Current Social and Economic Issues

GA 332b — 13 January 1922, Stuttgart

Ansprache und Wortmeldungen bei der Versammlung der Betriebsräte des «Kommenden Tages»

Rudolf Steiner eröffnet die Versammlung mit den Worten, dass es ihm seinerzeit nicht mehr möglich war, an der Betriebsrats-Versammlung noch einmal teilzunehmen; er bittet aber, alles dasjenige vorzubringen, was gerade notwendig erscheint, dass es in diesem Augenblicke vorzubringen ist.

[Es wird die Frage nach den Rechten und Pflichten der Betriebsräte innerhalb des «Kommenden Tages» aufgeworfen und Rudolf Steiner um Aufklärung hierzu gebeten.]

Rudolf Steiner bemerkt, dass es ja sehr wichtig und sehr gut ist, solche Besprechungen herbeizuführen, und es wird auch immer sehr gut sein. Er würde auch, soweit es ihm möglich ist, bereit sein, solchen Besprechungen beziehungsweise Einladungen hierzu Folge zu leisten, nur handelte es sich darum, festlegen zu können, was eigentlich der Gegenstand der Besprechung ist.

Er sagt: Ich glaube, Sie leiden gewissermaßen noch immer sehr stark unter der Voraussetzung, dass der «Kommende Tag» irgendwie eine Verwirklichung desjenigen sein könnte, was dazumal als Idee in den Vorträgen ausgesprochen worden ist. Ich kann nur sagen: Die Idee, die ausgesprochen worden ist, ist natürlich heute nicht im geringsten Sinne irgendwie verwirklicht. Bedenken Sie nur, was es gebraucht hätte, um diese Idee zu verwirklichen: Es hätte gebraucht dazumal eine geschlossene Arbeiterschaft - ohne diese hätte man nichts machen können -, und die ist nicht zustande gekommen. Und man kann nur sagen: Die Idee, die ausgesprochen worden ist, die ist im Grunde genommen vorläufig ins Wasser gefallen. Und das muss einem heute ganz besonders leidtun, denn in Wirklichkeit stehen wir heute im deutschen Wirtschaftsleben so, dass wir sagen können: Dasjenige, was heute im deutschen Wirtschaftsleben vorhanden ist, ist eigentlich nur ein Schein, ein Scheingebilde.

Die Welt kann in der Gegenwart nicht mehr anders bestehen, als dass sie ein einheitlicher Wirtschaftskörper ist. Es müssen geschlossene Wirtschaftskörper da sein, die sich wieder verbinden zu einer ausgesprochenen Weltwirtschaft. Bei den heutigen künstlichen Grenzen der Länder- und Staatenwirtschaft zeigt sich erst recht, dass ohne Weltwirtschaft heute nicht mehr zurechtzukommen ist. In der heutigen Weltwirtschaft, die trotzdem vorhanden ist, liegen die Verhältnisse so, dass im Grunde genommen das ganze Wirtschaftsleben heute auf Schein beruht. Nehmen Sie doch Folgendes: Nicht wahr, wir haben heute noch Lohnwirtschaft; die findet ihren Gegenpol, wie überhaupt die kapitalistische Wirtschaft, in jener Idee, die ich dazumal versucht habe zu propagieren. Solange wir eine reine Lohnwirtschaft haben, ist die ganze Wirtschaft von der Lohnwirtschaft abhängig. Der Lohn ist gleichsam ein Barometer für das, was im gesamten Wirtschaftsleben vorhanden ist.

Sehen Sie, die Arbeiterklasse hat so ziemlich die größte Zahl von Menschen, die auf der Erde vorhanden ist, soweit das wirtschaftliche Leben in Betracht kommt. Wenn man heute zum Beispiel umrechnet - und irgendwie muss man ja umrechnen -, wenn man heute umrechnet den Arbeitslohn nach der Valuta der Schwedischen Krone, so bekommt der amerikanische Arbeiter einen Tagelohn von etwa 120 bis 123 Schwedischen Kronen, der deutsche Arbeiter 19 bis 21 Schwedische Kronen Tagelohn. Das wird ungefähr so stimmen, wenn auch in den letzten Wochen einige kleine Veränderungen aufgetreten sind. Die Arbeiter aller anderen Länder oder Staaten liegen dazwischen, zwischen diesen beiden Grenzen. Nun bitte ich Sie: Der amerikanische Arbeiter bekommt einen sechsmal so hohen Lohn als der deutsche Arbeiter, obwohl es erwiesen ist, dass er nicht mehr produziert als der deutsche Arbeiter, wenn er entsprechend arbeitet.

Es ist ja auf diese Weise ausgeschlossen, von einem Darinnenstehen im wirtschaftlichen Leben zu sprechen; dies alles ist ja unter der Voraussetzung gedacht, dass wir eine Weltwirtschaft haben, denn dass wir Länder- oder Staatenwirtschaft noch haben, dürfte überhaupt nichts bedeuten, da ja ein großer Teil der vorhandenen Werte in der ganzen Welt zirkuliert. Es ist klar, dass es da zu Stockungen größeren Stils kommen muss.

Wir leben heute in unmöglichen wirtschaftlichen Verhältnissen, in Mitteleuropa in den allerunmöglichsten. Und es kann einem leidtun, wenn man bedenkt, dass unsere Ideen dazumal aus dieser Erkenntnis heraus propagiert worden sind. Diese Ideen sind bis heute eigentlich ins Wasser gefallen, denn der «Kommende Tag» kann ja - das werden Sie einsehen -, kann ja nicht viel anderes sein als eine Art von Unternehmung, so kapitalistisch, wie alle anderen Unternehmungen sind. Wir können uns nur vornehmen, für eine Zukunft, wo man vielleicht etwas machen kann, dann da zu sein, um einzugreifen, damit eine Anzahl Menschen beieinander sind, die eingreifen können. Solange die Verhältnisse so sind, wie sie jetzt sind, wird aus dem eigentlichen Wirtschaftsprinzip heraus der «Kommende Tag» nicht viel Änderungen hervorrufen können.

Die ganze Welt ist neugierig, wie der «Kommende Tag» fertig werden wird gerade mit der Idee, wie die Arbeiterschaft im «Kommenden Tag» arbeiten kann. Im Grunde genommen kann noch gar keine Auskunft gegeben werden, es kann nichts Wesentliches gezeigt werden. Und deshalb meinte ich, wir können uns sehr gut darüber unterhalten, was Sie für einzelne Beschwerden haben, was im Einzelnen anders sein könnte. Verwirklicht, was dazumal an Ideen propagiert wurde — dieses Missverständnis möchte ich nicht, dass es aufkommt, als ob von mir gesagt wird, der «Kommende Tag» [habe] etwas verwirklicht von den Ideen der Dreigliederung: Das ist Unsinn! Wir sollten uns unterhalten darüber, was Sie drückt, denn drückende Schuhe scheint es ja zu geben, die zu Beschwerden veranlassen könnten. Wenn wir uns aber darüber unterhalten, was Sie drückt, dann möchte ich aber auch, dass wirklich alles herauskommt und nichts verschlossen bleibt. Und deshalb möchte ich gerne, dass, bevor ich etwas sage, dass sich die Herren wirklich ganz frei aussprechen.

[Man will keine Beschwerden vorbringen, sondern darüber sprechen, ob nun «gesetzliche» Betriebsräte gewählt werden müssten, da die bestehenden Betriebsräte noch vor dem Inkrafttreten des Betriebsrätegesetzes aus der Dreigliederungsbewegung heraus gewählt worden waren. Wenn diese nicht zur Befriedigung arbeiten, müsste man neue wählen.]

Rudolf Steiner meint das Gleiche. Es handle sich eben darum, ob die Mitarbeiter der Waldorf-Astoria seinerzeit bei Inkrafttreten des Gesetzes mit dem Weiterbestehen des alten, bereits früher gewählten Betriebsrates einverstanden waren. Dies war ja aber hier der Fall.

[Weitere Äußerungen dazu.]

Rudolf Steiner: Heute ist es gewiss schwer, die Frage zu stellen, ob gesetzliche Betriebsräte eingeführt werden sollen oder nicht, weil das Betriebsräte-Gesetz eben einfach Betriebsräte, die nach dem Gesetz gewählt sind, vorschreibt. Solange dieses Gesetz nicht geändert wird, solange können eigentlich keine Betriebsräte, wie sie die Idee der Dreigliederung vorsieht, in Frage kommen, denn es wäre dies dann nur eine Körperschaft, die eben neben einer gesetzlichen Körperschaft besteht. Wir müssten dann überhaupt die ganze Dreigliederungs-Bewegung erst wiederaufnehmen, denn im Grunde genommen haben wir eine eigentliche Dreigliederungs-Bewegung nicht mehr. Wenn wir Betriebsräte nach der Idee der Dreigliederung wählen wollen, dann müssen wir ihnen auch eine Aufgabe zuweisen, denn im gegenwärtigen Wirtschaftsleben haben oder hätten diese Betriebsräte keine Aufgabe zu erfüllen.

[Weitere Diskussion und Unzufriedenheitsäußerungen dahingehend, dass die Betriebsräte von den Betriebsleitern zu wenig ernst genommen würden.]

Rudolf Steiner weist darauf hin, dass es darauf ankäme, bis zu welchem Grade die Arbeitnehmer überzeugt seien, dass es mit dem «Kommenden Tag» besser gehen könne als mit irgendwelchen anderen Unternehmungen, und sagt: Ich selbst bin ja kein Unternehmer und kann mich daher in meiner Persönlichkeit nicht auf den Unternehmerstandpunkt stellen und muss aber auf der anderen Seite, wenn irgendwelche Fragen an mich herantreten, mich so stellen, dass es wirklich einen Inhalt hat, was gesagt wird. Ich will sagen, man streitet, man würde über irgendetwas streiten, so muss man ja auch wissen, über was man streitet, denn für mich kann nicht das Wesentliche sein, dass man streitet, sondern über was man streitet. Wenn ich etwas sprechen soll über die Rechte und Pflichten der Betriebsräte, so kann ich dies nicht im Allgemeinen tun, über irgendwelche Betriebsräte, die vielleicht auf dem Monde sind. Ich müsste dies also tun für diejenigen Betriebsräte, die im «Kommenden Tag» sind. Und das kann ich wiederum nur tun aus ganz wirklichen Verhältnissen heraus. Und da ist es schon dringend notwendig, dass heute genau darüber gesprochen wird, denn Sie werden ja gegenseitig darüber orientiert sein, wie sehr Sie das Gefühl haben, dass der «Kommende Tag» unbedingt bei den kommenden Wirtschaftskämpfen nichts machen kann und daher die Arbeiterschaft in unseren einzelnen Betrieben genötigt sein wird, mit der übrigen Arbeiterschaft vorzugehen. Dann kriegen Sie einen wirklichen Charakter. Vorher ist es natürlich etwas, was man nicht so oder so sagen kann - ich werde Ihnen später sagen, warum ich das so meine, man kann dies so anschauen. Wir können uns ja heute darüber so unterhalten, dass sich gar nichts verwirklicht hat von den arbeiterfreundlichen Ideen des «Kommenden Tages», wenn es auch im Allgemeinen nach den Verhältnissen wohlwollend zugeht. Solange wir aber nicht auf einzelne Sachen eingehen, kommt nichts dabei heraus. Und ich möchte daher als eine Bedingung ansehen, wenn ich mich äußern soll, dass Sie ganz bestimmte, konkrete Beschwerden vorbringen, auf die ich dann eingehen will. Ohne dass ich es kenne, wo Sie der Schuh drückt, komme ich nicht dazu, irgendetwas darüber zu sagen.

[Weitere Äußerungen dahingehend, dass man sich frage, ob der «Kommende Tag» der Arbeiterschaft eine gesicherte Existenz geben könne, dass der Betriebsrat zu wenig Vertrauen genieße, dass man nur als Arbeiter, nicht als gleichwertiger Mensch gesehen werde.]

Rudolf Steiner: Ja, liebe Freunde, diese Empfindung meinte ich; die wollte ich wissen, bevor ich auf die aufgeworfene Frage näher eingehe.

[Weiteres Gespräch darüber sowie über Gewerkschaftsfragen.]

Rudolf Steiner: Sie meinten also, wir sollten greifbare, feste Sätze über die Rechte und Pflichten der Betriebsräte aufstellen. Es wäre dies gewiss auch nicht so schwer, wenn wir nur den guten Willen haben, einen solchen Paragraphen aufzusetzen, indem wir sagen, das sind die Rechte und das sind die Pflichten unserer Betriebsräte. Damit ist aber leider dasjenige nicht getan, das ich glaube, wenn es wirklich gelänge, einen so idealen Paragraphen zustande zu bringen, dass alle Mitarbeiter auch damit einverstanden wären - ja nicht nur das, sie müssten auch höchst befriedigt von demselben sein. So werden aber in der kurzen Zeit die Verhältnisse nicht anders und wird auch die Stimmung nicht anders geworden sein. Es handelt sich ja nicht darum, dass man Maßnahmen trifft, man soll diese und diese Rechte und Pflichten haben. Es handelt sich aber darum, dass man irgendetwas erreicht bei solchen Zusammenkünften, was den Verhältnissen draußen auch entspricht. Damit Sie sehen die Denkweise, die ich habe, möchte ich Ihnen Folgendes anführen.

Seit wir uns das letzte Mal hier gesehen haben, musste ich selber eine Sache einleiten, die die Notwendigkeiten in Dornach ergeben haben. Ich habe ja auch hier von Vorträgen gesprochen, und diese sind in Dornach [für die Arbeiter am Goetheanumbau] gehalten worden von einer Persönlichkeit, und es ist nicht viel dabei herausgekommen als dass, nachdem wir Betriebsräteversammlungen gehalten haben, man merkte, dass die Leute ein starkes Bedürfnis in Dornach haben, etwas über das Wirtschaftsleben zu hören. Ich habe mich dann entschlossen, ich werde sie selber halten. Sie müssen die Verhältnisse, wie ich sie schon geschildert habe, ins Auge fassen, bei dem Dornacher Bau. Der Dornacher Bau ist nicht das, was ein wirtschaftlichkapitalistisches Unternehmen ist. Der Dornacher Bau ist geradezu ein Musterbeispiel für ein nichtkapitalistisches Unternehmen und er lässt sich nicht als solcher vergleichen mit dem «Kommenden Tag» oder der «Futurum AG» in Basel oder mit irgendeiner anderen ähnlichen Assoziation. Der Dornacher Bau gehört niemandem; es ist kein Unternehmer da. Daher wird alles das, was in ihm verarbeitet wird, umgewandelt in Entlohnung derjenigen, die mitarbeiten. Nicht wahr, dasjenige, was beim Dornacher Bau noch in Betracht kommt, ist, dass das gegenwärtige Wirtschaftsleben in ihn von zwei Seiten hereinreicht; aber es «bricht» sich dort. Auf der einen Seite ist es dies: Es muss gebaut werden mit den Kapitalien, die zur Verfügung gestellt werden. Wenn der Dornacher Bau jemanden ausbeutet, so sind es die Kapitalisten, denn sie müssen die Kapitalien zur Verfügung stellen. Fast möchte ich sagen, dass ein großer Teil davon «perdu» geht, als dass ein großer Teil je etwas davon zurückbekommit. Jedenfalls, die Arbeiterschaft kann sich dort klar sein, und das ist die eine Seite, wo das Kapital hereinleuchtet und sich bricht: Kapital hört auf, Kapital zu sein, sobald es nach Dornach kommt.

Das Zweite ist, dass unsere Arbeiterschaft gewerkschaftlichen Organisationen angehört. Und das werden Sie mir zugeben, dass es zum Beispiel, wenn man selbst den Sinn dafür hat, unserer Arbeiterschaft durch noch größere Ausbeutung des Kapitals 2/3 mehr Lohn zuzugeben, würde [das] im Gesamtwirtschaftsleben keinen Sinn haben, würde von den gewerkschaftlichen Organisationen am meisten bekämpft werden. Die würden dann sagen: Da ist der Dornacher Bau, der will sich nicht bezeichnen lassen als kapitalistisches Unternehmen, der will von dem verwirklichen etwas, was vorliegt in der Dreigliederungs-Idee. Sie sehen also, dass es sich hier nicht handeln kann um eine Lohn- oder Kapitalfrage, sondern um die Preisfrage, wie von zwei Seiten die Verhältnisse hier hereinragen. Die Leute würden uns ja an den Kopf kommen, wenn wir Löhne bezahlen würden, die wir nicht [zu] bezahlen gezwungen sind.

Aber dasjenige, was die Sache leichter macht gerade bei den Vorträgen, ist das, was natürlich kinderleicht ist einzusehen: Da ist kein kapitalistisches Unternehmen. Diese Art von Misstrauen, das bei Ihnen vorhanden ist gegenüber dem «Kommenden Tag» - und das lässt sich ja nicht ableugnen -, das kann nicht vorhanden sein im Dornacher Bau. Für die Arbeiterschaft dort hat es keinen Sinn, Misstrauen zu haben, und es beruht auf Vertrauen, wenn die Arbeiterschaft dort sich ausspricht. Es möchten manche, die nicht ganz objektiv sind, anders denken, aber dieses Vertrauen ist schon vorhanden; dies macht einem möglich, wirklich von der Leber weg zu reden. Deshalb habe ich - die Vorträge sind ja erst seit kurzer Zeit, in der Zwischenzeit habe ich ja noch die Reise nach Norwegen gehabt, und so etwas kann ja nicht sehr schnell gehen, wenn man etwas erreichen will -, aber es ist der Hauptwert darauf gelegt, dass die Arbeiterschaft in Dornach erfährt, wie eigentlich in Wirklichkeit das wirtschaftliche Leben liegt. Ich muss gestehen, die größte Befriedigung gewährt es mir, wie immer mehr und mehr das Verständnis dafür auftaucht: Wir haben alle falsch beurteilt; man muss das wirtschaftliche Leben wirklich kennenlernen.

Wenn man vor einer solchen Aufgabe steht, Laien Aufklärung zu geben, dann geht einem durch den Kopf, was gegenwärtig der Fall ist. Nehmen wir an, und es wäre sehr interessant, wenn nachher durch eine Persönlichkeit durch Frage gerade diese Sache berührt werden möchte, nehmen wir an, wir haben die Arbeiterschaft irgendeines Betriebes, diese stellt irgendwelche Richtlinien auf über die Rechte und Pflichten der Arbeiterschaft dieses Betriebes, die Unternehmerschaft kann die Frage bewilligen oder nicht. Ich sage, es ist recht, und ich glaube, dass dies jeder ehrliche Mensch sagen muss: Was die Unternehmerschaft auch sagt, es hat gar keinen Wert; Sie können sagen: Wir bewilligen alles, oder: Wir bewilligen nichts - so wie das heutige Wirtschaftsleben eben ist, ist die wirtschaftliche Struktur ein Unsinn. Kein Unternehmer weiß heute, wie seine Unternehmung rentiert oder steht, er weiß nicht, was er versprechen kann und was nicht, wenn er ehrlich sein will. So steht die Sache, und wenn heute wirtschaftliche Kämpfe bevorstehen, so kann eine Unternehmerschaft gar nicht sagen, ob sie ihren Arbeitern eine Garantie bieten kann oder nicht, weil sie es nicht wissen kann, weil eben das Wirtschaftsleben in den Dreck hineingeritten ist.

Sobald irgendjemand das Wirtschaftsleben, so wie es heute eben ist als Wirtschaftsleben, konkret anfasst und eingeht auf solche Dinge, dann kommt so etwas heraus, was ungeheuer lehrreich ist. Denken Sie sich, es denkt einer nach über Kalkulation und schreibt darüber einen Aufsatz, der an und für sich äußerst lehrreich ist. Der Inhalt dieses Aufsatzes muss natürlich sein, das Wirtschaftsleben zu beurteilen, aber zum Schluss dieses Aufsatzes, da steht die sehr bedeutungsvolle Frage, der Schluss, zu dem er durch das Nachdenken über Kalkulation gekommen ist: Können wir kalkulieren oder können wir es nicht? Kommt etwas dabei heraus? -— Wir können nicht mit den heutigen Verhältnissen zurechtkommen. - Das ist es, was man aus dem Aufsatz herauslesen kann, und es ist die Bestätigung desjenigen, was ich seit zehn Jahren schon beobachtet habe: dass wir im Wirtschaftsleben ganz auf dem toten Punkt angekommen sind. Da erscheint es mir nicht von so großer Bedeutung, ob man heute sagen kann, wir müssen mit den acht Millionen organisierten Arbeitern einiggehen, wenn man sich nicht abgliedern will, oder weil man es nicht kann, um in der Luft zu hängen.

Ich sage Ihnen das, wenn man Einsicht in den Unsinn der heutigen Wirtschaft erlangt, dann kann man sagen: Wenn die nächsten Wirtschaftskämpfe kommen und so verlaufen, wie sie verlaufen werden, dass die acht Millionen organisierter Arbeiter einig sind, dann wird es zu nichts anderem kommen, als dass unser Wirtschaftsleben noch weiter auf seine abschüssige Bahn geführt oder gestoßen wird und dass alle in Wirklichkeit heute schon verkrachten Unternehmungen als ein Kartengebäude zusammenbrechen werden. Die Organisationen, die acht Millionen Menschen umfassen, können nicht glauben, dass sie unter den heutigen Verhältnissen auch nur etwas davon erreichen, was erreicht werden müsste; davon kann gar keine Rede sein. Das Wirtschaftsleben wird wiederum einen Grad mehr kaputtgemacht.

Was heute zuerst notwendig ist, ist, dass man überhaupt wirtschaften kann, denn im Wirtschaften selber ist man heute wirklich auf den «Un-Sinn» gekommen: Es hat wirklich nichts einen Sinn, was im wirtschaftlichen Leben getan wird, weil nichts im Zusammenhang steht: Da steht man wie vor einer Mauer. Einsehen kann man das, und die Dornacher Arbeiterschaft hat dies auch eingesehen; sie hat einen Sinn dafür bekommen, dass man im Wirtschaftsleben in den «Un-Sinn» hineingekommen ist. Wenn Sie heute irgendwo ein wirtschaftliches Unternehmen betrachten, glauben Sie, dass Sie heute irgendjemanden finden, der, wenn Sie vernünftig über ein wirtschaftliches Leben reden wollen, einen Sinn dafür hat? Wenn Sie einen Wirtschafter nehmen, mit dem Sie über ein Unternehmen reden wollen, weist er Sie auf die Buchhaltung hin, da steht alles darinnen. In Wirklichkeit steht aber gar nichts darinnen; es ist ein Unsinn zu glauben, aus der Buchhaltung könne man irgendetwas ersehen über den Gang eines Unternehmens.

Diese Dinge haben sich mir blutschwer ergeben durch meine Beobachtungen in den letzten Jahren, und es ist nicht so leicht, darüber ganz einfach zu sprechen. Machen Sie eine Bilanz, das Ergebnis ist Unsinn, es ist so ähnlich wie jener berühmte preußische Geheimrat, der sich ausrechnete, dass, wenn man den eigentlich geringen Betrag von 300000 Mark dreihundert Jahre lang auf Zins und Zinseszins anlegt, dass man dann die ganzen Schulden des preußischen Staates bezahlen könnte. Diese Rechnung kann man ja anstellen; die Wirklichkeit ist aber diese, dass Sie nach den dreihundert Jahren nicht einen Knopf mehr finden von dem Geld. Denn es genügt ja nicht, dass man glaubt, man könne immer wieder die Zinsen nehmen und zu dem angewachsenen Kapital dazulegen; das Geld kann ja doch schließlich nirgends anders herkommen [als] aus dem Wirtschaftsleben, aus der Produktion, aus der Arbeit mit dem Kapital, und da werden nicht nur die Banken, die mit der Aufbewahrung des Geldes betraut sind, sondern auch das Geld selbst zugrunde gegangen sein. Die Wirklichkeit ist also ganz anders als die Rechnung.

Zu solchem Unsinn liegt heute im ganzen Wirtschaftsleben der Wille vor; Wirklichkeit zermürbt und zersplittert es. Was heute in einer Fabrik vorgeht, ist im Wirtschaftsleben etwas ganz anderes, als was links und rechts in den Büchern steht. Kein Mensch will darauf eingehen, kein Mensch will sich bequemen hineinzuschen in einer wirklichen Einsicht in das Wirtschaftsleben, die man heute eben braucht. Das war es auch, dass die Idee von der Betriebsräteschaft seinerzeit nicht aufrechterhalten worden war. Man muss eben da vom Anfang anfangen, aber ich will nicht über die Frage reden, wie damals die Sache abgesetzt wurde. Ich habe sie eigentlich als die allerwichtigste Frage hingestellt.

Wir sollen uns aber jetzt unterhalten über die Pflichten und Rechte der Betriebsräte. Hierbei ist wichtig der Standpunkt, der aus den Verhältnissen heraus kommt. Das ist eben der, dass man sich sagt: So, wie die Sache jetzt geht, so kann sie ohnedies nicht weitergehen. Die Arbeiterschaft wird daher in den Organisationen drinnenbleiben müssen; man kann ihr gar nicht sagen, sie soll herausgehen, weil man ihr nicht helfen kann, wenn sie herausgeht; dazu sind die Verhältnisse nicht da. Man darf die Bewegung, die da ist, seit 25 Jahren etwa, nicht betrachten, denn da kommt man nicht weiter; man muss sie aber so betrachten, und darauf muss ich Sie immer wieder aufmerksam machen.

Ich stand einmal als ganz kleiner Bub am Fenster unserer damaligen Wohnung in Neudörfl, in der Nähe von Wiener Neustadt, als eine kleine Schar Lassalleaner, die damals ihre Versammlungen noch ziemlich im Verborgenen abhielten, [vorbeizog], denn wir müssen bedenken, dass dies zu einer Zeit war, wo noch nichts war von einem gewerkschaftlichen Leben, wie es heute besteht; es waren also nur ein paar Leutchen. Indessen ist aber all dasjenige geworden, was heute in dieser Bewegung in Österreich und Deutschland ist. Wir können sagen, dass es verhältnismäßig langsam gegangen ist, aus dieser kleinen Gruppe. Wir können auch bei unserer Bewegung, wie damals, nicht sagen, dass die Verhältnisse dagegen waren - es waren nicht die Verhältnisse dagegen, die Verhältnisse waren dafür, dass große Massen für die Dreigliederung zu haben gewesen wären. Was dagegen war, war der kleine Betrug der Führer der Arbeiterschaft, und das ist sicher, dass auch die acht Millionen nichts machen werden - sie können auch nichts machen. Meine Meinung ist die: Ganz abgesehen von dem, was sonst ist, ob wir in den Gewerkschaften drinnenstehen oder nicht, es handelt sich nicht um das Austreten aus der Gewerkschaft, sondern vielmehr um das Zusammenschließen, wenn es auch klein ist, aber es soll vernünftig sein innerhalb alles desjenigen, was im «Kommenden Tag» teilnimmt. Es würde dadurch ein Beispiel da sein, und nach solchen Beispielen muss man ja hinarbeiten. Ich glaube, dass in dieser Idee doch etwas Positives da ist, und dies kann am besten gezeigt werden, wenn, ganz unabhängig von dem gewerkschaftlichen Prinzip, wenn die Arbeiterschaft aller Betriebe, die zum «Kommenden Tag» gehören, ganz aus sich heraus etwas macht, etwas Vernünftiges machen kann. Dazu ist aber Einigkeit notwendig und wirkliche Einsicht in den «Un-Sinn» des gegenwärtigen Wirtschaftslebens. Man muss ein vernünftiges Wirtschaftsleben wiederum aufbauen, denn man kann aus dem heutigen Wirtschaftsleben überhaupt nichts machen.

Und so meine ich — nicht wahr, ich möchte so sagen -, Sie sagen: Rechte und Pflichten der Betriebsräte sollen aufgestellt werden, wenn ich nun sage: Nicht wahr, Rechte und Pflichten kann nur jemand anderer zugestehen, der Rechte und Pflichten dazu hat. Wenn Sie mich nun fragen, welche Rechte und Pflichten ich innerhalb des «Kommenden Tages» habe, so muss ich schon sagen, ich weiß nichts darüber, ebenso wenig, wie Sie es wissen; das ist auch durchaus von den Verhältnissen abhängig. Eigentlich müsste jeder so viel Rechte und Pflichten haben, und das würde ja auch zustande kommen, als er geltend machen kann. Aber wenn Sie Paragraphen aufstellen wollen, wenn Sie Einsichten haben wollen in den Gang der Produktion, das hat nicht viel Inhalt, da kommt auch nicht viel dabei heraus. Nicht wahr, bei dem Gang der Produktion handelt es sich darum, dass derjenige, der die Produktion regelt, auch weiß, wie der Hase läuft - nicht um irgendein Geheimnis zu bewahren. Erst muss die Möglichkeit herbeigeführt werden, dass alle, die mitarbeiten wollen, etwas wissen vom Wirtschaftsleben.

Sehen Sie, wenn ich auch vom «Kommenden Tag» absehe, wo ja die allereinsichtsvollsten Menschen sind — wir können ja nicht vom «Kommenden Tag» unsere Beispiele nehmen, nehmen Sie aber irgendeinen anderen Betrieb. Da muss man eben die Einsicht haben, um mitreden zu können bei der Produktion. Ich bin überzeugt, wenn man nach Ihrer Art Fragen stellen wollte, die betreffenden Leute könnten keine Einsicht geben, weil sie selbst keine haben. Das heutige Wirtschaftsleben ist ein Spiel des Zufalls, und das ist ja gerade dasjenige, was es schwierig macht. Hier kommen wir dazu einzusehen, dass es viel wichtiger ist, mit der Arbeiterschaft zu besprechen, dass man sich klarmachen kann, was wir tun sollen im Wirtschaftsleben, das so vom Staate abhängig ist.

Ich möchte auch noch an etwas erinnern: [an den Unternehmer] Stinnes. Als wir mit der Dreigliederung begonnen haben, da war Stinnes noch nicht da. Ich habe ja mit der Dreigliederung keinen Spaß verstanden. Stinnes rührt lediglich davon her, dass die Dreigliederung ins Wasser gefallen ist; darauf beruht die ganze StinnesBewegung. Stinnes ist ein ganz genialer Kerl - ich möchte nicht sagen, dass er ein Gauner ist, er ist eben ein «Pflänzchen» des Unternehmertums, aber er hat jedenfalls viel größere Einsichten als andere. Stinnes hat einmal gesagt: Ja, wir können die Dinge so deichseln. Will man es aber so machen mit den Dingen, wie es die deutsche Arbeiterschaft machen will, so kommen sie nicht weiter. — Er weiß, dass die Arbeiterschaft nicht wirtschaften kann; und dies sollte Einsicht schaffen; es wird debattiert über alles Mögliche, aber nicht über Produktion. Und er sagte daher weiter: Wir können es abwarten, bis die Arbeiterschaft vor unseren Türen liegt und bettelt um Arbeit. - Stinnes baut darauf, dass die Arbeiterschaft vor den Türen liegt und bettelt um Arbeit.

Mit den Pflichten und Rechten der Betriebsräte ist es schon wirklich so, dass sie die weitestgehenden Rechte haben können; und sobald hier etwas wirklich Positives vorgebracht werden kann, können wir uns ja hier immer, wenn Gelegenheit dazu ist, hier aussprechen; es kann hier besprochen werden. Aber einen Paragraphen hierüber festzusetzen, das hat meiner Ansicht nach gar keinen Zweck, weil wir es in einem Wirtschaftsleben tun, in dem man auf dem «positiven Unsinn» angekommen ist. Wir leben heute von der Hand in den Mund; es kann schließlich keiner mehr tun, als ohnehin schon geschieht. Aber das platzt nächstens. Worauf heute die Unternehmerschaft rechnet, das ist die Uneinigkeit der Arbeiterschaft, und die Unternehmerschaft, die wird immer Mittel und Wege haben, die Uneinigkeit der Arbeiterschaft aufrechtzuerhalten, für deren Fortbestehen zu sorgen. Selbst wenn das Chaos im Wirtschaftsleben nicht da wäre, dann könnte man sich auch nur einen Teilerfolg davon versprechen, wenn die deutsche Arbeiterschaft wirklich geeint vorgehen würde, doch man könnte immerhin etwas Erhebliches tun, es könnte Erhebliches geschehen. Doch wenn es so weitergeht, wie es bis jetzt gegangen ist - hier wird gestreikt und dann wieder dort -, das bedeutet alles eine Schwächung der Arbeiterschaft und keine Stärkung. Dieses nicht-einheitliche Vorgehen ist etwas, was die Position der Arbeiterschaft ganz wesentlich verschlechtert. Viel halte ich nicht davon, dass Angst da sein könnte vor den acht Millionen.

Etwas, was Aussicht haben könnte, das ist, wenn sich die Arbeiterschaft unserer Betriebe in Stuttgart wirklich zusammenschließen würde, dass sie zusammenkommen können und einmal vernünftig über das Wirtschaftsleben geredet werden könnte. Das ist meines Erachtens die größte Arbeit, die zu tun ist. Und das kann man nicht so machen, dass man die Vorträge ein bisschen besser, ein bisschen schlechter findet. Denn derjenige, der heute über das Wirtschaftsleben sprechen will, der muss schon wirklich ein erfahrener Mensch sein, der muss hineinschauen können in die Verhältnisse. Man kann diese Erfahrung heute nicht schöpfen aus allen möglichen Schriften, denn von allen Wissenschaften, die heute getrieben werden, ist diejenige die «blödsinnigste», die vorgetragen wird als Volkswirtschaftslehre.

Herr Leinhas hat ja mit seinem Vortrage auf unserem anthroposophischen Kongress in vorbildlicher Weise Robert Wilbrandt «totgemacht», wissenschaftlich natürlich bloß. Dabei ist aber Wilbrandt noch ein ganz anständiger Kerl, aber wenn wir einmal einen anderen Kunden angeben würden, so käme noch viel Schlimmeres heraus. Und dies rührt nur davon her, weil wir eben keine Wirtschaftswissenschaft haben, keine Erkenntnis, und die muss sich heute ganz notwendig aus der Erfahrung heraus bilden. Alles, was gesagt wird auf diesem Gebiete, ist fast nicht brauchbar; die einzelnen Lichtblitze, die auftauchen auf dem Boden der Dreigliederung, abgesehen. Es müsste aber die Möglichkeit herbeigeführt werden, dass eine große Anzahl von Menschen auch einsehen kann, wie die Dinge im Wirtschaftsleben eigentlich liegen.

Als ich hier meine Vorträge gehalten habe im Anfang, sagte mir die Frau eines sozialistischen Ministers, sie könne nicht begreifen, dass in meine Vorträge so viele Menschen kämen, ich verspräche den Leuten gar nichts und sage ihnen immer nur, was sie machen müssten. Und so ist es auch, meine sehr verehrten Anwesenden. Man kann nicht die Rechte und Pflichten der Betriebsräte festlegen, wenn ganz einfach die Verhältnisse nicht darnach sind. Wenn wir wirklich von einem Zentrum ausgehen wollen, um festzulegen, was wert ist, getan zu werden, so ist es dies: Dass Sie alle dazu beitragen können, dass von hier aus etwas zustande kommt, wie man am besten wirtschaftet, indem Sie den Boden bereiten. Das können wir uns versprechen, dass die Sache schon vielleicht in einem Jahre einen ungeheuren praktischen Wert haben kann, wenn Einigkeit die Arbeiterschaft zusammenschließt, und zwar unabhängig von der gewerkschaftlichen Frage zusammenschließt, um etwas zu erreichen. Wir haben gesehen, dass es in Dornach zum Beispiel notwendig ist, zunächst einmal über Einsichten sich zu verständigen. Wenn man unabhängig davon, ob Arbeiter oder Unternehmer, die Bedingungen des Wirtschaftslebens untersuchen würde, dann würde man weiterkommen können. Dann würde man vielleicht auch Stinnes das Wasser ab[graben] können. Es wird abhängen davon; wenn Sie nicht mit dem «Kommenden Tag» einiggehen, dann kommt für den «Kommenden Tag» vielleicht einmal der Tag, dass Stinnes sich ihn angliedert. So liegen die Verhältnisse. Wenn Sie etwas Positives dadurch schaffen, dass Sie sich zusammenschließen, dann lässt sich über die Frage reden, dann muss Einigkeit sein. Bei den Leitern unserer Betriebe ist das Bestreben vorhanden, in sozialen Beziehungen vorwärtszukommen. Die Leiter der einzelnen Betriebe seufzen halt auch. Wenn sich aber die Arbeiterschaft der einzelnen Betriebe zusammenschließt, dann ist ein Kern da, der weiterkommen kann.

[In den folgenden Wortmeldungen wird auf die schwierige Lage Bezug genommen, die es auch den Betriebsleitern schwer macht, Einsicht in die Produktion zu gewinnen. Es wird auf die Bestrebungen verwiesen, eine Betriebskrankenkasse und eine Pensionskasse einzurichten und Lebensmittel aus den landwirtschaftlichen Betrieben des «Kommenden Tages» den Arbeitern zukommen zu lassen.]

Rudolf Steiner: Die Frage über die Errichtung einer Pensionskasse sowie der Ausnutzung der landwirtschaftlichen Betriebe für die Arbeiterschaft ist sehr interessant und kann gewiss sehr fruchtbringend besprochen werden, nur muss man sehen, dass man richtig die Sache auf den richtigen Boden stellt.

[Es wird berichtet, dass die Betriebskrankenkasse durch das wohlwollende Entgegenkommen der Regierung so gut wie gesichert ist. Bei den Landwirtschaftslieferungen sei zu bedenken, dass solche Dinge die Menschen auseinanderführen können.]

Rudolf Steiner gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass diese in Vorbereitung befindlichen, früher schon in anderen Betrieben oft segensreich wirkenden Einrichtungen auch hier wirklich gut ausgebaut werden. Er erwähnt auch noch bezüglich der Betriebskrankenkasse, dass es ja bei unseren Bestrebungen um eine rationelle Heilkunst sehr wünschenswert ist, dass gerade auf diesem Gebiete etwas unternommen würde. Bezüglich der landwirtschaftlichen Betriebe und deren Ausnützung für die Arbeiterschaft weist er auf ein Beispiel hin, das sich in der Anthroposophischen Gesellschaft zugetragen habe.

Es war ein Mühlenbesitzer und gleichzeitig Bäcker, der ein vorzügliches Brot buk. Durch die Verhältnisse war der Mann gezwungen, sein Brot zu verteuern, und man konnte sehen, wie keiner den Willen hatte, nur ein kleines Opfer zu bringen, um die Sache weiterzutragen. Im Gegenteil, man sagte: Ja, das Brot ist so gut, da isst man so viel davon; und wenn ich das andere Brot nehme, da verbraucht man lange nicht so viel. Nun musste ja allerdings gerade dieser Brotbeoder -vertrieb durch die Kriegsverhältnisse abgestellt werden; in anderem Falle aber wäre die Einstellung auch so gekommen.

Rudolf Steiner erzählt weiter, es wäre in letzter Zeit in einer englischen Zeitung ein Artikel erschienen, eine Geschichte, wo ein Geschäftsmann, er hatte eine große Landwirtschaft, nachweisen wollte, dass man heute nicht mehr auf einen grünen Zweig kommen könne. Derselbe hat alle Gewinne auskalkuliert, die ihm der Betrieb in einem Jahre bringen könne, und kam dann zu dem Ergebnis, dass ihm am Ende des Jahres nur 17 Pence übrig bleiben könnten.

[Emil Leinhas fügt ein weiteres Beispiel an. Es wird die Hoffnung ausgesprochen, dass die Betriebsräte nach diesen Ausführungen nun gedeihlich arbeiten können, was von Rudolf Steiner bekräftigt wird.]

Rudolf Steiner: Nicht wahr, sehen Sie, der Herr Biehler hat mit Recht von der Steuerfrage gesprochen, gegen die sich die Arbeiterschaft wenden müsse. Aber nun, Sie haben ein kleines Sätzchen eingeflochten, dem muss ich eigentlich ein klein wenig Bedeutung beilegen. Sie sagten: Wenn die Arbeiterschaft einiggehe, dann werden die 8 Millionen organisierter Menschen doch von der Regierung dasjenige erreichen. Ich muss schon sagen, der Regierung ist es ja heute im Grunde genommen gleich, was sie besteuert; sie will ja nur Steuern haben. Nur durch diese Sinnlosigkeit ist das gesamte Wirtschaftsleben dahin gekommen, wo es heute ist, dadurch, dass es einem eben gleich war, wie man etwas tut. Solange diese Regierung währt, ist es auch ausgeschlossen, dass die Arbeiterschaft auch nur etwas erreicht von dem, was sie wirklich notwendig braucht.

Die wichtigste Frage ist ja heute die Frage der Arbeitslosigkeit, und man hat schon sehr viel darüber geredet, aber schließlich hat noch niemand den Gedanken gehabt, dass eine solche Arbeitslosigkeit, wie sie heute ist, gar nicht existieren kann bei einem geregelten Wirtschaftsleben. Nicht wahr, die Menschen, die arbeiten ja füreinander, jeder arbeitet für den andern. Es müsste also, wenn die Arbeitslosigkeit gerechtfertigt wäre, müssten soundsoviele Menschen auf einmal nichts mehr brauchen. Dagegen gibt es aus den jetzigen Verhältnissen heraus überhaupt keine Korrektur; man kann nicht sagen, dass Arbeitslosigkeit in dem Maße vorhanden ist, wie sie vorhanden ist in der Schweiz, bei der Entente und so weiter aus diesem und jenem Grunde. In welch scheußlichen Verhältnissen wir drinnenstehen, kann man erst ermessen, wenn man den Gedanken hegt, dass durch den furchtbaren Krieg so viele Menschen totgemacht wurden. Aber Arbeitslosigkeit kann gar nicht eine Folge dieses Krieges sein, denn wenn so viele Menschen tot sind, das müsste nur dazu führen, dass die Arbeitslosigkeit immer geringer wird.

Neulich war eine Wirtschaftsbesprechung; da ist die Rede gewesen, dass es eine ganze Anzahl Rezepte für Heilmittel gibt, die uns zur Verfügung stehen. Nicht wahr, die Verwertung dieser Heilmittel wird einmal produktiv sein, heute aber sind sie ein bloßer Gedanke. Und da kam jemand auf die Idee, man könnte einfach die Rezepte abschreiben und könnte sie unter die Aktiven einer Unternehmung aufnehmen. Dieser Posten wäre unter Umständen ganz ehrlich gemeint, denn man könnte das wirklich herausbringen. Andernteils aber, wenn sich kein Mensch findet, der die Sache unterstützt, so hat es wieder gar keinen Wert.

Es gibt aber einen Weg, bei dem man es sicher einsetzen kann in die Bücher, und das ist: Man nimmt Patente darauf und bezahlt sie, und dann kann man es mit diesem Wert in die Bücher bringen. Es ist ja hier weiter nicht geschehen mit den Rezepten der Heilmittel, und doch ist ein Weg gegeben, den Wert der Rezepte auszunutzen. Wenn einer viel oder wenig Geld verdient, so will er nicht gleich Gewinne ausschütten, so macht er Abschreibungen oder Reserven. Bei uns fließt das, was unter Umständen aufgebracht werden kann, ein in reale Reserven, die dann, in einer Zeit, wo manches, was heute fabriziert wird, zusammengebrochen sein wird, die dann wieder vieles tragen können.

[Dankesworte an Rudolf Steiner für seine Ausführungen und Betonung des Willens, im Betriebsrat in die Wirtschaft einzudringen.]

Rudolf Steiner weist nochmals kurz auf den bereits erwähnten wünschenswerten Zusammenschluss aller Arbeiter im «Kommenden Tag» hin und dass daraus sicher in nicht allzu langer Zeit etwas wirklich für das Wirtschaftsleben Wertvolles entspringen könnte, wenn alles den Willen hat, in der rechten Weise mitzuarbeiten. Immer wieder müsse man sich den «Un-Sinn» unseres heutigen Wirtschaftslebens vergegenwärtigen; dies würde den rechten Ansporn geben für eine rechte Arbeit. Er erkläre sich gerne bereit, sobald wieder Gelegenheit dazu vorhanden ist, der Einladung der Arbeiterschaft wieder Folge zu leisten, um ihr mit jedem Rat zur Seite zu stehen.

German original of Address and Contributions to the Meeting of the “Kommenden Tages” Works Councils · ← Previous · Next →