Current Social and Economic Issues
GA 332b — 25 January 1919, Dornach
Besprechung über Fragen der Dreigliederung I
Vormittags [wurde] Rudolf Steiner von Emil Molt, Hans Kühn und Roman Boos im Arbeitsraum der «Gruppe» aufgesucht.
Rudolf Steiner: Es ist ganz schrecklich, wie wenig in Deutschland Verständnis für Außenpolitik besteht. Auch die Sozialpolitik muss heute als Außenpolitik behandelt werden, denn bei schlechter Außenpolitik würden alle Früchte einer guten Sozialpolitik doch nur an die Entente gelangen. - Unter allen Umständen sollte durch rasches Eingreifen in Deutschland weiteres Blutvergießen vermieden werden. Das wird in Berlin ohnedies kaum zu vermeiden sein. - Für mich besteht gegenwärtig die wichtigste Aufgabe darin, in Zürich die vier Vorträge zu halten. Es ist dort ein internationales Publikum. Ich werde diese Vorträge nachher sofort in Druck geben.
25. Januar 1919, nachmittags, im Haus Hansi
Zunächst berichten Roman Boos über die sozialpolitische Kommission des «Bundes geistiger Arbeiter> in Stuttgart und den Entwurf zu der «Denkschrift», und Emil Molt über die bisherigen Sozialisierungsbestrebungen in Württemberg und die Tatsache, dass die Zugehörigkeit zur Anthroposophischen Gesellschaft als kompromittierend aufgefasst worden ist.
Rudolf Steiner: Das Wichtigste ist die auswärtige Politik. Vor allem wären solche Dinge zu verhindern, wie sie in Paris vor sich gehen. Die Rede, die Poincare gehalten hat, ist zum Beispiel unwidersprochen geblieben. Es ist unbedingt nötig, von einem geeigneten Orte aus eine Darstellung des Kriegsausbruches zu geben. (Rudolf Steiner fragt nach Professor Wilhelm von Blume, doch lässt er durchblicken, dass er sich von diesem Wege nicht viel verspricht.) Es ist ein Unding, dass Ebert, Scheidemann und Erzberger den Frieden machen. Die lassen alles geschehen. Die Notwendigkeit, über die eigentlichen Ursachen des Krieges zu sprechen, liegt im eminentesten Maße vor.
Emil Molt fragt: Wäre mit Eisner etwas zu machen?
Rudolf Steiner: Eisner hat begonnen, die Schuldfrage zu behandeln, hat es aber nicht weitergeführt. Man könnte schon an Eisner herankommen. Er ist zwar etwas Phantast, aber doch empfänglich. Graf Lerchenfeld wäre nicht die geeignete Person; es bestehen ständische Vorurteile. Er hat auch die Gewohnheit, Verstecken zu spielen. Er sagt nichts, dass Geisteswissenschaft dahintersteckt, und dann merkt man’s doch.
Emil Molt berichtet von Heydebrands Versuchen in Berlin, auch betrfeffend] Prinz Leopold.
Rudolf Steiner: Heydebrand ist wegen seines Namens ungeeignet. Den Prinzen Leopold hielt man für eine große Persönlichkeit, aber als ich ihn sah, dachte ich, er sei ein bisschen ein Trottel. - Was das Buch von Heise betrifft: Heise ist kein Schriftsteller. Man müsste das Material sichten. Heise beleuchtet es auch einseitig. - Bezüglich Frau Kautsky (bei der Heydebrand war): Ich kannte sie, als sie noch eine junge Tante war, jetzt wird sie eine alte Tante sein. Eine Veröffentlichung der Kriegsgenesis durch das Auswärtige Amt würde doch von Kautsky gemacht. Der kann das aber nicht machen. Er schreibt schon einen Stil, der nur für Parteigenossen verständlich ist. Es müsste zunächst auf eine dem internationalen Publikum verständliche Art gerade von deutscher Seite über die Ursachen der ganzen Katastrophe geredet werden.
Ohne die auswärtige Politik, speziell die Schuldfrage, ins Auge zu fassen, kommt man nicht weiter. Es ist verderblich, dass in Deutschland kein Interesse für auswärtige Politik da ist. Man muss schildern, wohin es führt, wenn in dieser Hinsicht nichts getan wird. Man kann das in Zahlen ausrechnen, wie Rathenau in der «Zukunft» es getan hat. Dieser Aufruf Rathenaus müsste in Flugblättern verbreitet werden. Man müsste den Leuten sagen: So kommt es, wenn ihr die geistigen Impulse nicht aufnehmt!
Roman Boos bemerkt, dass Carl Unger einen Vortrag publizieren will. Rudolf Steiner geht nicht darauf ein. Er weist auf die Unterschrift unter «Die Leitgedanken des Bundes geistiger Arbeiter» und sagt:
Rudolf Steiner: «Rat geistiger Arbeiter», das ist bolschewistische Methode.
Auf Frage von Emil Molt bestätigt er ausdrücklich, dass es nicht richtig ist, diese Gedanken anonym zu vertreiben und das Heft nicht in den Händen zu behalten.
Emil Molt macht Rudolf Steiner den Vorschlag, etwas auszuarbeiten, «was wir alle unterschreiben». Er regt die Gründung eines Bundes an, wo Rudolf Steiner auftreten könnte.
Rudolf Steiner: Ein Rückhalt müsste schon da sein.
Emil Molt: Die Anthroposophische Gesellschaft ist dazu nicht geeignet; sie soll sich ja auch nicht mit Politik befassen.
Rudolf Steiner: Wieso? Wer sagt das?
Die drei (unisono): Der Statutenentwurf.
Rudolf Steiner: Dieser ist ja von 1911 und außerdem durch den Krieg längst ausgelöscht. Die Anthroposophische Gesellschaft kann sich ruhig mit Politik befassen. Ich rede ja auch immer von Politik.
Die drei: Dr. Unger auch. Aber die Gesellschaft nicht als solche.
Rudolf Steiner: Warum nicht?
Die drei: Es könnte sich sonst ein Zustand entwickeln wie bei der politisierten Entente-Freimaurerei.
Rudolf Steiner: Es wäre sehr gut gewesen, wenn die deutsche Maurerei sich auf so große politische Pläne eingelassen hätte.
Hans Kühn: Könnte sich die Gesellschaft als Partei betätigen?
Rudolf Steiner: Sie ist kein Verein, nur eine Gesellschaft. Der Einzelne hat volle Freiheit. Man braucht für eine Partei nicht diesen Namen zu wählen. Es müssten auch Nicht-Anthroposophen als Angehörige aufgenommen werden.
Nachtrag
Rudolf Steiner: Was soll ich in Berlin tun? Es hat keinen Sinn, Vorträge zu halten. Die Fäden werden doch nicht weitergeführt. Frau Kinkel zum Beispiel ist eine sehr nette Dame. Aber wenn nach einem Vortrag die Leute hinkommen, um sich zu erkundigen, und sie sie im Zweighaus herumführt und ihnen etwas erzählt, so ist das nichts.
Wir müssen warten, bis die Leute sehen, dass sie nichts machen können. Sie werden beweisen, dass sie nichts zuwege bringen, sie werden abwirtschaften.
Bei Übergabe des Entwurfes von Roman Boos zu der Denkschrift:
Rudolf Steiner: Wir wollen dann darüber reden. Weniger über den Inhalt als über die Art, wie es vorgebracht wird. Man kann dabei arg patzen.