Ludwig Jacobowski Ein Lebens- und Charakterbild des Dichters

Ein jäher Tod hat am 2. Dezember 1900 Ludwig Jacobowski aus einem arbeitsreichen und hoffnungsvollen Leben gerissen. Was mit ihm zu Grabe getragen worden ist, davon dürften nur diejenigen eine rechte Vorstellung haben, die ihm so nahestanden, daß er in den letzten Zeiten seines Lebens von seinen Ideen und Plänen mit ihnen sprach. Denn man mußte bei allem, was er geleistet hatte, stets einen Zusatz machen. Er machte ihn selbst. Er war nur mit sich zufrieden, wenn er große Aufgaben vor sich sah. Ein zweifacher Glaube beseelte ihn. Der eine bestand darin, daß das Leben nur lebenswert ist, wenn man seine Persönlichkeit in ihrer Leistungsfähigkeit rastlos steigert; der andere, daß der Mensch nicht bloß sich selbst gehört, sondern der Gemeinschaft, und daß nur der sein Dasein verdient, der den anderen so nützlich ist, wie er es nur sein kann. Unter dem Einflusse solcher Empfindungen erweiterte er die Kreise seiner Tätigkeit fortwährend. Es waren für ihn und für andere schöne Augenblicke, wenn er von dem sprach, was er vorhatte. Die Art, wie er sprach, erweckte immer den Glauben, er werde erreichen, was er wollte. Er schreckte vor keinen Hindernissen zurück. Nicht vor solchen, die in ihm lagen, und auch nicht vor denen, die ihm auf dem Wege begegneten. Menschen, die so viel an sich arbeiten, um sich zu ihren Aufgaben zu befähigen, gibt es wenige. Er hatte zum Grund seines Wesens das höchste Vertrauen. Aber er glaubte nie, daß es ihm leicht sein werde, diesen Grund aus sich herauszuarbeiten. Er durfte mit tiefster Befriedigung zurückblicken auf die Arbeit, die er getan hatte, um sich zu dem emporzuarbeiten, zu dem er geworden ist. Aber er hat diese Befriedigung wohl nie an sich, sondern nur deshalb empfunden, weil aus ihr das Gefühl entsprang, daß seine Arbeitskraft auch in der Zukunft jedem Hindernisse gewachsen sein werde. Über seinem Schreibtisch hing ein Zettel mit Kernsprüchen. Darauf standen auch die Goetheschen Sätze:

Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
So glaubst du dich schon Übermensch genug,
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
Wieviel bist du von andern unterschieden?
Erkenne dich, leb mit der Welt in Frieden!

Das Wesen seines Denkens und Fühlens ist in diesen Sätzen ausgesprochen. Das Leben als Pflicht aufzufassen, gehörte zum Innersten seiner Natur. Denn mit dieser Gesinnung lebte er von Kindheit an. Es ist, als ob er schon als Knabe die Empfindung gehabt hätte: scheue keine Arbeit an dir, denn du wirst einst als Mann viel von dir selbst fordern, und wehe, wenn du dich nicht widerstandsfähig gemacht hast!

Ludwig Jacobowski wurde am 21. Januar 1868 zu Strelno in der Provinz Posen als der dritte Sohn eines Kaufmanns geboren. In dem kleinen Kreisstädtchen, ein paar Meilen von der russischen Grenze entfernt, verlebte er seine ersten fünf Kinderjahre. Im April 1874 siedelten seine Eltern nach Berlin über. Der Knabe besuchte hier zunächst die Luthersche Knabenschule. Da war er ein fleißiger, strebsamer Schüler. Das blieb auch so, als er die Sexta der Louisenstädtischen Oberrealschule bezog..Von der Quinta ab wurde das anders. Der Fleiß hatte nachgelassen, und die Freude am Unterrichte war keine große. Er mußte wieder in die Luthersche Knabenschule zurückgebracht werden. Eine Augenoperation, die damals an ihm vorgenommen werden mußte, und der Umstand, daß er wegen eines Sprachfehlers eine Sprachschule besuchen mußte, sind auf die Grundstimmung des Knaben von tiefem Einflusse gewesen. Die Empfindung, daß er sein Inneres durch eine rauhe, spröde Oberfläche durcharbeiten müsse, fand in dieser Zeit reiche Nahrung. Solche Empfindungen haben ihm unzählige trübe Stunden bereitet. Ein Niederschlag dieser Stunden ist wohl nie aus seiner Seele gewichen. Aber stets stellte sich zu solchen Gefühlen der Gegenpol ein: du mußt deinen Willen stählen, du mußt aus dir heraus ersetzen, was dir das Schicksal versagt hat. Die Niedergeschlagenheit war bei ihm immer nur der Boden, aus dem seine schier unbegrenzte Energie hervorwuchs. Als er zwölf Jahre zählte, verlor er die Mutter. Das Schicksal sorgte dafür, daß sich sein Leben auf einem ernsten Untergrund erbaute. In seinem zwanzigsten Lebensjahre mußte er auch seinem Vater zum Grabe folgen; zwei Brüder sah er in der Blüte der Jahre dahinsterben. Sein zielsicherer Wille und sein Lebensmut wuchsen immer wieder aus den düsteren Erlebnissen heraus. Das Goethesche Wort «Über Gräber vorwärts» gehörte auch zu denen, die man auf dem Zettel über seinem Schreibtisch lesen konnte.

Eine völlige Umwandlung ging in dem Knaben vor sich, als er, etwa von seinem dreizehnten Jahre an, sich in die Schätze des deutschen Geisteslebens zu vertiefen begann. Für den idealistischen Zug seiner Seele ist es bezeichnend, daß er sich in dieser Zeit mit wahrer Inbrunst zu Schillers Schöpfungen hingezogen fühlte. So schuf er sich selbst die Gegenstände seines Interesses, die er in der Schule zunächst nicht hatte finden können. Als er dann wieder in die Louisenstädtische Oberrealschule zurückkehrte, reihte er sich den guten Schülern immer mehr ein. Er hatte nunmehr von sich aus den Weg gefunden, auf dem ihm die Außenwelt Verständnis abrang. In der obersten Klasse war er so weit, daß er auf Grund guter schriftlicher Arbeiten von dem mündlichen Abiturientenexamen dispensiert wurde. Er bestand dieses Examen am 30. September 1887.

Großen Einfluß hatte auf Ludwig Jacobowskis Entwickelung die Freundschaft mit einem Knaben, der als Obersekundaner starb. Das war ein begabter Knabe, der insbesondere für Mathematisches bedeutende Fähigkeiten entwickelte. Diese Freundschaft war ein gutes Gegengewicht gegenüber Jacobowskis mehr auf das rein Literarische gerichteten geistigen Interessen. Ein Verständnis für echte, ja exakte wissenschaftliche Strenge, die ihm dann für das Leben blieb, wurde damals in Jacobowski gepflanzt. Das bewirkte, daß er stets einen offenen Sinn hatte für die großen Errungenschaften der Naturforschung und deren weittragende Bedeutung für das ganze Denken und Fühlen der modernen Menschheit. In hingebender Treue dachte er denn auch sein ganzes späteres Leben hindurch des frühverstorbenen Jugendfreundes. «Dem setze ich noch einmal ein dichterisches Denkmal», waren die Worte, die ich von ihm hörte und die begleitet waren von einem unbeschreiblichen Blick der Dankbarkeit.

Wie weitgehend Ludwig Jacobowskis Interessen waren, das bezeugt der Gang seiner Universitätsstudien. Er war vom Oktober 1887 bis Oktober 1889 in Berlin, dann in Freiburg i. Br. bis Ostern 1890 inskribiert. Philosophische, historische und literaturgeschichtliche Vorlesungen besucht er zunächst. Bald erweitert sich der Kreis. Die Kulturgeschichte, die Psychologie und die Nationalökonomie treten hinzu. Man sieht, wie sich eine Hauptneigung immer mehr herausbildet. Er will die Entwickelung der menschlichen Phantasie verstehen. Alles wird um dieses Grundinteresses willen getrieben. Im Jahre 1891 erwirbt er sich den Doktor in Freiburg mit einer Abhandlung: «Klinger und Shakespeare, ein Beitrag zur Shakespeareomanie der Sturm- und Drangperiode.» Aus den Schlußsätzen geht klar hervor, welche Gestalt seine Vorstellungen angenommen haben. «Die Literaturgeschichte sollte mit Lob und Tadel endlich aufhören. Beides gehört einer romantischen Periode der Kritik an. Eine moderne Kritik — von der erste Spuren in Frankreich bei Sainte-Beuve, Taine u.a. zu entdecken sind — hat jenseits zu wohnen von «Gut und Schlechv, von «Lob und Tadel». Psychologisches Verständnis ist das einzige und erste, was die Kritik erreichen kann. Deshalb hat man Klingers Abhängigkeit von dem großen Briten, psychologisch zu begreifen, als etwas Naturnotwendiges aufzufassen. Und Urteile gegen Notwendigkeiten psychologischer Art sind entschieden überflüssig und falsch. Wenn daher Hettner sagt, Klinger habe in Shakespeare «den Freibrief für alles Seltsame und Absonderliche, für alles Rohe und Ungeschlachte gesehen», so ist dieses Urteil durchaus abzulehnen. Klinger hat in Shakespeare nur ein geniales Vorbild gesehen. Seine impressionable, empfängliche Natur, die unterstützt wurde durch ein ausgezeichnetes Gedächtnis, mußte eine große Anzahl Shakespearescher Motive in sich aufspeichern, verarbeiten und reproduzieren. In diesem psychologischen «Muß» liegt eine ästhetische Rechtfertigung seiner Abhängigkeit von Shakespeare.»

Auf die Gesetzmäßigkeiten in der Entwickelung des Menschengeistes war Jacobowskis Denken fortan gerichtet. Er trug auch die Überzeugung in sich, daß die Dichtung aus einer tief in die Menschenseele gelegten Notwendigkeit erwächst. Das zog ihn zum Studium der Volkspoesie hin. Überall hielt er bei den primitiven Kulturen der Urvölker und Wilden Umschau, um zu sehen, wie aus dem Vorstellungs- und Empfindungsleben des Menschen mit Notwendigkeit die Dichtung erwächst. Er hat sich aus solchen Studien heraus ein tiefes Verständnis dafür geholt, was wahrhaft den Namen Poesie verdient. Es gehört zu seinen Figentümlichkeiten, daß alsbald alles, was er sich wissenschaftlich erarbeitete, in sein Gefühl eindrang und ihm ein sicheres Urteil gab. Es war im höchsten Grade genußreich, ihm zuzuhören, wenn er an den geringsten Einzelheiten eines Gedichtes zeigte, inwiefern etwas wirklich poetisch ist oder nicht. Daß sich in der entwickeltsten Kunstdichtung die Kennzeichen wiederholen, die an der primitivsten Poesie wahrzunehmen sind, davon ging er aus. Damit soll aber durchaus nicht gesagt werden, daß Jacobowski bei seinem eigenen künstlerischen Schaffen oder auch nur in seinem ästhetischen Urteil von der Reflexion ausging. Die Erkenntnis vertrug sich bei ihm völlig mit der Ursprünglichkeit, ja Naivität des Schaffens und Empfindens.

In seinem einundzwanzigsten Lebensjahre konnte Ludwig Jacobowski bereits ein Bändchen Gedichte «Aus bewegten Stunden» erscheinen lassen (Pierson, Dresden und Leipzig 1889). Es ist der Niederschlag eines Jugendlebens, das reichlich mit Schmerzen und Entbehrungen gerungen, das zwischen trüben Stimmungen und frohen Hoffnungen hin und her getrieben worden ist. Ein großes Streben, ein Leben in schönen Idealen, das unsicher und ängstlich nach Form und Sprache ringt. Echte Jugenddichtungen, die aber aus einer ernsten Grundstimmung hervorbrechen. Eines fällt an diesen Gedichten auf, was tief charakteristisch ist für den Dichter. Er ist von den vorübergehenden Zeitströmungen seiner Umgebung fast ganz frei. Der Tag mit seinen Schlagworten, die herrschenden Richtungen der Literaturcliquen haben keinen Einfluß auf ihn. Wenn er es auch auf noch Jugendliche Art tut: er ringt mit Idealen, die höher sind als die seiner Zeitgenossen. Zu den Stürmern, die, auf nichts gestützt, von sich aus sogleich eine neue Epoche des Geisteslebens zählen, gehört er nicht.

Es waren schwere Zeiten, die der junge Mann vor und nach dem Abschluß seiner Universitätsstudien durchlebte. Er war damals auch in der Schuhwarenfabrik der Familie tätig. Zwischen geschäftlichen Verrichtungen lagen die Stunden, in denen er seine Verse schrieb, in denen er seinen Studien über die Entstehung und den Entwickelungsgang der Poesie oblag. Dennoch folgte auf seinen ersten Gedichtband nach einem Jahre ein zweiter, «Funken» (Pierson, Dresden 1890), und in demselben Jahre erschien eine prächtige Arbeit über «Die Anfänge der Poesie, Grundlegung zu einer realistischen Entwickelungsgeschichte der Poesie» (Dresden 1890). Die Arbeiten Gustav Theodor Fechners auf dem Gebiete der Ästhetik hatten auf Jacobowski einen tiefen Eindruck gemacht. In der «Vorschule der Ästhetik» dieses Denkers sah er ein grundlegendes Werk für alle zukünftigen ästhetischen Studien. Fechner hatte, nach seiner Meinung, diese Studien aus der Sphäre willkürlicher Vorstellungen auf den sicheren Boden der Wirklichkeit gestellt. Nicht aus der Spekulation heraus sollten die Gesetze des künstlerischen Schaffens gewonnen werden, sondern aus der naturwissenschaftlichen und psychologischen Betrachtung der Menschennatur müssen sie hergeleitet werden. In einem Aufsatz «Primitive Erzählungskunst» hat sich Jacobowski mit folgenden Sätzen über seine Anschauungen in dieser Beziehung ausgesprochen: «Erst in jüngster Zeit hat die Psychologie gelernt, sich bei wilden Stämmen und bei Kindern umzusehen. Hoffen wir, daß die Ästhetik und Poetik ihr folgen werden. Die Anfänge sind bereits gemacht, aber für die Erkenntnis der ästhetischen Funktionen des Kindes ist noch viel zu tun. Hoffen wir, daß die Zeit uns auch auf diesem Gebiete reife Früchte bringt. Dann erst wird es möglich sein, die gesamten Keime der Poesie klarzulegen, aus der der herrlichste Baum erwuchs, der im Paradies der Erde gewachsen ... Für eine Entwickelungsgeschichte der Poesie ist es stets von Wert, neben dem Studium der primitiven Völker auch die Erzeugnisse der kindlichen Seele aufmerksam zu verfolgen.» Von solchen Gesichtspunkten ausgehend, hat Jacobowski eine Reihe von Aufsätzen über Entwickelungsgeschichte der Poesie geschrieben. Es seien genannt: Märchen und Fabeln der Basuto-Neger. Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung, ii1. März 1896. Arabische Volkspoesie in Nordafrika. Beilage der Vossischen Zeitung, 10. März 1895. Geschichten und Lieder der Afrikaner. Magazin für Literatur, 1896, Nr. 30 und Münchener Allgemeine Zeitung, 24. Juli 1896, sowie Beilage der Vossischen Zeitung, ri.Oktober 1896. Das Weib in der Poesie der Hottentotten. Globus, Band 70, 1896, Nr. ir u. f. — Als dann Karl Büchers «Arbeit und Rhythmus» erschien, begrüßte Jacobowski in diesem Buche eine schöne Frucht desjenigen Standpunktes, den er selbst in der Entwickelungsgeschichte der Poesie zu dem seinigen gemacht hatte.

Alles, was Jacobowski auf diesem Gebiete unternahm, sah er als Vorarbeit zu einem großen Werke über eine realistische Entwickelungsgeschichte der Poesie an. Unermüdlich war er im Zusammentragen von Material für diese Arbeit. Eingehend beschäftigte er sich mit kulturgeschichtlichen Studien, aus denen ihm die Genesis des poetischen Schaffens vor Augen treten sollte. Er war namentlich mit den kulturgeschichtlichen Forschungen der Engländer gründlich vertraut. Eine Fülle von Aufzeichnungen über das Leben primitiver Menschen hat er hinterlassen. In solchen Arbeiten entwickelte er einen unvergleichlichen Fleiß, und in der Verarbeitung des Stoffes zeichnete ihn ein umfassender Sinn und ein treffsicheres Urteil aus. Die Freunde, die er im Beginne der neunziger Jahre hatte, waren der Ansicht, daß auf diesem Gebiete seine eigentliche Begabung liege und daß er als Gelehrter einstmals Großes leisten werde. — Er selbst verfolgte mit hingebender Liebe und Ausdauer diese Dinge, in der Absicht, ein grundlegendes Werk über «Entwicklungsgeschichte der Poesie» dereinst zu versuchen. Den Mittelpunkt seines Schaffens bildete aber diese gelehrte Tätigkeit zunächst nicht.

In diesem Mittelpunkte standen seine eigenen dichterischen Leistungen. Um ihretwillen wollte er in erster Linie leben. Daß er im Kerne seines Wesens ein Dichter war, daran zweifelte er wohl keinen Augenblick. Ob dieser Kern durch eine harte Schale durchdringen werde, das mag ihm aber wohl oft als eine bange Frage an sich selbst vor die Seele getreten sein.

Zwischen zwei Extremen wurde Jacobowskis Seele hin und her bewegt. Ein starker, unbeugsamer Wille war in ihm neben einem weichen, sensitiven Gemüt, in dem die Vorgänge der Außenwelt, mit denen er in Berührung kam, scharfe Spuren hinterließen. Und es war ihm Lebensbedürfnis, im vornehmsten Sinne des Wortes, den Wert seiner Persönlichkeit zu fühlen. Alles, was ihm in dieser Richtung störend in den Weg trat, versetzte ihn in die tiefste Verstimmung. Man denke sich ihn mit einer solchen Gemütsanlage in den neunziger Jahren inmitten der brutalen Außerungen eines für feinere Naturen einfach unverständlichen Antisemitismus. Und man denke sich seine idealistische Denkweise in einer Zeit, in der er Strebertum, rohen Kampf um niedere Güter, frivoles Spiel mit heiligen Gefühlen Tag für Tag frecher überhandnehmen sah. Welche Stimmungen durch den Anblick solchen Treibens in ihm aufgerüttelt wurden, davon erzählt mit kräftigen Worten sein Erstlingsroman «Werther, der Jude», der 1892 erschienen ist (Pierson, Dresden). Er hat ihn in Entbehrungen und wahren Seelenqualen geschrieben.

Unter den ethischen Anschauungen des Vaters und unter den Vorurteilen, die sich gegen den jungen Juden richten, leidet Wolff. Die Geldspekulationen des Vaters bringen den Lehrer des Sohnes, an dem dieser mit wahrer Verehrung hängt, um sein Vermögen. Die Leidenschaft, die Wolff zu der Frau dieses Lehrers faßt, macht den jungen Mann zum Betrüger an dem väterlichen Freunde. Dabei zerstört ihm dieselbe Leidenschaft zugleich sein schönes Liebesband zu einem Kinde aus dem Volke, das in freiwilligem Tod Erlösung sucht von den Qualen, die ihm die Neigung zu dem Studenten gebracht hat. Die Willenskraft des jungen Mannes ist nicht stark genug, um ihm einen Weg zu weisen durch die Kontraste, in die ihn das Leben wirft, und durch die Wirrnisse, in die ihn seine eigenen Leidenschaften versetzten. Sein humaner Sinn entfremdet ihn den Menschen, an die ihn die natürlichen Lebensbande knüpfen. Gleichzeitig lasten diese Bande schwer auf ihm. Die Welt stößt ihn zurück wegen seiner Zugehörigkeit zu Menschen, deren Fehler er selbst tief verabscheut. — In diesem Einzelschicksal läßt Jacobowski das Schicksal des modernen Juden sich spiegeln. Mit Herz_ blut ist der Roman geschrieben. Es ist eine Psychologie darin, deren Studienobjekt die eigene blutende Seele war. Man mag dem Roman vorwerfen, daß ihn ein junger Mann geschrieben hat, der nicht Ruhe und Zeit zur objektiven Seelenbeobachtung gefunden hat, weil die Erlebnisse der eigenen Seele noch zu sehr danach streben, einen Ausdruck zu finden. Man mag auch sagen, das künstlerische Kompositionstalent Jacobowskis war damals noch nicht groß. Eines wird man zugestehen müssen: man hat es mit dem Dokument einer Menschenseele zu tun, deren tragische Grundtöne zu jedem Herzen sprechen müssen, das nicht verhärtet ist gegen die Leiden eines idealistisch gestimmten Gemütes. Ein solches Herz wird für alle Fehler der Erzählung entschädigt durch die tiefe Wahrheit, mit der sich eine Persönlichkeit nach einer Seite ihres Wesens rückhaltlos ausspricht. — Wer Jacobowski nahegestanden hat, kennt diese Seite seines Wesens. Es war diejenige, gegen welche die Energie seines Willens immer wieder ankämpfen mußte. Man darf bei ihm von einer hochgesteigerten Empfindlichkeit sprechen gegenüber allem, was wider die berechtigten Ansprüche seiner Persönlichkeit auf volle Achtung und Geltung bei der Mitwelt gerichtet war. Und daneben lebte in ihm ein seltenes Bedürfnis nach Anteilnahme an allem, was lebenswert ist. Seine Hingabe an Personen, sein Aufgehen in der Außenwelt flößten ihm eine fortwährende Furcht ein, er könne sich verlieren. Jacobowski ist nicht Werther. Aber das Wertherschicksal ist ein solches, gegen das sich Jacobowski in sich selbst fortwährend schützen mußte. Es stand ihm damals, als er den «Werther» schrieb, wohl klar die Möglichkeit vor Augen, ein Werther zu werden. Deshalb ist der Roman eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

Wer so viel in ein Werk gelegt hat wie Jacobowski in seinen «Werther», dem kann es wohl nicht gleichgültig sein, wenn er auf eine taube Mitwelt stößt. Nichts war zu bemerken von einer Anerkennung des ohne Zweifel ehrlichen Wollens und der ebenso zweifellosen Begabung. Man kann den Druck, den diese Erfolglosigkeit auf den jungen Dichter ausübte, ihm nachfühlen. Er gestand es später, wenn er von diesen Tagen sprach, ehrlich zu, wie er unter dieser Erfolglosigkeit gelitten hat. Zu den unbescheidenen Naturen, denen gar keine Zweifel aufstoßen an der eigenen Begabung, gehörte er eben nicht. Eine aufmunternde Anerkennung wäre ihm in dieser Zeit sehr wertvoll gewesen. Man darf die Tatsache, daß nunmehr kurze Zeit sein dichterisches Schaffen zurücktrat hinter einer starken Beschäftigung mit politischen Fragen, dem Umstande zuschreiben, daß ihm eine solche Anerkennung fehlte. Sein Anteil an politischen Fragen war aber kein solcher, der sich in den Interessen des Tages verliert. Das Politische wurde von ihm stets in Verbindung mit der Kulturentwickelung betrachtet. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts war nur zu geeignet, scharfen Köpfen mit weitem Horizont die mannigfaltigsten Fragen vorzulegen. Die Aufhebung des Sozialistengesetzes hat die soziale Bewegung in ihrer kulturellen Bedeutung auch äußerlich zur machtvollen Erscheinung werden lassen. Die alten Parteien waren in sich zerfallen, ihre Ideen, ihre Schwungkraft erwiesen sich der immer fortschreitenden Entwickelung nicht mehr gewachsen. Alte, reaktionäre Mächte glaubten ihre Zeit neuerdings gekommen. Schlagworte und dunkle Instinkte fingen an, auf breitere Massen eine Wirkung auszuüben, die man ihnen seit langem nicht mehr zugetraut hätte. Von einem dieser dunklen Instinkte, dem antisemitischen, wurde Jacobowskis Aufmerksamkeit besonders erregt. Er verletzte ihn tief in seinen persönlichsten Empfindungen. Nicht etwa deshalb, weil er mit diesen Empfindungen an dem Judentume hing. Das war durchaus nicht der Fall. Jacobowski gehörte vielmehr zu denen, die mit ihrer inneren Entwickelung längst über das Judentum hinausgewachsen waren. Er gehörte aber auch zu denen, die in tragischer Weise fühlen mußten, welche Zweifel man einem solchen Hinauswachsen aus blinden Vorurteilen heraus entgegenbrachte.

Diese blinden Vorurteile waren aber nur eine Teilerscheinung. Sie gehörten der mächtigen Strömung an, zu der sich eine Summe von reaktionären Ideen immer mehr herausgestaltete. Man glaubte, dieser Strömung eine ideale Grundlage zu schaffen, wenn man die herrschenden Weltanschauungen von neuem mit christlichen Ideen durchdrang. Das Schlagwort «Praktisches Christentum» beherrschte die Köpfe. Und der Gedanke, daß der Staat auf christlichen Grundfesten erbaut werden müsse, schien weithin eine mächtige Anziehungskraft zu üben. — Das veranlaßte Jacobowski, sich mit solchen Anschauungen auseinanderzusetzen. Seine umfangreiche «Studie» über den «Christlichen Staat und seine Zukunft» (Berlin 1894, Verlag von Carl Duncker) ist ein Ergebnis dieser Auseinandersetzungen. Die Beschäftigung mit kulturhistorischen Problemen gab der «Studie» eine gediegene Unterlage. Er untersucht sorgfältig den Einfluß der Kirche auf die Staaten. Er läßt die Geschichte ihr bedeutsames Urteil darüber sprechen, inwiefern die Kirche in den Entwickelungsgang der abendländischen Menschheit eingegriffen hat. Und um die sittlichen Grundlagen des Staates zu erkennen, beschäftigt er sich mit den Wandlungen der sittlichen Vorstellungen verschiedener Völker. Das Ergebnis, zu dem er kommt, wird von Einsichtigen sich kaum bezweifeln lassen: «Das Ende des christlichen Staates ist für die einsichtigen Parteien Deutschlands eine Tatsache, gegen welche dessen berufene Vertreterin, die konservative Partei, vergebens Sturm laufen wird. Die zwingende Logik der Geschichte war bisher immer stärker als die beschränkten Einzelwünsche und Sonderinteressen politischer Parteien. Und so ist es Tatsache, daß der christliche Staat in allen europäischen Staaten immer mehr und mehr zerbröckelt.» Im zweiten Teile der «Studie» verfolgt Jacobowski die in der Gegenwart liegenden Ansätze zu neuen Grundlagen der gesellschaftlichen Ordnung: den nationalen, den ethischen Staat, die freie christliche Gemeinschaft, die freie ethische Gemeinschaft. Eine anregende Untersuchung stellt er an über die Lebensfähigkeit der verschiedenen jungen Zukunftsideale. — Ein wirkliches Resultat kann eine solche Auseinandersetzung wegen der Jugend dieser Ideale nicht liefern. «Niemand weiß, wer den «christlichen Staat» ersetzen, niemand, ob diese Ablösung unter friedlichen Bedingungen vor sich gehen wird.» Für Jacobowski selbst aber hatte die Studie eine große Bedeutung. Er hatte durch sie erlangt, ohne was er, seiner ganzen Anlage nach, nicht hätte leben können: er hatte sich das Verständnis der Mitwelt angeeignet.

Der Kampf mit der Umwelt ist auch das Problem, das er im Jahre 1894 zum Gegenstande einer dramatischen Arbeit macht. Er schreibt in kurzer Zeit, von April bis Juni des genannten Jahres, «Diyab, der Narr, Komödie in drei Akten». Wie der «Werther» die eine Seite in Jacobowskis Wesen, seine Gefühlswelt, darstellt, so der «Diyab» seine gegen alle Strömungen sich immer wieder behauptende Willenskraft. Beim «Werther» liegt die mehr oder weniger unbewußte Empfindung zugrunde: gegen diese Äußerungen in meiner Natur habe ich mich zu wehren; beim «Diyab» dürfte in ebensolcher Weise das Gefühl sprechen: so muß ich zur Außenwelt stehen, wenn ich meinen Weg machen will. — Der Sohn des Scheikhs, Diyab, ist von einer weißen Mutter geboren und wird deshalb als ein Ausgestoßener betrachtet. Der Hohn der ganzen Umgebung verfolgt ihn. Er rettet sich vor diesem Spotte, indem er sich in die Einsamkeit seines Innern flüchtet und sich dadurch über allen Spott der Mitwelt erhebt. Er wird denen überlegen, die ihn verspotten. Sie wissen nichts von seinem innersten Selbst. Er verbirgt ihnen das und spielt den Narren. Sie mögen ihn in dieser Maske verhöhnen. Sein eigenes Selbst aber wächst draußen in der Einsamkeit, wo die Palmen sind. Da liegt er zwischen den Bäumen des Waldes, nur sich lebend und seinen Plänen. Er pflegt seine Kräfte bis zu einer Stärke, die ihn später zum Retter seines Stammes macht. Die ihn früher verspottet haben, schrecken dann vor der Feindesmacht zurück, und er, der Ausgestoßene, überwindet diese. Der Willensstarke setzte die Maske des Narren nur auf, um unerkannt von den anderen sich zum Schmied seines Glückes machen zu können. Hinter der Narrenmaske reift die Persönlichkeit heran, die Rache nimmt für die Behandlung, die ihr und ihrer Mutter zuteil geworden ist, die Persönlichkeit, die sich durch Kühnheit und Kraft den Thron des Scheikhs und die Geliebte erobert.

Nicht wie «Werther» mit blutendem, dafür aber mit hochklopfendem Herzen ist «Diyab» geschrieben. Er ist in der Zeit entstanden, in welcher Jacobowski sich erst völlig selbst fand. Eine innere Sicherheit bricht sich durch, die ihn vor Verstimmungen, wie sie nach dem geringen äußeren Erfolg seines «Werther» eintraten, bewahrt. — Man darf von dieser Zeit an eine neue Periode in Jacobowskis Streben ansetzen. Auch in seiner Lebensführung tritt eine Änderung ein. Es erfolgt die Loslösung von einem Freunde, einem Lyriker, der sogleich bei seinem Auftreten viel Erfolg hatte. Zweifellos hat Jacobowski dieser Freundschaft viel verdankt. Die Kritik, die allen seinen Leistungen von dieser Seite entgegengebracht worden ist, war ein fortwährender Ansporn zur Selbstzucht. Er gedachte immer nur in Dankbarkeit dieser Jugendfreundschaft. Aber sie mußte aufhören, wenn Jacobowski sich vollends selbst finden wollte. Das Gefühl, daß er geistige Einsamkeit, völliges Angewiesensein auf sich selbst brauche, hat auf seiten Jacobowskis die Entfremdung von dem Freunde herbeigeführt.

Eine Art Abschluß seiner ersten Schaffensperiode bildet die Gedichtsammlung «Aus Tag und Traum» (Verlag S. Calvary, Berlin 1895). Ein treues Spiegelbild aller der Kämpfe seines dritten Lebensjahrzehntes sind die drei lyrischen Sammlungen Jacobowskis. Das Streben nach Schlichtheit, nach Volkstümlichkeit in der Kunstform ist ein Grundzug seiner Dichtungen. Ein echter Idealismus lebt sich in Stimmungsbildern aus, die Anschaulichkeit und Plastik suchen. Eine gewisse symbolische Vorstellungsweise dringt vielfach durch. Vorgänge der eigenen Seele werden durch Ereignisse der Natur versinnlicht. Während in den ersten Jugendgedichten das Gedankliche noch überwiegt, tritt später eine volle Wirklichkeitsanschauung immer mehr in den Vordergrund. Zunächst ist es das eigene Innere, das den Dichter beschäftigt:

Aus des Tages Lust und Schmerzen
Webt das All ein Schlummerlied,
Das in müde Menschenherzen,
Süßen Frieden bringend, zieht,
Wenn die Seele nimmer nahet
Sich der Wahrheit Götterbild
Nachtumhüllt.

Nachher ringt sich unser Dichter durch zur Gestaltung der Außenwelt. Er bringt die Natur zum Sprechen. Er personifiziert die Wirklichkeit. Er hält mit ihr Zwiesprache. Ineinander schlingen sich die Geheimnisse des Naturwirkens und die eigene Empfindungswelt. Aus solchem Ineinanderwirken stammen Dichtungen wie die zarten «Waldesträume» in «Aus Tag und Traum»:

Die Sonne breitet ihren Segen
Wie einen gold’nen Teppich aus.
Waldmeister duftet in den Wegen,
Und Rotdorn streut die Blüten aus.
Nur Sonnenglanz und Himmelsbläue
Durchflirrt das kühle Blätterdach.
er Wanderfalk mit hellem Schreie
Hält mich auf weichem Moose wach.
Nun er verstummt ist in der Schwüle,
Träum’ ich verschlafen vor mich hin
Und träume, daß im duft’gen Pfühle
Ich selber Halm und Blüte bin...

Tief gegründet in Jacobowskis Wesen war stets ein fester Glaube an die Harmonie des All, an eine Sonne in dem Ablauf jedes Menschenschicksals. Über manches Trübe in seinen persönlichen Geschicken hat ihm wohl nur dieser Glaube im Mittelpunkte seiner Seele hinweggeholfen. Er litt schwer an diesen persönlichen Erlebnissen, aber in seiner Lebensauffassung war etwas, was doch immer wieder wie Licht wirkte. Er hätte sich nicht so schätzen können, wie er es wollte, wenn er in sich nicht die Kraft gefühlt hätte, selbst Licht in sein Dunkel zu bringen. So stählt er denn diese Kraft, so arbeitet er unablässig an sich selbst. Und dieses Arbeiten gebiert ihm stets neue Hoffnungen, hebt ihn hinweg über Stimmungen, wie sich eine ausspricht in dem ergreifenden «Warum?» in «Aus Tag und Traum»:

... Als ich zum ersten Sommertag erwacht,
Da harrte draußen schon die finstre Nacht.
Sah ich zum goldenen Sonnenlicht empor,
Schob grau die Regenwolke sich davor;
Und streckt’ ich jauchzend meine Kinderhand
Zum Rosenstrauch, der ganz in Blüten stand,
Da wehrten Dornen meinen Übermut,
Und aus der Freude rann das rote Blut...

Tief in des Dichters Seele weist der schwermütige Zyklus «Martha» in «Aus Tag und Traum». Er umschließt einen elegischen Grundton, der bis zu Jacobowskis Tode in seinem Herzen nachzitterte. Ein jäher Tod hatte ihm 1891 die Jugendgeliebte entrissen. Die Erinnerung an sie gehörte fortan zu den Vorstellungen, zu denen er immer wieder zurückkehrte. Die Abgeschiedene lebte in seinem Herzen auf die zarteste Weise fort. In Weihestunden trüber und freudiger Art war sie ihm wie eine Gegenwärtige. Es war eine fortwirkende Treue ganz eigener Art, die er ihr bewahrte. Wenn er von ihr sprach, veränderte sich seine Stimme. Man hatte das Gefühl, als ob er ihre Gegenwart spüre. Man war dann nicht mit ihm allein. Das machte alle Dichtungen, die sich auf die Jugendgeliebte beziehen, zu so innigen.

Seine Beschäftigung mit politischen Fragen hatte Jacobowski eine Stellung bei einem Blatte und in einer Vereinigung eingebracht, die materielle Sorgen in den letzten Jahren seines kurzen Lebens fernhielt. Die mit ihm zu tun hatten, konnten seinen Pflichteifer und seine Arbeitskraft innerhalb dieser Stellung immer nur rühmen. Wenn man bedenkt, daß die Beschäftigung in dieser Stellung ihn täglich wieder von neuem herausriß aus seinen literarischen Arbeiten, dann kann man nicht genug staunen über die Summe dessen, was er trotzdem auf literarischem Gebiete geleistet hat. Die Zahl der novellistischen Skizzen, die er geschrieben hat, ist eine große, und seine Betätigung als Kritiker war eine ausgebreitete. Charakteristisch für ihn ist die Stellung, die er seinen kürzeren novellistischen Arbeiten gegenüber einnahm. Er verfaßte solche Skizzen in größerer Zahl in der Mitte der neunziger Jahre. Er sah sie an als Arbeiten, an denen er seinen Stil als Erzähler heranbildete. In dem Augenblicke, wo er so weit war, daß er sich größere Arbeiten vornehmen durfte, verlor die Arbeit an solchen Skizzen für ihn ihren Reiz.

Als Kritiker zeichnet Jacobowski in hervorragendem Maße die Gabe aus, sich in fremde Leistungen ganz einzuleben, den Kern einer fremden Persönlichkeit aus deren Schöpfungen sofort herauszufühlen. Alles Doktrinäre liegt ihm als Kritiker fern. Seine Urteile entstammen stets einem frischen, ursprünglichen Gefühle. Man sieht es ihnen überall an, daß er mit ganzem Anteil bei der Sache ist, über die er spricht. Letzten Endes will er überhaupt nicht richten, sondern nur verstehen. Seine Freude ist nicht das Verdammen, sondern das Anerkennen. Man liest mit besonderem Genusse die Ausführungen, in denen er mit der ihm eigenen Wärme seine zustimmenden Urteile begründet. — Wer Jacobowskis Tätigkeit als Kritiker aufmerksam verfolgen wollte, würde sehen, wie dieser Mann das geistige Leben seiner Zeit intensiv mitlebte, wie er seine Interessenkreise nach allen Seiten zog.

In Jacobowskis Nachlaß hat sich eine Sammlung von Skizzen gefunden, deren Ausgabe in Buchform er 1898 vorbereitete. Sie sollten den Titel tragen: «Stumme Welt. Symbole». Die Sammlung ist bezeichnend für seine Vorstellungsart und sein ganzes inneres Leben in dieser Zeit. Wenn man die Skizzen durchliest, hat man die Empfindung: Jacobowski war berufen zum Dichter der modernen naturalistischen Weltanschauung. Die neue Naturerkenntnis scheint zunächst etwas Unpoetisches, Nüchternes zu haben. Ihr Eindringen in die rein natürlichen Vorgänge, ihr Bekenntnis zur bloßen, ungeschminkten Wirklichkeit scheint die dichterische Phantasie zu verscheuchen. Jacobowskis «Stumme Welt» beweist das Gegenteil. Er hatte’sich völlig in das naturwissenschaftliche Bekenntnis eingelebt. Er war durchdrungen von der Größe der Anschauung, die aus der Vertiefung in die ewigen, ehernen Gesetze des Alls hervorsprießt. Darwinismus und Entwickelungslehre waren ihm liebe Gedankenktreise. Es ist wahr, sie zerreißen den Schleier, der ehedem die Natur umhüllt hat. Aber was hinter diesem Schleier hervordringt, ist für den, der zu sehen vermag, nicht so bar der Poesie, wie urkonservativ gestimmte Menschen behaupten wollen. Die wunderbaren Gesetze des Stoffes und der Kräfte gebären poetische Vorstellungen, die an Großartigkeit nichts nachgeben den aus der Menschenseele in die Natur versetzten Bildern früherer Vorstellungswelten. Der moderne Mensch will die Natur nicht mehr auf menschliche Art sprechen lassen. Die ganze mythische Geisterwelt schweigt, wenn das an dem Naturalismus erzogene Ohr auf die Erscheinungen der Natur hinhorcht. Der ewige Kreislauf des Stoffes und der Kräfte scheint eine «stumme Welt» zu sein. Wer aber diese «stumme Welt» zum Sprechen zu bringen versteht, der kann ganz neue, herrliche Geheimnisse erlauschen, Mysterien der Natur, deren harmonische Musik übertönt würde von den einstigen lauten Stimmen anthropomorphistischer Weltanschauungen. Diese Musik der «stummen Welt» wollte Jacobowski in seiner Skizzensammlung zur Darstellung bringen.

Die neue Naturanschauung beruft sich mit Recht auf Goethe als den Stammvater ihrer Ideen. Und wer in Goethes naturwissenschaftliche Schriften sich vertieft, für den werden die Erscheinungen der Welt Buchstaben, aus denen er den Plan des Kosmos in einer neuen Weise lesen und verstehen lernt. Goethe wird von vielen viel zu oberflächlich gelesen. Jacobowski gehörte zu den wenigen, die Goethe gegenüber einen rechten Standort zu gewinnen suchen. Mit einer heiligen Scheu behandelte er alles, was sich auf Goethe bezieht. Er wußte, daß man wächst, wenn man sich den Glauben bewahrt, daß man an Goethe immer Neues lernen könne. Er vertiefte sich früh in die Naturanschauung Goethes. Aber noch in den letzten Tagen seines Lebens konnte man ihn sagen hören: jetzt fange ich an, Goethe zu verstehen. Er sah ein, wie Goethe Führer sein kann, wenn es sich darum handelt, die «stumme Welt» zum Sprechen zu bringen. Er hat das Bändchen dann nicht erscheinen lassen. Aus der Grundvorstellung, die die Skizzen zusammenhält, erstanden neue Ansätze. Eine kosmische Dichtung sollte daraus erwachsen. Er wollte seinen Geist ausreifen lassen, um die scheinbar entgötterte Welt mit neuem Leben zu durchdringen, um neue Mysterien aus den kosmischen Vorgängen hervorzuzaubern. «Erde» sollte das Epos von dem geheimnisvolloffenbaren Walten der ewigen Naturkräfte heißen. Es steht dem Herausgeber des Nachlasses nicht zu, ein Urteil über die als «Stumme Welt» (2. Band des Nachlasses) zu veröffentlichenden keimartigen Skizzen eines umfassenden Gedankens zu fällen. Nur die Absichten des Dichters mitzuteilen, betrachtete ich als meine Aufgabe.

Es scheint, daß Jacobowski zunächst seinen Dichterberuf in der Entwickelung seiner Phantasie nach der Richtung hin sah, die er in der «Stummen Welt» eingeschlagen hatte. Darin ist wohl auch der Grund zu suchen, warum er das Gebiet des Dramatischen, das er im «Diyab» so verheißungsvoll betreten hatte, vorläufig nicht als ein solches betrachtete, auf dem seine Eigenart voll zur Geltung kommen könne. Gewiß hat auch er wie andere daran gedacht, letzten Endes seine künstlerischen Absichten in dramatischen Gestalten ausleben zu lassen. Seine strenge Selbstkritik forderte von ihm aber Zurückhaltung auf jedem Gebiete bis zu dem Augenblicke, in dem er sich zu dem nach seinem Ideale Höchsten in der betreffenden Sphäre gewachsen fühlte. Er hat im Jahre 1896 ein Drama in vier Akten vollendet: «Heimkehr». Das spielt in der Zeit der Nachwehen des Dreißigjährigen Krieges in Mitteldeutschland. Ein Zeitgemälde im großen Stile ist beabsichtigt. Der Dichter hat nach der Beendigung des Werkes die verschiedensten Urteile von denen gehört, denen er es mitgeteilt hat. Von heller, rückhaltloser Begeisterung bis zum völligen Absprechen sind diese Urteile auseinandergegangen. Jacobowski ließ das Drama zunächst in seinem Pulte liegen. Er wartete ab, was er selbst in einem späteren Punkte seiner Entwickelung dazu sagen würde. In den Monaten vor seinem 'Tode wurde ihm das Werk wieder wert. Er hätte es wohl noch umgearbeitet. Da ihm das nicht mehr beschieden war, muß es in der ursprünglichen Gestalt einen Teil seines Nachlasses bilden. Man lernt den Dichter zu einer gewissen Zeit seines Lebens daraus kennen. Von diesem Gesichtspunkte wird man es beurteilen müssen.

Die Erzählungen «Anne-Marie, ein Berliner Idyli» (S. Schottländer, Breslau 1896) und «Der kluge Scheikh, ein Sittenbild» (S. Schottländer, Breslau 1897) gehören einer Übergangsstufe in der Entwickelung Jacobowskis an. Sie zeigen ihn in seinem Streben nach Plastik, nach Anschaulichkeit der Gestalten. Es ist, wenn man sie liest, als ob man die Resignation spürte, die er sich dabei auferlegt hat. Seine größeren Ideen lebten schon damals in seiner Seele. Um ihnen Gestalt zu geben, um sich bei ihnen nicht ins Schemenhafte zu verlieren, mußte er seinem epischen Stile Saft und Kraft geben. Er tat es an mehr oder minder anspruchslosen Erzählungen.

Das Symbolisierende seiner Kunst tritt dann deutlich zutage in der Sammlung von Erzählungen «Satan lachte, und andere Geschichten» (Franz Wunder, Berlin 1897). Man braucht sich nur den Grundgedanken der ersten Erzählung, die dem Ganzen den Namen gegeben hat, vorzuhalten, und man vergegenwärtigt sich, was den Grundzug hier ausmacht. Gott hat dem Teufel die Herrschaft über die Erde genommen, indem er den Menschen geschaffen hat. Der Teufel sichert sich doch seinen Einfluß dadurch, daß er sich des Weibes bemächtigt. In wenigen charakteristischen Strichen werden die dämonischen Mächte des Geschlechtslebens symbolisch hingezeichnet.

Im Jahre 1899 trat nun der Dichter mit dem Kunstwerk auf, das ganz von diesem symbolisierenden Grundzug getragen ist, mit seinem «Roman eines Gottes: Loki» (J. C.C. Bruns’ Verlag, Minden in Westf.). Man darf sagen, daß die verschiedenen Neigungen Jacobowskis bei der Schöpfung dieses Werkes wie Zweigflüsse zu einem großen Strome zusammenfließen. Sein Drang, die Volksphantasie zu belauschen und ihr leises Weben zu verstehen, führte ihn dazu, die äußere Handlung von den Gestalten und Vorgängen der germanischen Mythologie herzunehmen. Die Beobachtung des sozialen Lebens veranlaßte ihn, Loki, den «enterbten Gott», den Revolutionär der Götterwelt, in den Mittelpunkt zu stellen. Die Psychologie des Menschen, der sich nur durch die Kraft seines Innern, durch seinen starken Willen seine Geltung verschafft, und zwar gegen Widerwärtigkeiten von allen Seiten, legte Jacobowski die Loki-Figur besonders nahe. Werther und Diyab in einer Person, doch mehr Diyab ist Loki. Er ist dies, wie Jacobowski selbst Diyab sein wollte.

Kein wirklicher Vorgang, auch wenn er in idealistischer Kunstform gegeben wäre, hätte zum Ausdrucke bringen können, was der Dichter hat sagen wollen. Die ewigen Kämpfe der menschlichen Seele stehen ihm vor Augen. Die Kämpfe, die sich in den tiefsten Gründen des Gemütes abspielen. Ort und Zeit, alle begleitenden Erscheinungen sind hier fast gleichgültig. Die Handlung muß in eine höhere Sphäre gehoben werden. Mögen die einzelnen Ereignisse, die das Leben dem Menschen bringt, diesen oder jenen tragischen oder freudigen Ausgang nehmen: sie tragen alle das Gepräge eines ewigen Kampfes. «Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich, der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.» Dies ist ein berühmter Ausspruch Ludwig Feuerbachs. Man könnte ihn erweitern und sagen: Wenn der Mensch die tiefsten Vorgänge seines Innern darstellen will, dann muß er das Seelenleben in Götterleben umwandeln; die Urkämpfe in der Tiefe der Brust verkörpern sich zu Götterkämpfen. Weil Jacobowski solche Urkämpfe darstellen wollte, deshalb wurde sein Roman derjenige eines Gottes. Zwischen den zwei Seelen, die in jeder Brust wohnen, spielen sich diese Urkämpfe ab, zwischen der Seele, die Güte, Liebe, Geduld, Freundlichkeit und Schönheit aus sich entspringen läßt, und zwischen der anderen, von der Haß, Feindschaft, Jähzorn kommen. Balder und Loki stehen sich in unaufhörlichem Kriege in jedem Menschengemüte gegenüber. Hamerling hat den Gedanken, der schildert, was in ihm lebte, als er seinen «Ahasver» schrieb, so ausgesprochen: «Übergreifend, überragend, geheimnisvoll spornend und treibend, die Krisen beschleunigend, als die Verkörperung des ausgleichenden allgemeinen Lebens hinter den strebenden und ringenden Individuen stehend so dachte ich mir die Gestalt des Ahasver». Daß er sich seinen «Loki» so «übergreifend», so «überragend», so «als die Verkörperung des ausgleichenden allgemeinen Lebens hinter den strebenden und ringenden Individuen stehend» gedacht hat, das hat Jacobowski in seinen Gesprächen oft betont.

Am offenbarsten werden des Dichters Absichten durch einen Zug in Lokis Wesen. Jacobowski hat im Gespräche immer versichert, daß man ihn erst voll verstehe, wenn man diesen Zug im Wesen seines Götterhelden zu deuten wisse. Loki, der fern von Walhall geborene Gott, das Kind der Göttersünde, das unter Schmerzen und Entbehrungen heranwächst, das nicht seine Mutter und auch nicht seinen Vater kennt: er hat vor allen anderen Göttern etwas voraus. Ihnen eignet Glück und ewige Freude. Ihm Schmerz und Qual. Er aber hat vor ihnen die Gabe der Weisheit voraus. Er kennt die Zukunft der anderen Götter, die ihnen selbst verborgen ist. Sie leben, aber sie kümmern sich nicht um die Triebkräfte, von denen ihr Leben abhängt. Sie wissen nicht, wohin sie diese Triebkräfte steuern. Nicht das Glück öffnet das geistige Auge, nicht die Freude macht hellsehend, sondern der Schmerz. Deshalb sieht Loki in die Zukunft. Aber eines weiß Loki nicht. Er muß Balder, den Gott der Liebe, hassen. Davon kennt er nicht den Grund. Denn darin ist sein eigenes Schicksal eingeschlossen. Das bleibt auch ihm verborgen. Hier liegt der Zug, an dem die geheimsten Absichten Jacobowskis offenbar werden. Vor der Frage: warum muß der wissende Loki den unwissenden, aber liebeerfüllten Balder hassen, vor ihr endet Lokis Weisheit. Damit ist aber auf das Schicksal des Wissens hingedeutet. Es ist sich selbst das größte Rätsel.

Nicht eine Inhaltsangabe oder gar ein Urteil soll hier über «Loki» gegeben werden. Lediglich des Dichters Absichten sollen erzählt werden, wie er sie im Gespräch über das ihm so sehr liebe Werk gern mitgeteilt hat. Er fühlte, daß er mit dem «Loki» auf seinem Entwickelungswege einen gewaltigen Ruck vorwärts gemacht hatte. Er hatte sich zu dem Glauben durchgerungen, daß die bejahenden Kräfte in seinem Innern siegen werden. Klarheit über alles Verneinende im Menschenschicksal war es vor allen Dingen, was er gesucht hat, und was er durch seine «Loki»-Dichtung bei sich selbst erreicht hatte. Schönheit, Güte, Liebe sind das Vollkommene in der Welt. Aber das Vollkommene bedarf der zerstörenden Kräfte, wenn es selbst seine volle Aufgabe erfüllen will. Loki ist der ewige Vernichter, der notwendig ist, damit die guten Elemente sich erneuern, der Dämon des Unglücks, den das Glück braucht, der böse Geist des Hasses, von dem die Liebe sich abhebt. Der Schöpfer, der nie seiner Schöpfungen Früchte genießen darf, der Haß, der aller Liebe den Boden schafft: das ist Loki. - Der Mensch, der die Wahrheit sucht, findet auf dem Grunde seiner Seele die zerstörende Triebe des Lebens. Die dämonischen Loki-Gewalten bedrängen ihn. Sie trüben ihm die leuchtenden Tage des Lebens, die Augenblicke des Glücks. Aber man versteht, man empfindet die leuchtenden Tage nur in ihrer rechten Kraft, wenn sie sich abheben von der Loki-Stimmung. Mit solchen Gefühlen im Hintergrunde hat Jacobowski seine Gedichte aus den Jahren 1896 bis 1898 unter dem Titel «Leuchtende Tage» (J. C.C. Bruns’ Verlag, Minden in Westf. 1900) vereinigt. Es wohnt ihnen eine Leuchtkraft inne, die zwar aus dunklem Grunde erwächst, die aber gerade darum ein um so besseres Leben schafft.

Daß er mit «Loki» und den «Leuchtenden Tagen» vor die Mitwelt treten konnte, rief in Jacobowski eine innere Umwandlung hervor. Jetzt hatte er erst das Gefühl, daß er sich selbst zustimmend verhalten dürfe zu seinen Leistungen. Er hatte zu sich nunmehr das Vertrauen, daß sich die strenge Selbstkritik mit den eigenen Schöpfungen in einigem Einklang befinde. Eine innere Ausgeglichenheit kam über ihn. Die Zukunft wurde ihm immer sonniger. Er hatte sich gefunden und seinen Glauben, daß «unsere Sterne» erlösen. Wenn man die Bilder des Dichters aus den aufeinanderfolgenden Lebensabschnitten ansieht, so merkt man den Ausdruck der inneren Wandlung auch an den Gesichtszügen. Ein Zug von Sicherheit, von Harmonie tritt immer mehr auf. Jacobowski hatte eben erst so manchen Strauß mit dem Leben auszufechten, bevor er sich so recht mit ihm versöhnte.

Die Sicherheit, die G&chlossenheit des Charakters hat bei ihm zugleich den Tätigkeitsdrang angeeifert. Er war ein Mann, der sich nur im Wirken glücklich wußte. Das Beschauliche, die einsame, sinnende Betrachtung sparte er sich doch nur für die Feieraugenblicke des Lebens. Seinen «Loki» hat er in wenigen Wochen, im Jahre 1898, in Tirol geschrieben, da er losgetrennt war von den Zusammenhängen, in die ihn das Leben stellte. Seine Dichtungen entstanden nur, wenn ihn sein Inneres hinweghob über die Wirklichkeit. Innerhalb dieser Wirklichkeit selbst drängte es ihn aber, nach Kräften am geistigen Leben seiner Zeit mitzuarbeiten. Diesem Drang ist seine Tätigkeit am «Zeitgenossen» entsprungen, den er 1891 mit Richard Zoozmann zusammen herausgab und dem allerdings nur ein kurzes Dasein beschieden war. Ein Feld fand er für diesen Drang, als er 1897 die «Gesellschaft» übernehmen konnte, die Zeitschrift, welche seit der Mitte der achtziger Jahre den Geistern gedient hatte, die nach einer neuen Zeit des literarischen Lebens sich sehnten. Jacobowskis Bedürfnis nach einer allseitigen Pflege der geistigen Interessen gab den Jahrgängen, die unter seiner Redaktion erschienen, das Gepräge. Er wollte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln ehrlich dem wahren Kulturfortschritt dienen. Nichts wurde ausgeschlossen, was zu diesem Ziele beitragen konnte. Es ist natürlich, daß eine ausgeprägte Individualität, wie es Jacobowski eine war, einer von ihr redigierten Zeitschrift auch einen stark persönlichen Zug geben mußte. Aber er kannte zugleich die Pflicht des Redakteurs, persönliche Neigungen entsprechend in den Hintergrund treten zu lassen. Und er kannte vor allem die Pflicht, jungen Talenten den Weg in die Öffentlichkeit zu bahnen. Er hatte den Mut, auch das zu bewerten, was noch nicht anerkannt war. Er war in solcher Bewertung und Anerkennung selbstlos und von großer Sicherheit des Urteils. In seinem Entgegenkommen gegenüber jedem berechtigten Streben war er einzig. So viele auch seinen Rat, seine Beihilfe suchten: alle fanden ihn hilfsbereit. Er hat unsagbar vieles ganz im stillen gewirkt. Und er wußte alles mit Vornehmheit zu tun. - An kleinen Zügen lernte man ihn in der ganzen Güte seines Wesens kennen.

Ein solch kleiner Zug sei hier verzeichnet. Er war kurze Zeit Vorsitzender der «Neuen Freien Volksbühne». Es war bei einem Sommerausflug der Mitglieder dieses Vereins. Jacobowski leitete die Spiele, die im Freien veranstaltet wurden. Es war herzerhebend zuzusehen, wie er da mit den Kindern tollte, sprang, wie er sich am Wettlauf beteiligte und wie er sogar als der erste am Ziel anlangte, trotzdem offenbar ganz gute Läufer mittaten. Und wie er dann den rechten Weg fand, die kleinen Preise an die Kinder zu verteilen.

Innige Befriedigung fand Jacobowski durch ein Unternehmen, das er 1899 mit seinen «Neuen Liedern der besten neueren Dichter fürs Volk» ins Leben rief. In einem Heftchen für zehn Pfennige bot er eine Auswahl der besten Schöpfungen der gegenwärtigen Lyrik. Von allen Seiten vernahm er bald den Beweis für die Nützlichkeit seines Unternehmens. Das kleine Heftchen fand überall Eingang. Mit Freuden erzählte er stets, wieviel Glück er mit dieser Sache habe. Er sammelte sorgfältig alles, was er über die Wirkung hörte. Er wollte über das Interesse, das in den weitesten Kreisen des Volkes für wahre Dichtung herrscht, eine Broschüre auf Grund seiner Erfahrungen schreiben. Denn bei alledem hatte er eine große Perspektive. Er wollte dem Ungeschmack, der Roheit und Verwilderung des Volkes steuern. Der blöde Gassenhauer, die dumme Zote sollten durch wahre Poesie ersetzt werden. Er sagte wiederholt: «Ich habe den Versuch gemacht. Ich hätte vor der Offentlichkeit rückhaltlos das Geständnis abgelegt, daß der erste Schritt mißlungen sei, wenn das der Fall gewesen wäre.» Aber er durfte diesen ersten Schritt als einen durchaus gelungenen bezeichnen. Dem gleichen Ziele sollten dann die fortlaufenden Heftchen dienen, die er unter dem Titel «Deutsche Dichter in Auswahl fürs Volk», ebenfalls zu zehn Pfennig (in Kitzlers Verlag, Berlin) herauszugeben begonnen hatte. Zwei Hefte, «Goethe» und «Heine», sind vor längerer Zeit erschienen, das dritte, «Grimms Märchen», lag bei seinem Tode fertig vor und konnte wenige Wochen nach seinem Heimgange erscheinen. Unermüdlich war er, nach jeder Richtung hin, den Gedanken, der sich in diesen Veröffentlichungen auslebte, fruchtbar zu machen. Er gedachte auch eine Sammlung von Dichtungen für die Armee herauszugeben. In einem interessanten Aufsatze, den er in der «Nation» veröffentlichte, hat er sich über die gegenwärtige Art der Dichtungen und Gesänge, die im Soldatenleben herrschend sind, ausgesprochen. In solchen Plänen, die im idealen Sinne gemeinnützigen Zielen dienten, eignete ihm eine bewundernswerte Kraft und eine glückliche Handhabung.

Im Zusammenhange mit seinen volkstümlichen Studien und seinen Bestrebungen für die Förderung der Volkskultur steht auch die Veröffentlichung seiner Sammlung «Aus deutscher Seele. Ein Buch Volkslieder» im Jahre 1899 (J. C.C. Bruns’ Verlag, Minden in Westf.). Er wollte die in zahlreichen Büchern in Bibliotheken aufgestapelten volkspoetischen Schätze dem Leben zuführen. Er sagt von diesen Schätzen in seinem Geleitwort: «Ihr Inhalt, da er ungenügend verbreitet wird, macht den platten Gassenhauern der Großstädte und den elenden Sentimentalitäten dummer Operetten Platz. Da schien es mir an der Zeit, soweit die Kraft eines Einzelnen und das Verständnis meines dichterischen Vermögens reichen, eine Sammlung herauszugeben, die, nach ästhetischen Gesichtspunkten geordnet, aus dem Wust und Wirrwarr des angehäuften Liederberges einen Teil des wirklich Wertvollen und Herrlichen von neuem dem deutschen Volke darbietet.» — «Aus deutscher Seele» durfte Jacobowski bezeichnen als «das Ergebnis dieser Erwägungen und die Frucht vieljähriger, innigster Beschäftigung mit den Wundern der deutschen Volksseele und Volkspoesie».

Dem Gedanken, wichtige «Fragen der Gegenwart und hervorragende Erscheinungen moderner Kultur» weiteren Kreisen in ihnen sympathischer Form zugänglich zu machen, entstammt Jacobowskis Plan, eine Sammlung von kleinen Schriften - in Heften von 32 bis 8o Seiten — in zwangloser Folge zu veröffentlichen. Unter dem Titel «Freie Warte, Sammlung moderner Flugschriften» sind 1900 drei solcher Hefte erschienen (J.C.C.Bruns’ Verlag, Minden in Westf.). Es sind: «Haeckel und seine Gegner» (von Dr. Rudolf Steiner), «Sittlichkeit!?!» (von Dr. Matthieu Schwann), «Die Zukunft Englands, eine kulturpolitische Studie» (von Leo Frobenius). Diese und die Titel der Schriften, die in nächster Zeit erscheinen sollten, zeugen davon, wie umfassend sich Jacobowski die Aufgabe dachte, die er sich damit gestellt hatte. Es waren noch angekündigt: «Das moderne Lied», «Die Erziehung der Jugend zur Freude», «Schiller contra Nietzsche», «Hat das deutsche Volk eine Literatur?», «Der Ursprung der Moral». Die Schrift «Hat das deutsche Volk eine Literatur?» sollte von Jacobowski selbst herrühren. Er wollte sich darin über die Erfahrungen aussprechen, die zu seinen Volksheften und ähnlichen Bestrebungen geführt haben, und auch über die Ergebnisse solcher Unternehmungen.

Ein weiteres Glied in Jacobowskis Streben, seiner Zeit zu dienen, war die Herausgabe einer «Anthologie romantischer Lyrik» unter dem Titel «Die blaue Blume». Mit Friedrich von Oppeln-Bronikowski zusammen gab er 1900 diese Sammlung mit romantischen Dichtungen aus der Zeit vom Ende des achtzehnten bis zum ausgehenden neunzehnten Jahrhundert heraus. Der über 400 Seiten starke Band beginnt mit Schöpfungen Herders und endet mit einer solchen des Prinzen zu Schönaich-Carolath. Jacobowski hat einen Aufsatz «Zur Psychologie der romantischen Lyrik» der von Fr. von Oppeln-Bronikowski gearbeiteten «Einleitung» hinzugefügt. Er glaubte, dem Drange der Zeit, aus dem Naturalismus zu einer Art Neuromantik zu kommen, den besten Dienst durch Sammlung der Perlen romantischer Kunst zu leisten.

Die Eigenschaften Jacobowskis, durch die er unmittelbar von Mensch zu Mensch wirkte, die Anregungen, die so von ihm ausgehen konnten, kamen zur Geltung in einer literarischen Gesellschaft, die er in der letzten Zeit seines Lebens mit einigen Freunden gegründet hatte. Jeden Donnerstag versammelte er im «Nollendorf-Kasino» in der Kleiststraße einen künstlerisch und literarisch angeregten Kreis unter dem Namen «Die Kommenden» um sich. Jüngere Dichter fanden hier Gelegenheit, ihre Schöpfungen vorzubringen, wichtige Fragen der Kunst oder Erkenntnis wurden in Vorträgen und Diskussionen behandelt. Künstler aller Art besuchten die Gesellschaft, die sich hier allwöchentlich zwanglos zusammenfand, und Ludwig Jacobowski war unablässig bemüht, immer Neues zu ersinnen, um den Gästen die paar Abendstunden sympathisch zu machen, die sie hier zubrachten. Er hatte auch den Plan gefaßt, mit den Darbietungen dieser Abende Hefte in künstlerischer Ausstattung zusammenzustellen. Das erste war in Arbeit, als er starb. Es wurde von seinen Freunden nach seinem Tode fertiggestellt und mit Beiträgen aus seinem Nachlaß zu seinem Gedächtnis herausgegeben. Die «Kommenden», die sich noch immer allwöchentlich versammeln, pflegen treu das Andenken an ihren Begründer.

Eine äußere Veranlassung führte Jacobowski Ende 1899 dazu, ein kleines soziales Drama in einem Akte, «Arbeit», zu schreiben. Axel Delmar hatte den Plan gefaßt, in einem Jahrhundertfestspiel, das fünf Einakter umfaßte und am «Berliner 'Theater» aufgeführt wurde, die wichtigeren Wendepunkte in der Entwickelung Deutschlands dramatisch darzustellen. Wichert, Ompteda, G. Engel, Lauff und Jacobowski waren die fünf Dichter. Dem letzteren fiel die Aufgabe zu, das soziale Denken und Fühlen der Gegenwart, die wichtigsten Kulturerscheinungen am Jahrhundertende zu dramatisieren. Man tut der «Arbeit» unrecht, wenn man ihr eine Tendenz unterschiebt und sie darnach beurteilt. Es sollte lediglich zur Anschauung gebracht werden, wie die sozialen Strömungen sich in verschiedenen Ständen und Menschen spiegeln.

In den letzten Monaten seines Lebens hat ein schmerzliches Erlebnis, das Jacobowski in den tiefsten Tiefen seines Gemütes erschüttert hat, seinen poetischen Ausdruck in einem einaktigen Versdrama «Glück» gefunden (J.C.C. Bruns’ Verlag, Minden in Westf. 1901). Über dieses Erlebnis zu sprechen wird erst in einer späteren Zeit möglich sein. Die Stimmung, aus der heraus das Drama geschrieben ist, hat er selbst in den «Zum Eingang» vorangestellten Versen angedeutet:

Es war wie Sterben, als ich’s lebte!
Es war mir Tröstung, als ich’s schrieb!
Wer je in gleicher Bängnis bebte,
Der nehm’ es hin und hab’ es lieb!

Der gleichen Stimmung entstammen manche von den Gedichten, die dieser Nachlaß bringt. «Glück» in dramatischer Form hat sich wie von selbst dem Dichter aus den |yrischen Gedichten zusammengefügt, in denen er die Momente eines tragischen Erlebnisses niedergelegt hat. Diese lyrischen Gedichte aus der letzten Zeit, vereinigt mit allem, was er seit dem Erscheinen seiner «Leuchtenden Tage» an Lyrik hervorgebracht hat, erscheinen hier als Nachlaß. In bezug auf die Zusammenstellung der Gedichte wurden die Gesichtspunkte festgehalten, die der Dichter selbst bei seinen «Leuchtenden Tagen» beobachtet hat. Man findet daher die gleichen Überschriften der einzelnen Teile des Gedichtbandes wie in den «Leuchtenden Tagen». Das scharfe Gepräge, das Jacobowskis Seelenleben in den letzten Jahren angenommen hat, machte diese Abteilung wünschenswert. Ein zweiter Band wird alle von ihm selbst noch zu einem Büchelchen «Stumme Welt» vereinigten Skizzen bringen. Er hat es nicht selbständig erscheinen lassen, weil er den Plan in größerer Art später ausgestalten und unter dem Titel «Erde» die Ideen, die der «Stummen Welt» zugrunde lagen, zu einer kosmischen Dichtung großen Stils verarbeiten wollte. Er hielt ein tiefes Einleben in die Naturerkenntnis der neuen Zeit für sich für notwendig, bevor er an die große Arbeit gehen konnte. Eine tiefe innere Gewissenhaftigkeit und Scheu hielt ihn vorläufig davon ab, die fruchtbare Idee zu frühzeitig in Angriff zu nehmen. Es ist ihm nicht beschieden gewesen, das Vorhaben, das wahrscheinlich erst gezeigt hätte, was Jacobowskis tiefstes Innere barg, auszuführen. Ein dritter Band soll das oben erwähnte Drama «Heimkehr» bringen. Eine Reihe von «Einfällen», die für Jacobowskis Denken und für seine Persönlichkeit charakteristisch sind, werden dem zweiten Bande als «Anhang» hinzugefügt. So gering ihre Zahl ist: sie zeigen deutlich ebenso die Tiefe seiner Lebensauffassung und den Humor, wie auch die Leichtigkeit des Urteils, die ihm gewissen Dingen gegenüber eigen waren. Sie beweisen, daß er zu den Menschen gehörte, die wissen, daß nicht alles mit demselben, sondern verschiedenes mit verschiedenen Maßen gemessen werden muß.

German original of Ludwig Jacobowski A portrait of the poet's life and character · ← Previous · Next →