeichen, ein Symbol. Die geistige Revolution dauert noch heute fort. Sie wird die siegreiche sein.
Ich habe Freude darüber gehabt, daß sich zu diesem ersten meiner Vorträge die Mitglieder und Gäste der «Freien Literarischen Gesellschaft» so zahlreich einfanden.
2. Von Heinrich Laube zu Paul Heyse
Heinrich Laube ist mir der Typus des Literaten, der mit dem kalten und wenig in die seelischen Tiefen des Menschen gehenden Blick die Dinge betrachtet. In seiner Jugend lebte das Feuer des Revolutionärs in ihm, das ihn bis zur Verherrlichung des polnischen Aufstandes brachte. Allmählich überwuchert die Nüchternheit in seiner Natur; er wird der selbstbewußte Mann, der sich an die Dinge in dem Gefühle macht, daß er sie am richtigen Ende anzufassen versteht. Er ist der beste Regisseur des Jahrhunderts, weil er ein klares Auge für die Harmonie hat, in welche die Außenseiten der Dinge gebracht werden müssen, wenn sie wirken sollen. Er ist der Mann der Kulissenästhetik. Und Kulissenkünstler ist er auch als Dramatiker und als Romanschriftsteller. An seinen Gestalten vermißt man die Seele, in den von ihm geschilderten Begebenheiten die geschichtlichen Ideen. Anders ist Gutzkow. Er ist der bedeutendste unter den Geistern, welche um die Mitte des Jahrhunderts wirkten. Ist Laube als sozialer Anatom zu bezeichnen, so ist Gutzkow der philosophische Betrachter seiner Zeit zu nennen. Als umfassendes, tiefgründiges Dokument dieser Zeit erscheinen seine «Ritter vom Geiste» (1850-51). Alle typischen Gestalten der damaligen Gesellschaft, alle sozialen Strömungen führt Gutzkow vor, um ein allseitiges, vollkommenes Bild seiner Gegenwart zu zeichnen. Nicht weniger lebt der Geist dieser Zeit in seinem Roman «Der Zauberer von Rom» (1858-61). Die Licht- und Schattenseiten des Katholizismus, die sympathischen und unsympathischen Charakterköpfe, die er zeitigt, vereint Gutzkow zu einem Kulturgemälde von höchstem Wert. Nicht so bedeutend wie vielen andern erscheint mir Gustav Freytag. Ich sehe in allen seinen Schöpfungen den Geist der Journalistik. Mit all den Ungenauigkeiten, Schiefheiten und Halbheiten, mit denen der Leitartikler Menschen und Zustände charakterisiert, stattet Freytag seine Schöpfungen aus. Das zeitgemäße Schlagwort gilt in dieser Kunst des Charakterisierens mehr als der ungetrübte Blick in die Verzweigungen und in die Fülle der Wirklichkeit. In den «Journalisten» treten nicht wahre Gestalten, sondern halbwahre Figuren auf, wie sie in den Köpfen der Tagesschriftsteller leben. Dieser Bolz ist zwar so, wie ihn Freytag schildert, in der Wirklichkeit nicht zu finden; aber die Journalistik muß ihn erfinden, um an ihm die Zeitgedanken zum Ausdruc bringen zu können.
Uns Gegenwartsmenschen haben die Laubeschen, Gutzkowschen und Freytagschen Gestalten nicht mehr viel zu sagen. Uns haben sich im menschlichen Seelenleben und in der Geschichte wirksame Kräfte enthüllt, von denen die Geister um die Mitte des Jahrhunderts noch nichts wußten. In welchem Sinne diese Behauptung aufzufassen ist, werden meine nächsten Vorträge zeigen.
3. Das geistige Leben in Deutschland vor dem deutsch-französischen Kriege
Die fünfziger und sechziger Jahre dieses Jahrhunderts zeigen eine Anzahl nebeneinanderlaufender Strömungen. Einseitige Richtungen des Geisteslebens gingen nebeneinander her. Erst in unserer Zeit hat ein Zusammenfluß dieser Einzelströmungen stattgefunden. Herman Grimm ist eine Persönlichkeit, in deren geistiger Physiognomie eine von diesen Strömungen zur Erscheinung kam. Es ist die rein ästhetische Weltanschauung, zu der er sich bekennt. Die Welt ist ihm nicht von «ewigen, ehernen Gesetzen», von Naturgesetzen beherrscht. Sie ist ihm ein Kunstwerk, das ein göttlicher Künstler geschaffen hat und das ihm unendliche Schönheiten enthüllt. Neben dieser rein ästhetischen Weltanschauung macht sich die auf einer breiteren geistigen Unterlage ruhende geltend, die David Friedrich Strauß begründet hat. Für Strauß ist die Persönlichkeit des Gottessohnes zu der göttlichen Idee verflüchtigt, die sich nicht in einem einzelnen menschlichen Individuum (Jesus), sondern nur in der ganzen Menschheit verwirklichen kann. Nicht in einem Menschen kann Gott irdisches Dasein gewinnen, sondern nur in dem Leben des Menschengeschlechtes.
Die dritte Weltanschauung, diejenige, welche am meisten zukunftverheißend war, wurde durch Charles Darwins «Entstehung der Arten» (1859) eingeleitet. Durch ihn und seinen Schüler Ernst Haeckel trat die Naturverehrung an die Stelle der Gottesverehrung. Es gab nunmehr keinen Geist außer demjenigen, den die Natur aus sich selbst hervorzubringen vermag. Durch sie erst kann der Mensch so weit kommen, die ethische Befriedigung, die ihm ehedem nur durch den Ausblick auf ein Jenseits möglich war, aus der Natur selbst zu schöpfen. Nunmehr quellen aus dieser Erde seine Freuden.
Das künstlerische Dokument dieser Weltanschauungen sind Paul Heyses «Kinder der Welt». Es kommt nicht darauf an, was in diesem Roman erzählt wird. Es kommt darauf an, daß in ihm die Weltanschauungen der fünfziger und sechziger Jahre eine künstlerische Gestalt gewonnen haben.
Das Publikum, das durch diesen Roman seine Befriedigung fand, war ein solches, das zwar eine neue Weltanschauung, ein neues Denken und Empfinden brauchte, das aber kein Bedürfnis hatte nach einer Neugestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der sozialen Ordnung.
Dem Leserkreis, der sich nach neuen Formen des Lebens sehnte, kam Friedrich Spielhagen entgegen. Er macht die sozialen Ideen und Strömungen seiner Zeit zum Gegenstand seiner Romane.
4. Die literarischen Kämpfe im neuen Reich
In den siebziger Jahren sind innerhalb Deutschlands Kunst, Philosophie und Wissenschaft nicht Angelegenheiten, die im Mittelpunkte des Lebens stehen. Die Geister sind in Anspruch genommen von dem Bestreben, es sich im neuen Reich so bequem als möglich einzurichten. Die Politik nimmt das Interesse weit mehr in Anspruch als die künstlerischen Tendenzen. Diese bilden nur einen Luxus, eine Beigabe zum Leben, dem man sich in den Erholungspausen zuwendet. Dichter finden ein großes Publikum, welche Dinge besingen, die nichts zu tun haben mit dem Ernst des Lebens. Die Redwitz, Roquette, Rodenberg, Bodenstedt, Geibel sind so recht nach dem Geschmacke dieser Zeit. Man muß seine höheren geistigen Interessen vergessen, wenn man an diesen Dichtern ungetrübte Freude haben will. Die ewigen Traulichkeiten des Waldes, die Niedlichkeit der Vöglein, die träumerische Hingabe an die süßen Seiten der Natur sind nicht für Menschen, denen die Kunst das Höchste im Leben ist.
Die Fortentwickelung des menschlichen Geistes leidet unter der Zähigkeit der menschlichen Natur. Die Zeit, von der ich spreche, war noch nicht so weit, den ganzen Menschen mit jener Empfindungs- und Vorstellungsart zu durchdringen, von der die naturwissenschaftliche Weltanschauung beherrscht ist. Der alte Idealismus, der einseitig aus dem Geistigen die Welt begreifen will, herrscht noch vor. Man konnte noch nicht verstehen, daß aus der Natur, aus der unmittelbaren Wirklichkeit der Geist geboren wird. Ein voller Beweis dafür ist die Erscheinung Robert Hamerlings. Er ist der Typus eines Künstlers in einer überreifen Zeit. Er hat die Ideen der abendländischen Welt, ihrem ganzen Umfange nach, in sich aufgenommen. Aber er ist nicht imstande, die künstlerische Form, die er seinen Werken gibt, in vollen Einklang mit seinen Ideen zu bringen. Die sinnlich-üppigen Bilder, die farbenreichen Schilderungen, die er gibt, scheinen nur äußerlich seinen Ideen aufgepfropft. Wäre Hamerling wirklich ein moderner Geist, so müßte ihm der geistige Inhalt nicht neben und über der Wirklichkeit stehen, die er schildert, sondern er müßte ihm aus ihr herausquillen. Wie wenig man in dieser Zeit das Hervorgehen des Geistigen aus dem Sinnlich-Natürlichen begreifen konnte, wird am anschaulichsten an Sacher-Masoch. Mit einer feinen Auffassungsweise wühlt sich dieser Dichter in das Sinnliche ein. Er kennt alle Geheimnisse des Fleischlich-Natürlichen. Aber seine Schilderungen bleiben ganz im Gebiete der rohen, nackten Sinnlichkeit. Das Geistige erscheint daneben als eine Illusion, eine Schaumblase, welche das Sinnliche zur Täuschung des Menschen hervorbringt. Hamerling ist zur Hälfte Christ, zur andern Hälfte Heide; Sacher-Masoch ist der umgekehrte Christ, der mit dem Fleischlichen einen religiösen Kult treibt. So gewiß die Kunst Sacher-Masochs eine Einseitigkeit darstellt, so gewiß sind seine Werke Dokumente der siebziger Jahre, jener Zeit, die nicht die Kraft hatte, sich über Einseitigkeiten zu erheben.
In Hamerling und Sacher-Masoch lebt etwas, das in dem bloß Künstlerischen sich nicht erschöpft. Ein Glied innerhalb der menschlichen Wirksamkeit ist ihnen die Dichtung, ein Mittel, den ganzen Menschen auszuleben, der mehr ist als bloß Künstler. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, welche eine Spätkunst pflegen, die nicht aus der menschlichen Natur unmittelbar fließt, sondern welche durch Umbildung, Weiterentwickelung früherer Kunstformen entstanden ist. Ihnen rechne ich zu: Hermann Lingg, Josef Victor Scheffel, Adalbert Stifter, Theodor Storm, Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer, Theodor Fontane.
In klarster Weise zeigt sich der Grundcharakter des künstlerischen Empfindens der siebziger Jahre in der Dramatik. Während noch Brachvogel in echt deutscher Weise in der Ausgestaltung menschlicher Charaktere die Aufgabe der Dramatik sah, wird der beliebteste Dramatiker dieser Zeit zum bloßen Experimentator der dramatischen Form. Und ein wahrer großer Mensch wie Ludwig Anzengruber bleibt unbeachtet. Unter Paul Lindaus Führung hört die Dramatik auf, einem höheren geistigen Bedürfnisse zu dienen; sie wird zu einer Spielerei mit den von den Franzosen entlehnten Formen der tändelnden Bühnendichtung.
So war die geistige Atmosphäre der Zeit beschaffen, in der das junge deutsche Reich sich bildete. Eine gründliche Unzufriedenheit bei den jungen Köpfen ist daher nur zu begreiflich. Michael Georg Conrad, Max Kretzer, Karl Bleibtreu, Konrad Alberti machten sich zu den Wortführern der Unzufriedenen. Eine junge, zukunftverheißende Kunst wollten sie an die Stelle der greisenhaften, abgelebten setzen. Es kommt nicht darauf an, was die jungen Revolutionäre geleistet haben. Sie haben alle nicht gehalten, was sie versprochen haben. Es kommt vielmehr darauf an, daß sie einer Grundempfindung Ausdruck gegeben haben, die bei der jungen Generation der siebziger Jahre nur zu berechtigt war.
5. Die Bedeutung Ibsens und Nietzsches für das moderne Geistesleben
Im fünften meiner Vorträge versuchte ich die Bedeutung Ibsens und Nietzsches für das moderne Geistesleben zu schildern. Ibsen hat in sich selbst die Kämpfe durchlebt, die sich zwischen den Geistern in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts abspielten. Er war nicht so glücklich, sich einer einseitigen Geistesströmung ganz hingeben und von einem Gesichtspunkte aus, etwa wie Schopenhauer, Max Stirner, Lassalle, David Friedrich Strauß, alles andere bekämpfen zu können. Seine Seele ist ein Kampfplatz, auf dem die geistigen Kampftypen alle auftreten und miteinander ringen, ohne daß eine zum Siege käme. Sein geistiges Wirken ist eine Diskussion vieler Einzelner, die in ihm wohnen.
Zwei Hauptströmungen durchziehen die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts. Die erste besteht in einer radikalen Sehnsucht nach Freiheit. Unabhängig wollen wir sein von jeglicher göttlichen Vorsehung, unabhängig von aller Tradition, von anerzogenen und vererbten Elementen des Lebens, unabhängig von dem Einflusse gesellschaftlicher und staatlicher Organisation. Herren unseres eigenen Geschicks wollen wir sein.
Dieser Sehnsucht steht der aus der modernen Naturwissenschaft fließende Glaube entgegen, daß wir ganz eingesponnen sind in das Gewebe einer starren Notwendigkeit. Wir sind Abkömmlinge der höchstentwickelten Säugetiere. Was diese vollbringen, ist eine Wirkung ihrer Organisation. Und auch, was wir Menschen handeln, denken und empfinden, ist ein Ergebnis unserer natürlichen Beschaffenheit. Es ist denkbar, daß die Naturwissenschaft soweit kommt, genau nachweisen zu können, wie die Teile unseres Gehirns gelagert sein und sich bewegen müssen, wenn wir eine bestimmte Vorstellung, eine bestimmte Empfindung oder Willensäußerung haben. Wie wir organisiert sind, so müssen wir uns verhalten. Wie kann dieser Erkenntnis gegenüber noch von Freiheit gesprochen werden?
Ich glaube, die Naturwissenschaft kann uns in schönerer Form, als die Menschen es je gehabt haben, das Bewußtsein der Freiheit wiedergeben. In unserem Seelenleben wirken Gesetze, die ebenso natürlich sind wie diejenigen, welche die Himmelskörper um die Sonne treiben. Aber diese Gesetze stellen ein Etwas dar, das höher ist als alle übrige Natur. Dieses Etwas ist sonst nirgends vorhanden als in den Menschen. Was aus diesem fließt, darinnen ist der Mensch frei. Er erhebt sich über die starre Notwendigkeit der unorganischen und organischen Gesetzmäßigkeit, gehorcht und folgt nur sich selbst. Die christliche Anschauung dagegen ist die, daß in diesem Gebiete, das der Mensch über die Natur hinaus für sich selbst hat, die göttliche Vorsehung waltet.
Einen Ausgleich zwischen dem Glauben an die starre Naturnotwendigkeit und dem Drange nach Freiheit hat Henrik Ibsen nicht finden können. Seine Dramen zeigen, daß er zwischen den beiden extremen Bekenntnissen hin- und herschwankt. Bald läßt er seine Personen nach Freiheit ringen, bald läßt er sie Glieder einer eisernen Notwendigkeit sein.
Erst Friedrich Nietzsche hat die Emanzipation der menschlichen von der übrigen Natur gelehrt. Der Mensch soll keinem überirdischen und keinem bloßen Naturgesetze folgen. Er soll nicht ein Spielball der göttlichen Vorsehung und nicht ein Glied in der Naturnotwendigkeit sein. Er soll der Sinn der Erde sein, das heißt das Wesen, das in voller Unabhängigkeit sich selbst auslebt. Aus sich heraus soll er sich entwickeln und keinem Gesetze unterliegen. Dies ist Nietzsches Ethik. Dies liegt seiner Vorstellung von einer «Umwertung aller Werte» zugrunde. Bisher hat man den Menschen begünstigt, der am besten den Gesetzen folgt, die man als die göttlichen oder die naturgemäßen zu erkennen glaubt. Ein Bild der Vollkommenheit hat man dem Menschen vorgehalten. Den Menschen, der nur aus sich heraus leben wollte, der jenem Bilde nicht nachstrebte, hat man als einen Störenfried der allgemeinen Ordnung betrachtet. Das soll anders werden. Der Typus, der nach all der Stärke, der Macht, der Schönheit, die nicht vorgezeichnet sind, sondern die in ihm selbst liegen, strebt, soll frei sich entwickeln können. Der Mensch, der nur nach dem Gesetze lebt, soll eine Brücke sein zwischen dem Tiere und dem Übermenschen, der das Gesetz selbst schafft.
Aller Jenseitsglaube wird überwunden sein, wenn der Mensch auf sich selbst sein Dasein zu bauen gelernt haben wird.
Ich möchte auch Zola als eine Persönlichkeit bezeichnen, die im Sinne der Weltanschauung Nietzsches wirkt. Nicht ein Höheres, Göttliches soll nach Zolas Meinung das Kunstwerk gegenüber der unmittelbaren Wirklichkeit darstellen, nein, dieses Wirkliche soll der Künstler so darstellen, wie er es durch sein Temperament sieht. Dadurch fühlt er sich als Schaffender und der, welcher ihn genießt, als Sinn der Erde. Beide bleiben innerhalb des Wirklichen, aber sie stellen es so dar, daß sie durch ihre Darstellung das Bewußtsein erwecken, der Mensch ist ein Naturwesen wie alle anderen Naturdinge, aber ein höheres, das aus sich heraus den Dingen eine freie Gestalt zu geben vermag.
6. Der Einfluß der Weltanschauung einer Zeit auf die Technik der Dichtung
Schillers dramatische Technik ist nur möglich bei einem Dichter, der an eine moralische Weltordnung glaubt. Der dramatische Held muß im Sinne Schillers durch eine Schuld der tragischen Katastrophe zugeführt werden. Die Katastrophe muß als Strafe erscheinen. Wir, mit unserer rein naturwissenschaftlichen Weltanschauung, finden es absurd, wenn sich im Drama die Katastrophe an eine Schuld knüpft. Was in der Menschenwelt vorgeht, trägt für uns denselben Charakter moralfreier Notwendigkeit wie das Weiterrollen einer Billardkugel, die von einer anderen gestoßen wird. Eine solche Notwendigkeit befriedigt uns auch allein im Drama. Daran anknüpfend entwickelte ich den Zusammenhang zwischen der naturwissenschaftlichen Richtung der achtziger Jahre und dem dichterischen Naturalismus dieser Zeit. Die jungen Dichter dieser Zeit wollten genauso äußerlich die Tatsachen schildern, wie sie die Naturforscher beobachteten. Sie hingen an der Außenseite, welche den Sinnen oftenliegt; die tieferen Zusammenhänge in Natur und Menschenleben, die sich nur dem Geiste enthüllen, berücksichtigten damals weder die Forscher noch die Künstler. Heute streben wir einer anderen Welt- und Lebensauffassung zu. Der Dichter wird die Tatsachen der Welt nicht so verknüpfen, wie sie im Lichte einer moralischen oder einer anderen göttlichen Weltordnung erscheinen, aber er wird sie auch nicht so verknüpfen, wie sie sich der bloßen äußeren, sinnenfälligen Beobachtung darbieten. Er wird das Recht seiner Persönlichkeit geltend machen. Sein Temperament, seine Phantasie bewegen ihn, die Dinge in einem anderen Zusammenhang zu sehen, als ihm die Beobachtung sie zeigt. Er wird sich durch die Dinge aussprechen, die er darstellt. Deshalb wird alle Ästhetik sich in Psychologie auflösen. Der einzige Grund für die Art, wie ein Dichter schaft, wird die Eigenart seiner Persönlichkeit sein. Ich möchte die Kritik, die sich aus dieser Anschauung notwendig entwickeln muß, die individualistische nennen, im Gegensatze zu der überlebten Kritik, die objektive Maßstäbe anlegt. Ich gebe diesmal nur dieses kurze Referat über meinen Vortrag, weil ich mich über die Sache nächstens an diesem Orte ausführlicher aussprechen möchte.
7. Das geistige Leben der Gegenwart
Wir leben in einer Zeit, in welcher die Revolutionierung der Geister durch die auf naturwissenschaftlichen Grundlagen gewonnene Weltanschauung auf alle Menschen ihre überzeugende Wirkung ausübt, die am geistigen Leben einen bemerkenswerten Anteil nehmen. Aber diese Wirkung ist bei vielen nur eine solche auf den Verstand. Diese Vielen sehen den Menschen als dasjenige Geschöpf an, als das sie ihn ansehen müssen, wenn sie die notwendigen Folgerungen aus Darwins weltumwälzenden Ideen ziehen. Aber das Herz. dieser Geister, die Empfindungsweise sind nicht so weit wie ihr Verstand. Sie denken naturwissenschaftlich und empfinden christlich. Das verursacht in ihnen jene furchtbarschmerzliche Seelenstimmung, die entstehen muß, wenn man sich sagt: das Wertvolle ist die jenseitige Welt, die Welt der reinen Ideale und der himmlischen Güter, und wenn man zugleich erkennt, daß diese Welt ein leeres Hirngespinst, ein wesenloser Traum ist. Ein Geist, in dem diese schmerzliche Stimmung zu einem grandiosen dichterischen Ausdruck gekommen ist, ist Marie Eugenie delle Grazie. In einer bewundernswerten Dichtung «Robespierre» hat sie diesem Schmerz Worte verliehen. Die Erde ist ihr die brünstige Allmutter, welche nutz- und zwecklos, nur um ihrer Gier zu dienen, ewig neue Wesen erschafft und wieder zerstört, und welche von Zeit zu Zeit auch Propheten erschaft — Sokrates, Christus, Robespierre —, die von Idealen träumen, um die Menschen eine kurze Zeit hinwegzutäuschen über die Nichtigkeit des Daseins. Sie würden ohne diese idealistischen Träumer die Vernichtung dem Dasein vorziehen. Durch die Idealisten werden die Menschen immer wieder zu neuer Lebenslust aufgereizt, aber zugleich um die wirkliche Erkenntnis geprellt.
Der Zwiespalt zwischen Kopf und Herz, zwischen Empfindung und Verstand ist der Inhalt des größten Teiles der zeitgenössischen Dichtung. Arno Holz, Julius Hart sind die Sänger dieses Zwiespaltes. Aber wir haben auch Lyriker, die aus der neuen Weltanschauung den Lebensmut und die Daseinsfreude schöpfen können, welche für wirklich Erkennende aus ihr fließt. Wir brauchen keinen Ausblick auf. das Jenseits, um über die Trübsale des Diesseits hinwegzukommen. Das hat in ergreifenden Gedichten vor allen der leider so frühverstorbene Hermann Conradi ausgesprochen. Das klingt auch in mancher Dichtung Wilhelm Jordans und vieler anderer durch.
Wir haben aber auch einen Dichter, dem die moderne Empfindungsweise wie eingeboren ist, der sich nicht durch Kampf und Schmerz zu ihr durchgerungen hat, der naivmodern ist: Otto Erich Hartleben. Die anderen müssen sich erst mit dem Christentum auseinandersetzen, um modern zu empfinden; er empfindet ursprünglich modern. Jeder Ton in seinen Dichtungen ist mir sympathisch, weil ich alles so empfinden muß wie er.
Ich habe nun in diesem Vortrage noch ausgeführt, was Wilhelm Jensen, Wilhelm Raabe, Richard Dehmel, Detlev von Liliencron innerhalb der modernen Welt bedeuten; ich habe die gegenwärtige Dramatik ( Max Halbe, Ernst von Wolzogen, Hermann Sudermann, Gerhart Hauptmann, Otto Erich Hartleben) charakterisiert. In einem kurzen Referat kann ich den Inhalt des Vortrages nicht wiedergeben, in den ich alles das gedrängt habe, was ich über meine Zeitgenossen zu sagen habe.
Ich habe mich in diesen Vorträgen bemüht, ein Bild zu geben von der Revolutionierung der Geister in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts. Wir feiern gegenwärtig das Jubiläum der Revolution. Aber wichtiger als die politische Revolution ist uns die rein geistige unserer Weltanschauung. Wir gehen in das neue Jahrhundert hinüber mit wesentlich anderen Gefühlen, als sie unsere im Christentum erzogenen Vorfahren hatten. Wir sind wirklich «neue Menschen» geworden, aber wir, die wir uns zur neuen Weltanschauung auch mit dem Herzen bekennen, wir sind eine kleine Gemeinde. Wir wollen Kämpfer sein für unser Evangelium, auf daß im kommenden Jahrhundert ein neues Geschlecht erstehe, das zu leben weiß, befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf das Jenseits.