101. Zur bevorstehenden Präsidentenwahl der Theosophischen Gesellschaft

Gerne würde ich über diese Angelegenheit innerhalb dieser Zeitschrift überhaupt keine weitergehenden Betrachtungen anstellen, sondern lediglich dasjenige mitteilen, was für die allgemeine theosophische Sache von Interesse ist. Denn es handelt sich dabei doch um interne Dinge der Gesellschaft; und diese Zeitschrift soll der sachlichen theosophischen Arbeit und Verwaltungsfragen nur insofern gewidmet sein, als diese mit jener Arbeit zusammenhängen.

Doch kann ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen diesen Gesichtspunkt nicht ganz durchführen. Diese Wahlangelegenheit rührt so viele Dinge auf, hat schon so viele Diskussionen hervorgerufen, daß es von vielen Seiten übel vermerkt würde, wenn ich hier ganz darüber schweigen würde.

Der verstorbene Präsident-Gründer hatte statutenmäßig das Recht, seinen Nachfolger zu nominieren. Diese Nominierung unterliegt der Bestätigung durch die Gesellschaft. Und soll die Nominierung Gültigkeit haben, so müssen für den nominierten Kandidaten zwei Drittel der sämtlichen im Wahlakt abgegebenen Stimmen als «ja» ausfallen. Nun hat der verstorbene Präsident-Gründer Mrs. Besant vorgeschlagen. Der jetzt statutenmäßig amtierende Vizepräsident hat die Generalsekretäre aufgefordert, im Monat Mai die Wahl vorzunehmen. Das wird in der angegebenen legalen Form innerhalb der deutschen Sektion geschehen. Somit könnte eigentlich, wenn sonst nichts geschehen wäre, keine Angelegenheit mehr in Ordnung sein als diese.

Ja, gewiß, wenn sonst nichts geschehen wäre. Leider ist aber verschiedenes geschehen, und das macht nun die einfache Sache kompliziert. Ich will nun zunächst erzählen, was geschehen ist. Der verstorbene Präsident Olcott hat nicht einfach mitgeteilt, daß er Mirs. Besant als seinen Nachfolger nominiere, sondern er hat in den allerverschiedensten Zirkularen an die Generalsekretäre die Mitteilung gelangen lassen, die dann auch den Weg in die theosophische Presse, und leider nicht bloß in diese gefunden hat, daß jene hohen Individualitäten, die man als die Meister bezeichnet, und zwar diejenigen, welche in besonderer Beziehung zur theosophischen Sache stehen, an seinem Sterbebette erschienen seien, und ihm den Auftrag erteilt haben, Mrs. Besant zum Nachfolger zu nominieren. Nicht nur das, sondern sie haben ihm noch eine wichtige Mitteilung über den kürzlich aus der Gesellschaft ausgeschiedenen Mr. Leadbeater gemacht. Nun hätte man diese Zugabe zur Nominierung von Mrs. Besant einfach ignorieren können. Denn ob man nun an die Echtheit der Erscheinung der Meister in diesem Falle nun glaubt, oder nicht: was geht es die im Sinne der Statuten wählenden Mitglieder an, von welcher Seite Olcott beraten worden ist, als er die Nominierung vornahm ? Ob er von Meistern, oder von irgendwelchen gewöhnlichen Sterblichen sich hat raten lassen, das geht nur ihn an. Die Wählenden haben sich an die Statuten zu halten und sich um nichts weiter zu fragen, als ob sie Mrs. Besant für die richtige Persönlichkeit halten, oder nicht. Eine Schwierigkeit ergab sich aber sogleich dadurch, daß Mrs. Besant Mitteilung davon machte, daß sie von ihrem Meister dazu aufgefordert worden sei, die Wahl anzunehmen, und daß sie aus diesem Grunde die Bürde auf sich nehme, ja daß sie geradezu den Befehl der Meister als etwas für die Wahl Entscheidendes auffasse. Das ergibt eine sachliche Kalamität. Denn Mrs. Besant genießt das esoterische Vertrauen vieler Mitglieder. Für diese wurde durch ihr Vorgehen eine rein administrative Angelegenheit zu einer Gewissensfrage gemacht. Denn sollten sie sich mit ihrem Gefühl auf den Boden der Statuten stellen, so stellten sie sich in Gegensatz zu der Persönlichkeit, die ihr esoterisches Vertrauen genießen muß. Auch sagten sich manche: kann Mrs. Besant denn gewählt werden, wenn sie schon vor Antritt des Amtes eine reine Verwaltungssache verwechselt mit einer esoterischen Sache, wie es eine Kundgebung der Meister ist? Steht man da nicht vor der Gefahr, daß wir künftig von Adyar statt einfacher Prästdialnoten Mahatmabefehle erhalten werden? Die Verwirrung ist nicht auszudenken, die eintreten müßte, wenn das geschähe. Innerhalb unserer deutschen Sektion ist freilich auch dadurch die Gefahr keine große gewesen, denn unserer Arbeit in den letzten Jahren ist es gelungen, manchen der Stürme fernzuhalten, die die Gesellschaft außerhalb durchbrausten. Sogar der Fall Leadbeater ist bei uns ohne unnötigen Sturm vorübergegangen. Über die Offenbarungen in Adyar wäre Zeit gewesen, später zu sprechen. Das wäre geschehen, und wird auch geschehen, denn gerade, wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, streng auf dem Boden steht, daß die höhere Weisheit nur der Ausfluß höher entwickelter geistiger Individualitäten ist, der nie etwas in der Lehre sagen wird, was er diesen Individualitäten gegenüber nicht verantworten könnte; gerade ein solcher wird die Notwendigkeit empfinden, zur rechten Zeit über Dinge offen zu sprechen, wie die von Adyar mitgeteilten Offenbarungen sein wollen. Aber er darf sich eben keine ungünstige Zeit dazu aussuchen.

Zu alledem kommt noch etwas anderes. Hat schon das Besprochene in der Gesellschaft außerhalb Deutschlands zu Diskussionen geführt, die darauf hinauslaufen, gegen die Wahl von Mrs. Besant zu sein, so wurde der Umfang dieser Diskussionen noch vergrößert durch einen Artikel, den Mrs. Besant in der Märznummer der Theosophical Review geschrieben hat über die Grundlagen der Gesellschaft. Dieser Artikel könnte so aufgefaßt werden, daß er nichts anderes als das Folgende enthielte. Die Theosophische Gesellschaft erheischt von ihren Mitgliedern die Anerkennung eines allgemeinen Bruderbundes der Menschheit. Wer anerkennt, daß die Gesellschaft solche Arbeit zu leisten hat, die zur Herbeiführung eines solchen Bruderbundes geeignet ist, der kann Mitglied der Gesellschaft sein. Und man sollte nicht sagen, ein Mitglied könne ausgeschlossen werden wegen solcher Handlungen, die da und dort Anstoß erregen, vorausgesetzt, daß es die obige Regel der Gesellschaft anerkennt. Denn die Theosophische Gesellschaft habe keinen Moralkodex, und man finde bei den größten Geistern der Menschheit Handlungen, an denen der oder jener nach den Verhältnissen seiner Zeit und seines Landes Anstoß nehmen könnte. Der Schreiber dieser Zeilen muß gestehen, daß er diesen Aufsatz als einen richtigen, sogar selbstverständlichen Ausfluß einer Okkultistengesinnung angesehen hat, und daß er vorausgesetzt hat, daß so auch andere Theosophen denken, bis ihm die Aprilnummer der Theosophical Review in die Hand gekommen ist, in der von vielen Seiten in endloser Wiederholung gesagt wird, daß solche Gesinnung der Gipfel der Unmotal sei und alle gute Sittlichkeit in der Gesellschaft untergraben müsse. Und immer wieder der ausgesprochene oder unausgesprochene Refrain: kann denn jemand Präsident einer anständigen Gesellschaft sein, der solche Unmoral predigt? Es ist jetzt auch wohl nicht die Zeit, ganz bescheiden die Frage aufzuwerfen: Wo bleibt die Überführung der Lehre vom Karma ins Leben, die uns zeigt, daß der Mensch bei seinen gegenwärtigen Handlungen von seinem Karma abhängig ist, daß er aber in bezug auf seine künftigen Handlungen von seinen Gedanken in der Gegenwart abhängen werde? Sollen wir als Theosophen so richten, wie es Leute tun, die nichts vom Karma wissen, oder sollen wir die Handlungen des Mitmenschen als bedingt durch sein Vorleben ansehen? Wissen wir noch, daß Gedanken Tatsachen sind und daß derjenige, der für richtige Gedanken in unseren Reihen arbeitet, gerade den Grund legt zur Überwindung dessen, was den Menschen aus früheren Leben anhängt? Was hat Mrs. Besant in diesem Aufsatze anderes getan, als einen uralten Okkultistengrundsatz auseinandergesetzt, der in dem sonst gewiß anfechtbaren Roman «Zanoni» richtig mit folgenden Worten ausgedrückt wird: «Unsere Meinungen sind der Engelsteil an uns, unsere Taten der Erdenweil.» In ruhigeren Zeiten wäre wohl Mrs. Besants Aufsatz als das genommen worden, was der Okkultist oftmals gegenüber der landläufigen Moral betonen muß. Das zeigt, daß diese Präsidentenwahl die Diskussion von dem ruhigen, sachlichen Boden zu entfernen droht. Aus der Frage, ob man eine rein administrative Sache ins Esoterische hinüberspielen dürfe oder nicht, könnte leicht die prinzipielle werden, wie sich die Gesellschaft weiter zum Okkultismus verhalten solle? Und wenn es sich darum handeln sollte, könnten diejenigen, die in der Aufrechterhaltung der okkulten Grundlage eine Lebensbedingung der Gesellschaft schen müssen, keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß die Wahl einer vom okkulten Standpunkte ausgehenden Persönlichkeit das richtige ist, selbst wenn sie der Meinung sind, daß diese Persönlichkeit augenblicklich in bezug auf Statuten und Konstitutionen irrt. Ein solcher Irrtum könnte geheilt werden, nicht aber könnte wiedergutgemacht werden, wenn etwa die Gesellschaft mit der gegenwärtigen Präsidentenwahl dem Okkultismus entfremdet werden sollte. Damit soll für heute genug sein. Über das, was zur Wahl selbst weiter zu sagen ist, sprechen wir uns noch. Ob das in dieser Zeitschrift geschehen werde oder nur im Kreise der Mitglieder, das wird von den Umständen abhängen. Geschehen muß es.

Auch diese Zeilen wären unnötig gewesen, wenn nicht außerhalb Deutschlands soviel gesprochen würde über die Sache. So aber können die Leser dieser Zeitschrift verlangen, daß nicht ganz geschwiegen werde über etwas, über das anderwärts soviel gesprochen wird.

German original of Regarding the forthcoming presidential election of the Theosophical Society · ← Previous · Next →