13. Theosophie und Wissenschaft
Unter den mancherlei Vorwürfen, welche der Theosophie gemacht werden, befindet sich auch der, daß sie unwissenschaftlich sei. Und da die Wissenschaft oder vielmehr dasjenige, was man heute so nennt, eine unermeßlich große Autorität besitzt, so kann ein solcher Vorwurf der aufstrebenden theosophischen Bewegung sehr schaden. Die «gelehrte Welt» will sich überhaupt mit ihr nicht befassen, weil sie wegen ihrer Erziehung in den wissenschaftlichen Vorstellungen mit den von der Theosophie behaupteten Tatsachen nichts anzufangen weiß. Man kann das begreifen, wenn man sich vertraut gemacht hat mit den Ideen und Erfahrungen, die gegenwärtig dem Juristen, Mediziner, Lehrer, Chemiker, Ingenieur usw. während ihrer Lehrzeit beigebracht werden. Wie weit steht das alles ab von dem Inhalte der theosophischen Literatur. Welche andere Denkungsart herrscht in einem chemischen Vortrag als in den Lehren der tonangebenden Träger der Theosophie. Man geht gar nicht zu weit, wenn man sagt: es gibt augenblicklich kein größeres Hindernis gegenüber dem Verständnisse der theosophischen Behauptungen als den Besitz eines Doktortitels.
Das aber wirkt schlimm für die Verbreitung der Theosophie. Denn es ist nur zu begreiflich, daß derjenige, welcher die Dinge nicht ganz vollkommen durchschaut, durch eine solche Tatsache stutzig gemacht wird. Und so braucht es durchaus nicht immer der Böswilligkeit zu entspringen, wenn gesagt wird: euch Theosophen laufen doch nur die ungebildeten Kreise zu; die Menschen aber, die auf der «Höhe der Wissenschaft» stehen, vermögt ihr nicht zu gewinnen.
Daraus kann dann sehr leicht die Meinung entspringen, die Theosophie gehe einen falschen Weg; sie müsse sich mehr der Vorstellungsart der wissenschaftlichen Kreise anbequemen. Sehe man nur einmal, daß man die Lehren von Reinkarnation und Karma ebenso wissenschaftlich begründen könne wie die anderen Naturgesetze, dann erst werde es mit der Sache seine Richtigkeit haben; die gelehrte Welt werde so gewonnen werden und dadurch werde sich die Theosophie durchsetzen.
Das ist ein gutgemeinter Glaube; aber er entspringt doch nur einem verhängnisvollen Vorurteil. Dies besteht darinnen, daß man meint, die heute gebräuchliche wissenschaftliche Denkungsart könne aus sich selbst heraus jemals zur Theosophie kommen. Das ist aber keineswegs der Fall; und einer solchen Täuschung können sich nur diejenigen hingeben, welche unbewußt die anderswoher empfangenen theosophischen Ansichten in die gegenwärtige Wissenschaft hineintragen. Man kann nämlich sehr wohl alle theosophische Weisheit so in die Wissenschaft hineintragen, und man wird nicht den mindesten Widerspruch finden zwischen dem, was an der Wissenschaft wahr ist, und den Behauptungen der Theosophen. Aber man kann nie und nimmer aus dem, was heute offiziell als Wissenschaft gelehrt wird, die Theosophie herausholen. Man kann auf irgendeinem Gebiete im Sinne der Gegenwart der größte Gelehrte sein; zum Theosophen wird man durch diese Gelehrsamkeit nicht.
Wer sich die Dinge nur ein wenig gründlich überlegt, muß das einsehen. Was die Theosophen behaupten, sind ja durchaus nicht Schlußfolgerungen aus irgendwelchen Ideen oder Vorstellungen, sondern übersinnliche Tatsachen. Und Tatsachen können niemals durch bloße Logik und Schlußfolgerung gefunden werden, sondern lediglich durch die Erfahrung. Nun beschäftigt sich unsere offizielle Wissenschaft allein mit den Tatsachen der sinnlichen Erfahrung. Alle ihre Ideen und Begriffe sind nur auf der Grundlage dieser Erfahrung aufgebaut. Sie kann daher, solange sie von dieser Voraussetzung ausgeht, niemals etwas über nicht sinnliche Tatsachen aussagen. Tatsachen beweist man niemals durch Logik, sondern allein dadurch, daß man sie in der Wirklichkeit aufzeigt. Man nehme einmal an, heute wäre der Walfisch noch ein unbekanntes Tier. Wird jemand sein Vorhandensein durch Schlußfolgerungen nachweisen können? Auch wenn er ein noch so guter Kenner aller anderen Tiere ist, wird er das nicht können. Doch wird der Ungelehrteste das Vorhandensein des Walfisches beweisen, wenn er ihn in der Wirklichkeit entdeckt. Und wie lächerlich erschiene ein Gelehrter, der gegenüber einem solchen Ungelehrten aufträte und sagte: nach der Wissenschaft sind derlei Tiere wie Walfische nicht möglich, also gibt es keine; der Entdecker muß sich getäuscht haben.
Nein, mit der bloßen Gelehrsamkeit ist gegenüber der Theosophie gar nichts anzufangen. Über ihre Tatsachen kann nichts entscheiden als die übersinnliche Erfahrung. Zu dieser übersinnlichen Erfahrung muß man den Menschen verhelfen, nicht sie auf eine unfruchtbare Gelehrsamkeit verweisen.
Nun wird man ja natürlich sogleich mit einem Einwande bei der Hand sein. Er ist so billig wie möglich. Wenn nun aber die Menschen einmal keine übersinnliche Erfahrung haben: wie könnt ihr ihnen zumuten, daß sie glauben, was ein paar Leute sagen, die vorgeben, Hellseher zu sein und solche Erfahrungen zu haben? Ihr müßtet es zum mindesten unterlassen, die theosophischen Erfahrungen vor einem nicht hellsehenden Publikum zu lehren, und sie nur jenen vortragen, die ihr zuerst hellsehend gemacht habt.
Das klingt leidlich, kann aber vor dem wahren Tatbestande nicht aufrecht erhalten werden. Denn erstens müßten diejenigen, die so sprechen, auch alle volkstümlichen naturwissenschaftlichen Vorträge und Schriften höchst anstößig finden. Oder haben die zahlreichen Leser von Haeckels «Natürlicher Schöpfungsgeschichte», oder Carus Sternes «Werden und Vergehen» alle die Möglichkeit, sich selbst von der Wirklichkeit des da Behaupteten zu überzeugen? Nein, man wendet sich auch da zunächst an die Gläubigkeit des Publikums und setzt voraus, daß es Vertrauen habe zu denen, die selbst im Laboratorium oder auf der Sternwarte forschen. — Zweitens aber verhält es sich mit der Gläubigkeit, die man für übersinnliche Tatsachen voraussetzt, doch noch ganz anders als bei sinnlichen. Wer erzählt, was er durch ein Mikroskop oder Fernrohr gesehen hat, macht ja gewiß die Voraussetzung, daß sein Zuhörer sich von der Wahrheit des Erzählten selbst überzeugen kann, wenn er sich die Kunstgriffe aneignet, deren man sich bei solcher Forschung bedienen muß, und wenn er sich die betreffenden Werkzeuge verschafft. Aber die bloße Erzählung hilft zu solcher Bewahrheitung gar nichts. Anders ist es mit den übersinnlichen Tatsachen. Wer von ihnen spricht, erzählt nichts, was nicht in der menschlichen Seele selbst erfahren werden kann. Und die Erzählung an sich kann der Anreger sein, die in der Seele verborgenen Kräfte des eigenen Anschauens hervorzulocken. Sprich zu jemandem noch so viele Worte über kleine Organismen, die durch ein Mikroskop gesehen werden können: deine Worte werden ihm niemals die Geheimnisse des Mikroskopes sichtbar machen. Er muß sich zur Bewahrheitung von außen die Mittel verschaffen. Sprich aber zu ihm von dem, was in der Seele selbst gefunden werden kann, und dein Wort kann als solches den Anfang damit machen, die schlummernden Sehkräfte seines Innern hervorzuzaubern. Das ist der große Unterschied zwischen der Mitteilung übersinnlicher und sinnlicher Tatsachen, daß bei den ersteren die Mittel zur Bestätigung in der Seele eines jeden Menschen selbst liegen, bei den letzteren nicht. Es soll hier keineswegs jener oberflächlichen Auffassung von Theosophie das Wort geredet werden, welche stets nur behauptet: zur Ergründung der göttlichen Wahrheit brauche ein jeder bloß in sein Inneres sich zu versenken, da finde er den «Gottmenschen», welcher der Quell aller Weisheit ist. Wenn der Mensch sich auf irgendeiner beliebigen Stufe seines Daseins in seine Seele vertieft und dann vermeint, daß das «höhere Selbst» in ihm spreche, so wird es in den meisten Fällen nur das gewöhnliche «Ich» sein, welches aus sich hervorholt, was es sich aus seiner Umgebung, durch Erziehung usw. angeeignet hat. So wahr es ist, daß die göttliche Wahrheit in der Seele selbst eingeschlossen ist, so wahr ist es auch, daß sie aus derselben am besten dadurch herausgeholt werden kann, daß man sich die Wege zeigen läßt von einem vorgeschritteneren Menschen, der in sich schon gefunden hat, was man selbst sucht. Wovon dir der heilsehende Lehrer sagt, daß er es in sich gefunden hat, das kannst du in dir selbst finden, wenn du dich unbefangen seinen Angaben überläßt. Das «höhere Selbst» ist in allen Menschen das gleiche, und man findet es am sichersten, wenn man sich nicht in Eitelkeit abschließt, sondern dieses «höhere Selbst» auf sich wirken läßt von da aus, wo es bereits in einem Menschen spricht. Wie in allen andern Dingen, so sind die Lehrer für die suchende Seele eine Notwendigkeit.
Aber mit dieser Einschränkung gilt es, daß ein jeder die Wahrheit der übersinnlichen Tatsachen in sich selbst finden kann. Wer nur Unbefangenheit, Ausdauer, Geduld und guten Willen hat, der wird bei der Erzählung solcher Tatsachen in sich alsbald ein Gefühl aufsteigen sehen, das ahnende Zustimmung ist. Und folgt er diesem Gefühle, dann ist er auf dem rechten Wege. Denn dieses Gefühl ist die erste von denjenigen Mächten, welche die schlummernden Seelenkräfte wecken. Wenn die Wahrheit so vor uns hintritt, wie sie von der hellsichtigen Seele geschaut worden ist, dann spricht sie zu uns durch ihre eigene Kraft. Gewiß ist damit nur ein allererster Anfang auf dem Wege zu höherer Erkenntnis gemacht und zum Weiterschreiten bedarf es sorgfältiger Schulung; aber dieser Anfang ist durch unbefangenes Hinhören auf das Wort der Wahrheit doch sicher gelegt.
Wie kommt es nun, daß in unserer Zeit doch in so vielen Menschen dieses Gefühl gegenüber der Mitteilung übersinnlicher Tatsachen nicht auflebt? Das rührt eben einfach daher, weil der Mensch der Gegenwart, und am meisten der wissenschaftlich geschulte, sich daran gewöhnt hat, nur den Zeugnissen der Sinne Glauben zu schenken. Und ein solcher G/aube wirkt lähmend auf das unbefangene Gefühl. Man muß sich erst von ihm befreien, wenn man den hellsehenden Forscher verstehen will. Man muß in sich frei werden von den durch die «Wissenschaft» und ihre landläufigen Vorurteile geschaffenen Denkgewohnheiten. Das heißt, man kann nicht aus dieser Wissenschaft heraus die höheren Wahrheiten finden, sondern unabhängig von ihr auf den inneren Wegen der Seele. Hat man auf diese Art erst den Zugang zu den höheren Erkenntnissen gefunden, dann wird man diese auch durch jede wahre Wissenschaft bestätigt finden. Und gerade unsere gegenwärtige Wissenschaft wird sich dann als der herrlichste Beweis für die höhere Wahrheit ergeben. So wenig diese Wissenschaft geeignet ist, demjenigen das Übersinnliche zu geben, der es noch nicht auf andere Weise gefunden hat, so viel vermag sie dem zu bieten, bei dem das der Fall ist.
Deshalb kann es nur die Aufgabe der theosophischen Bewegung sein, die Autorität und blinde Anhängerschaft in bezug auf «wissenschaftliche» Vorurteile zu brechen. — Damit ist nichts gegen die Errungenschaften der gegenwärtigen Wissenschaft gesagt, sondern lediglich die Notwendigkeit betont, nicht in blindem Glauben denjenigen zu folgen, welche diese Wissenschaft im Sinne einer Leugnung der übersinnlichen Tatsachen sich zurechtlegen.
Ein in der gegenwärtigen Zeitströmung erzogener Gelehrter wird erst dann in seiner Wissenschaft den Ausdruck des Übersinnlichen finden können, wenn er durch theosophische Vertiefung sich dazu vorbereitet hat. Keine Chemie, keine Zoologie, Geologie und Physiologie, wie sie jetzt ausgebaut sind, können aus sich heraus zur Theosophie führen; aber alle werden sie zum Beweise der übersinnlichen Erkenntnisse dienen können, wenn diese durch die theosophische Ansicht erst gewonnen sind. Erst wenn der Mensch den theosophischen Sinn erhalten hat, wird er ihn auch in der Wissenschaft betätigen. Die theosophische Weltbetrachtung braucht die gegenwärtige Wissenschaft nicht, um ihre Wahrheit zu bekräftigen; aber dieser Wissenschaft ist die theosophische Vertiefung notwendig.
Die Einwände, die sich gegen all das erheben können, sind natürlich zahlreich. Es kann zum Beispiel darauf hingewiesen werden, wie die gegenwärtige Seelenkunde durch die Erforschung der Tatsachen des Hypnotismus, der Suggestion usw. sich bemüht, dem Übersinnlichen nahe zu kommen. In Wahrheit nähert man sich aber durch die Art, wie diese Dinge erforscht werden, nicht den höheren Erkenntnissen, sondern man entfernt sich nur davon. Denn man sucht ja die irreführenden Wege auch in bezug auf das Übersinnliche zu gehen. Man ist nämlich bestrebt, das Übersinnliche durch die äußeren Sinne zu finden. Doch kommt es nicht darauf an, das Übersinnliche zu den äußeren Sinnen herabzuziehen, sondern die inneren Wahrnehmungsfähigkeiten zu entwickeln. Wer durch äußere Mittel das Übersinnliche beweisen will, der gleicht einem Menschen, welcher mir durch allerlei Mittel im Zimmer beweisen will, daß draußen schönes Wetter ist, statt einfach das Fenster aufzumachen und mich das schöne Wetter sehen zu lassen. Man mag durch noch so schöne Experimente beweisen, daß der Mensch in seiner Seele mehr hat, als was das alltägliche Bewußtsein kennt: man wird doch nicht mehr finden können als einen äußeren Abglanz dessen, was sich in vollem Umfange und in seiner eigenen Wahrheit enthüllt, wenn man die inneren Wege det Seele verfolgt. — Photographiert selbst Geister: für denjenigen, der in seinem Innern den Geist nicht findet, werdet ihr damit nichts beweisen. Denn er wird euch den Beweis zu erbringen versuchen, daß euere Photographie auf einem ganz materiellen Wege zustandegekommen sei. Wer aber den Geist in sich gefunden hat, dem wird jede Blume, jeder Stein ein verkörpertes Geistwesen sein, und mehr ist auch alles das nicht, was ihr mit den Mitteln der am Sinnlichen haftenden Wissenschaft zustande bringen könnt. — Es wäre eine Schwachheit, wenn man dem materialistischen Zeitbewußtsein so entgegenkommen würde, daß man ihm mit seinen Mitteln das Übersinnliche beweisen wollte. Man muß ihm vielmehr klarmachen, daß mit diesen Mitteln nichts Wahrhaftiges zu erreichen ist.
Die von den gegenwärtigen Gelehrten unternommenen Versuche im Übersinnlichen sind nicht ein Anfang zu etwas Neuem, sondern sie stellen nur die letzten Zuckungen des Materialismus dar, der sich nicht über das Sinnliche erheben kann und deshalb seine übersinnlichen Bedürfnisse aus dem Sinnlichen heraus befriedigen möchte.
Man soll die höheren Erkenntniskräfte nicht dadurch einlullen, daß man den Glauben nährt, es sei auch ohne ihre Erweckung ein Beweis des Übersinnlichen möglich. Der Theosoph kann sich nicht auf den Boden der gegenwärtigen wissenschaftlichen Vorurteile stellen, er muß vielmehr die Wissenschaft erst durch seine höheren Erkenntnisse befruchten. Findet die Theosophie erst Eingang in die Seelen, dann folgt von selbst, daß ihr auch die Pforten der Wissenschaft sich erschließen. Die Theosophie braucht man nicht wissenschaftlich zu machen, denn das ist sie in einem viel höheren Sinne als die gegenwärtige Wissenschaft; aber die Wissenschaft muß theosophisch gemacht werden.
Erst muß man auf die übersinnlichen Tatsachen geführt werden, dann kann man sie in das Gebäude der Wissenschaft einreihen; aber man kann aus einer Wissenschaft, welche diese Tatsachen nicht kennt, sie nicht durch logische oder anderweitige Schlußfolgerungen herausholen. Bevor nicht der Sinn für das Überphysische erschlossen ist, kann keine Wissenschaftlichkeit mit diesem etwas anfangen. Das sollten diejenigen begreifen, welche immer wieder der Theosophie ihre Unwissenschaftlichkeit vorwerfen.
Wer in der wissenschaftlichen Denkungsart unserer Zeit aufgewachsen ist, dem mag es schwer werden, das Gesagte mit unbefangenem Sinne hinzunehmen. Denn die Suggestion, welche von dieser Wissenschaft ausgeht, ist groß. Ihre Errungenschaften mit ihrer Folge, der gegenwärtigen materiellen Kultur, wirken überwältigend. Aber man braucht kein Feind dieser Wissenschaft zu sein, um sich der Theosophie zuzuwenden. Im Gegenteil, man wird dadurch erst ihr wahrer Freund. Das Gold dieser Wissenschaft kann erst durch die Theosophie gewonnen werden. In welch herrlichem Lichte erstrahlen dann Haeckels Entdeckungen, ja welchen Anblick gewähren die Ergebnisse unserer Physiologen, Anthropologen, Kulturhistoriker usw., wenn man sie im theosophischen Lichte sieht, und nicht mit dem materialistisch befangenen Sinne ihrer gegenwärtigen Träger. Gegen niemand soll damit auch nur der geringste Vorwurf erhoben werden. Wie man sagt, daß große Persönlichkeiten oft die Fehler ihrer Tugenden haben, so ist es auch bei den Zeitströmungen. Um die herrlichen Entdeckungen auf dem Felde der sinnlichen Tatsachenwelt zu machen, mußten die Forscher eine Zeitlang das Wandeln auf den Wegen der Seele zurückstellen. Und was man eine Zeitlang nicht übt, dafür verliert man allmählich den Sinn. So wie gewisse augenbegabte Tiere die Sehkraft verlieren, wenn sie in finstere Höhlen einwandern und dort dauernd ihr Leben fortsetzen, wie die Muskeln der Hand schwach werden, wenn sie eine Zeitlang aller schweren Arbeit sich entwöhnen, so verloren die Pfadfinder im Sinnlichen die Sehkraft für das Übersinnliche. Man muß sie nach ihren positiven Errungenschaften schätzen und hat gar nicht nötig, sie wegen dessen, was sie um dieser Errungenschaften willen geopfert haben, zu unterschätzen. Aber über das, was wirklich ist, entscheidet nicht derjenige, der es nicht gesehen hat, sondern derjenige, dem es sich erschlossen hat. Deshalb kann auch aller Protest der Naturforscher nicht in Betracht kommen gegen diejenigen, welche sich die Fähigkeit zu übersinnlichern Schauen angeeignet haben. Aber man kann auch bei den Naturforschern der Gegenwart selbst keine Auskunft über das Übersinnliche gewinnen. Das hieße doch bei dem Blinden über die Farbe sich erkundigen. Der Blinde hat für gewisse Feinheiten des Tastsinnes eine intime Empfindung; über sie mag man viel von ihm lernen. Um aber die Farben kennen zu lernen, muß man selbst das Auge auf sie richten. Die Naturwissenschaft ist wichtig für das Tasten im Sinnlichen; aber sie vermag nichts zu bieten für das Schauen im Übersinnlichen. Der Blinde muß sich von dem Sehenden über das Licht belehren lassen; so kommt es auch der Naturwissenschaft zu, von dem Theosophen sich über den Geist unterrichten zu lassen. Und diejenigen sind auf verhängnisvollen Irrwegen, welche von dem tastenden Naturforscher sich die Beweise holen wollen für das helle Licht der geistigen Welt.