28. Über Geisteskrankheiten
Eine weitere Anfrage lautet: «Wie stellt sich die Theosophie zu den Geisteskrankheiten? Die gegenwärtige Wissenschaft leugnet, daß jemand durch eine irrtümliche, verkehrte Gedankenrichtung in Geisteskrankheit verfallen kann. Höchstens könne Überanstrengung in bezug auf geistige Arbeit das Nervensystem und Gehirn krank machen, nicht aber der geistige Inhalt. Gibt das auch die Theosophie zu?»
Antwort: Die gegenwärtige medizinische Wissenschaft weiß zwar durchaus nicht Bescheid in bezug auf die gesetzmäßigen Zusammenhänge in höheren Welten; was aber die angeführte Behauptung derselben betrifft, so liegt ihr durchaus eine Wahrheit zugrunde. Was man Geisteskrankheit nennt und was als solche Erkrankung physischer Organe ist, kann auch nur seinen unmittelbaren Ursprung in physischen Tatsachen haben. Eine verkehrte Empfindung, ein verfehlter Gedanke haben ihre schädlichen Wirkungen zunächst in höheren Welten, und sie können nur mittelbar auf die physische Welt zurückwirken. Wer also nur von den Gesetzen der physischen Welt spricht und andere nicht kennt, würde eben einen Fehler machen, wenn er einen in der angedeuteten Richtung gehenden Einfluß des Geistes auf das Gehirn zugeben wollte. Die gegenwärtige Medizin hat also von ihrem Standpunkt aus ganz recht. In ihrem Sinne können irrsinnige Gedanken nur die Folge eines kranken Gehirnes sein, nicht, umgekehrt, kann ein krankes Gehirn die Folge irrender Gedanken sein. Der Zusammenhang zwischen Gehirn und Gedanke liegt aber nicht in der physischen Welt. Er liegt in einer höheren Welt. Und obwohl das physische Gehirn, welches unser Auge im physischen Raume sieht, nicht direkt beeinflußt werden kann von dem Inhalte des Gedankens, wie ihn der ebenfalls an die physische Welt gebundene Verstand kennt: so besteht doch ein — für physische Beobachtung verborgener — Zusammenhang zwischen den höheren (mentalen) Gesetzen, aus denen das Gehirn einerseits, die Gedanken dieses Gehirnes andererseits stammen. Und wer diesen Zusammenhang sehen kann, für den ist — unter gewissen Verhältnissen — durchaus der Satz richtig: der Mensch macht sich selbst durch seine verkehrten Gedanken wahnsinnig, das heißt gehirnkrank. Einen solchen Satz muß man aber erst verstehen, bevor man ihn kritisiert. Und der gegenwärtigen Medizin — natürlich nicht allen Medizinern - fehlen die Mittel, ihn zu verstehen. Man sollte nun als Theosoph in solchen Fällen durchaus duldsam sein. Mit der bloßen Aburteilung über die ärztliche Kunst und ihren Materialismus ist gar nichts getan. Der Theosoph müßte einsehen, warum ihn der heutige Arzt nicht verstehen kann; während er doch durchaus diesen Arzt zu verstehen vermag.