Current Social and Economic Issues
GA 332b — 25 July 1919, Stuttgart
Zur Begründung eines Kulturrats
Vortrag an einer Versammlung des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus
Rudolf Steiner: Ich will nicht in die Debatte zu lange eingreifen, weil ich denke, dass es besser ist, wenn heute gerade von den verschiedensten Seiten her die Anregungen kommen, die dann zu weiterer fruchtbarer Arbeit führen können. Aber mit ein paar Sätzen wenigstens möchte ich andeuten, worauf es zu einer Art Zusammenfassung alles desjenigen ankommt, was auch heute schon in sehr dankenswerter Weise von verschiedenen Rednern vorgebracht worden ist und was hoffentlich auch noch weiter im Verlauf des heutigen Abends vorgebracht werden wird. Vor allen Dingen handelt es sich darum, dass solche kleinen Kreise, die, ich möchte sagen, aus Sachverständnis heraus arbeiten können, dass solche kleinen Kreise, mehr oder weniger kleinen oder großen Kreise sich bilden. Dann aber handelt es sich darum, dass durch einen gewissen Zusammenschluss dieser Kreise, der doch organisiert werden muss, der Kulturrat, wenn wir ihn so nennen wollen, wirklich auch entsteht; dass der Kulturrat als solcher eine Art Arbeit leistet, dass nicht kleine Kreise bloß eine Zersplitterung der Arbeit bewirken. Die Worte, die ich jetzt sagte, sollen sich nicht etwa irgendwie absprechend verhalten zu der regen Arbeit der kleinen Kreise, sondern ich möchte nur auf dasjenige aufmerksam machen, was doch vorhanden sein muss als ein Netz von Verbindungen der verschiedensten Art zwischen diesen einzelnen Kreisen. Wir dürfen niemals aus dem Auge verlieren die großen Aufgaben, die uns eigentlich bei der ganzen Dreigliederung des sozialen Organismus und insbesondere bei einem Teil dieser Dreigliederung, bei der Arbeit des Kulturrates, beschäftigen müssen.
Sehen Sie, da müssen wir, damit wir die Arbeit wirklich organisieren können, unseren Blick, unsere Aufmerksamkeit doch richten auf die Hauptsache, auf die es im gegenwärtigen Zeitpunkte ankommt. Man kann diese Hauptsache symptomatisch durch dieses oder jenes bezeichnen. Herr Dr. Unger hat in den einleitenden Worten ja ein sehr herbes Symptom, «Schulkompromiss», und ähnliche Kompromisse hervorgehoben, aber wir haben eigentlich überall die Möglichkeit zu beobachten, wie solche Symptome von einem gründlichen Verfall gerade unserer Geisteskultur den Leuten in die Augen stechen. Wir leiden heute nur unter einem sehr bedeutungsvollen Niedergangsmoment in unserem Geistesleben - das ist die Zersplitterung, die Atomisierung unseres Geisteslebens. Ich bitte Sie: Es fehlt eigentlich heute nicht so sehr zum Beispiel an Menschen, die die ärgsten Schäden unseres geistigen Kulturlebens kennen und auch geißeln, aber sie bleiben allein stehen, ihr Kreis kümmert sich nicht darum.
Nehmen Sie einen Fall: Es ist ja tatsächlich so, dass zum Beispiel die Konstitution unserer technischen Hochschulen von einzelnen Dozenten dieser technischen Hochschulen in wahrhaft großartiger Weise gegeißelt worden ist, dass hingewiesen worden ist darauf, wie eigentlich die Konstitution dieser technischen Hochschulen etwas anderes ist, als was sie sein sollte. Es gibt in Fachzeitschriften ganz großartige Kritiken dieses unmöglichen Hochschulwesens. Aber stellen wir uns jetzt einmal die Frage: Wer kümmert sich denn um diese Dinge aus dem breiten Publikum? - So etwas, was in weitesten Kreisen bekannt werden sollte, schreibt der Einzelne hin, und nicht einmal diejenigen lesen es, die Fachgenossen sind. Die abonnieren die Zeitschriften, lassen sie einbinden, stellen sie in Bibliotheken - wenn sie fleißig sind, machen sie sich vielleicht einen Zettelkatalog, damit sie Einzelnes, wenn sie es gerade brauchen, heraussuchen können -, aber im großen Ganzen werden diese Dinge heute nicht geschrieben, um gelesen zu werden, sondern um in Bibliotheken zu vermodern. Wir haben auf diesem Gebiet wohl eine geistige Produktion, aber gar keine geistige Konsumtion. Und so kommt es, dass man immer nur in ganz engsten Kreisen die Schäden unseres Kulturlebens kennt, dass man aber ohnmächtig ist, irgendetwas zur Verbesserung dieser Schäden zu tun.
So gibt es einen Aufsatz - ich glaube, er ist vom Professor der Technischen Hochschule in Charlottenburg, Riedler -, der in arger Weise geißelt dasjenige, was solche Schäden, namentlich der technischen Hochschulen, sind. Ja, da wird wieder zum soundsovielten Male auf etwas hingewiesen, was nicht nur schädlich ist mit Bezug auf die Struktur der technischen Hochschule, sondern schädlich ist mit Bezug auf unser ganzes moralisches Leben. Man redet davon, dass an den Hochschulen Lehrfreiheit und Lernfreiheit herrsche. Man berauscht sich hinein, dass, wenn man nun von der Mittelschule an die Hochschule kommt, man in die Region der Lehr- und Lernfreiheit hineinkomme. Worin besteht zum Beispiel die Lernfreiheit? Nun, sie besteht darin, dass man sich das Hochschulprogramm kauft und darin findet: Willst du Ingenieur werden, oder willst du das oder jenes werden, dann brauchst du diesen Stundenplan; willst du Maschinenbauer werden, dann brauchst du diesen Stundenplan, den musst du einhalten, sonst kannst du die Prüfung nicht bestehen. — Das heißt: Es wird auf der einen Seite als Phrase die Lernfreiheit geradezu zu einem Kulturelement erhoben, aber auf der anderen Seite der furchtbarste Lernzwang zur Wirklichkeit gemacht. Ich könnte Ihnen noch lange erzählen, wie eigentlich diese Leute durchaus wissen, worin die Schäden unseres Kulturlebens bestehen, dass sie es auch aussprechen, wie aber kein gemeinsames Feld für eine, ich möchte sagen, menschliche Diskussion über die Frage da ist, aber die Leute in den weitesten Kreisen kümmern sich nicht darum.
Wie ich im Allgemeinen sagen musste, dass es im bürgerlichen Leben Leute gibt, die heute nicht wissen, dass es Gewerkschaften gibt und wie sie gearbeitet haben, so gibt es kein gemeinschaftliches Feld der Diskussion über unsere Kulturschäden. So etwas müsste der Kulturrat schaffen. Das heißt, wir müssten uns kümmern um das, was diejenigen, die es verstehen, gesagt haben über unsere Kulturschäden. Wir müssten dasjenige sammeln, was an Kritik da ist, und wir würden uns überzeugen: Das Furchtbarste ist an Kritik da, so zum Beispiel, wie das Wirtschaftsleben in einer schlimmen Weise hineingreift in das Geistesleben.
Ich will es an einem Beispiel veranschaulichen. Sie wissen doch, es gibt Doktoren der Theologie, Doktoren der Medizin, Doktoren der Philosophie, jetzt auch schon der Ingenieurwissenschaft. Aber die technischen Hochschulen haben einen ganz besonderen Doktor erfunden; sie wispern sich diesen Doktor von Ohr zu Ohr - es ist der «Dr. mammoniae». Wie kommt er zustande? Er kommt dadurch zustande, dass die Professoren an der technischen Hochschule, an den Hochschulen überhaupt, außerordentlich schlecht bezahlt werden, dass überhaupt der Staat sehr wenig Geld hat für die Bezahlung dieser seiner Kulturarbeiter. Stimmen darüber, wie schlecht diese Kulturarbeiter vom Staate bezahlt werden - Sie finden sie ja überall, wenn Sie sich nur darum kümmern. Da haben insbesondere die technischen Hochschulen und diejenigen Hochschulen, die also sich etwas emanzipiert haben von der alten - ja, wie sollen wir sie bezeichnen, mit einem «Epitheton ornans» -, von der «alten Biederkeit»; die haben ihren Ehrendoktor, bei dem man bekanntlich kein Examen abzulegen braucht, sehr häufig so eingerichtet, dass sie dem oder jenem reichen Mann, einem Industriellen oder Kommerziellen, diesen Ehrendoktor ins Zimmer schicken, in der Voraussetzung, dass er eine Stiftung macht nach der einen oder anderen Richtung für diese Hochschule. Und solche Doktoren nennt man von Mund zu Ohr «doctores mammoniae». Diese «Doktoren des Mammons» also, die zeigen doch ganz deutlich, dass etwas Unmoralisches sogar schon hinüberspielt aus dem Wirtschaftsleben in unser Geistesleben.
Davon könnte ich Ihnen wiederum unzählige Beispiele anführen, wenn man sich nur um solche bekümmern wollte. Darum handelt es sich, dass in weitesten Kreisen eigentlich eine furchtbare Interesselosigkeit vorhanden ist für dasjenige, was vorgeht, dass es notwendig ist, dass vor allen Dingen dafür gesorgt wird, dass man die Schäden wirklich kennenlernt. Lernt man die Schäden kennen, dann wird man zugänglich werden für die einzige Lösung des Problems. Und für diese Lösung des Problems müssen wir ja die Leute gewinnen. Das ist es, was uns vor allen Dingen obliegt.
Sehen Sie, einer derjenigen, die ziemlich starke Kritiken geschrieben haben über die Schäden der technischen Hochschulen, stellt dar, wie da die Studenten von der Mittelschule kommen mit bloß philologischer Vorbildung - die es nur auf eine gewisse Dressur des Geisteslebens, aber nicht auf eine wirkliche Ausbildung des Geistes abgesehen hatte -, sodass die Hochschule die jungen Leute übernehmen muss und das erste Jahr und manchmal noch länger dazu verwenden muss, um ihnen wieder abzugewöhnen, was sie in den Mittelschulen aufgenommen haben, damit sie besser dressiert sind für das, was sie später lernen müssen in den eigentlichen Fachschulen. Ein solcher Mann, der das sieht, fragt sich: Wie kann da Abhilfe geschaffen werden? - Ja, er sagt sich: Diejenigen, die da wissen, welches die Schäden sind, die Techniker selber, die sieht man nicht. Man sieht sie nicht in den Parlamenten, man sieht sie nicht im öffentlichen Leben. Sie schreiben höchstens für Fachzeitschriften. Sie geben nicht ihr sachgemäßes Urteil, dass es das Publikum erfahre - es fragt auch nicht danach. Man findet die Techniker dort nicht, wo ein sachgemäßes Urteil abgegeben werden sollte. So schreibt zum Beispiel einer der seufzenden Menschen: Da findet man nicht die Techniker, da findet man bloß die Juristen. - Das sind eben die Nachzügler des alten Staatssystems.
Einzelne Menschen kennen diese Dinge schon, sie heben sie auch hervor, aber es besteht heute keine Neigung dazu, diese Dinge zusammenzufassen. Und wohin fasst denn dieser Kritiker, der eigentlich dasjenige, was als Schäden herrscht, ziemlich gut kennt - wenigstens auf seinem Gebiet, auf dem Gebiet der Technischen Hochschulen -, wohin fasst er sein Urteil zusammen? Er sagt: Wir, als Professoren an den Fachschulen, seufzen ja schon alle nach einer Absolvierung des aufgeklärten Absolutismus im Staate. - Da sagt er: Ja, wer aber ist aufgeklärt, und wer lässt sich heute noch den Absolutismus gefallen? - Sehen Sie, da beginnt das Traurigste vom Traurigen: Die Leute sehen, dass die Zustände unhaltbar sind; sie seufzen nach Änderung. Sie blicken aber trotzdem nach dem Einheitsstaate hin; und wenn ihnen die gegenwärtige Gestalt des Einheitsstaates nicht gefällt, so seufzen sie danach, dass der aufgeklärte Absolutismus des achtzehnten Jahrhunderts wiederhergestellt werde. Da glauben sie an das, was sie die «starken Männer» nennen - dieser Ausdruck war etwas schr ins Publikum gedrungen während des Krieges. Ja, und darum handelt es sich, dass man - ausgehend immer wiederum von dem, was man heute findet, wenn man sich nur darum kümmert -, dass man von da ausgehend zeigt: Das einzige Hilfsmittel ist, loszukommen vom Staate und wirklich sich hineinfinden in die Dreigliederung des sozialen Organismus. Das ist die Antwort auf alle diese Dinge.
Die Fragen, die werden gestellt und sind gestellt worden - wir brauchen gewissermaßen die Materialien nur zu sammeln. Daher wäre es gut, wenn vor allen Dingen die positiv vorliegenden Materialien gesammelt würden, dass kleine Kreise sich auch darum kümmerten, wie man schon da und dort eingesehen und immer wieder kritisiert hat die Zustände. Von da sollte dann der Ausgang genommen werden zur Rechtfertigung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Nur auf diese Weise kommt man weiter, dass man sagt: Warum wir die Dreigliederung des sozialen Organismus wollen, das pfeifen fast die Spatzen von den Dächern, wenn sich die Leute auch die Ohren zustopfen. Aber darin besteht gerade unser heutiges öffentliches Leben, unser durch die Zeitungspest verdorbenes Leben, dass wir uns dafür die Ohren zustopfen, nichts wissen von aller Welt, uns nicht kümmern um dasjenige, was wirklich da ist. Das ist es, dass wir Interesse gewinnen für das, was da ist, und dann den Leuten zeigen: Kritik brauchen wir nicht mehr, wir brauchen nur die Kritiken zu wiederholen, die da sind. Aber das Mittel wissen wir, auf das die anderen nicht kommen: Das ist die Dreigliederung des sozialen Organismus, das ist die Stellung des Geisteslebens auf seinen eigenen Grund und Boden und so weiter - wie eben die Dinge sind, ist oft genug hervorgehoben worden hier und an anderen Stellen, sodass Sie sie erkennen.
Das, meine lieben Freunde, muss die Organisation angeben. Das muss dazu führen, dass nun wirklich dasjenige, was von der einen Gruppe gefunden werden kann, den anderen Gruppen mitgeteilt wird, dass ein lebendiger Verkehr da ist, und eine Einheit unter den Gruppen besteht dadurch, dass sie alle durchdrungen sind davon: So muss diese heutige historische Antwort auf die große Frage gegeben werden - die eigentlich zusammenfließt aus den Urteilen, die schon immer da sind.
Dann handelt es sich ja doch darum, dass wir bei den Fragen, die hier auftauchen auf dem Gebiet des Kulturrates, dass wir da in einer etwas anderen Lage sind als zum Beispiel auf dem Wirtschaftsgebiet bei den Betriebsräten. Im Wirtschaftsgebiet sollen die Betriebsräte aus den einzelnen Betrieben gewählt werden und sollen gewissermaßen schaffen dasjenige, was man Sozialisierung des Wirtschaftslebens nennen kann. Da wird man es also in der ersten Phase zu tun haben vorzugsweise mit einer Betriebsräteschaft aus den Produzenten heraus. Das braucht beim Kulturrat nicht so zu sein. Da handelt es sich um eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Wir werden sogar vielleicht besser fahren, wenn wir nicht bloß die einzelnen Produzenten beziehungsweise die Leute, die im Augenblick die Initiative auf diesem oder jenem Gebiete haben, bei diesem Kulturrat zur Hauptsache machen, sondern wenn wir hier wirklich auf breiterer Basis vorgehen, wenn wir sagen: Schön, wir hören auf der einen Seite den kleinen Kreis der Ärzte, aber auf der anderen Seite den anderen Kreis, der sich zusammentut, den Kreis der Patienten. — Also hier kommen, vielleicht auch in viel stärkerem Maße, die Konsumenten in Betracht, gerade auf dem Gebiet des Kulturlebens.
Sehen Sie, schließlich haben wir ja schon die verschiedensten Erfahrungen gemacht. Wir haben bei Lehrerkreisen wiederum angeklopft - nun ja, eine Frage taucht da immer wieder auf: Wer wird die Lehrer in Zukunft bezahlen? - Ja, wer bezahlt sie denn heute? Es kommt wahrhaftig nicht an auf den Weg, den das Geld, das aus den Taschen der Menschen kommt, macht, sondern darauf, dass es nur zuletzt landet bei dem, der davon essen muss. Das werden wir durchaus auch in anderer Weise finden als auf dem Umweg des heutigen Staates, des Einheitsstaates. Es hat derjenige, der in einem Beruf drinnensteht, heute in hohem Grade eine gewisse Befangenheit in diesem Beruf. Es muss das korrigiert werden durch diejenigen, die gewissermaßen die Konsumenten dieses Berufes sind. Und so glaube ich, dass, wenn sich aufraffen würde eine große Anzahl unserer geistigen Konsumenten, dass etwas viel Besseres auf manchen einzelnen Gebieten noch herauskommen würde, als wenn sich wiederum aufraffen diejenigen, die die Produzenten sind. Aus diesem Grunde ist der Vorschlag von Frau Dr. Herberg zu begrüßen, denn dadurch kommen vielleicht die Konsumenten in höherem Maße zu Worte als die Produzenten. In der Praxis wird sich das ergeben. Die Realisierung der Vorschläge wird ganz gut sein.
Es wäre nur bei einzelnen Berufen gar nicht gut - das müssen wir uns klarmachen -, die Produzenten zu hören, zum Beispiel bei den Zeitungsschreibern. Sehen Sie, da könnten wir ja heute doch merkwürdige Dinge zum Besten geben, um zu zeigen, wie groß die Schäden auf diesem Gebiete sind. Zum Beispiel wurde bei einer Versammlung in diesem Jahr, wo es sich so recht um beträchtliche Dinge handelte, die aber nicht in beträchtlicher Weise behandelt wurden, da wurde auch gesprochen, wie man Abhilfe schaffen könnte gegen die Verleumdungen der Presse. Bei diesen Beratungen, als man die Verleumdungen der Presse besprach, da stand auch jemand auf und sagte, es bedürfe tatsächlich einer sehr starken Korrektur der Presseschäden. Zum Beispiel habe sich eine große Anzahl von Menschen bemüht, zu ergründen den wirklichen Vorgang bei der Tötung der Rosa Luxemburg und des Karl Liebknecht in Berlin. Ein Manifest ist aufgesetzt worden, das - ich will nicht sagen, wie viel - Unterschriften trug, mit der Darstellung dieses Ereignisses. Das ist an die Zeitungen geschickt worden. Keine Zeitung wollte es aufnehmen, keine Zeitung der reaktionären Richtung, keine Zeitung der Sozialdemokratie oder der Kommunistischen Partei und so weiter - es wurde einfach nicht aufgenommen. Das ist eine Sache für sich, das ist eine alltägliche Sache. Aber bei dieser Beratung war auch jemand dabei, der eben Zeitungsschreiber war und der sagte: «Ja, so war die Sache nicht.» Und als man ihn in die Enge trieb, da sagte er: «Nun, ein Journalist braucht ja nicht mutiger zu sein als die Regierung selber. Die Regierung selber hat es nicht veröffentlicht - warum sollte es der Journalist veröffentlichen?» Solche Dinge könnte man sehr, sehr viele erzählen. Es ist nicht sehr dienlich, wenn wir über das, was in der Presse zu geschehen hat, einen Zeitungsschreiber fragen, sondern da muss man fragen diejenigen, die die Sache lesen sollen. Da handelt es sich wiederum um die Konsumenten.
Ich glaube tatsächlich, dass wir wohl die Aufmerksamkeit darauf lenken sollen, dass der Kulturrat eine Angelegenheit ist der ganzen Menschheit. Aber vor allen Dingen handelt es sich darum, dass wir uns nicht in diesen Kulturrat hineinstellen, um «auch unterschrieben zu haben», sondern dass wir darin auch arbeiten, vor allen Dingen arbeiten an der Entwicklung desjenigen, was am meisten vernachlässigt worden ist und dessen Vernachlässigung uns am meisten hereingetrieben hat in die gegenwärtige Zeitlage.
In Berlin hat sich ein Professorenbund gegründet; da sagte ein Professor in einer Rede: Ach, wenn doch die Zeit käme - das sind ungefähr seine Worte, sie sind nicht übertrieben -, wenn doch die Zeit zurückkäme, in der man sich nicht zu kümmern brauchte um deutsche Politik, in der man sich nur hingeben konnte der Professorenarbeit, in der die deutsche Politik von den für uns so väterlich sorgenden Hohenzollern und dem Preußen-Staate besorgt worden ist. - So ungefähr heißt es in einer Rede, die gehalten worden ist in einer Gemeinschaft, die von Professoren der Berliner Universität gemacht worden ist. Und derjenige, der ungefähr so gesprochen hat, das ist nicht irgendein obskurer Mensch, sondern das ist der erste Professor der deutschen Literaturgeschichte an der ersten deutschen Universität, Gustav Roethe, und das wurde gesprochen in einem Kreise, dessen Vorsitzender Wilamowitz ist, der berühmte Wilamowitz-Moellendorff, allerdings der Verschandler der griechischen Tragiker, aber die Welt sagt, derjenige, der die griechischen Tragiker erst der deutschen Sprache einverleibt hat.
Dasjenige, um was es sich handelt und auf das ich besonders hinweisen möchte, das ist, dass dieses Interesse am ganzen Kulturleben nicht vernachlässigt werden sollte. Heute ist man Maler, heute ist man Professor oder Schuhmacher oder Wäscherin oder Ägyptologe oder Rechtsanwalt oder Pastor und so weiter, aber man interessiert sich nur für dasjenige, was pastoral, was auf dem Gebiet der Wäscherei, was Kaffeeklatsch und dergleichen ist, und nicht für die allgemeinen Angelegenheiten der Menschheit. Man ist froh, wenn man sich nicht darum zu kümmern braucht. Wenn wir in dieser Stimmung fortfahren, dann kriegen wir auch keinen wirklichen Kulturrat zustande. Ein wirklicher Kulturrat kann nur zustande kommen, wenn wir die Fenster zum gesamten Leben der Menschheit so weit wie möglich aufmachen, wenn wir wirkliches Verständnis dafür aufbringen können, sonst schauen wir all die ungeheuerlichen Dinge, die sich abspielen, eben so an, wie man sie jetzt anschaut. So Ungeheuerliches geschieht, dass sich zwei Gruppen von Menschen, die Sozialdemokratie und das Zentrum, vereinigen, und dass das die Leute anschauen, ohne über diese Ungeheuerlichkeit entrüstet zu sein. Sie nehmen es mit einer gewissen Gleichgültigkeit auf, trotzdem das bedeutet, dass schon nicht stärker Hohn gesprochen werden kann alledem, was Gesundung des deutschen Geisteslebens wäre. Solche Dinge, die sind eben durchaus da.
Wir haben in der Sondernummer unserer Zeitung ein nettes Beispiel drinnen, das wenigstens symptomatisch bedeutend ist. Sehen Sie, der gegenwärtige große Mann, das ist der Herr Erzberger. Nun ja, einige Menschen scheinen ja schon anzufangen, sich ein bisschen zu kümmern um diesen Mann, um dieses am heutigen politischen Himmel herumwimmelnde Individuum, aber dieses Bekümmern, das geht eben nicht tief genug. Es soll in Weimar allerdings der Landjäger erschienen sein und den Herrn Erzberger begehrt haben. Als man ihn fragte: Was wollen Sie denn mit ihm? -, da sagte er: Wir wollen ihn hängen. - Und eine württembergische Zeitung antwortete darauf etwas schnoddrig, obwohl die Schnoddrigkeit sonst in anderen Gegenden von Deutschland beliebt ist: Wir wollen ihn auch hängen, aber etwas niedriger! Es fängt die Sache schon an, ein bisschen aufzudämmern; es fängt schon an, dass man einsieht, was Deutschland an diesem Manne hat. Aber immerhin, lesen Sie nach, es ist da ein nettes Symptom geschildert in unserem gegenwärtigen Sonderheft des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus. Da findet sich verzeichnet die Einzeichnung, die Herr Erzberger in eine Art Stammbuch gemacht hat, an einem Tage, als bekannt wurde, dass der ganz furchtbare Versailler Friedensvertrag unterschrieben werden musste, [am] 14. Juni [1919]. An diesem Tage schrieb dieses deutsche «Regierungsmöbel» in ein Stammbuch ein: «Erst schaff” dein Sach’, dann trink’ und lach’!»
Sehen Sie, ich will hier keine Kritik ausüben über diese Dinge, denn ich möchte, dass andere diese Dinge kritisieren, aber ich möchte darauf aufmerksam machen, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir uns nicht kümmern um die Dinge, wenn wir uns nicht kümmern vor allen Dingen bis tief genug in unsere Seele hinein. Wir müssen uns tief genug in unsere Seele hinein kümmern. Wenn wir diese Dinge bloß an uns vorüberziehen lassen wie die Bilder eines Kaleidoskops - dass bald einmal das politische Kaleidoskop so, bald so zusammengewürfelt ist, dass es Bilder gab wie Bethmann, Ludendorff und Hindenburg, dann schüttelt man ein bisschen, und es kommen andere Steine, und man beobachtet nun diese kaleidoskopartigen Bilder, wenn wir uns so verhalten, dann werden wir niemals in dem Kulturrat drinnen das haben, was wir drinnen brauchen: eine wirkliche Kraft der Umgestaltung, eine wirkliche Kraft der Neubildung. Die können wir aber nur hineinkriegen, wenn wir überwinden diese furchtbare Interesselosigkeit um uns herum, wenn wir die Fenster weit aufmachen und uns darum kümmern: Was tut unser Mitmensch? Was geht auf diesem oder jenem Gebiet vor? - Das ist nicht schwer, wenn man sich nur nicht einkapselt in jenen furchtbaren Egoismus, der nicht hinauskommen kann über das, wofür man gezwungen ist, sich zu interessieren. Wenn man ein wenig Freiheitsgefühl in sich entwickeln kann, dann wird dieses Freiheitsgefühl sehr bald darauf sich erstrecken können, dass man die Fenster weit aufmacht gegenüber dem, was geschieht in der Welt. Und nur dadurch ist es möglich weiterzukommen.
Das ist es, worauf ich aufmerksam machen wollte. Erst wenn man das richtig beachtet, findet man den Organisationsplan, den wir brauchen für einen Kulturrat. Aber dieser Organisationsplan kann nur aus dem Leben selbst hervorgehen, und dieses Leben wird ergeben, dass, wenn wir hinschauen auf die einzelnen Schäden, wir daraus finden werden das konkrete Beobachten dessen, was da ist. Darauf muss sich besonders der einlassen, der das oder jenes tun will. Wir dürfen heute nicht in Abstraktionen schwimmen, sondern wir müssen uns auf das Konkrete einlassen. Wir müssen uns darauf einlassen, uns zum Beispiel zu sagen: Wie furchtbar ist es, wie die Konfessionen wirtschaften und ihre verschiedenen Kuhhändel treiben mit anderen Menschengruppierungen und so weiter und so weiter. Wir müssen uns um diese Dinge bekümmern und sie so tief hinein in das Innere unserer Seele bringen, dass unsere inneren Gefühlserlebnisse sich daran beteiligen, dass wir nicht gleichgültig an ihnen vorübergehen.