43. Kann die Theosophie populär dargestellt werden?

Es wird folgende Frage gestellt: «Wenn die Theosophie wirklich in das Leben unserer Zeit eingreifen soll, so müssen ihre Lehren allgemein verständlich sein. Nun scheint es aber, als ob gerade in dieser Beziehung die Schriften und Vorträge auf theosophischem Gebiete viel zu wünschen übrigließen. Sie setzen alle eine gewisse Schulung des Denkens voraus, und man kann nur schwer hoffen, daß sie sich den Weg in weitere Kreise bahnen werden. Zuweilen kommt es einem vor, als ob die 'Theosophie eine solch hohe Vorbildung voraussetzen würde, daß es überhaupt unmöglich ist, sie populär zu machen. Oder gibt es einen Ausweg aus dieser Gefahr?»

Es soll nicht in Abrede gestellt werden, daß Bedenken, wie sie hier geäußert werden, eine gewisse Begründung zu haben scheinen. Bei näherem Zusehen werden sie aber doch schwinden. Vor allem muß man sich klarmachen, daß die theosophische Bewegung erst seit dreißig Jahren besteht. Sie konnte daher noch nicht auf allen Gebieten dasjenige tun, was zu leisten ist. Sie wird Mittel und Wege finden, um zu einem jeden Grade von Bildung zu sprechen. Denn sie kann unbedingt sowohl eine solche Form finden, die für den einfachen, naiven Menschen verständlich ist, wie sie auch imstande ist, die strengsten Anforderungen des wissenschaftlichen Denkers zu befriedigen. Man darf aber eines nicht außer acht lassen. Oftmals, wenn von der Schwerverständlichkeit der theosophischen Lehren gesprochen wird, so rührt das nicht davon her, daß diese an sich dem Begreifen Schwierigkeit machen, sondern davon, daß die gegenwärtige Vorstellungswelt sich befremdet fühlt von dem, was von den Theosophen vorgebracht wird. Und dann sagen die Zuhörer oder Leser sich nicht, daß ihnen die Dinge ungewohnt seien, sondern sie behaupten einfach: das verstehen wir nicht. Nicht Vorbildung, sondern Unbefangenheit ist dasjenige, was in dieser Beziehung oft mangelt. Denn die Theosophie sagt nichts, was nicht im Grunde tief in jeder Menschenscele eingeschrieben ist. Und um das hervorzuholen, ist nicht Gelehrsamkeit, sondern vor allem guter Wille notwendig.

In unserer Zeit fehlt vielfach das Bewußtsein, daß man sich zur Erkenntnis hinaufarbeiten muß. Man möchte alles so dargeboten haben, daß man es ohne alle Anstrengung in das einordnen könne, was man ohnedies schon denkt und empfindet. Mit sich zu Rate gehen, eine innere geistige Arbeit leisten, sich im Denken anstrengen: das hat man in weitesten Kreisen verlernt. Diejenigen Redner und Schriftsteller sind die beliebtesten, bei denen man hört oder liest, was sich bei flüchtigem Hören und Lesen sogleich als etwas mehr oder weniger Gewohntes ausnimmt. Auf diese Zeiteigentümlichkeit einzugehen, ist aber denen, welche über geistige Dinge sprechen, durchaus nicht immer möglich. Sie wissen, daß es nichts hilft, wenn sich jemand nur so flüchtig bekannt macht mit dem, was sie zu sagen haben. Solange man im Gebiete der Sinnenwelt bleibt, ist es möglich, jeder Anforderung nach leichter Faßlichkeit zu genügen. Steigt man aber in das geistige Gebiet hinauf, so würde ein gleiches bedeuten, daß man überhaupt darauf verzichtet, die Dinge so zu sagen, wie sie der Wahrheit entsprechend gesagt werden müssen.

Man sollte nicht nur fordern, daß sich die geistigen Lehren dem Verständnisse, das man gerade hat, anpassen, sondern man sollte die Verpflichtung fühlen, sich selbst diesen Lehren anzupassen. Man sollte doch bedenken, daß die menschliche Seele entwickelungsfähig ist. Was sie heute nicht verstehen kann, das wird ihr gewiß morgen zugänglich sein. Es wäre gut, wenn man möglichst wenig gegen gewisse Darstellungen der Wahrheit den Einwand hörte: «Dies ist zu hoch. Das sollte populärer dargestellt werden.» Richtiger wäre es, einzusehen, daß es notwendig ist, das «Hohe» als solches populär zu machen. Der Mensch hat nicht sehr viel davon, wenn er einfach von diesem oder jenem Kenntnis nimmt; aber es nützt ihm ungemein, wenn er seine Vorstellungen verfeinert, wenn er sich Begriffe aneignet, die er vorher noch gar nicht gehabt hat. Es ist gewiß sehr erstrebenswert, daß zum Beispiel die Lehren von «Wiederverkörperung» und «Karma», von den «höheren Welten» und so weiter in den weitesten Kreisen bekannt werden. Aber diese Lehren können erst im rechten Lichte gesehen werden, wenn sie durch innere Gedankenarbeit beleuchtet werden. Es soll durchaus nicht geglaubt werden, daß es Menschen gebe, die durch ihren niederen Bildungsgrad zu solcher Gedankenarbeit ungeeignet wären. Alle gesund denkenden und empfindenden Menschen sind dazu fähig. Es gehörte nur eine geringe Mühe dazu; und man könnte selbst allen, die nicht einmal lesen und schreiben gelernt haben, die Grundlehren der Theosophie beibringen. Solche Menschen haben oftmals sogar viel mehr als die Verlernten das Gefühl, daß sie sich innerlich anstrengen müssen, um das zu verstehen, was in die geistigen Welten führt. Will man aber diese Sache ganz richtig beurteilen, so darf man nicht außer acht lassen, daß die Anschauungen, welche nur dasjenige als wirklich gelten lassen wollen, was sich mit Augen sehen und mit Händen greifen läßt, heute durch unzählige Kanäle an die Menschen herandringen. Mit jedem Blick in die Zeitung atmet man geistig solche Anschauungen ein. In einer unermeßlich großen Flut von populären Büchern und auf andere Weise dringen diese Lehren in die weitesten Kreise. Und solche Dinge sind natürlich verständlich, denn nichts ist leichter zu erfassen als das Handgreifliche. Wer immer solche geistige Nahrung in sich saugt, bei dem ist es gar nicht zu verwundern, wenn er findet, daß die theosophischen Ideen «unverständlich» sind. In Wirklichkeit aber muten sie ihn nur fremdartig an. — Man hört auch so oft, ja, was ihr Theosophen da behauptet, das könnt ihr doch nicht «beweisen». Die Naturfotscher «beweisen»; ihr aber stellt nur Behauptungen hin. Aber man sollte doch bedenken, daß sich die theosophische Wahrheit ganz von selbst beweist in dem Augenblicke, wo man sein Denken und Fühlen erst dazu vorbereitet hat. Um Entwickelung der in jedem Menschen schlummernden Geistesfähigkeiten handelt es sich. Wer den «Beweis» verlangt vor dieser Entwickelung, der verkennt ganz, worauf es ankommt. Es ist da ungefähr wie bei einem großen Kunstwerke. Kann es sich je darum handeln, zu beweisen, daß dasselbe «groß» ist. Nein, sondern es handelt sich darum, daß in dem Beschauer die Empfindungsfähigkeiten vorhanden seien, um zu erkennen, was darinnen ist. Nicht um «Beweise», sondern um «Weckung von Kräften» handelt es sich in der Theosophie. Und diese Kräfte können in jedem Menschen geweckt werden. Allerdings denken dabei gleich die meisten an «okkulte», an «höhere» Kräfte. Gewiß kann man im Fortgange der geistigen Entwickelung auch zu diesen kommen, Und in dieser Zeitschrift ist genug von den Mitteln und Wegen zu solchem Fortgange die Rede. Aber man rechne doch auch ein gesundes, entwickeltes Denken und Fühlen zu den Kräften, die auf jeder Stufe einer Entwickelung, also in gewissem Sinne einer «Weckung» fähig sind. Wer materialistisch denkt, der zeigt damit nur, daß er nicht fähig geworden ist, über das Handgreifliche hinauszudenken. Wenn er nun verlangt, man solle ihm, ohne daß er erst die Unbefangenheit des Denkens gewinnen will, «beweisen», daß es eine geistige Welt gebe, so fordert er eben Unmögliches. Man kann doch nicht das «Geistige» in das Gebiet des Handgreiflichen überführen. Es ist tatsächlich so, daß manche solches verlangen, wenn sie sich auch dessen nicht voll bewußt sind.

Jüngst sagte nach einem theosophischen Vortrag über das Christentum ein Geistlicher, der zugehört hatte: ja, das ist alles recht schön und gut; aber diese Lehren können immer nur für einige Auserwählte sein, während wir von den geistigen Welten so sprechen, daß uns «alle» verstehen können. Der theosophische Redner mußte darauf erwidern: «Wenn Sie wirklich recht hätten, dann brauchte ich überhaupt nicht zu sprechen, und dann wäre allerdings Theosophie gegenwärtig die überflüssigste Sache von der Welt. Aber hätten Sie recht: dann könnte es doch nicht so viele geben, die sich abwenden von Ihrer Darstellung der geistigen Welt, weil sie sich unbefriedigt fühlen. Es ist doch ein klarer Beweis dafür, wie Sie Unrecht haben, daß ein solcher Abfall möglich ist. Und gerade diejenigen, welche durch Sie nicht mehr den Weg ins Geistige finden, diese können ihn durch die Theosophie finden.» Wenn man doch sich mehr nach den «tatsächlichen » Wahrheiten richten möchte, und weniger nach den Meinungen, die man sich bildet, ohne viel auf die Tatsachen zu sehen. Nicht darauf kommt es an, daß ich mir einbilde, ich habe die rechte Art, zu «allen» zu sprechen, sondern darum handelt es sich, daß ich die Tatsachen wirklich beobachte. Der oben angeführte Geistliche hat das letztere außer acht gelassen. Er ist von vornherein überzeugt, daß «seine» Art zu lehren, «allen» etwas sein könne, Ein Blick in die wirkliche Welt könnte ihm das Gegenteil zur Überzeugung machen. — Zu ähnlichen Antworten wird man überall kommen können, wo Bedenken wie das obige geäußert werden. Ein genaues Eingehen auf das Wesen und die Aufgabe der Theosophie wird abführen von den Zweifeln, daß dieselbe volkstümlich werden könne.

German original of Can Theosophy be Presented in a Popular Way? · ← Previous · Next →