41. Ist das Wort Theosophie nicht irreführend?
Es liegt folgende Frage vor: «Ist das Wort Theosophie nicht irreführend? Es würde wörtlich übersetzt doch heißen: Weisheit über Gott. Nun befaßt sich dasjenige, was man gewöhnlich Theosophie nennt, durchaus nicht mit einer eigentlichen Gotteswissenschaft, sondern mit dem Wesen des Menschen, Reinkarnation, Karma und so weiter.»
Das Wort ist nicht irreführend, wenn man es richtig auffaßt. Es will gar nicht heißen« Gotteswissenschaft». Die Theosophie unterscheidet sich von der gewöhnlichen Wissenschaft nicht durch den Gegenstand, den sie behandelt, sondern durch die Art und Weise, wie sie zu ihren Vorstellungen kommt. Der Mensch ist ein Doppelwesen und seine Erkenntnis ist auch eine zweifache. Er zerfällt in eine vergängliche und in eine unvergängliche Wesenheit. Die Sinnesorgane gehören zum vergänglichen Wesen des Menschen. Was er durch sie erkennt, gehört deshalb auch der vergänglichen Welt an. Und wenn sich der Verstand mit den Erfahrungen dieser Sinnesorgane befaßt, sie kombiniert, ihre Gesetze zu erforschen sucht usw., so befaßt er sich auch durchaus mit dem Vergänglichen. In diesem Sinne handelt die gewöhnliche Wissenschaft bloß von dem Vergänglichen. Alle Botanik, Physiologie, Geschichte usw., die so zustande kommen, gehören dem Bereiche des Vergänglichen an. In ihnen erkennt eben der vergängliche Teil des Menschen. Nun lebt in diesem Menschen auch ein unsterblicher Teil. Dieser kann im Innern erweckt werden. Es geschieht dies, wenn der Mensch so an sich arbeitet, daß seine inneren Sinne erweckt werden, Er gelangt dann ebenso zu Einblicken in die übersinnliche Welt, wie die äußerlichen Augen zu solchen in die sinnliche Welt gelangen. Es handelt sich also dann nicht mehr um ein Erkennen im Sinne der gewöhnlichen Wissenschaft, sondern um ein solches in einem ganz anderen Zustand, in den sich der Mensch durch innere Entwickelung versetzt. Er braucht dann gar nicht andere Gegenstände zu erkennen, sondern er betrachtet dieselben, von denen man in der gewöhnlichen Wissenschaft handelt, auf andere Art. Die Wissenschaft handelt zum Beispiel von den Pflanzen, das heißt, es beschreibt durch sie der vergängliche Mensch dasjenige, was er als Pflanzenwelt um sich herum hat. Auch die Theosophie handelt von den Pflanzen, aber durch sie lenkt der unsterbliche Teil des Menschen die erweckten höheren Sinne auf die Pflanzenwelt. Die theosophischen Betrachtungen sind demnach von einem anderen Gesichtspunkte aus gemeint als diejenigen der gewöhnlichen Wissenschaft. Man nennt nun den Teil in der Menschennatur, welcher unvergänglich ist, das heißt, der Anteil hat an der übersinnlichen Welt, den göttlichen Wesenskern im Menschen. In der Theosophie erkennt also nicht der vergängliche, sondern der «innere», der « göttliche Mensch». Nicht was sie behandelt, sondern wie sie die Dinge behandelt, unterscheidet die Theosophie von der gewöhnlichen Wissenschaft. Sie ist die durch die göttliche Kraft in der Menschennatur zustande gekommene Weisheit.
So kann die Theosophie auch nie in einen Widerspruch geraten mit den Ergebnissen der äußeren Wissenschaft. Denn beide gehen zunächst nebeneinander her. Es ist aber natürlich, daß die Theosophie auch alle Tatsachen in ihrer Art beleuchten muß, welche sonst Gegenstand der gewöhnlichen Wissenschaft sind, zum Beispiel die Tatsachen, welche durch das Mikroskop wahrgenommen werden, oder die Erscheinungen des Sternenhimmels. Sie sagt dann über dieselben nicht etwas aus, was den Wahrnehmungen des Naturforschers widersprechen kann, sondern was sich über diese Wahrnehmungen ergibt, wenn der erweckte innere Sinn sie betrachtet. Was dann durch sie herauskommt, kann der Wissenschaft ebensowenig widersprechen, wie die Aussagen eines Sehenden über einen Gegenstand den Angaben widersprechen können, die ein Blinder auf Grund des Tastsinnes über diesen Gegenstand macht. Wenn das die Wissenschafter verstehen wollten, würden sie gegen die theosophische Weltanschauung nicht mehr kämpfen. Sie würden begreifen, daß sie deren Ergebnisse ebensowenig ablehnen können, wie der Blinde die Angaben des Sehenden über die Farbenwelt ablehnen kann. Aber die Wissenschafter sind in dieser Beziehung intolerant. Sie wollen nicht auf ihrem Felde bleiben und auch den anderen gewähren lassen, sondern sie erklären einfach: Das, was wir sehen, das ist die alleinige Wahrheit, und was nicht auf unseren Wegen erforscht wird, das ist Irrtum, Unwissenschaft. Man kann deshalb sagen hören: Dies, was die Theosophie lehrt, sind phantastische Vorstellungen, denn im Sinne unserer Wissenschaft gibt es solche Dinge einfach nicht. Dabei wird aber gar nicht bedacht, daß doch derjenige über die Ergebnisse der Theosophie gar nicht urteilen kann, der von den inneren Sinnen nichts weiß. Es sollte doch wenigstens die eine, ganz widerspruchlose Wahrheit zugegeben werden, daß über eine Sache niemals derjenige etwas entscheiden kann, der sie nicht wahrnimmt, sondern allein derjenige, der sie wahrnimmt. Wenn tausend Naturforscher sagen: dies ist Aberglaube, denn wir sehen davon nichts, so wiegt das nichts gegenüber einem einzigen Menschen, der die entsprechende Sache gesehen hat.
Oder aber, es wird auch gesagt, die Theosophie rede von Dingen, welche das menschliche Erkenntnisvermögen übersteigen. Der Mensch kann von ihnen nichts wissen. Darauf hat der Theosoph die Antwort: Wie kann jemand von Grenzen des Erkenntnisvermögens reden? Er kann doch nicht mehr wissen, als daß er bei sich ein höheres Erkenntnisvermögen nicht bemerkt. Darf er dann aber daraus schließen, daß ein solches auch andere nicht haben? Darf sich irgend jemand als den alleinigen absoluten Maßstab für alles menschliche Erkennen aufstellen? Wenn doch die Menschen bei dem bleiben möchten, was sie positiv erkennen, und nicht von sich aus auch auf andere schließen möchten! Wo das menschliche Erkennen aufhört, darf überhaupt niemand bestimmen wollen. Denn ein jeder kann bloß sagen, wie weit das seinige reicht. Es soll hier eine kleine Episode erzählt werden, welche so recht geeignet ist, Licht über das alles zu verbreiten. — Als die «Philosophie des Unbewußten» Eduard von Hartmanns (1868) erschienen war, da ging ein großer Feldzug gegen dieselbe von seiten der Naturforscher los. Insbesondere waren es die Anhänger einer gewissen Vorstellungsart, die sich an den Namen Darwins knüpfte, welche die Erklärungen Hartmanns über das Wesen der Tiere und des Menschen vom darwinistischen Standpunkte aus ganz und gar unwissenschaftlich fanden. Hartmann galt ihnen als der absolute Nichtkenner aller «neueren wissenschaftlichen Errungenschaften» und seine Lehre als das Erzeugnis krassester Unwissenschaftlichkeit.
Nun erschien unter den zahlreichen gegnerischen Schriften gegen die «Philosophie des Unbewußten» auch eine von einem Manne, der sich zunächst nicht nannte: «Das Unbewußte vom Standpunkte der Deszendenztheorie und des Darwinismus». Es war dies eine geradezu glänzend geschtiebene Widerlegung der Hartmannschen Lehren. Die gegnerischen Naturforscher waren hocherfreut über diesen ihren Mitstreiter. Es gab solche unter ihnen, die erklärten, daß sie nie hätten etwas Besseres selbst sagen können, denn der Unbekannte hat kraftvoll alles das betont, was sie selbst gegen den Hartmannschen Dilettantismus auf dem Herzen haben. Andere sagten: der Unbekannte möge sich nennen, sie betrachten ihn als einen der Ihrigen. Nach einiger Zeit erschien eine zweite Auflage der den Naturforschern so willkommenen Schrift. Jetzt nannte sich der Verfasser. Es war — Eduard von Hartmann. Man mag über die Hartmannsche Philosophie denken, wie man will, das eine war damit unwiderleglich festgestellt, daß Hartmann alles das selbst sagen konnte, was die Naturforscher gegen ihn vorzubringen hatten, daß er ihnen allen überlegen war. Aus einem solchen Beispiele sollten die Menschen lernen. Sie sollten begreifen, daß Einwendungen unter Umständen überhaupt gar keinen Wert haben. Solche können ja von dem immer selbst gemacht werden, der sich auf einen höheren Standpunkt gestellt hat und sich dann auf einen niedrigeren herunterschraubt. Kein Theosoph wird leugnen, daß seine Behauptungen vom Standpunkte der sinnlichen Wissenschaft Einwendungen erfahren können, wenn der betreffende Wissenschafter sich intolerant auf den Standpunkt stellt: alles, was mir nicht offenbar ist, das ist Unsinn. Jeder Theosoph, der wirklich auf der Höhe seines Standpunktes steht, kann sich alles das selbst sagen, was Gegner vom nicht-theosophischen Standpunkte vorbringen. Genau wie Hartmann vorbringen konnte, was Nicht-Philosophen gegen ihn einzuwenden hatten. - Wi] sich der Theosoph auf den Standpunkt des gewöhnlichen Wissenschafters stellen und absehen von den Erkenntnissen der höheren Sinne, dann werden seine Behauptungen nicht weniger wissenschaftlich sein als diejenigen der offiziellen Vertreter der Wissenschaft. — Die Forscher sollten weniger über das sprechen, was «der Mensch» nicht wissen kann, dafür aber sich der Grenzen des eigenen Erkennens bewußt bleiben. Es wird die Verständigung zwischen Theosophie und Naturforschung in dem Augenblicke leicht sein, wenn die Naturforscher aufhören werden, sich für unfehlbare Richter in allen den Dingen zu halten, über welche sie nicht geforscht haben.
Es mag ja zugegeben werden, daß dies viele Naturforscher in der Theorie tun; aber in der Praxis ihres Verhaltens liegt etwas ganz anderes. Sie wissen zumeist gar nicht, daß dies so ist. Wegen ihrer ganzen Vorstellungsart sprechen sie über die Dinge ihres Faches so, als wenn die Aufstellungen ihrer sinnenfälligen Erkenntnis jede übersinnliche Forschung unmöglich machten. In vielen Fällen liegt nicht in dem der Stein des Anstoßes, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Deshalb sollten gerade unsere Naturforscher sich mit den Ergebnissen der Theosophie bekannt machen. Ihre ganze Art würde dann eine andere werden. In dem Ton ihrer Betrachtungen würde dann etwas liegen, was unmöglich machte, daß die Beobachtungen der rein äußerlichen Wirklichkeit immer wieder wie ein Widerspruch gegen die Theosophie empfunden werden und in der Öffentlichkeit in diesem Sinne wirken.