Current Social and Economic Issues

GA 332b — 24 April 1919, Stuttgart

Wortmeldungen an der zweiten Komitee-Sitzung mit den auswärtigen Vertretern des «Bundes» Protokollarische Aufzeichnung

Rudolf Steiner führt wiederum den Vorsitz und eröffnet die Versammlung.

Frau Architekt Weisshaar fragt, wie der Aufruf an bäuerliche Bevölkerung herangebracht werden soll.

Rudolf Steiner: Die sozialen Gedanken haben sich vor allem in der Industriearbeiterbevölkerung ausgebreitet. Der Marxismus hat in der Landbevölkerung nie Boden gewinnen können. Die Landbevölkerung würde auch bei vorübergehendem Interesse bald wieder zurückfallen. Aber der Aufruf kann sicher wirken. Hier muss man auch zwischen katholischer und protestantischer Bevölkerung unterscheiden. Die Erstere hegt wegen der Anthroposophie Misstrauen, sonst wäre sie für die Dreigliederung durch ihre Kirche gut vorbereitet, indem diese immer die Freiheit der Kirche anstrebte. In protestantischen Kreisen findet sich weniger Verständnis, weil der Landesfürst häufig «Schirmherr» der Kirche war. Dagegen wird man vielleicht Reste des Verständnisses für die freie Schule finden. Im Allgemeinen wird der Bauer froh sein, wenn der Staat ihm nicht in das Wirtschaftsleben hineinreden kann, besonders nach den Erfahrungen des Krieges.

Ludwig Polzer hat auch unter Bauern im Sinne des Aufrufs gearbeitet. Empfiehlt, vom «Abbau der Staatsgewalt» zu sprechen. In dieser Beziehung verbindet die Bauern mit den Arbeitern eine revolutionäre Stimmung. Wenn die Verbindung weiter gelingen würde, könnten Kämpfe, die sich vorbereiten, vermieden werden. Auch glaubt er, für die freie Schule Verständnis zu finden. Wilhelm von Blume macht darauf aufmerksam, dass kleine Gemeinden heute der Dreiteilung nahestehen, weil man schon von politischen Gemeinden spricht im Gegensatz zu Kirchengemeinden. Für die wirtschaftlichen Arbeiten verwendet man häufig schon die Bezeichnung Real- oder Aktiv-Bürgergemeinde.

Rudolf Steiner: Das sind die alten Reste des Verständnisses. In Öster reich sagte man früher «Koa Advokat, koa Staatsbeamter und koa Pfaff darf in d’ Wirtschaft».

Alfred Reebstein, Karlsruhe: Die Leute sagen, die Nahrungsmittelzufuhr würde gestört, wenn erst die Dreigliederung durchgeführt werden müsste. Man sollte zuerst Essen schaffen, dann käme alles von selbst.

Rudolf Steiner: Das darf die Arbeit mit dem Aufruf nicht stören.

Ludwig Polzer hat in Wien die Erfahrung gemacht, dass die Leute wegen der Entente vorsichtig sind. Emil Leinhas machte oft ähnliche Erfahrungen wie Reebstein, erwiderte aber immer, dass man gerade Essen und Kohlen bekommen würde, wenn die Dreigliederung verwirklicht werde. Die Leute sollen nur nicht denken und mit solchen Einwänden kommen. Schwedes: Die Entente wird uns nicht zu kurz kommen lassen, wenn durch die Dreigliederung wieder Ruhe ins Land kommt. Karl Stockmeyer, Mannheim, bekommt oft den Einwand, die Machtgrundlage des Staates gehe verloren.

Rudolf Steiner: Das will man ja. Eingehen auf solche Einwände würde das Allergefährlichste sein. Hinter all diesem steht das Heraufkommen der alten Diktatur (Ludendorff ist über Kolberg nach Deutschland gekommen und geht ganz ruhig in Berlin spazieren). Das Zentrum arbeitet ja mit allen Mitteln reaktionär.

Karl Stockmeyer: In England soll die Revolutionsstimmung auch sehr stark sein, obwohl dort genug Nahrungsmittel vorhanden sind.

Rudolf Steiner: Wir müssen vor allem aus sachlichen Unterlagen heraus arbeiten. Wir müssen bedenken, dass man die englische und deutsche Arbeiterbewegung nicht vergleichen darf. Der Zusammenbruch Deutschlands bringt eine ganz andere Grundlage. Das deutsche Heer wurde von Lieferungen der Heimat abgeschnitten, sodass Ludendorff aufhören musste. Die Matrosen in Kiel haben unter dem sicheren Eindruck gehandelt, dass die Genossen drüben sofort treu mitmachen würden. Nur so ist die Handlungsweise der Matrosen zu verstehen. Die westlichen Arbeiter haben aber nicht mitgemacht. In England muss daher die Bewegung ganz spezifisch angefasst werden.

Carl Unger: Ein Arbeiter sagte, wenn der Aufruf wirken soll, müssen die Grenzpfähle verschwinden. Er meinte, Verbrüderung müsse auf Grund des Aufrufes leicht sein.

Rudolf Steiner: Der Aufruf sollte zunächst auf außenpolitische Aktion orientiert sein. Ich sagte schon zu Kühlmann: Seit der Völkerwanderung handelt es sich bei den Völkerzwisten stets um Wirtschaftsfragen. Die Züge der West- und Ostgoten gingen ins Brachland. Jetzt will man aber den Boden übereinanderlegen, zum Beispiel Deutschland und Frankreich in Elsass-Lothringen. Wenn verkündet worden wäre, Elsass-Lothringen wird nur staatlich nach der Rechtsfrage ohne Rücksicht auf Wirtschaft und Schule verwaltet, sodass die Kinder in Frankreich oder Deutschland in die Schule hätten gehen können, so wäre die Lösung ein Leichtes gewesen. Ähnlich war es in Serbien. In Wien hörte man oft, der Krieg sei ein «Saukrieg», wegen der Einführung der serbischen Schweine. Ungeheuer wirksam wäre es gewesen, die wirtschaftlichen Beziehungen über die Grenzen aufrechtzuerhalten. Das liegt schon im Aufruf begründet, aber man will das nicht durch den Friedensschluss einführen, sondern sich erst langsam organisch entwickeln lassen. In Österreich wäre die Entwicklung in der Richtung der Dreigliederung am allernotwendigsten gewesen.

Wilhelm von Blume: Die Nationalitätenfrage ist erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts so groß geworden. Früher wurden Kriege aus religiösen oder Eroberungsgründen geführt. Erst seit der Staat in Kirche und Schule eingreift, wird den Völkern der Staat unbequem. Kann man dem Staat Kultur und Wirtschaft abnehmen, so löst sich die Nationalitätenfrage. Beispiele sind Polen und Schlesien, wo deutscher Schulunterricht gepflegt werden musste. Früher war auch kein Völkerhass vorhanden. Diesen gibt es erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch da wird die Dreigliederung die Lösung bringen.

Rudolf Steiner: Ich möchte ein Beispiel aus meiner Jugend erwähnen. Ich wohnte in Ungarn und musste in Österreich in die Schule gehen. Dort wurden die Kindern in allem Frieden über die Grenze geschickt. Die einen lernten in Ungarn Magyarisch, die andern in Österreich Deutsch. Das hörte auf mit dem Dualismus Österreich-Ungarn, als alles pedantisch wurde. In Wien herrschte unter der Stephanskrone Schlamperei. Dadurch konnte sich früher alles friedlich entwickeln. Durch den Dualismus hörte der Friede auf. Ungarn wurde scharf gemacht.

Harriet von Vacano: Dr. Steiner hat oft gesagt, dass zuerst Schulen zu gründen sind. Die Lehrer in München erwidern aber oft, dass man nichts machen könne, weil Kirche und Staat es nicht zulassen. Die Lehrer haben latente Angst. Soll man sich nicht besser an die Proletarier wenden?

Rudolf Steiner: An die Lehrer kann man sich am wenigsten wenden, weil sie vom Staat abhängig sind. Hätte die «Farce von Weimar» das Schulwesen freigegeben, so würden sich die Lehrer ganz anders bemühen. Heute muss man sich eben an die Macht wenden, die die Staatsgewalt hat. Wenn der Staat sozialisieren will, so kommt die bürgerliche Sabotage. Das ist eigentlich in Deutschland schon da. Man wendet sich dann schon an die freien Gebiete.

In Deutschland könnten Lenin und Trotzki nicht so handeln. In Russland haben sie eben die Bürger vernichtet, um die bürgerliche Sabotage zu unterdrücken. (Rudolf Steiner erwähnt das Beispiel von Solf, dessen Beamten streikten, damit er im Amte bleibe. Das sei sehr gefährlich.)

Hermann Heisler, Tübingen: Er sage immer, man solle Weltanschauungsschulen gründen, denn wir wollten anthroposophische Schulen haben. Freilich wollten dann die Katholiken auch Jesuitenschulen haben. Wie versteht Rudolf Steiner die Einheitsschule?

Rudolf Steiner: In der Einheitsschule sollen nur die Stände verschwinden. Die Aristokraten werden aus dem einfachen Grunde keine Privatschulen gründen können, weil sie kein Geld mehr dazu haben werden. Im Übrigen werden die geistigen Organisationen für Schulen sorgen. Vor allem aber würde ich nie anthroposophische Schulen gründen. Die Anthroposophen müssten die Methoden und die Organisationen umgestalten, aber niemals Anthroposophie lehren. Als Erstes müssen wir verstehen, was geistige Freiheit ist. Weltanschauungsschulen müssen wir am meisten vermeiden. (Unter Minister Gautsch trat Rudolf Steiner für den schwärzesten Klerikalen Thun als Schulminister ein, weil er alle Konfessionen lehren ließ. Er sagte, die Schulen sollten sachlich geleitet werden.)

Hermann Heisler: Kommt nicht dadurch Unsicherheit und Zerrissenheit in die Kinder?

Rudolf Steiner: Da kommt ein pädagogischer Faktor hinzu. Wenn wir die Kinder bis zum 14. Jahr nach einer Schablone erziehen und dann erst in die heutige Kampfzeit loslassen würden, so würden wir alle Kinder zu Neurasthenikern machen. Durch Freiheit in der Schule wird aber statt Verlogenheit Wahrheit herrschen. Das wird die Kompensation sein. Für die Erziehung kommt es viel weniger darauf an, welche Religion das Kind hört, als dass man ihm mit einem wahren Seelenleben entgegenkommt.

Karl Stockmeyer: Seine Eltern haben ihn zeitweise in katholische Schulen gesandt. Er hat immer angestrebt, dass Lehrer als Unterrichtsminister berufen werden, und dass das Kultusministerium sich von unten herauf entwickelt. Ludwig Polzer meint, dass ja das Kultusministerium ganz verschwinden muss. Nachdem auf Antrag Molt die Schulfrage vertagt wurde, wird von Carl Unger die Organisationsfrage aufgeworfen. Carl Unger: Der siebengliedrige Arbeitsausschuss sollte im Laufe der Zeit durch die auswärtigen Ortsgruppen ergänzt werden. Emil Leinhas fragt, ob die Arbeit in Nord- und Süddeutschland taktisch verschieden geleitet werden soll.

Rudolf Steiner: Das muss aus sachlichen Untergründen heraus sich entwickeln. Man kann keine regulativen Grundsätze aufstellen. Vielleicht muss heute die Sache in einem Kreise so, morgen in einem anderen so vertreten werden. Das ist eine Frage der persönlichen Taktik.

Schuler, Tübingen, fragt noch zur allgemeinen Debatte: Auf dem Lande sei durch die Bodenreform viel Anhang für die sozialdemokratische Partei gefunden worden. Könnte man die Bauern nicht noch besser gewinnen, wenn sie hören, dass wir den Grund als Produktionsmittel verwenden und nicht enteignen wollen?

Rudolf Steiner: Ich habe in der Schrift keinen besonderen Wert auf die Produktionsmittel des Grundes gelegt.

Clormann, Mannheim: Soll man den Aufruf nicht besonders unter Studenten vertreten?

Rudolf Steiner: Diese Dinge sind künftig ganz anders zu behandeln. Natürlich soll man später Studenten und Professoren in voller Harmonie haben. Die Studenten sollte man schon geschlossen gewinnen können. Ich bin aufgefordert worden, in Zürich vor Studenten zu sprechen, und bin ausgezeichnet verstanden worden. Studenten sollten für sich und die ganze Welt wirken. Ich sollte in Basel vor Proletariern einen Vortrag halten. Man wandte sich an den sozialdemokratischen Parteivorstand, der ablehnte. Dann fragte man wegen eines Vortrages vor Eisenbahnern, dem Eisenbahnbeamten-Verein, der auch ablehnte, weil die Führer Angst hatten. Nach dem öffentlichen Vortrage in Basel habe ich aber die Aufforderung von diesen ganz von selbst bekommen. Ähnlich kann man mit heute ablehnenden Studenten verfahren.

Hermann Heisler: Hält die Studenten für empfänglich. Schwedes nimmt als Vertreter der U.S.P. Stellung gegen die Bewaffnung der Studenten. Im Übrigen glaubt er, dass die Arbeiter leicht mitgehen. Man müsste aber von einem Bunde aus sprechen können. Die Redner sollten öfters zusammentreten, um sich über die Pläne auszusprechen, wie eine Art Wanderkonferenz. Er ist dafür, dass alle Redner von sich aus reden und die Gedanken des Aufrufs als ihre eigene Ansicht vertreten. Er spricht vertraulich vom kommenden Generalstreik. Man sollte die Führer beseitigen und die Massen gewinnen.

Rudolf Steiner will in das Letztere nicht eingreifen. Wegen des Schweigens über verschiedenartige Tätigkeit glaubt Rudolf Steiner dass man es nicht durchführen könne, schon weil man in der Diskussion gestellt werden könne. Er erzählt das Beispiel von Winterthur, wo die Studenten angegriffen wurden, vor denen er einen Vortrag gehalten hat. Er versuchte die Leute zu überzeugen, dass die jungen Studenten kaum ein Urteil haben, und dass man sie nicht unberücksichtigt lassen darf. Diese Antwort genügte den Arbeitern. Man muss immer so antworten, dass man nie ein Programm vertritt. Die Arbeiter können zum Beispiel sagen, sie brauchten wirtschaftliche Streiks, solange das Staatsleben nicht von der Wirtschaft losgelöst sei. Dagegen lässt sich schwer etwas einwenden.

Die Konflikte im Leben Rudolf Steiners waren selten sachlich, sondern meist persönlich. Schweigen hat natürlich auch keinen Wert gegenüber solchen Angriffen.

Die Parteikenntnisse sollte man schon benützen und Wanderreden halten. Besonders sollten von solchen Freunden auch die Anthroposophen über die Parteien aufgeklärt werden.

Hermann Heisler: Die Provinz müsste besser orientiert werden. Zum Debattenreden gehören tiefe Kenntnisse der Materie. Regt eine Redner- und Debattierschule an, von der die mit dem Thema Vertrauten hinausgesandt werden können. Wenn die auswärtigen Vertreter nicht zu solchen Kursen zusammenkommen können, so müsste Stuttgart die Redner hinausschicken. Karl Stockmeyer ist der Ansicht, dass man sein Wissen selbst erarbeiten muss. Er fordert auf, flott zu arbeiten und nicht zu zentralisieren. Er will den gleichen Bund überall, sonst aber örtliche Freiheit. Max Benzinger ist in der U.S.P. und möchte sich gern als Redner ausbilden lassen, um für den Aufruf zu wirken. Er meint damit die Ausbildung der Ausdrucksweise, weil es vielen schwerfällt, ihre Gedanken richtig auszusprechen. Man muss sich in die alten Grundlagen (zum Beispiel der Partei) hineinarbeiten, um Neues schaffen zu können. Emil Molt: Der Bund wurde ja am Osterdienstag mit einem festen Namen gegründet. Auswärts können sich Ortsgruppen bilden, womöglich unabhängig von den anthroposophischen Arbeitsgruppen. Es ist gut, wenn fremde Elemente sich dabei betätigen. Für die Bearbeitung der verschiedenen Gebiete braucht man verschiedene Menschen. Unser Arbeitsmaterial ist das Buch Dr. Steiners und ferner die Dornacher Novembervorträge. Diese sollten schnellstens vervielfältigt werden. Das Reden muss man lernen, aber auch praktisch ausüben. Man kann nur im Wasser schwimmen lernen. Konferenzen mit den auswärtigen Ortsgruppen wären von Zeit zu Zeit wichtig. Hans Kühn bittet Rudolf Steiner um die Erlaubnis zur Vervielfältigung der in Stuttgart zu haltenden Vorträge, was von Herrn und Frau Dr. Steiner genehmigt wird. Roman Boos, Zürich, will, dass nur das Buch verbreitet wird. Zu Rednerschulen sei es zu spät. Es sei besser, man lasse Herrn Rudolf Steiner durch das Buch reden, als selbst Surrogate zu liefern. Ludwig Polzer: Wie soll die Organisation in Wien gemacht werden?

Rudolf Steiner: Es kann natürlich nicht schaden, wenn außerdeutsche Ortsgruppen mit Stuttgart in Verbindung bleiben (N.B.: Später wurde dann beschlossen, dass Wien einen eigenen Bund gründe wie Zürich, und dass die deutsch-österreichischen Ortsgruppen mit der Geschäftsstelle Wien verkehren sollen).

Karl Stockmeyer regt an, dass alle Pressenotizen über den Bund oder das Buch Rudolf Steiners von den Ortsgruppen nach Stuttgart gesandt werden, damit man sich dort ein Bild über die Bewegung in ganz Deutschland machen könne. Nachdem verschiedene weitere Anfragen - auf Antrag - vom Komitee weiter behandelt werden, wird ein Antrag auf Vertagung der Debatte und spätere Fortsetzung abgelehnt, weil die wichtigsten Arbeiten des Komitees durch solche langen Sitzungen liegen bleiben. Wilhelm von Blume stellt geschäftsordnungsgemäß den Antrag auf Schluss der Debatte. Der Vorsitzende schließt die Versammlung nach 1 Uhr 30.

German original of Speeches at the Second Committee Meeting with the Foreign Representatives of the “Federation” · ← Previous · Next →